‹ Alle Einträge

Wikileaks ist tot! Es lebe das Whistleblowing

 

Vor wenigen Wochen machte ein Kondom die Runde. Es war ganz offenbar gebraucht. Jemand hatte es dennoch aufbewahrt. Später wurde es dann fotografiert, jetzt ist es ein Beweisstück und zirkuliert durch die Presse. Weltweit. Eine eher seltene Karriere für ein Präservativ. Aber die sexuellen Praktiken eines gewissen Julian Assange machen es möglich.

Weltberühmtes Kondom

Soweit kolportiert wurde, soll jener Julian Assange dieses Kondom vorsätzlich beschädigt haben, um einen gefühlsechteren Geschlechtsverkehr ausüben zu können. Was, so wurde weiter kolportiert, nicht ganz im Sinne der temporären Partnerin war.

Ein Drama biblischen Ausmaßes jedenfalls, das sich da vor wenigen Monaten in Schweden ereignete. Vollkommen klar, dass umgehend Titelseiten freigeräumt wurden. Was könnte es Wichtigeres geben, als über jenes shakespear’sche Dramoulette zu berichten?

Und der Mann mit dem zerrissenen Kondom spielte mit, bediente die Mechanismen des Boulevards, schwadronierte von einer Einkerkerung in Guantanamo oder gleich von der drohenden Exekution durch die US-Regierung.

Soweit, so uninteressant. Angereichert von Insiderauskünften, die die Ränkespiele des ehemaligen Zweimann-Betriebs Wikileaks in ein neues Licht rücken wollen, lenkt dieses Boulevardgetöse nur noch ab.

Es ist längst an der Zeit, wichtigere Fragen zu diskutieren. Wird es eine dauerhafte Whistleblowingkultur geben? Was kommt nach Wikileaks? Welche Erben sind in Sicht? Was wird sie von Wikileaks unterscheiden? Können sie dazu beitragen, eine lokale oder regionale, eine nationale oder internationale Leakingkultur zu etablieren? Welche Gefahren drohen? Wie stellen die unterschiedlichen Plattformen den wichtigen Quellenschutz sicher? Wer trennt bedeutende Dokumente, die auf politische oder wirtschaftliche Verbrechen hinweisen von hinterhältigen Denunziationen?

In den nächsten Wochen werden hier ausgewählte Plattformen ausführlicher vorgestellt. Hier schon mal eine erste Übersicht.

Eine herausragende Bedeutung kommt natürlich OpenLeaks.org zu. Allein schon weil das Portal des Wikileaks-Dissidenten Daniel Domscheit-Berg momentan internationale Aufmerksamkeit erfährt. Es unterscheidet sich in seinem Ansatz fundamental von Wikileaks, da es keine eigenständige Publikation der eingehenden Whistleblowing-Dokumente beabsichtigt. OpenLeaks versteht sich als Mittler zwischen Geheimnisverrätern und anderen Organisationen – von Menschenrechtsgruppen über Gewerkschaften bis hin zu konventionellen Medien. Die Organisationen können sich bei OpenLeaks akkreditieren. Der Whistleblower kann im Gegenzug nicht nur Dokumente anonym hinterlegen, sondern auch Wünsche äußern, welcher Organisation seine Dokumente zuerst zugehen sollen.

Auch die Transparency-Unit des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera wurde in den vergangenen Wochen international bekannt. Gemeinsam mit dem britischen Guardian hatte die Transparency Unit geheime Dokumente der Nahost-Friedensverhandlungen veröffentlicht. Überraschende Verhandlungspositionen und -strategien der israelischen Regierung und der palästinensischen Autonomiebehörde kamen ans Licht. Al Jazeera ist der bisher eindeutigste Beleg für Aktivitäten größerer Medien auf dem Gebiet des Whistlebowings.
Die New York Times und der Spiegel sollen jedoch ebenfalls über eigene Whistleblowingstrukturen nachdenken.

Einen Schritt weiter ist da bereits die WAZ-Mediengruppe mir ihrem Angebot derwesten-recherche.org. Das Angebot zielt vor allem auf die Verbreitungsregion der meisten WAZ-Zeitungen in Nordrhein-Westfalen. Ein attraktiver Ansatz, da viele Informationen oft nur eine regionale Relevanz besitzen und bei einem weltweiten Player wie Wikileaks unter Umständen untergehen würden.

Lokales Leaken ist auch das Thema der Seite BayernLeaks.de. Auch Brusselsleaks.com verfolgt den Ansatz einer regionalen Spezifizierung – allerdings im weltpolitischen Maßstab. Die Seite will sich auf Themen der europäischen Union fokussieren.

Portale wie RuLeaks, TuniLeaks, BalkanLeaks, KanariLeaks und IndoLeaks sind ebenfalls auf Regionen oder Länder spezialisiert. Allerdings beschränken sie sich teilweise auf die Auswertung bekannter Dokumente wie etwa bereits veröffentlichte US-Botschaftsdepeschen.

Einen ganz anderen thematischen Kontext bedient dagegen die Seite GreenLeaks. Dokumente, die Umweltzerstörungen oder Klimagefährdungen belegen, sollen auf GreenLeaks publiziert werden können.

Bleiben noch Portale mit einem breiteren Profil. Zum einen das bereits seit einigen Jahren existierende Cryptome.org. Die Macher von Cryptome arbeiteten anfangs mit Julian Assange zusammen, distanzierten sich dann aber nach diversen Konflikten. Bekanntheit erlangte Cryptome unter anderem mit der Veröffentlichung geheimer MI6-Dokumente.
Ebenfalls ohne thematische Spezifizierung arbeitet das Portal GlobaLeaks.

Neben den originären Leakingsportalen gibt es eine ganze Reihe weiterer Portale und Blogs, die im Umfeld von Wikileaks und Co arbeiten. Crowdleak.net gehört zu den bekanntesten Beispielen. Hier soll die Crowd nach unentdeckten News in bekannten Leaking-Dokumenten recherchieren. Auch die Depeschensuchmaschine Cablegatesearch.net will die Schwarmintelligenz nutzen, um die Auswertung der Depeschen ertragreicher zu gestalten.
Seiten wie WLcentral.org oder Leaknews.de verstehen sich dagegen eher als Nachrichtenseiten zu Whistleblowingthemen.

Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang das deutsche Whistleblowing-Netzwerk. Theorie und Praxis des Leakens werden dort umfangreich diskutiert.

Natürlich gibt es mittlerweile auch haufenweise Onlinespiele und jede Menge Trash mit Unterhaltungswert zum Thema Whistleblowing im Netz. Dazu in Kürze mehr.

Bleibt am Schluss noch ein erstes Zwischenfazit. Die Vielzahl entstehender Portale deutet auf wachsende Relevanz des Whistleblowings hin. Den Beleg ihrer Bedeutung sind alle Portale noch schuldig. Viele Fragen sind dagegen noch offen. Hat Wikileaks dem Thema Whistleblowing zum Durchbruch verholfen? Oder werden sich Staaten und Unternehmen zukünftig noch massiver schützen? Und – wer ist er eigentlich, der Whistleblower und was sind seine Motive?

Antworten und Ergänzungen gerne und jederzeit!

44 Kommentare


  1. Mag sein das DDB einen Riesenfrust auf JA schiebt.Mag sein das ihm auch die Galle übergelaufen ist.Ich wage allerdings zu bezweifeln, das vieles, was er so von sich gibt, der Wahrheit entspricht.Als erstes glaube ich nicht, das DDB und JA tatsächlich so dick miteinander befreundet waren.Als nächstes glaube ich eher das, was Kristinn Hrafsonn bezüglich DDB sagt,das er mitnichten in die innere Struktur von WL eingeweiht war,keinen verantwortungsvollen Posten innehatte und auch kein Gründungsmitglied war, sondern erst später zu WL kam.Als nächstes glaube ich, das DDB tatsächlich bei WL eingeschleust wurde,weil einige Leute mittlerweile große Probleme mit den brisanten Veröffentlichungen hatten, und weitere unangenehme Veröffentlichungen befürchteten.Möglicherweise war Mißtrauen gegenüber DDB von Anfang an bei JA vorhanden,und DDB erhielt nicht wirkliche Einsichtbei WL,was ihn letztendlich erboste.Er beging dann den Diebstahl ua. von Dokumenten, die Whistleblower WL anvertraut hatten.Allein diese Straftat zeigt doch das DDB als vertrauenswürdige Person wenig geeignet ist.Diese Aktion zeigt das anmaßende Wesen des DDB.Diese ganzen Aktionen und Schmutzkampagnen gegen WL und JA wurden doch nur eingefädelt um WL zum Schweigen zu bringen.Und Nachfolgeorganisationen mögen zwar WL kopieren,nur wäre immer genau zu hinterfragen,wes Geistes die Hintermänner sind.Und im Gegensatz zu WL ist OL nicht umsonst,sondern nur eine banale Geschäftsidee.Und an DDB`s Buch verdient eine Redakteurin von Zeit-online wohl mit.

  2.   Stefan Onken

    Liebe Zeit Redaktion,

    Als Zeit Abonnnent verliere ich mehr und mehr das Vertrauen in die journalistische Qualität der Zeit. Wenn bei einem Thema wie Wikileaks so einseitig, manipulativ und (sorry) dumm argumentiert und geschrieben wird, dann ggf. auch bei anderen Bereichen die für mich nicht so deutlich zu erkennen sind. Die Konsequenzen liegen auf der Hand.

    Stefan O.

  3.   Nicolaus Fontaine

    Wikileaks ist tot? Wirklich?
    Der Artikel ist eine unausgewogene Mischung mit einer einleitenden Diskredietierung von Julian Anssange und einer durchaus interessanten Auflistung von anderen Leaks Projekten. Was soll aber die Totsagung von Wikilekas und die zynische Darstellung der Anschuldigungen gegenüber Ansange mit diesem Thema zu tun haben? Der Artikel ist wahrlich keine Sternstunde des Journalismus, nicht einmal gutes Handwerk. Hier wird Meinung und Bericht wild durcheinandergewürfelt. Die Zeit tut sich mit diesen Abgesangartikeln wirklich keinen Gefallen. Ist der Grund dieser Art der Berichtserstattung vielleicht, dass Die Zeit bei Wikileaks nicht mitspielen durfte?

  4.   Klaue

    Wikileaks ist tot?

    GLAUBE ICH IHNEN NICHT!

  5.   Lutz2

    Ein so billiger Artikel also bitte das durchschaut doch jeder der selber denken kann.
    Die Dienste und ihre willfährigen Helfer bei den Medien haben sich natürlich Unterminierungstategien erdacht die sind ja nicht dumm und dieser Artikel ist ein schönes Beispiel für eine dieser Strategien.
    Übrigens gibts dazu bei den Diensten thing tanks wo sehr gute Leute ihr Gewissen teuer verkauft haben und solche und alle möglichen anderen Strategien und Dramaturgien konstruieren.


  6. Zu Ihrem Kommentar „Wikileaks ist tot! Es lebe das Whistleblowing“ fällt mir nur so viel ein: *PLONK* Aber es ist ja Freitag – da passt’s!!!


  7. Ojeh, wer soll denn diesem DDB überhaupt was anvertrauen? Er hat ja alles verraten und verkauft wofür er stand. Ein paar Titel aus der zweiten Reihe setzen nun auf OL, wie hier zum Beispiel.

    Wird aber nichts bringen.

    DDB bezeichnet sich als Hirn seiner Ex-Organisation, hatte allerdings nicht die Eier sich gerade zu machen.

    Und es wäre wohl sehr aufschlussreich zu erfahren, von wem er gerade finanziert wird. Uns würden wahrscheinlich die Haare zu Berge stehen.


  8. Eines kann ich überhaupt nicht verstehen:
    Warum wird Wikileaks für tot erklärt wo doch täglich neue Dokumente unter
    http://213.251.145.96/cable veröffentlicht werden.

    Also-Wikileaks ist weder leblos noch tot noch sonstwie nicht vorhanden.
    Wikileaks lebt und kommt seinem Auftrag nach Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen
    Das einzigste was tot ist ist Openleaks.

  9.   peter schulz

    sagt ma, ihr zeitonline kasper: wie wärs mal mit ner stellungnahme?


  10. Man ist das alles peinlich — was ich nicht verstehe: was hier passiert muss doch auch allen ZEIT online Redakteuren sowas von klar sein, und alle machen mit? Keiner wehrt sich? Keiner schmeisst hin?

    Schaemt Euch alle!!

    Ach so, der Bezug zum Artikel: Wikileaks veroeffentlicht taeglich neue hoechst relevante Informationen (kuerzlich viel zum Thema Bahrain), Openleaks veroeffentlicht nichts.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren