„Feminisierung“ der Schule schadet Jungs nicht

Jungs würden in der Schule benachteiligt, weil sie vornehmlich von LehrerINNEN unterrichtet würden – so lautet ein weit verbreitetes Vorurteil (dem zugegebenermaßen auch ich nachhänge).

Der Soziologe Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin ist diesem Vorurteil nachgegangen. Das Ergebnis seiner Untersuchungen in Kürze:

  1. Männliche Lehrkräfte wirken sich nicht  positiv auf den Bildungserfolg von Jungen aus.
  2. Der pauschale Ruf nach mehr Männern im Lehramt kann sogar nachteilige Folgen für die Kompetenzentwicklung von Jungen und Mädchen haben.

(Wenn Sie hier klicken, kommen Sie zu seinem Beitrag)

Damit ist die Debatte sicher nicht beendet (zum Beispiel ist weiter offen, inwiefern sich die Feminisierung der Schule schädlich auf die Entwicklung der Jungs auswirkt), aber Marcel Helbig hat erst einmal einen wichtigen Pflock eingeschlagen.

 

Bildungsforscher glauben an Primarschule

Auf einer Tagung in Hamburg hat sich eine Reihe von Erziehungswissenschaftlern hinter die geplante Einführung der Primarschule in der Hansestadt, eine sechsjährige Grundschule, gestellt; ihre Argumente sind in einem Artikel in der Welt nachzulesen.

Wenn man genau hinschaut, wird aber klar, dass keiner der anwesenden Wissenschaftler (bekannte Bildungsforscher, die die Primarschule skeptisch sehen, nahmen an der Tagung gar nicht teil) harte empirische Daten vorweisen kann. Es wird dort viel vermutet und geglaubt – wie im Rest der Gesellschaft. Die Entscheidung für oder gegen die Primarschule ist und bleibt eine politische, die nicht auf die Forscher abgeschoben werden kann.

 

Hamburger Schulreform: Senatorin zieht Punktesystem zurück

Das freut den Kommentatoren 🙂

Heute morgen habe ich in der ZEIT ein neues Bewertungssystem für die Hamburger Schüler kritisiert, das die Schulbehörde plant. Heute Nachmittag hat die Senatorin den Plan zurückgezogen.

Hier beides zum Nachlesen:

Mein Kommentar in der ZEIT (15.4.2010):

Ich hab ’ne 90! /// Hamburgs Schüler bekommen in Zukunft Noten – und Punkte

Wie treibt man Eltern in den Wahnsinn? Es hat den Anschein, dass die schwarz-grüne Regierung in Hamburg dazu ein mehrstufiges Experiment startet.

Stufe eins des Experiments musste inzwischen abgebrochen werden: Die grüne Schulsenatorin, unterstützt vom schwarzen Bürgermeister, wollte den Eltern das Recht nehmen, zu entscheiden, auf welche Schulform ihr Kind nach der Grundschule wechselt. Nur das überraschend erfolgreiche Volksbegehren einer Elterninitiative ließ den Senat von diesen Plänen Abstand nehmen.

Stufe zwei des Experiments spaltet gerade nicht nur die Elternschaft, sondern die ganze Hansestadt: Die Grundschulzeit soll von vier auf sechs Jahre verlängert werden, und die Grundschule wird in Primarschule umgetauft. Das schafft mehr Gerechtigkeit, sagt die Schulsenatorin. Ihre Gegner sagen: Es bringt gar nichts, macht aber die weiterführenden Schulen kaputt. Entschieden wird darüber in einem Volksentscheid am 18. Juli.
Nun werden wir gerade Zeuge von Stufe drei des Experiments: Die Schulbehörde will die gewohnten Noten von eins bis sechs um ein neunzigstufiges (sic!) Punktesystem ergänzen. Neunzig Punkte sollen für die beste, null Punkte für die schlechteste Leistung stehen. Damit nicht genug, werden die Punkte für die verschiedenen Schularten unterschiedlich übersetzt: Mit 55 Punkten zum Beispiel bekommt der Hauptschüler eine Eins, der Realschüler eine Drei und der Gymnasiast eine Vier.
Laut Auskunft der Schulbehörde schaffe das neue System mehr Transparenz. Es ist zu befürchten, dass das ernst gemeint ist, zeugt es doch von Weltfremdheit.
Wer Erfahrungen mit den sechs Noten gesammelt hat, weiß, wie schwer es Lehrern fällt, der Leistung angemessene Noten zu vergeben. Dass Lehrer im Schulalltag (nicht Wissenschaftler unter Laborbedingungen!) die Schülerleistung auf einer neunzigstufigen Punkteskala korrekt abbilden können, ist – gelinde gesagt – eine kühne Vorstellung.
Und dass sich Eltern von Schulkindern in diesem Noten- und Punkte-Wirrwarr zurechtfinden, ist gänzlich ausgeschlossen.

Vermutlich ist das Punkte-System seit Jahren ein Riesenerfolg in Kanada, Grönland und Burkina Faso. Hierzulande aber ist es fremd. Wenn die Schule erfolgreich sein will, dann braucht sie das Vertrauen der Eltern. Sie immer wieder mit fragwürdigen Neuerungen zu überraschen zerstört dieses Vertrauen.  Thomas Kerstan

Der Rückzieher der Schulsenatorin:

(15. April 2010)
Entwurf einer Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Primarschule, Stadtteilschule und Gymnasium
Vorschlag für neues System aus Noten und Punkten wird zunächst weiter beraten

Der Entwurf für eine Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die Primarschule und die Jahrgangsstufen 7 bis 10 der Stadtteilschule und des Gymnasiums (APO PSG) liegt den Kammern seit Anfang der Woche vor und soll am 11. Mai in der Deputation beschlossen werden. Sie enthält Regelungen zur Ausbildung, zu den Übergängen und zum Erwerb von Abschlüssen in den Jahrgangsstufen 1 bis 10 der neuen Schulformen. Senatorin Christa Goetsch hat nun entschieden, die Neuregelung der Leistungsrückmeldung in Form einer Kombination von Punkten und Noten aus diesem Entwurf herauszunehmen, um vor einer Beschlussfassung weitere Beratungen möglich zu machen.

„Die Wünsche vieler Elternvertreter und auch aus einigen Schulen haben deutlich gemacht, dass wir noch mehr Zeit für Beratung und Diskussion brauchen, wie ein differenzierteres und genaueres Bewertungssystem als Ergänzung zu den klassischen Noten aussehen soll“, sagt Christa Goetsch. Um das gesamte Leistungsspektrum eines Jahrgangs abbilden zu können, reicht das relativ grobe klassische Notensystem von 1 – 6 nicht aus

Neben den Stellungnahmen von Eltern und Schulen sollen die Erfahrungen des Modellversuchs Kompetenzbeschreibung und -bemessung sowie die Arbeitsergebnisse der Projektgruppe sonderpädagogische Förderung in die weitere Diskussion einbezogen werden. Eine Fachtagung im Herbst soll dann die Beratungen abrunden.

Im kommenden Schuljahr wird die momentane Regelung der Leistungsbewertung mit den klassischen Noten 1 – 6 weiter angewendet werden, zusätzlich dazu sollen die Eltern zwei Mal pro Jahr in einem Gespräch über Leistungsstand und Leistungsentwicklung ihrer Kinder informiert werden.

Pressestelle der Behörde für Schule und Berufsbildung

 

Revolution des Lernens in Amerika?

Klingt reichlich technikgläubig, aber so kennen wir ja unsere amerikanischen Freunde: Mit dem „National Educational Technology Plan“ (NETP) will die US-Regierung das Lernen revolutionieren, das berichtet das Weblog „Readwriteweb“ (Sie landen auf dem Artikel, wenn Sie auf das gefärbte Wörtchen hier klicken; hier kommen Sie direkt zum NETP).

Unter anderem soll jeder Lehrer und jeder Schüler in der Schule und zu Hause einen Breitband-Zugang zum Internet bekommen und die vielfältigen neuen Lehr- und  Lern-Möglichkeiten des Webs nutzen können.

Man kann das natürlich mit größter Skepsis betrachten. Ich empfehle: lieber neugierig hinschauen, was an den amerikanischen Schulen nun passiert – und sich das Beste für uns abgucken.

 

Missbrauch und Reformpädagogik – lesenswerte Artikel

Der sexuelle Missbrauch von Schülern durch Lehrer an der reformpädagogisch orientierten Odenwaldschule wühlt viele auf. Hier eine Auswahl von Artikeln, die das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten (wenn Sie auf das farbig markierte „hier“ klicken, landen Sie direkt bei den Artikeln).

Den Skandal ans Licht brachte der Artikel von Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau. Sie finden ihn: hier

Ein beeindruckendes und bedrückendes Porträt des bekannten Reformpädagogen Hartmut von Hentig, der die Rolle seines des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Lebensgefährten schönredet, hat Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung gezeichnet. Eine gekürzte Version für den Zürcher Tagesanzeiger finden Sie hier. Markus Verbeet hat in einem schriftlich geführten Interview für Spiegel-Online bei Hartmut von Hentig noch einmal nachgefragt, das Ergebnis, Sie finden es hier, ist nicht weniger verstörend.

In der FAZ beschreibt die aus dem Fernsehen bekannte Moderatorin Amelie Fried ihre Zeit an der Odenwaldschule, die schönen und die schrecklichen Seiten. Lesen Sie bitte hier.

In der ZEIT erschien ein Artikel von Bernd Ulrich, der den Bogen schlägt von den Missbrauchsfällen in katholischen Schulen, über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule bis zu Kinderpornos im Internet. Sie finden den Artikel hier.

Der Grünen-Politiker Cohn-Bendit, auch ein Odenwaldschüler, kritisiert in einem ZEIT-Interview die Fehler der libertären Sexualmoral. Lesen Sie hier.

Und der konservative Reformpädagoge, der langjährige Leiter von Salem, Bernhard Bueb bekennt sich zu seinen Fehlern. Seinen Artikel für die ZEIT finden Sie hier.

 

Was schützt gegen sexuellen Missbrauch?

Man liest dieser Tage viel über sexuellen Missbrauch von Lehrern an Schülern, der sich vor Jahren an katholischen Schulen und einer Vorzeigeschule der Reformpädagogik zugetragen hat.

Viele Eltern fragen sich: Wie können wir unsere Kinder  schützen? Denn die Gefahr des Missbrauchs besteht auch heute: in der Schule, im Sportverein, in der Familie.

Besonders wichtig erscheint mir dazu, was Sabine Rückert, Ulrich Schnabel, Henning Sußebach und Heinrich Wefing in der ZEIT vom 11. Februar 2010 geschrieben haben:

Wir alle leben Tür an Tür mit Sexualstraftätern, allein in Berlin wohnen etwa 10.000 Personen, denen Sexualdelikte aller Art vorgeworfen wurden. Sie machen 0,3 Prozent der Berliner Bevölkerung aus, was bedeutet, dass statistisch ein Angezeigter Sexualstraftäter auf 340 Bürger kommt. Wollten diese Bürger die Nähe zu belasteten Personen meiden – Berlin müsste geräumt werden. Der beste Schutz auch für Kinder ist deshalb: Offenheit. Eltern sollten ihre Kinder über das Vorgehen der Täter informieren, sie zur Aufmerksamkeit anhalten und sich nicht scheuen, sie sexuell aufzuklären, sagt die Jugendpsychiaterin Stellermann: »Wichtig ist, dass die Kinder lernen, welche Art von Anfassen okay ist und welche nicht. Dass Geschlechtsorgane private Regionen sind, die niemand berühren darf.«

Noch wichtiger aber, sagt Stellermann, sei es, den eigenen Kindern »Selbstwirksamkeit« zu vermitteln: »Ein Kind, das mit vier Jahren gelernt hat, zu sagen, ich will den blauen Pullover anziehen und nicht den roten, und das erlebt, dass diese Aussage ernst genommen wird, wird sich auch gegen unerwünschte Zudringlichkeiten wehren.« Denn immer wieder stellen die Psychiaterin Stellermann und die Gerichtsmedizinerin Seifert während ihrer Untersuchungen fest: Pädophile haben einen Blick für Kinder, die Hilf- und Wehrlosigkeit ausstrahlen. Sie wenden keine Gewalt an, sondern treten als nette Menschen in ihr Leben. Ob als Fußballtrainer oder Chorleiter. Sie warten in Freizeitheimen und Schwimmbädern. Sie lassen sich Zeit, das Vertrauen eines Kindes zu erschleichen, sich die Defizite emotional unterversorgter Wesen zunutze zu machen. Durch Geschenke und geheuchelte Anteilnahme gewinnen sie die Arglosen für sich. Kinder, die von ihren Eltern behütet werden, ein gutes Verhältnis zu ihnen haben und über merkwürdige Vorkommnisse zu Hause offen reden können, sind deshalb deutlich weniger gefährdet.

 

Neue Kolumne erklärt die Welt

Das müssen Sie sich anschauen: Mein Kollege Jochen Bittner, Nato-Korrespondent der ZEIT, erklärt in seiner neuen Videokolumne die Welt und ihre Konflikte, in der ersten Folge: neues von der Arktis – schöner Stoff für den Unterricht in Erdkunde und Politik aber auch für den Deutsch- (Medienkunde) oder Informatikunterricht, denn die Ausführungen Jochen Bittners werden auf einer beweglichen Weltkarte hinter ihm visualisiert. Also, ein Mix aus ZEIT und CNN 😉

 

Hamburger Schulreform: Premiere für „Afghanistan“-Koalition

In Hamburg hatte gestern die „Afghanistan“-Koalition Premiere. Afghanistan? Nun die Farben der afghanischen Nationalflagge sind Schwarz, Rot und Grün. Und das Hamburger Parlament, die Bürgerschaft, hat nahezu einstimmig, in einer Schwarz-rot-rot-grünen Koalition die umstrittene Schulreform beschlossen, die unter anderem die flächendeckende Einführung einer Primarschule genannten sechsjährigen Grundschule beinhaltet.

Was nach einem großen Konsens in der Hansestadt aussieht, ist aber nur eine Frontbegradigung. Denn die Gegner der Schulreform befinden sich nicht im Parlament, sondern in der Elterninitiative „Wir wollen lernen“, die einen Volksentscheid gegen die zwangsweise Einführung der Primarschule anstrebt (siehe Kommentar). Die kommenden Monate in Hamburg werden also spannend.

Einen guten Überblick über die Fronten in der Schulreform bieten die Artikel meiner Kollegin Jeannette Otto: „Schwarz-grüner Sprengstoff“ und das Pro-und-Contra am Beispiel zweier Familien. Was die Befürworter der Reform bewegt, ist nachzulesen im Interview mit der Schulsenatorin Christa Goetsch, das mein Kollege Martin Spiewak geführt hat. Meine Meinung zur Hamburger Schulreform können Sie im Kommentar „Alte Schule“ nachlesen.

 

Deutsche „Home-schooling“-Flüchtlinge in Amerika

Wie ergeht es eigentlich deutschen „Home-schooling“-Flüchtlingen in Amerika? Also deutschen Familien, die ihre Kinder der  Schulpflicht entziehen und sie zu Hause unterrichten wollen, was hierzulande verboten ist – und deshalb in die USA auswandern. Ein Artikel in der New York Times zeigt: ziemlich gut.

Dass ein US-Gericht das als Asylgrund anerkennt, wirkt allerdings befremdlich.

Danke für den Tipp, Manuel.