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Störungsmelder On Tour: Lüchow

 

 

 

Der Auftakt zu diesem Schulbesuch verhieß nichts Gutes. Als wir nach dreieinhalb Stunden Fahrt von Berlin aus im niedersächsischen Wendland eintrafen, steckte ein Lehrer des Lüchower Berufsschulzentrums uns fast beiläufig, dass der bekennende Klassenrechte an Morgen noch schnell eine ´88´ in die Schulgrünfläche gemäht hat, quasi als Willkommensgruß.


Passend dazu hatte irgendein Spaßvogel auf dem Ankündigungsplakat für unseren Workshop mein Konterfei ganz keck mit einem Hitlerbärtchen verziert, und als wir schließlich vor dem Gebäude standen, gab es aus dem ersten Stock gleich mal eine zünftige Wasserdusche seitens einer freidrehenden Friseurinnenklasse. Na ja, wenigstens war es kein Wasserstoffperoxid, sonst hätte ich jetzt beknackte blonde Flecken auf dem Kopf.

Doch, gleich sei es gesagt: Dieser Schulbesuch war – vollkommen konträr zu seinem irritiernden Beginn – für mich einer der aufschlussreichsten, interessantesten und bewegendsten, an denen ich bisher teilgenommen habe.

Thema war diesmal ´Rechte Musik´. Anhand verschiedener Beispiele von der NPD-Schulhof-CD, wollten wir in einer Klasse bestehend aus Maurern und Zimmerern Musik und Texte analysieren, um davon ausgehend eine Diskussion über das Weltbild von Rechtsextremen anzuregen.

Allein der erste Blick in den Klassenraum versprach einen kontroversen Nachmittag. Drei Meter vor mir saß ein junger Mann, den Kopf frisch kahlrasiert, gekleidet in ein Thor-Steinar-Sweatshirt, dessen hochgekrempelte Ärmel zudem den Blick auf einige Tattoos freilegten, die die politische Gesinnung nachhaltig illustrierten. Drei Meter links hinter ihm wiederum saß da einer im ´Good Night White Pride – Love Music Hate Fascism´-T-Shirt. Ich war sehr gespannt, wie das Ganze sich entwickeln würde.

Die Klasse arbeitete von Beginn an konzentriert mit. Zunächst ging es darum, frei assoziierend darzulegen, was Musik im Alltag jedes einzelnen generell bedeutet, danach wurden aus den 20 Leuten vier Gruppen gebildet, um einzelne Songs des NPD-Samplers zu analysieren und anschließend die gesammelten Erkenntnisse den anderen Gruppen zu präsentieren. Konkret ging es um die Stücke ´Die Macht des Kapitals´ von Faustrecht, ´Rebellion´ und ´Wille zum Sieg´ von Sleipnir, ´Zeit zu rebellieren´ von Annett sowie ´Das Mädel mit der Fahne´ von Frank Rennicke. Mit Ausnahme des sehr plakativ gehaltetenen Rennicke-Stücks einte diese Songs, dass man die rechte Gesinnung ihrer Interpreten zwischen den Zeilen herauslesen musste. Vordergründig ging es erst mal um Rebellion, Widerstand und das Anprangern von Missständen – Themen also, die gerade für jüngere Hörer nicht unspannend sind.

Um so erfreulicher, dass gut drei Viertel der Klasse sich dennoch in keinster Weise angesprochen fühlte, nicht textlich und schon gar nicht musikalisch. Bis eben auf eine Gruppe – die übrigens nicht aus fünf, sondern nur aus zwei Leuten bestand, nämlich dem Herrn im Thor-Steinar-Shirt und seinem Kumpel. Diese beiden fanden durchaus lobende Worte für Annett, von der sie selbstredend auch Platten besitzen.


Die Dame aus Schwedt ist strammes NPD-Mitglied, hier ein kleiner Textauszug aus ´Zeit zu rebellieren´: „Und wenn es die da oben nicht langsam kapieren / Dann wird in Deutschland bald gar nichts mehr passieren / Vermischung pur ist das das Ende vom Lied? / Und es eine Minderheit an Deutschen in Deutschland gibt?“ Rein musikalisch klingt das Ganze nach Juliane Werding oder Nicole, Sachen also, die man als junger Mensch eigentlich nur beschissen finden kann. Ich frage also: „Warum genau hört ihr das?“ Antwort: „Ist mal was anderes, das hört sonst kaum jemand.“ Klingt einleuchtend. Alle jungen Menschen, die sich von der Masse abheben wollen, brauchen die dazu passende Musik. Nichts aus den Charts, nichts, was alle hören. Nächste Frage deswegen: „Hört ihr denn dann auch Musik mit ganz anderen politischen Botschaften, also zum Beispiel linken Hardcore?“ Antwort: „Klar, auch.“


Es geht also zunächst mal um Abgrenzung, leider aber landen junge Menschen bei der Suche danach manchmal im ganz falschen Lager. In diesem konkreten Fall sprechen wir von einem höflichen, zurückhaltenden, fast schüchternen Jungen, den ein großer Teil der Klasse augenscheinlich nicht ganz für voll nimmt beziehungsweise komplett ignoriert, Angst und Schrecken scheint er jedenfalls nicht zu verbreiten. Dem Vernehmen nach ist er familiär vorbelastet, sein Vater und vor allem sein älterer Bruder sind ultrarechts und geben offenbar die Richtung vor. So kommt es, dass der Junge die Bedeutung einiger seiner Tattoos nicht kennt, weil er sie, ohne nachzufragen, einfach abgekupfert hat. Ein paar seiner Klassenkameraden wollen auch beobachtet haben, dass er bei Übergriffen seiner Neonazi-Kumpel eher abseits steht und nicht zuschlägt. Darüber hinaus sei erwähnt, dass die Teilnahme an unserem nach Unterrichtsschluss statt findenden Workshop freiwillig war, und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Leute mit rechter Gesinnung einfach fernbleiben. Er kam, er stellte sich der Diskussion, er arbeitete mit und stellte bei der abschließenden Feedback-Runde sogar fest, dass es „eine gute Veranstaltung“ war. Ich weiß natürlich jetzt nicht, was genau er daraus mitgenommen hat und ob etwaige Denkanstöße sich spätestens dann, wenn er wieder im Dunstkreis von Vater und Bruder ist, nicht ganz schnell wieder erledigt haben.


Dennoch sind es genau solche Begebenheiten, die mich an den Sinn und die Notwendigkeit dieser Schulbesuche glauben lässt.


Es war ein guter Tag in Lüchow.