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Judenfeindliche Gewaltserie in Dortmund

 

In Dortmund eskalieren antisemitische Übergriffe. Neonazis griffen innerhalb von vier Tagen dreimal einen 26-jährigen Juden an. Immer wieder provozieren Rechtsextreme die jüdische Gemeinde im Ruhrgebiet.

Von Roland Kaufhold

Teilnehmer einer rechtsextremen Demonstration vom April in Dortmund © Roland Kaufhold

In Dortmund reißt die Serie judenfeindlicher Übergriffe nicht ab. Am vergangenen Donnerstag wurde ein 26-jähriger jüdischer Mann am Rande einer Neonazi-Kundgebung von einem 21-jährigen Neonazi aus dem rund 40 Kilometer entfernten Schwelm antisemitisch beleidigt und gestoßen. In der Innenstadt hielten rund 30 Rechtsextreme eine Kundgebung für die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck ab, die kurz zuvor zu zwei Jahren Haft verurteilt worden war.

Antisemitismus: gelebte Praxis in Dortmund

An Selbstbewusstsein mangelt es der rechtsextremen Szene im Ruhrgebiet nicht. Die Demonstranten zeigten riesige Transparente, der Neonazi Michael Brück warnte: „Wenn wir dran sind, dann rechnen wir mit euch ab.“

Drei Tage später wurde der 26-jährige Jude bei einem zufälligen Zusammentreffen im Westen der Stadt erneut von demselben Neonazi und zwei weiteren Dortmunder Rechtsextremen im Alter von 23 und 30 Jahren mit antisemitischen Parolen beleidigt. Einer der Männer schlug ihn mit der Faust. Die Polizei ermittelte die Namen der Neonazis. Sechs Stunden später trafen die Gewalttäter im gleichen Stadtteil erneut auf den jüdischen Mann. Der 21-Jährige zeigte mehrfach den Hitlergruß, ein vierter Neonazi gleichfalls. Wieder Beleidigungen, wieder Drohungen.

Antisemitische Auftritte und Drohungen sind in Dortmund seit Jahren gelebte Praxis. Immer wieder stören Neonazis Gedenkveranstaltungen der jüdischen Gemeinde. Die Ansprache des Rabbiners am Dortmund-Dorstfelder Mahnmal wurde durch Schreie unterbrochen, das Andenken der Ermordeten besudelt. Die Gemeinde in Dortmund beklagt seit Jahren den massiven Antisemitismus.

Die jüdische Gemeinde gab nach

Ähnlich drastisch die Situation im Sport: Im Februar 2017 kam es bei einem Spiel zwischen Dortmund und RB Leipzig zu judenfeindlichen Schmähungen und Ausschreitungen. Im Oktober desselben Jahres wurde die Skulptur von zwei jüdischen Sportlern vor dem Deutschen Fußballmuseum am Hauptbahnhof der Stadt zerstört.

Im Dezember 2017 hatten die Dortmunder Neonazis schließlich gesiegt: Die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen sagte eine Feier ab – aus Sicherheitsgründen.

Und die Provokationen gehen weiter. Im April dieses Jahres marschierten 600 Neonazis durch das Zentrum und riefen dabei zum „Straßenkampf“ auf. Auf der Bühne hing ein riesiges Transparent mit dem Schriftzug „The world without zionism“. Am 14. Mai, anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung Israels, durften die Neonazis unter der Losung „Der Staat Israel ist unser Unglück“ durch die Stadt ziehen.

Die nächsten antisemitischen Kampfansagen dürften folgen – im schlimmsten Fall gefolgt von neuer Gewalt.

44 Kommentare

  1.   Dieter Mandalka

    Der Buergetmeistet von Dortmund ist untaetig. Warum wohl ? Wird Dortmund das neue Germania ? Die dortmunder Buerger haben wohl nichts gehoert und nichts gesehen. Die armen Zwerge. !

  2.   reimer_hrolf

    In Dortmund wurde auch die linke Kneipe Hirsch Q immer wieder zum Objekt rechter Rollkommandos.
    Die Rechte verlangt nen starken Staat, eine Forderung, die ich persönlich durchaus teile.

    Wäre es meine Entscheidung, in Dortmund wärs mir um keine Ressource zu schade. Weil Staat tatsächlich auch Prinzip bedeutet.
    Ich würde denen einen starken Staat zeigen.

  3.   Joko786

    Und dann stellt sich die AFD hin und tut so, als ob die Araber mit ihrem Antisemitismus das wahre Problem seien, und man sie deshalb aus dem Land halten müsste. Ekelhaft!

  4.   Stavros Anagnostakis

    Schändlich!

  5.   titanicus

    >>Am 14. Mai, anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung Israels, durften die Neonazis unter der Losung „Der Staat Israel ist unser Unglück“ durch die Stadt ziehen.<<

    Wieso wird eine solche Parole zugelassen? 1879 prägte der Historiker Heinrich von Treitschke die Hassformel: „Die Juden sind unser Unglück.“ Sie wurde zum Motto von Streichers „Stürmer“. Heute ziehen Neonazis mit einer Parole durch Dortmund, die offen an den Nationalsozialismus angelehnt ist. Wie ist das möglich? Schlafen die Behörden mal wieder?

  6.   Mini Matz

    Sowas, und ich dachte, so extrem ist es nur im Osten, aber nein – auch in meinem Bundesland…mir stellen sich die Nackenhaare auf! Weiß jemand, ob dieser SS-Siggi da immer noch frei rum läuft?

  7.   Wiilibald

    Vor 30 Jahren stand immer so eine Figur neben der Schule. War eher eine Lachnummer. Ist wahrscheinlich immer noch so. Aber ein harter Kern war immer dort.

  8.   Schlaupilz

    Es ist nicht zu fassen! Was ist da in Dortmund los?

  9.   skjoell

    Es ist ziemlich traurig, dass junge Menschen, mitunter sogar solche von gewisser Intelligenz, heute immer noch nicht immun sind gegen rechtsradikale Weltanschauungen und Feindbilder. Man kann sich kaum vorstellen, was an Kommentaren unter ziemlich jede deutschsprachige Doku zur Nazi-Zeit auf YouTube geschrieben wird, sicher nicht nur zum Zwecke der bloßen Provokation, und selbst plumpeste antisemitische Muster a la ‚Juden -> Geldgier‘ werden oft als harmlose Späße beurteilt. Wie soll man gegen so etwas an, wenn selbst seriöse Informationen zur Geschichte als Lügen abgetan werden. Bei bestimmten politischen Gruppen ist meines Eindrucks nach der pragmatischste Weg nicht das Diskutieren, sondern das deutliche Abgrenzen davon; die Leute müssen merken, dass ihnen diese stumpfsinnigen Feindbilder sozial nicht zum Vorteil gereichen, erst dann denken sie (vielleicht) darüber nach.

  10.   Sever1

    Wenn die den Mann beleidigen und mit der Faust schlagen gehören sie eingesperrt. Und wenn jemand bei einer Ansprache für Todesopfer dummes Zeug rein ruft, gehört er vom Platz verwiesen und spätestens beim nächsten Mal saftige Geldstrafe im hohen 4 stelligen Bereich oder niedriger 5 stelliger.
    Aber wenn der Staat Israel Unglück für eine Gruppe von Menschen bedeutet, dann haben sie verdammt noch mal das Recht es sich auf ein Plakat zu schreiben und damit durch die Stadt zu laufen. Neonazis sind totale Pfeifen aber die Gründung vom Staat Israel ist zu Recht umstritten. Und selbst wenn es zu unrecht umstritten wäre, darf man trotzdem eine andere Meinung als die Zeitung oder die jüdische Gemeinde haben.

 

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