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Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes

 

Der Vizechef der AfD im Bundestag, Peter Felser, durchlief in seiner Jugend eine stramm rechte Kaderschmiede. Hat er seinen braunen Verbindungen abgeschworen?

Von Sebastian Lipp

Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes Peter Felser
Der Vize-Präsident der AfD-Bundestagsfraktion Peter Felser © Achim Melde/Deutscher Bundestag

Der Kemptener Unternehmer Peter Felser sitzt für die AfD als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Am Abend der letztjährigen Bundestagswahl fragte ein Reporter des Bayerischen Rundfunks den frisch gewählten Abgeordneten: „Sind sie rechtsextrem?“

„Unverschämt“ fand Felser die Frage – und bescheinigte sogleich der gesamten Partei eine weiße Weste: „Keiner von uns. Ich wüsste keinen im Kreisverband, keinen im Landesverband, keinen im Bundesverband, der rechtsextrem wäre.“ Und nicht nur die: Gleichsam unverdächtig sieht Felser seine frühere Partei, die Republikaner, bei der er Anfang der Neunzigerjahre Mitglied war. Damals begann der Verfassungsschutz, die Partei zu beobachten.

Sitzt mit Felser tatsächlich ein gewöhnlicher Demokrat im Bundestag? Recherchen zeigen, dass der 48-Jährige in seiner Jugend eine stramm rechte, völkisch-nationalistische Kaderschmiede durchlief. Nach deren sogenannten Lebensbundprinzip ist der Politiker ein Leben lang auf die damals geknüpften Verflechtungen in rechtsradikale Kreise verpflichtet.

Ausbildung zum Propaganda-Spezialisten

1989, da ist er 20, beginnt Felsers Karriere bei der Bundeswehr. Er macht eine Ausbildung zum Zugführer der Fernmeldetruppe, studiert Medienpädagogik und Psychologie an der Bundeswehruniversität in München, ist zwischen 1996 und 1999 in Bosnien in einer Truppe für psychologische Kriegsführung.

Während seines Studiums an der Bundeswehruniversität wird Felser in eine völkische und nationalistische Studentenverbindung aufgenommen, die ihre Mitglieder auf ein Lebensbundprinzip verpflichtet. Felser wird Sprecher der Münchner Hochschulgilde Heinrich der Löwe, die der Deutschen Gildenschaft (DG) angehört und schreibt in deren Mitgliederzeitschrift Blätter der DG.

Bei der Gründung der Deutschen Gildenschaft 1920 fand sich in den Leitlinien entsprechend der Wurzeln in der damaligen bündischen Jugendbewegung nach Wertung des Berliner Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum (Apabiz) eine Mischung aus „völkischer Gesinnung, soldatischer Haltung und jugendbewegtem Bekenntnisdrang.“ Der Verband sieht sich als „akademische Erziehungsgemeinschaft“ und wirke, so das Apabiz weiter, vornehmlich durch Schulungen und Vortragstätigkeit zur Weiterentwicklung ideologischer Positionen.

Braune Seilschaften

In seiner programmatischen Salzburger Erklärung von 1992 verlangt der elitäre Studentenbund die Wahrung nationaler Identität und kritisiert einen „Mangel an nationalem Empfinden“. Die DG forderte „die tatkräftige Unterstützung des deutschen Volkstums“, Volksgruppenrechte für Deutsche in Osteuropa und ein „Europa der Völker und Volksgruppen“.

Der Potsdamer Politikwissenschaftler Gideon Botsch sieht die Gildenschaft „in der Tradition völkisch-antisemitischer Verbände der Weimarer Zeit, zwischen Jugendbewegung und dem korpsstudentischen Verbindungswesen. Es geht um die Ausbildung eines nationalistischen Milieus, das ist ganz klar.“

Götz Kubitschek, heute bedeutender Akteur der sogenannten Neuen Rechten, ist damals ebenfalls Funktionär der Gildenschaft. 1995 druckte deren Mitgliederzeitung eine Rede des damaligen Bundesgildentags ab, mit der Kubitschek („Referat für Organisation und Sport“) seine Anhänger auf den Lebensbund einschwört. Vier Jahre später erscheint ein Buch von Felser und Kubitschek im Verlag Edition die Lanze. Es wird das einzige Buch bleiben, das unter dieser „Edition“ erscheint, die das Postfach eines Unternehmens namens Die Schallquelle nutzt. Die Schallquelle wird das Buch noch Jahre später vertreiben und mit den Worten „Bündische in Bosnien“ bewerben.

Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes Peter Felser
Ein harmloser Pfadfinderverein? So gibt sich der Freibund. (Ausriss aus der Mitgliederzeitschrift)

Für die Schallquelle ist damals Bernd Widmer verantwortlich. In den 90er Jahren war dieser als „Leitstellenleiter Süd“ des Freibund ebenfalls einem Lebensbund verpflichtet. Zu den Prinzipien der Gruppe gehört lebenslange Treue. Tatsächlich ist der Verein als Lebensbund darauf gerichtet, bereits im Jugendalter Seilschaften herauszubilden, die später in der Gesellschaft wirksam werden sollen. Das Individuum soll sich dem Bund vollständig unterordnen.

SS-Lieder im Gesangsbuch

Heute beschreibt sich der Freibund selbst als „heimatliebender Jugendbund“ ohne politische Motivation. Zweifel daran sind erlaubt. Bis Ende der Neunzigerjahre vertrieb der Bund sein Liederbuch namens Fahrtenpass. In einem der Bündnislieder heißt es:

„Unsere Ehre heißt Treue. Treue zum Volk und zum Reich. Bauen wir darauf auf`s Neue, bilden wir Zukunft zugleich.“

Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes Peter Felser
„Jedem das seine…“: Die Inschrift am Tor des KZ Buchenwald als Überschrift zum Bericht der „Leitstellenschule im Süden“ in der Zeitschrift des Freibund. (Ausriss)

Traktorfilme und Hitler-DVD

Zusammen gründen Widmer, Kubitschek und Felser eine Agentur namens wk&f-Filmverlag an der Adresse der Schallquelle in Kempten im Allgäu. Neben Videos für Traktorenliebhaber produziert das Unternehmen im Kundenauftrag Imagefilme, Messeclips und Produktvideos – und fällt 2001 und 2003 mit der Produktion von Wahlwerbespots für die Landesverbände Hessen und Berlin der Republikaner auf. Die Videos für die rechtsradikale, damals vom Verfassungsschutz beobachtete Partei, seien so extrem gewesen, dass die Sender die Ausstrahlung verweigerten, meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Wie die Allgäuer Zeitung berichtet, pflegen Felser und sein Unternehmen „engen Kontakt zu den publizistischen Flaggschiffen der ‚Neuen Rechten‘“. Seine Beziehungen reichten bis zu Verlagen aus dem Umfeld von DVU und NPD, zu Ewig-Gestrigen und Ex-Neonazis, so die Allgäuer, die den vom ehemaligen SS-Sturmbannführer Arthur Erhard gegründeten Verlags Nation Europa zu seinen Geschäftspartnern zählt. Der Allgäuer Zeitung liegen Dokumente vor, aus denen hervorgehe, dass einschlägiges Material auch in vierstelligen Stückzahlen produziert wurde. Als Beispiel führt die Zeitung eine DVD an. Der Titel: „Wollte Adolf Hitler den Krieg?“

Die Schallquelle vertrieb noch bis vor Kurzem Tonträger mit rechtsradikalen Bezügen im Internet. Nach der Recherche über Felser wurde die Homepage abgeschaltet. Bis zuletzt wies das Impressum Felsers und Widmers Unternehmen wk&f als verantwortlich aus.

Update: In einer früheren Fassung dieses Artikels hatten wir geschrieben, Peter Felser sei Mitglied im Freibund – Bund Heimattreuer Jugend gewesen. Das trifft nicht zu. Wir haben den Artikel entsprechend geändert.

Eine längere Version dieses Textes mit ausführlicher Darstellung der Rechercheergebnisse und des Freibunds findet sich bei Allgäu ⇏ rechtsaußen.

27 Kommentare

  1.   French Potatoe

    Die AfD ist vielleicht nicht rechtsextrem. Aber Rechtsextreme haben dort gute Karriereaussichten. Das ist ekelig, gerade für Deutschland.

  2.   Mettigelfan

    Da wird er wohl genauso wenig juristisch gegen vorgehen wie A. Weidel gegen die Veröffentlichung ihrer Reichsbürgermails, obwohl sie es ankündigte.

  3.   Kartoschka

    Solche Jugendsünden finden sich bei vielen Politikern. Winfried Kretschmann war z.B. früher bekennender Kommunist, heute ist er ein beliebter MP eines erfolgreichen Bundeslandes.

  4.   titanicus

    Huch! Schon wieder ein Einzelfall. Vor zwei Wochen berichtete ebenfalls der „Störungsmelder“ von dem Einzelfall Hans-Thomas Tillschneider. Der war am 1. Mai gemeinsam mit den Neonazis von der Partei Die Rechte auf die Straße gegangen. Vor lauter Einzelfällen sieht man bald den AfD-Wald nicht mehr.

  5.   Cranston

    man darf sich fragen wieso so ein mensch unbehelligt mitglied des bundestages sein darf. ebenso darf man sich fragen was mit leuten nicht stimmt die so einen kandidaten wählen. mal völlig unabhängig davon ob man selbst links rechts oben oder unten ist.

    auffällig: nichts ist transparent. genau wie bei den meisten anderen parteien. das macht die afd nicht besonders.

    wers noch nicht getan hat: ich rate dazu mal die ausführliche recherche zu lesen (link am ende des artikels oben). wenn einem bis dahin nicht übel war, gehts spätestens dann los.

    ja, man kann das jetzt alles wieder relativieren, auf andere parteien verweisen usw usf. meinetwegen.geschenkt.

    was ich wirklich hart finde ist, das es leute gibt denen das allesvollkommen klar war und ist, die trotzdem oder gerade deswegen felser wählen. der freiheit eine gasse? ja bitte.damit du laufen kannst. schnell und vor allem weit.

  6.   Rage 0815

    Wundert es noch jemanden? Nachdem was diese Woche im Bundestag geäußert wurde, kann ich nurnoch mit dem Kopf schütteln. Einfach nur peinlich diese Partei!

  7.   FaktenKind

    Huch! Rechte sind böse. Tja. Man könnte auch die Frage stellen, ob Sarah Wagenkechts aufgrund von Verbindungen zu alten SED-Bonzen, der Mitgliedschaft in einer vom Verfassungsschutz verboten Partei oder der Vorsitz bei den „Linken“ doe gleiche mediale Reaktion hervorrufen würde. Oder wird hier mit zweierlei Maß (nicht: Maas) gemessen? Rechtsradikal = Mist, kommunistisch = naja, schon OK? Ich frag ja nur…

  8.   petruz

    Man muss Journalisten, die den braunen Lebensweg von AfD-Abgeordneten erläutern, dankbar sein.

    Vom Staat in Form des Verfassungsschutz kann man hier nichts erwarten.

  9.   leroy60

    Mein Großvater hat immer gesagt…wer den Rechten glaubt und vertraut sollte lieber einen Bund mit dem Teufel schließen, der ist vertrauenswürdiger.

  10.   MaryPoppinsky

    Wieder so ein „Einzelfall“ -> https://www.taz.de/!t5495296/

 

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