‹ Alle Einträge

Das neue Leben des Ralf Wohlleben

 

Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft hat NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben eine neue Heimat: das Dorf Bornitz in Sachsen-Anhalt. Dort blüht die rechtsextreme Szene – und verehrt den Terrorhelfer als Heldenfigur.

Von Henrik Merker

Das neue Leben des Ralf Wohlleben
Eine Haltestelle in Bornitz vor dem Hof des Neonazis Jens Bauer © Henrik Merker

Den Weg in das Dorf Bornitz säumen beschauliche Bauernhäuser, Felder, Wiesen. Ein Imker verkauft Honig im Ortskern und der Bäcker schließt schon um 10 Uhr morgens. Das Dorf war nie in den Schlagzeilen, nie berühmt für irgendwas. Normalerweise stören nur Lkw auf der Bundesstraße die Ruhe der Leute hier.

Doch jetzt scheint es mit der Stille vorbei zu sein. Über dem verwaisten Spielplatz surrt eine Kameradrohne, Reporter stehen auf dem einzigen Parkplatz des 500-Seelen-Ortes im Süden Sachsen-Anhalts. Das hat mit dem neuen Bewohner von Bornitz zu tun: Vor wenigen Wochen ist der NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben hergezogen.

Neustart mit den rechten Kameraden

Der 43-Jährige, früher eine große Nummer in der rechtsextremen Partei NPD, kurvt jetzt mit einem in die Jahre gekommenen Firmenwagen durch den Ort. Auf der Heckscheibe steht „Autoglas Experten Zeitz“. Wohlleben hat einen Job.

Ralf Wohlleben betritt im Mai 2018 den Gerichtssaal in München © Tobias Hase/dpa

Es ist sein Neustart, nachdem er im November 2011 in Untersuchungshaft genommen und als Unterstützer im Münchner NSU-Prozess angeklagt wurde. Wohlleben hatte der Terrorgruppe durch einen Helfer die Pistole besorgt, mit der neun Menschen ausländischer Herkunft erschossen wurden. Im Juli wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt. Weil das Urteil noch nicht rechtskräftig ist und er die meiste Zeit bereits in der U-Haft abgesessen hatte, kam er kurz darauf frei. Bedingung war außerdem ein Arbeitsplatz – den kann er nun vorweisen.

Wohllebens Frau und die beiden Kinder sind schon vor Monaten in das Dorf hergezogen, berichten Nachbarn. Sie dürften willkommen gewesen sein: Unterschlupf fanden sie demnach bei einem Neonazi namens Jens Bauer. Bauer ist Eigentümer der Kfz-Werkstatt Autoglas Experten, auch der Firmenwagen gehört ihm. Er und Wohlleben kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit in der NPD.

Regelmäßige Besuche im NSU-Prozess

Wer ist der Mann, der dem ungebrochen rechtsextremen Terrorhelfer wieder in ein bürgerliches Leben verhelfen will? Reporter von ZEIT ONLINE und dem MDR recherchieren vor Ort. Von den Nachbarn ist wenig zu erfahren. Nur Martha G., die eigentlich anders heißt, will reden. Sie erinnert sich, dass Bauer vor vier Jahren nach Bornitz zog. Seine Frau kaufte einen großen Vierseithof. Im Ort sei die Familie mit ihren vielen Kindern unauffällig, sagt Martha G., nur bei den letzten zwei Feuerwehrfesten seien sie dabei gewesen.

Auf dem Hof suhlen sich Schweine im Schlamm, Sonnenblumen trotzen der Sommerhitze. Am Hoftor bellt ein schwarzer Hund alles an, was sich bewegt. Was vor dem Grundstück passiert, filmen seit Kurzem zwei Überwachungskameras. Wer am Haus vorbeigeht, gerät in den Fokus der Bauers.

Bauer selbst wiederum war in den vergangenen fünf Jahren häufig in München zu sehen. Er reiste mehrfach zusammen mit Wohllebens Frau zum Prozess an. Die Gattin saß händchenhaltend mit Wohlleben auf der Anklagebank, Bauer winkte von der Zuschauertribüne aus in den Saal – zusammen mit einem Tross anderer Rechtsextremer.

Im Dorf tummeln sich Rechtsextreme

In der Szene ist er bestens vernetzt: Bauer war NPD-Funktionär in Magdeburg, zog sich nach internen Querelen 2008 zurück. 2016 übernahm er die Leitung des neuheidnischen Vereins Artgemeinschaft, der 1951 von einem SS-Mann gegründet worden war. Chef war zwischenzeitlich auch die NPD-Legende Jürgen Rieger. Die Gruppe begreift sich als nationalsozialistische Elite, hängt neogermanischen Bräuchen an und hält Treffen in Trachten ab. Das Emblem der Artgemeinschaft ist die Irminsul, die zuvor von der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe verwendet wurde, einer okkulten Gliederung der SS.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Bauer und Wohlleben sind nicht die einzigen Szenegranden im Dorf. Das Tattoostudio Reinkaos hat im ebenfalls kameraüberwachten Gasthof seinen Sitz, am Klingelschild steht der Name Benjamin Schneider. Der Rechtsrocker betreibt das neonazistische Musiklabel SFH-Records im Nachbardorf Geußnitz.

Auf Kameradschaft legen sie viel Wert in rechtsextremen Kreisen. Als der NSU-Prozess noch lief, verkauften die Gesinnungsgenossen T-Shirts mit der Aufschrift „Freiheit für Wolle“, hielten aus Solidarität Konzerte und Demonstrationen ab. Die Unterstützter feilten an seinem Märtyrerimage als politischer Gefangener. Wie in der Vergangenheit wird er Kristallisationspunkt der Neonaziszene sein.

Hymne auf den Szene-Märtyrer

Als die Reporter gerade einpacken, biegt ein schwarzer Kombi in die Hauptstraße ein, Kaiserreichsflagge am Heck. Der Wagen hält haarscharf neben dem knienden Kameramann. Ein Mann um die 50, schwarze Sonne und Totenköpfe auf die Arme tätowiert, steigt aus. Es handelt sich um Maik B., eine weitere Figur aus dem Bekanntenkreis der Neonazis.

Das neue Leben des Ralf Wohlleben
Rechtsextremist B. verwickelt Reporter in ein Gespräch © Henrik Merker

Dass wir wegen Bauer hier seien, wisse er bereits, sagt er. Kurz zuvor hatten die Reporter versucht, mit Bauer in seiner Werkstatt zu sprechen. Nach zehn Minuten Wortwechsel steigt er wieder ein und fährt weg. Doch B. bleibt nicht immer friedlich. Bei einem Konzert soll er eine Flasche auf Beobachter geworfen haben. Er musste eine Geldstrafe zahlen. B. soll zum Umfeld einer Gruppe namens Kameradschaft Waffenbrüder gehören. Offiziell erwähnt wird der rechtsradikale Trupp nur in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Magdeburger Landtag. Der Verfassungsschutz hüllt sich in Schweigen.

Wie lebt es sich mit solchen Gestalten im Ort? In Bornitz gehen die Meinungen auseinander – einige haben Angst vor den Neonazis, andere wollen nur ihre Ruhe. „Mir doch egal, was die machen“, sagt ein Anwohner. Ähnlich sieht das Andreas Buchheim, parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Elsteraue, zu der Bornitz gehört. „Solange die sich hier ruhig verhalten, sehe ich kein Problem“, sagt er. Vom Verfassungsschutz habe bisher niemand mit ihm über mögliche Gefahren gesprochen, sagt er. Auch das BKA habe ihn nicht informiert, dass ein NSU-Unterstützer in seine Gemeinde zieht, um Teil der völkischen Artgemeinschaft zu werden. Ob er deren Anführer Jens Bauer kenne? Zumindest nicht persönlich.

Das neue Leben des Ralf Wohlleben
Bürgermeister der Gemeinde Elsteraue, Andreas Buchheim © Henrik Merker

Das ist verwunderlich, denn die Rechten sind im Ort angekommen. Mit ihren Immobilien und Betrieben haben sie eine sprudelnde Einnahmequelle. Und mit Wohlleben eine Führungsfigur. Der Szene-Liedermacher Sebastian „Fylgien“ Döhring hat vor wenigen Tagen ein Lied für ihn veröffentlicht. Darin heißt es: „Doch nun bist du zurück, bist wieder hier und die Bewegung, sie steht treu zu dir – nun auf in die Schlacht, es ist noch nicht vorbei“. Gut möglich, dass die Rechtsextremen das wörtlich nehmen.

Bei seinem Besuch in Bornitz wurde das Journalistenteam auch von Rechtsextremist Jens Bauer verfolgt. Ergebnisse der gemeinsamen Recherche waren am 15.08.2018 um 20.15 Uhr im MDR-Magazin „Exakt“ zu sehen, der Beitrag ist hier eingebettet.

51 Kommentare

  1.   Guido65

    So ähnlich habe ich mir das vorgestellt. Leider. Und leider wird das alles bestätigt und noch übertroffen.

  2.   Stephan Doo Doo Dixon

    Mir wird übel. Und das alles unter den Augen von Behörden und Verfassungsschutz. Dessen zu starke Präsenz in den Reihen der NPD als Haupthinderungsgrund eines Verbots der Partei möglicherweise inzwischen neu bewertet werden muss.

  3.   der-freimaurer

    Schrecklich – diese Nazis und die vielen stumm bleibenden „Normalbürger“, die sich an Rechtsradikalen nicht stören, machen mir Angst.

    Gute Recherche!

    Die Doku heute sollte geschaut werden.

  4.   Minervas lead

    Hampelmänner

  5.   GlobalTraveler

    Na, da macht man wohl besser einen Bogen um diese „Idylle“. Traurig für den Nicht-NPD-Rest der Region.

  6.   Baal-Assad

    Die Fotoreihe ist missverständlich.
    Die Gedenktafel für die Gefallenen des 1.Weltkrieges ist mitnichten ein „Nazi-Denkmal“ – sondern eben einen örtliche Gedenktafel für Gefallene Soldaten des 1.WK. 😉

    Wie sind in jedem Ort in Deutschland zuhauf mehr oder weniger versteckt stehen.
    Nichtmal die DDR-Sozialisten haben diese Gedenktafeln als Nazi-Denkmäler bezeichnet.

    Also bitte ändern. Gehört sich nicht.

  7.   Gassigeher

    Diese Land ist kaputt da wird ein Rechtextremist der schuld am Mord von vielen Menschen ist in seine kuschelige Naziexistenz entlassen und gleichzeitig soll auf Steuerzahlerkosten ein gefährlicher Islamist ein tunesischer Staatsbürger zwangsweise nach Deutschland zurückgeholt werden
    Man kann sich nur noch an den Kopf schlagen.
    Schreckliche Juristen von 1933-45 und jetzt ähnlicher Wahnsinn von diesem irren Berufsstand

  8.   Oncle Tomm

    Man muss diese Leute nicht mögen. Aber solange sie sich friedlich verhalten oder keine verfassungsfeindlichen Tätigkeiten begehen frage ich mich, wo da das Problem ist.
    Und dass dieser Wohlleben nun von Medien verfolgt wird, ist wohl auch grenzwertig. Der Mann hat seine Strafe abgesessen, hat offenbar die Bewährungsauflagen erfüllt (Arbeitsplatz; und IRGENDWO muss er ja wohnen) und befindet sich rein rechtlich auf dem Wege der Resozialisierung. Ein Recht, das man jedem zugesteht. Durch die Medienverfolgung wird die „Heldenverehrung“ mehr als angefeuert.

  9.   Oncle Tomm

    Am besten finde ich diesen Passus:

    „Normalerweise stören nur Lkw auf der Bundesstraße die Ruhe der Leute hier.
    Doch jetzt scheint es mit der Stille vorbei zu sein…“

    Ja, wer mag da jetzt wohl stören? Ach du Schreck, das sind ja wir selbst:

    „Über dem verwaisten Spielplatz surrt eine Kameradrohne, Reporter stehen auf dem einzigen Parkplatz des 500-Seelen-Ortes…“

  10.   delphi oder so

    es scheint so zu sein, dass sich die Rechtsextremen in aller Öffentlichkeit Dorf für Dorf in der Provinz -besonders gerne in der ostdeutschen Provinz – einverleiben und dort als „Helden“ und „Märtyrer“ der „Bewegung“ allein schon durch ihre Masse und Präzens alle Andersdenkenden einschüchtern und versuchen mundtot zu machen.

    Bei den MitläuferInnen haben sie ohnehin leichtes Spiel, die machen sich keine Gedanken und unterstützen passiv durch aktives Wegschauen und den Rückzug ins Private.

    So fing es schon einmal an in D. ,das Ende ist bekannt.

    Mir graut.

 

Kommentare sind geschlossen.