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Karl Marx und die Industrialisierung

 

Aus unserer Serie: Einführung in die Philosophie

Karl Marx Philosophie
Französische Demonstranten tragen ein großes Banner mit einem Bild von Karl Marx. © Steve Eason/Hulton Archive/Getty Images

Das Denken von Marx und Engels ist eng verbunden mit der Idee, dass es geschichtliche Notwendigkeiten geben muss. Diese Idee findet sich auch schon bei Hegels These zum objektiven Geist. Marx und Engels sehen das Ende der Geschichte allerdings noch nicht erreicht. Im Kommunistischen Manifest formulieren sie, dass es eines Tages notwendig zu Aufständen des Proletariats kommen muss:

„Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz.“ (Quelle: Das Kommunistische Manifest, 470 ff)

Um das nachzuvollziehen, ist es sinnvoll, sich in die Jahre zurückzuversetzen, in denen die Industrie in Deutschland aufblühte. Kaum eine Gegend bietet sich dazu so gut an wie das Ruhrgebiet und der Bergisch-Märkische Raum, aus dem auch Engels selbst stammte. Besonders in Wuppertal sind viele historische Fabrikgebäude aus der Zeit von Marx und Engels erhalten geblieben. Auf der im Folgenden verlinkten Seite finden sich einige Bilder aus Wuppertal-Wichlinghausen, Bild 10 zeigt eine Fabrik aus dem Jahr 1824.

Friedrich Engels‘ Großvater war selbst Industrieller. Zwei seiner Arbeiterwohnhäuser in der Wittensteinstraße, ganz in der Nähe des Bahnhofes Barmen, stehen heute noch. Später erbaute Mietshäuer zeugen von dem Wirtschaftswachstum in Wuppertal. Und auch auf dieser Abbildung aus dem Jahr 1887 lassen sich die Veränderungen im Stadtteil Barmen erkennen:

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Barmen, 1870. Bild von August von Wille, †1887

Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich der Ruhrkohlebergbau rasant. Die ersten, sehr oberflächennahen Flöze hatte man schon lange zuvor abgebaut, wie zum Beispiel in Wetter. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten die Zechenbetreiber bereits erkannt, dass sie leistungsfähigere Infrastruktur für den Transport der Kohle benötigten und die ersten Pferdebahnen entwickelt.

Dieses Bild stammt aus der Frühzeit der Industrialisierung in Deutschland:

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Mechanische Werkstätten Harkort & Co. Bild von Alfred Rethel, †1859

Zwei Aufgaben zum Vorphilosophieren:

  • Erörtern Sie, wie die technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der damaligen Zeit auf die Menschen gewirkt haben müssen.
  • Erörtern Sie, welche Möglichkeiten der Entlohnung sich in Fabrikarbeit ergeben und wie diese Möglichkeiten der Entlohnung sich von den althergebrachten Weisen des Handels unterschieden.

Welche Möglichkeiten hat ein Fabrikbesitzer, seine Arbeiter zu entlohnen? Der Arbeiter braucht Mittel, die sein Überleben sicherstellen, er muss wohnen, essen und sich stärken. Die Produkte aus der Fabrik können dazu nicht dienen: die Holz- und Stahlprodukte eignen sich nicht zur Ernährung. Und auch der Fabrikbesitzer selbst hat kein Interesse daran, Lebensmittel vorrätig zu halten. Seit der frühen Neuzeit,  mit zunehmender Industrialisierung wird daher die Entlohnung in Geld der Standard. Das Gegenstück dazu ist die Arbeit, die der Arbeiter anbietet – auf dem Arbeitsmarkt. Wie früher der Landwirt seine Ware auf den Markt getragen hat, tut dies nun der Arbeiter, aber statt der Ware, kann er nur seine Arbeit bieten. Mit dem Geld, das er verdient, kann er auf dem Warenmarkt seine Lebensmittel kaufen. Somit ist Geld die Voraussetzung dafür, dass Arbeitsteilung funktionieren kann.

Derjenige, der in seinem Unternehmen Geld und Arbeit bündelt, muss in einer kapitalistischen Wirtschaft das Geld in neue Maschinen und neue Produkte investieren, um auf dem Markt bestehen zu können und nicht unterzugehen. Investitionen ermöglichen ihm also das Überleben im Konkurrenzkampf. Damit ist Kapital im Prinzip nichts anderes als zuvor erwirtschaftetes Geld, das zum Verdienen von noch mehr Geld in Maschinen oder andere Hilfsmittel investiert wird. In Das Kapital nennt Marx dies „Geldheckendes Geld“. Da der Industrielle jedoch nicht alleine auf dem Markt ist, muss er natürlich zusehen, dass die Produktion seiner Waren möglichst günstig abläuft. Darum stellt sich die Frage: Wie viel soll er dem Arbeiter zahlen?

Durch die Konkurrenz entstehen immer neue Techniken und immer größere Betriebe. Wenige Jahre später sah es in Wuppertal so aus wie hier am Beispiel des berühmten Bayerwerk.

 

Marx und Hegel Pottery Class
© Juliette Lasserre/Getty Images

Marx und Hegel: Entäußerte Arbeit

Haben wir nicht mit Hegel gelernt, dass der Mensch sich durch Arbeit als selbständiges Subjekt seiner Tätigkeit erkennt? Hegel, so würde Marx antworten, hat ein anderes Bild der Arbeit vor Augen. Das Ding, das der Knecht bei Hegel bearbeitet, ist am Ende ein fertiges Produkt, zumindest soweit, dass der Mensch die eigene Tätigkeit an ihm nachvollziehen kann. Der Knecht hat das Ding maßgeblich selbst bearbeitet. In der industriellen Massenfertigung ist das anders.

  • Aufgabe: Versetzen Sie sich in die Lage eines Arbeiters, der sein Leben lang nur eines der Holzstückchen herstellt, wie sie in diesem Video bei 1:39 zu sehen sind:

  • Gruppenaufgabe: Die TeilnehmerInnen stellen in wenigen, dafür aber großen Gruppen zunächst einfache Gegenstände aus Papier her, wie zum Beispiel Schiffchen oder Hüte. Die Gruppen stehen in Konkurrenz um die Stückzahl. Das heißt, sie sollen möglichst viele Hüte oder Schiffchen in möglichst wenig Zeit produzieren. Nach einer Weile werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit beginnen, die Arbeit aufzuteilen, und zwar in einzelne Arbeitsschritte. Hier ist die Geduld des Lehrers gefragt: Die SchülerInnen werden nach einiger Zeit frustriert oder gelangweilt sein, vielleicht beginnen sie auch, Fehler zu machen. In meinem Versuch kam es sogar zum Streik. Es sollte ein Unterrichtsgespräch angeschlossen werden, warum dies der Fall war.

Betrachten wir die industrielle Massenproduktion mit ihren riesigen Hochöfen, Walzwerken und Gruben, wie Marx sie kennen gelernt hat. Das Verhältnis von Arbeit und Mensch ist hier ein anderes. Denn die Arbeit, die in das Werkstück geht, ist für den Arbeiter, nennen wir ihn Peter, und für den Kapitalisten in erster Linie als Arbeitszeit wichtig. Das Werkstück wird produziert – wenn nicht durch Peter, dann durch einen anderen. Die eigene Arbeit am Werkstück ist austauschbar und Peter ist ein Anhängsel des gesamten arbeitsteiligen Produktionsprozesses, der auch ohne ihn sehr gut funktionieren würde. Das heißt: Die eigentliche persönliche Arbeit, wie sie Peter als Person in das Werkstück steckt, ist völlig irrelevant. Wichtig ist nur, dass sich irgendein Arbeiter X über eine Zeit X mit dem Werkstück befasst. Denn die Zeit, die für die Produktion verwendet wird, macht den Wert des Gegenstandes für den Kapitalisten und für den Abnehmer aus.

Dadurch kehrt sich das Verhältnis um: Polemisch formuliert Marx in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, dass der Arbeiter nun auch Knecht ist, aber nicht – wie bei Hegel – Knecht des Herrn, sondern des Werkstücks. An dem Werkstück zeigt sich für den Arbeiter nicht mehr, ob er gut oder schlecht gearbeitet hat. „Das Produkt der Arbeit ist die Vergegenständlichung der Arbeit“: Der Arbeiter bearbeitet den Gegenstand im Rahmen der Vorschriften in einer festgelegten Zeit. Fertig, nächster Gegenstand. Die Arbeitskraft ist in den Gegenstand geflossen und fort. Alles, was der Arbeiter erkennen könnte, wenn er sich den Gegenstand anschaut, ist, dass er den Gegenstand bearbeitet hat. Dazu kommt es aber nicht, weil die Gegenstände im Warenfluss weitergereicht werden müssen. In diesem Warenfluss ist es egal, wer an dem Gegenstand gearbeitet hat, es zählt nur, dass lange genug gearbeitet wurde. Damit ist der Arbeiter „entwirklicht“, weil er als Person austauschbar und ersetzbar ist. Darüber hinaus wird in der Entlohnung zu Marx‘ Zeit wenig Wert darauf gelegt, wie gut der Arbeiter vom Lohn leben kann.

Eine Darstellung der Uniformität des austauschbaren Maschinenbedieners findet sich auch in Fritz Langs Metropolis bei Minute 15:36:

Aufs Groteskeste überspitzt erkennt man die Entfremdung der Produktion im Film über die „hochqualifizierte Marzipankartoffel“ von Loriot. Besonders die Szenen ab 2:40 sind eindringlich:

Karl Marx: Weitere Materialien

Schweizer Radio und Fernsehen: Sternstunde Philosophie zur Tragfähigkeit Marxscher Theorien

ZDF-Dokumentation: „Karl Marx und der Klassenkampf“

 

Marxsche Krisenkaraoke aus dem SRF. Teil 1 und Teil 2

Meschugge mit Marx: Kapital (Quelle: 3sat)

Meschugge mit Marx: Arbeit (Quelle: 3sat)

Meschugge mit Marx: Warenfetisch (Quelle: 3sat)

Meschugge mit Marx: Produktionsmittel (Quelle: 3sat)

Die Zeit der Industrialisierung im Dossier auf ZEIT für die Schule

 

In Englischer Sprache:

Dokumentation über den Beginn der Industriellen Revolution (gut verständlich):

Die Rolle der Eisenbahn und das neue Denken bei Transportfragen:

Karl Marx und Friedrich Engels: Biografische Daten

Karl Marx (1818 – 1883), Philosoph und Ökonom, geboren in Trier. Friedrich Engels (1820 – 1895), Ökonom, Philosoph, Herausgeber und Journalist.

Biografie über Karl Marx. (Quelle: deutsche-biographie.de). Tabellarische Biografie (Quelle: zeno.org).

Biografie über Friedrich Engels. (Quelle: deutsche-biographie.de). Tabellarische Biografie (Quelle: dhm.de).

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1 Kommentar

  1.   Oyamat

    Zitat: „Somit ist Geld die Voraussetzung dafür, dass Arbeitsteilung funktionieren kann.“
    Nein. Geld ist eine Version. Eine übergeordnete „Verwaltung“ kann dasselbe völlig ohne Geld erreichen. Soviel *sollte* man meines Erachtens schon wissen und gerade auch in einer Unterrichtssituation nicht vernachlässigen. Sonst glauben unsere Nachkommen am Ende wirklich, Geld wäre alles und ohne Geld wäre nichts.

    Kopfschüttelnd,
    Oyamat

 

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