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Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes

 

Der Vizechef der AfD im Bundestag, Peter Felser, durchlief in seiner Jugend eine stramm rechte Kaderschmiede. Hat er seinen braunen Verbindungen abgeschworen?

Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes Peter Felser
Der Vize-Präsident der AfD-Bundestagsfraktion Peter Felser © Achim Melde/Deutscher Bundestag

Der Kemptener Unternehmer Peter Felser sitzt für die AfD als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Am Abend der letztjährigen Bundestagswahl fragte ein Reporter des Bayerischen Rundfunks den frisch gewählten Abgeordneten: „Sind sie rechtsextrem?“

„Unverschämt“ fand Felser die Frage – und bescheinigte sogleich der gesamten Partei eine weiße Weste: „Keiner von uns. Ich wüsste keinen im Kreisverband, keinen im Landesverband, keinen im Bundesverband, der rechtsextrem wäre.“ Und nicht nur die: Gleichsam unverdächtig sieht Felser seine frühere Partei, die Republikaner, bei der er Anfang der Neunzigerjahre Mitglied war. Damals begann der Verfassungsschutz, die Partei zu beobachten.

Sitzt mit Felser tatsächlich ein gewöhnlicher Demokrat im Bundestag? Recherchen zeigen, dass der 48-Jährige in seiner Jugend eine stramm rechte, völkisch-nationalistische Kaderschmiede durchlief. Nach deren sogenannten Lebensbundprinzip ist der Politiker ein Leben lang auf die damals geknüpften Verflechtungen in rechtsradikale Kreise verpflichtet.

Ausbildung zum Propaganda-Spezialisten

1989, da ist er 20, beginnt Felsers Karriere bei der Bundeswehr. Er macht eine Ausbildung zum Zugführer der Fernmeldetruppe, studiert Medienpädagogik und Psychologie an der Bundeswehruniversität in München, ist zwischen 1996 und 1999 in Bosnien in einer Truppe für psychologische Kriegsführung.

Parallel zur Ausbildung in der Truppe unterzieht sich Felser einer ideologischen Kaderschulung in einem Verein namens Freibund – Bund Heimattreuer Jugend. Seit 1996 ist die Vereinigung im Handbuch deutscher Rechtsextremismus verzeichnet. Gegründet wurde sie bereits 1957 – nach dem Vorbild der Hitler-Jugend.

Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes Peter Felser
Ein harmloser Pfadfinderverein? So gibt sich der Freibund. (Ausriss aus der Mitgliederzeitschrift)

Bis in die 1970er Jahre organisierte der Freibund gemeinsame Lager mit der seit 1994 verbotenen Wiking-Jugend. Es gab Zeltlager mit Lagerfeuer, Liederabende, gemeinsame Wanderungen und auch ideologische Schulungen: eine Pfadfindergruppe nach Nazi-Art. Dann orientierte sich der Bund weg vom offenen Nationalsozialismus – und hin zu einer völkisch-bündischen Ideologie. Dahinter steckt die Praktik, junge Menschen im Sinne des Bundes zu erziehen und auf ihn zu verpflichten. Der Einzelne soll sich ganz der Volksgemeinschaft opfern.

SS-Lieder im Gesangsbuch

Zu den Prinzipien der Gruppe gehört lebenslange Treue. So heißt es 1997 im Vorwort der Mitgliederzeitschrift Na klar!: „Der Freibund ist ein Lebensbund, bestehend aus Jung- und Altfreibund. (…) Die Altfreibünder als Gemeinschaft der aus dem Jugendbund Herausgewachsenen geben ihre Erfahrungen an diese weiter.“ Unter den Autoren der Zeitschrift: Peter Felser.

Heute beschreibt sich der Freibund selbst als „heimatliebender Jugendbund“ ohne politische Motivation. Zweifel daran sind erlaubt. Bis Ende der Neunzigerjahre vertrieb der Bund sein Liederbuch namens Fahrtenpass. In einem der Bündnislieder heißt es:

„Unsere Ehre heißt Treue.
Treue zum Volk und zum Reich.
Bauen wir darauf auf`s Neue,
bilden wir Zukunft zugleich.“

„Unsere Ehre heißt Treue“ ist eine nur leicht abgewandelte Form des SS-Wahlspruchs „Meine Ehre heißt Treue“.

Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes Peter Felser
„Jedem das seine…“: Die Inschrift am Tor des KZ Buchenwald als Überschrift zum Bericht der „Leitstellenschule im Süden“ in der Zeitschrift des Freibund. (Ausriss)

Braune Seilschaften

Während seines Studiums an der Bundeswehruniversität wird Felser in die völkische und nationalistische Hochschulgilde Heinrich der Löwe aufgenommen, die ihre Mitglieder wie der Freibund auf das Lebensbundprinzip verpflichtet. Der Potsdamer Politikwissenschaftler Gideon Botsch sieht die Gildenschaft „in der Tradition völkisch-antisemitischer Verbände der Weimarer Zeit, zwischen Jugendbewegung und dem korpsstudentischen Verbindungswesen. Es geht um die Ausbildung eines nationalistischen Milieus, das ist ganz klar.“

Bei der Bundeswehr lernt Felser nach eigenen Angaben Götz Kubitschek kennen, der heute als ein zentraler Akteur der Neuen Rechten gilt. Zusammen brachten sie 1999 das Buch Raki am Igman heraus, in dem nach Lesart der taz die Verbrechen der Wehrmacht kleingeredet werden.

1998 verlegt sich Felser aufs Medien- und PR-Geschäft. Gemeinsam mit Kubitschek und seinem alten Freibund-Kumpel Bernd Widmer gründet er eine Agentur namens wk&f-Filmverlag. Kubitschek will 2000 ausgestiegen sein.

Traktorfilme und Hitler-DVDs

Das Geschäft läuft gut. Die Firma produziert neben Videos für Traktorenliebhaber im Kundenauftrag Imagefilme, Messeclips und Produktvideos. Unter den Kunden, die das Unternehmen selbst benennt, sind etwa der Solinger Messerhersteller PUMA, Apollo Optik und der Bayerische Bauernverband.

Doch es gibt auch Produktionen, über die Felser öffentlich lieber nicht sprechen will: 2001 und 2003 produzierte die Agentur mehrere Wahlwerbespots für die Landesverbände Hessen und Berlin der Republikaner. Die Videos für die rechtsradikale, damals vom Verfassungsschutz beobachtete Partei, seien so extrem gewesen, dass die Sender die Ausstrahlung verweigerten, meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung. In den Spots wurde unter anderem gegen höhere Fördermittel für den Zentralrat der Juden geworben.

Wie die Allgäuer Zeitung berichtet, pflegen Felser und sein Unternehmen „engen Kontakt zu den publizistischen Flaggschiffen der ‚Neuen Rechten‘“. Seine Beziehungen reichten bis zu Verlagen aus dem Umfeld von DVU und NPD, zu Ewig-Gestrigen und Ex-Neonazis. Zu seinen Geschäftspartnern zählen der Nation Europa Verlag, der vom ehemaligen SS-Sturmbannführer Arthur Erhard gegründet wurde. Unter den Werken befindet sich auch eine DVD mit dem Titel Wollte Adolf Hitler den Krieg?.

Verräterisches Zitat

Auf Nachfrage der Zeitung gab Felser an, er könne sich nicht an derartige Produktionen erinnern. In der belastenden Berichterstattung witterte er „Rufmord“ und drohte, juristisch dagegen vorzugehen.

Die rechten Seilschaften des AfD-Vizes Peter Felser
Der Gründungsmythos des „Stützpunkt Oberland“ von Freibund-Mitgliedern aus dem Süden. (Ausriss)

2015 tritt Felser erstmals öffentlich in Zusammenhang mit der AfD in Erscheinung. Er übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit des Kreisverbands Oberallgäu-Kempten-Lindau. Im Oktober 2016 lässt er sich zum Vorsitzenden wählen.

In den Bundestag zog er über einen Listenplatz ein. Für diesen bewarb er sich auf dem Landesparteitag der AfD im mittelfränkischen Greding. Seine Bewerbungsrede schloss er mit den Worten „Kämpfen wir! Der Freiheit eine Gasse! Für Deutschland!“

Das Zitat „Der Freiheit eine Gasse“ war wohl kein Zufall. Es ist einer der Wahlsprüche, den der völkische Freibund verwendet – die rechte Pfadfindergruppe, die von ihren Mitgliedern lebenslange Treue fordert.

Eine längere Version dieses Textes mit ausführlicher Darstellung der Rechercheergebnisse findet sich bei Allgäu ⇏ rechtsaußen.

27 Kommentare

  1.   French Potatoe

    Die AfD ist vielleicht nicht rechtsextrem. Aber Rechtsextreme haben dort gute Karriereaussichten. Das ist ekelig, gerade für Deutschland.

  2.   Mettigelfan

    Da wird er wohl genauso wenig juristisch gegen vorgehen wie A. Weidel gegen die Veröffentlichung ihrer Reichsbürgermails, obwohl sie es ankündigte.

  3.   Kartoschka

    Solche Jugendsünden finden sich bei vielen Politikern. Winfried Kretschmann war z.B. früher bekennender Kommunist, heute ist er ein beliebter MP eines erfolgreichen Bundeslandes.

  4.   titanicus

    Huch! Schon wieder ein Einzelfall. Vor zwei Wochen berichtete ebenfalls der „Störungsmelder“ von dem Einzelfall Hans-Thomas Tillschneider. Der war am 1. Mai gemeinsam mit den Neonazis von der Partei Die Rechte auf die Straße gegangen. Vor lauter Einzelfällen sieht man bald den AfD-Wald nicht mehr.

  5.   Cranston

    man darf sich fragen wieso so ein mensch unbehelligt mitglied des bundestages sein darf. ebenso darf man sich fragen was mit leuten nicht stimmt die so einen kandidaten wählen. mal völlig unabhängig davon ob man selbst links rechts oben oder unten ist.

    auffällig: nichts ist transparent. genau wie bei den meisten anderen parteien. das macht die afd nicht besonders.

    wers noch nicht getan hat: ich rate dazu mal die ausführliche recherche zu lesen (link am ende des artikels oben). wenn einem bis dahin nicht übel war, gehts spätestens dann los.

    ja, man kann das jetzt alles wieder relativieren, auf andere parteien verweisen usw usf. meinetwegen.geschenkt.

    was ich wirklich hart finde ist, das es leute gibt denen das allesvollkommen klar war und ist, die trotzdem oder gerade deswegen felser wählen. der freiheit eine gasse? ja bitte.damit du laufen kannst. schnell und vor allem weit.

  6.   Rage 0815

    Wundert es noch jemanden? Nachdem was diese Woche im Bundestag geäußert wurde, kann ich nurnoch mit dem Kopf schütteln. Einfach nur peinlich diese Partei!

  7.   FaktenKind

    Huch! Rechte sind böse. Tja. Man könnte auch die Frage stellen, ob Sarah Wagenkechts aufgrund von Verbindungen zu alten SED-Bonzen, der Mitgliedschaft in einer vom Verfassungsschutz verboten Partei oder der Vorsitz bei den „Linken“ doe gleiche mediale Reaktion hervorrufen würde. Oder wird hier mit zweierlei Maß (nicht: Maas) gemessen? Rechtsradikal = Mist, kommunistisch = naja, schon OK? Ich frag ja nur…

  8.   petruz

    Man muss Journalisten, die den braunen Lebensweg von AfD-Abgeordneten erläutern, dankbar sein.

    Vom Staat in Form des Verfassungsschutz kann man hier nichts erwarten.

  9.   leroy60

    Mein Großvater hat immer gesagt…wer den Rechten glaubt und vertraut sollte lieber einen Bund mit dem Teufel schließen, der ist vertrauenswürdiger.

  10.   MaryPoppinsky

    Wieder so ein „Einzelfall“ -> https://www.taz.de/!t5495296/

 

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