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Allein mit vielen Viechern

 
Stall und Wohnraum sind nur durch eine Tür getrennt

Quirin verbringt jeden Sommer hoch oben in den Bergen. Auf der Jägerbauernalm gibt es ein Plumpsklo, eine kalte Dusche und tolle Tiere

Von Mischa Drautz mit Fotos von Basti Arlt

Die Milch spritzt aus dem Kuheuter wie Wasser aus einem Gartenschlauch. »Melken ist nicht schwierig«, sagt Quirin. Er umfasst eine Zitze mit Zeigefinger und Daumen und drückt die Finger zusammen. Quirin melkt die Kühe Atti und Sterndl immer vor dem Frühstück – es ist sechs Uhr morgens.

Quirin ist zwölf, seit vier Jahren verbringt er seine Sommerferien allein bei der Almwirtin Elke Ettenhuber auf der Jägerbauernalm in 1546 Meter Höhe in den bayerischen Voralpen. In fast allen anderen Schulferien ist er auch hier und von Frühjahr bis Spätsommer jedes zweite Wochenende. Auf der Alm gibt es mehr Tiere als Menschen, keinen Fernseher und keinen Computer. Die kalte Dusche steht im Freien, und das Klo ist nur ein Holzbalken, von dem aus man in ein tiefes Loch auf den Matschboden pinkelt.

Wahrscheinlich lebt es sich nirgendwo in Deutschland so schlicht und abgeschieden wie auf einer Bergalm. Egal, wohin man schaut, Nachbarn gibt es hier nicht, nur Berge und ein riesiges Tal mit Wald und Wiesen. Von einem Parkplatz weiter unten aus muss man zu Fuß eine Stunde lang einen steilen, steinigen Weg hochwandern, nur so kommt man zur Jägerbauernalm. Den kleinen Traktor, der vor dem 300 Jahre alten Steinhaus steht, hat Elke Ettenhuber vor ein paar Jahren mit dem Hubschrauber nach oben bringen lassen.

Quirin kümmert sich um Ziegen, Hasen und Kälber

Elke Ettenhuber ist vom Frühjahr bis zum Herbst hier. »Seit ich einmal oben war, muss ich immer wieder hoch«, sagt sie. Nur in den Wintermonaten lebt sie unten in der Stadt und arbeitet in einer sozialen Einrichtung. Im Winter ist es hier oben auch für die Tiere zu kalt, und sie würden nicht genügend Futter finden. Jetzt aber, im Sommer, hilft Quirin Elke Ettenhuber bei der Alm-Arbeit. Zusammen versorgen sie Wanderer mit Getränken und selbst gemachtem Käse – und vor allem kümmern sie sich um die vielen Tiere. 30 Jungrinder und Kühe, sieben Ziegen, drei Hasen, zwei Ponys und ein Schwein leben auf der Alm.

Andere Kinder können toll Fußball oder Klavier spielen. Quirin hat das Talent, besonders gut mit Tieren umzugehen. »Ich weiß, was sie fühlen«, sagt er. Er sitzt im Stall im Heu. Als die Kuh Atti ihren Schwanz ein paar Zentimeter höher hebt als gewöhnlich und den Kopf zur rechten Seite dreht, steht Quirin auf. Er geht zu Atti und kratzt sie rechts an ihrem Hintern. »Ein Floh oder so.«

Quirin kennt auch das »normale« Leben, wenn er eben nicht auf dem Berg wohnt. Er geht dann zur Schule, albert mit seinen Freunden rum und zockt Asphalt 7, ein Autorennspiel, auf seinem iPod. Doch wenn er auf die Alm kann, ist alles andere unwichtig. Seine Eltern schauen in den Ferien höchstens mal am Wochenende vorbei. Einsam fühlt sich Quirin auf der Alm aber nie. »Ich hab die Viecher, und ich faulenz auch ganz gut«, sagt er. »Außerdem«, er zeigt auf die Wiesen und Berggipfel, »das hier ist ein Riesenfernseher. Sogar in 3-D.«

Normalerweise wohnt Quirin mit seinen Eltern in einem Dorf weiter unten in den Alpen. Vor ein paar Jahren suchte Elke Ettenhuber für ihre Tiere eine Winterunterkunft. Quirins Eltern hatten auf ihrem Grundstück genügend Platz und brachten die Tiere unter. Zum Dank darf Quirin auf die Alm, wann immer er mag.

Was ihn vor vier Jahren bei seinem ersten Besuch sofort am Leben da oben fasziniert hat, ist »da Kondagd mi de Viecha«, wie er in seinem bayerischen Dialekt sagt, das enge Zusammenleben mit den Tieren.

So wie man in einer Wohnung vom Esszimmer ins Wohnzimmer kommt, so ist auf der Jägerbauernalm der Stall durch eine Tür vom Wohnraum getrennt. Ein eigenes Zimmer hat Quirin nicht, nur eine Ecke im Wohnraum im Obergeschoss. Dort liegen sein Schlafsack, seine Ziehharmonika und ein paar Kartenspiele. »Das reicht«, sagt er. Manchmal schläft Quirin auch auf dem Heuboden direkt über dem Stall. So kann er den Tieren noch näher sein.

An seinem zwölften Geburtstag hat er zu einer Party auf die Alm eingeladen. Da haben seine Freunde gemerkt, wie schön es hier sein kann. Aber es ist Quirin nicht so wichtig, ob andere verstehen, warum er sich in dieser Bergwelt so wohlfühlt. Er versteht es andersrum ja auch nicht, warum die meisten Kinder lieber vor dem Computer hocken oder in stickigen Sporthallen schwitzen.

»Jetzt muss ich nach Amerika«, sagt Quirin. Natürlich nicht über den Ozean ins echte Amerika, erklärt er. Weil es bis zu den Wiesen hinter dem Tal ein langer Fußmarsch ist, hat sich vor vielen Jahren ein Almhelfer mit den Worten beschwert: »Wenn ich dahin soll, dann schick mich halt gleich nach Amerika.« Seitdem heißen die Wiesen so. In Amerika prüft Quirin, ob alle Quellen sprudeln, damit die Tiere trinken können, und ob die Jungvieh-Herde vollzählig ist, die hier frei herumläuft. Diesmal sind alle Tiere sofort zu sehen. Doch bei Nebel, was in den Bergen oft vorkommt, fühlt sich Quirin wie beim Ostereiersuchen – nur dass die Eier eben große Tiere sind. Zum Glück tragen sie Glocken. Das Läuten hilft Quirin dann, die richtige Richtung einzuschlagen und die Jungrinder zu finden.

Wenn er erwachsen ist, will Quirin Landwirt werden. Sein erstes eigenes Tier hat er schon in Aussicht: Das nächste Kuhkalb, das auf der Alm geboren wird, bekommt er geschenkt. Bei einer Geburt war Quirin schon dabei. Als Atti ihr Kalb Anton auf die Welt brachte, hat Elke Ettenhuber Quirin sofort benachrichtigt. Quirin legt die Arme eng an den Körper, streckt die Zunge seitlich aus dem Mund und verdreht seine Augen. »So sieht ein Kälbchen direkt nach der Geburt aus.«

 

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