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Rassismus gegen Deutsche? Das falsche Wort

 

Vor der Anklageerhebung gegen vier Jugendliche, die in Lichtenberg einen Mann brutal zusammenschlagen haben sollen, ist von „Deutschenfeindlichkeit“ die Rede. Die Rassismus-Debatte beginnt – leider an der falschen Stelle.

Von Tagesspiegel-Autorin Andrea Dernbach

Was würde ein Amerikaner mit einem Schlagwort wie „Amerikanerfeindlichkeit“ anfangen? Antiamerikanismus kennt er aus dem Fernsehen, von brennenden US-Flaggen in Lahore und Bagdad, aber mitten in „God’s own country“? Deutschland dagegen scheint sich gerade an das Wort „Deutschenfeindlichkeit“ zu gewöhnen. Es meint auf Schulhöfen gängige Verbalinjurien wie „deutsche Kartoffel“, „deutsche Schlampe“ oder „dreckiger Deutscher“. Auch das sei eine Form von Rassismus, sagt die Familienministerin.

Einen Tag vor der Anklageerhebung gegen vier Jugendliche, die in Lichtenberg einen 30-Jährigen brutal zusammenschlugen und -traten, weiß die „Bild“, dass die Tat „rassistische Hintergründe“ hatte, und spuckt große Lettern: „Motiv: Hass auf Deutsche?“

Rassismus ist eine auffallend selten verwendete Vokabel im deutschen politischen Wörterbuch. EU und UN haben mehrfach beklagt, dass der Begriff hierzulande auf Antisemitismus verengt werde, was es Behörden und Politik schwer mache, andere Formen von Rassismus zu erkennen und zu bekämpfen. Das Institut für Menschenrechte mahnte, etwa in der Sarrazin-Debatte, dass endlich über Rassismus zu reden sei und nicht nur den von rechtsaußen.

Nun geschieht’s. Leider an der falschen Stelle. Rassismus war immer der Vorwurf der Unterdrückten an die Adresse der Unterdrücker, der Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse gegen deren Nutznießer. Er erzählt von Macht. Dass Migranten in einer Machtposition gegenüber autochthonen Deutschen wären, würde wohl auch Ministerin Schröder nicht behaupten. Der Kampfbegriff der Deutschenfeindlichkeit soll aber auch nicht Wirklichkeit beschreiben, sondern die Mehrheit moralisch entlasten: Wenn junge Türken, Kosovaren und Libanesen auch Rassisten sind, sind wir vielleicht gar nicht so schlimm?

Alles, was wir inzwischen über strukturelle Diskriminierung von Migranten allein auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungssystem wissen, spricht eine andere Sprache. Und für Mordversuche in der U-Bahn und Mobbing auf dem Schulhof gibt es andere klare und harte Worte. Rassismus ist das falsche Wort.

5 Kommentare


  1. […] via störungsmelder: Rassismus gegen Deutsche? Das falsche Wort […]

  2.   Kehtamon

    Was für ein bodenloser Schwachsinn ist das denn bitte? Seit wann funktioniert Rassismus bitte nur gegen eine Minderheit? Das ist es, was ich an solchen Meinungen hasse: natürlich KANN es gar keinen Rassismus gegen Deutsche / Amerikaner geben, erst recht nicht in ihrem Land. Wir sind ja die Unterdrücker.

    Bullshit. Rassismus beginnt bei der Idee, einem Volk oder einer Ethnie qualitative Unterschiede zu unterstellen (so gibt es im Übrigen auch positiven Rassismus, der im Umkerhschluss wieder negativ wird. Beispiel: „Schwarze haben Rhythmus im Blut“ -> „Weiße nicht.“ – die Crux? Es ist falsch. „Rhythmus im Blut zu haben“ hat NICHTS mit der Ethnie zu tun).

    Wenn Jemand sagt „deutsche Kartoffel“ oder „dreckige Deutsche“ ist das der verdammt nochmal GLEICHE Rassismus und NICHT das falsche Wort. Es macht unseren Rassismus nicht besser, es entwertet den eigenen allerdings auch nicht. Und wenn solche Gutmenschen wie der Verfasser dieses glanzvollen Artikels mal eine Minute darauf verschwenden würden, sich mit unseren ausländischen Mitbürgern auseinanderzusetzen, würden sie es wissen. Ich weiß es.

    ICH BIN AUSLÄNDER.

    Und ich weiß, wie viel Hass gegenüber Deutschen existiert, ich sehe es jeden Tag. Das IST Rassismus in seiner übelsten Form. Zu Glauben, dass sei ein „Privileg weißer, mittelständischer Westeuropäer / Amerikaner“ ist ja schon in sich ein Rassismus sondergleichen. Und ja, auch wenn er sich gegen das eigene Volk richtet, ändert das nichts daran.

    Fazit: Nein, es ist nicht das falsche Wort. Und solange in diesem Land diese Gutmenschentum praktiziert wird, werden wir auch kein friedliches Zusammenleben erreichen. Warum nicht? Wenn dem Rassismus auf allen Seiten kein Einhalt geboten, er auf der einen Seite verdammt und auf der anderen Seite verklärt / toleriert wird, gibt es keinen Grund, aufeinander zuzugehen. Wenn in deutschen Schulen deutsche Kinder auf ihrer Volkszugehörigkeit verprügelt und gemobbt werden (und ich rede von Erfahrungsberichten und nicht von irgendwelchen dubiosen Statistiken) läuft etwas in diesem Land falsch.

    Und dann könnt ihr euch das noch hundertmal gutreden und unter Anderem MEINE ETHNIE als das Opfer darstellen. Es ändert nichts an der Tatsache.

  3.   A.D.

    Sie vergessen zweierlei:
    1. Auch Machtverhältnisse sind relativ. Sobald in einem Land eine ethnische Minderheit in einzelnen Ortschaften oder Treffpunkten die Mehrheit stellt, ist sie dort überlegen und kann – wenn sie will – Macht auf die dortige Minderheit ausüben. Werden deutsche Schüler von ihren türkischen Kameraden in irgendeiner Weise misshandelt und erhalten diese keinen Rückhalt, weil sie als Deutsche in der Minderheit sind, wird diese angeblich fehlende Macht ausgeübt. Das ist die normative Macht des Faktischen.
    2. Dass der Vorwurf des Rassismus historisch betrachtet meist ein Vorwurf der Unterdrückten gegen die Unterdrücker war, ist nicht zu bestreiten. Aber Sie polemisieren und manipulieren Leser, wenn Sie dieses zum Maß der Dinge erheben. Rassismus ist nun einmal auch gegeben, wenn der Unterdrückte gegen den Unterdrücker aufgrund seiner Rassenzugehörigkeit vorgeht.
    Ansonsten müssten Sie die Black Power-Bewegung der 60-er in den USA als nicht rassistisch klassifizieren oder aber zumindest behaupten, es sei ungerecht, ihnen dieses zuzuattestieren. Machen Sie sich bitte nicht lächerlich.

    Des weiteren ist anzumerken, dass der Begriff „Rassismus“ auch im deutschen Sprachraum zur Genüge auf Deutsche selbst bezogen wird. Denken Sie an Sarrazin. Denken Sie an die Berichte über neonazistische Aktivitäten.

  4.   Tillmann König

    „Alles, was wir inzwischen über strukturelle Diskriminierung von Migranten allein auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungssystem wissen, spricht eine andere Sprache. “

    Fakt ist doch, dass viele Migrantengruppen in der Schule deutlich erfolgreicher sind als die authochthonen Deutschen. Ist das auch „strukturell“ oder hat das anderer Ursachen?

  5.   Schönebergerin

    Auch ich halte das für zu kurz gegriffen und insbesondere angesichts der der aktuellen Situation an Schulen in Großstädten nicht mehr richtig. Mir wurde bei der versuchten Einschulung unseres Sohnes an zwei Oberstufenzentren in Berlin (Kreuzberg und Neukölln) durch die Rektoren mitgeteilt, dass man an diesen Schulen keine deutschsprachigen Schüler mehr annimmt, da man deren Sicherheit nicht garantieren könne. D.h. da der Anteil von Schülern mit MiGru (nicht meine Wortwahl!) dort 95 oder gar 100% beträgt, nimmt man dort einfach keine „deutschen“ Schüler mehr an. Glauben Sie mir, ich war froh, dass mir das so klar gesagt wurde…

 

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