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Gewalt gegen Journalisten auf Identitärer Veranstaltung

 
Hutbürger mit Fahne © Henrik Merker

„Verpisst euch! Eure Arbeit ist jetzt zu Ende!“, so sind Journalisten bei einer Veranstaltung der Identitären in Dresden angegangen worden – von deren Ordnern. Die Rechtsextremen wollten mit der Veranstaltung ihr Image aufpolieren und gleichzeitig mit dem Eintrittsgeld von 25 bis 55 Euro viel Geld verdienen. Beides ist wohl gescheitert.

Selbstbild der Identitären bröckelt

Die Identitären hatten unter dem Slogan „Europa Nostra“ nach Dresden geladen. Die völkische Gruppe erreichte ihre Anhängerschaft bislang über Facebook, Twitter und Instagram. Doch vor Kurzem wurden alle wichtigen Accounts gesperrt, die PR-Maschine stockt. Auch deshalb sucht man sich nun Verbündete. So war der rechtsextreme Youtuber und IB’ler Alexander „Malenki“ Kleine am vergangenen Montag als Redner bei Pegida aufgetreten. Lutz Bachmann forderte daraufhin die 500 Demonstranten auf, seine Freunde bei den Identitären zu besuchen. Was vor allem zur Folge hatte, dass die sich jugendlich gebende IB ihren Altersschnitt bei der Veranstaltung in Dresden auf knapp 50 erhöhte. Bachmann kündigte an, selber teilzunehmen – und schickte am Ende doch nur Siegfried Däbritz, seinen Stellvertreter.

Dass sich die IB ausgerechnet Dresden für ihre Veranstaltung ausgesucht hat, erklärt der Grünen-Politiker Jürgen Kasek so: „Halle und Dresden sind neben Berlin ihre Zentren. Dresden selbst hat als ‚Hauptstadt des Widerstands‘ für die Szene eine herausragende Bedeutung.“ Was auch der Beiname zeigt, den Pegida und AfD der Stadt verpasst haben.

Däbritz (m, Pegida) bei Identitären © Henrik Merker

Doch das Bild, das die IB in Dresden abgab, war nicht herausragend. Schon zu Beginn ihres Festes, das eher an eine Messe erinnerte, griffen IB’ler zu Waffen. Ein minderjähriger Ordner trug gepanzerte Handschuhe und Pfefferspray, beides ist auf öffentlichen Versammlungen verboten. Die Polizei führte ihn ab und beschlagnahmte die Gegenstände.

Nur wenig später wollten Reporter das Gelände auf der zweieinhalb Hektar großen Cockerwiese betreten. Das dürfen sie, „Europa Nostra“ war als öffentliche Versammlung angemeldet und damit jedem zugänglich. Als die begleitenden Polizisten den Eingang passiert hatten, drängten die Ordner auf die Reporter los, schlugen zu, beleidigten und versuchten, sie vom Gelände zu schubsen. Erst als die Beamten einschritten, endete der Angriff. Ein Ordner erklärte hinterher, man habe nicht gewusst, dass Reporter das Gelände betreten dürften.

Auch die Infostände konnten das Bild nicht retten. Einer davon gehörte zum IB-Projekt Aha. Dessen Ziel ist es nach eigener Aussage, dass Identitäre Geld an Familien in Syrien und im Libanon spenden, damit diese nicht flüchten. Man habe bereits 4.000 Euro an zehn Familien übergeben, behauptet Aha. Eine BBC-Reporterin hat die Behauptungen recherchiert und herausgefunden, dass bei mindestens einer der Familien kein Cent angekommen ist. Projektsprecher Sven Engeser antwortete ihr ausweichend, die Familien kenne man nicht alle persönlich.

Identitären-Bierstand am Hooligantreff © Henrik Merker

Das absolute Alkoholverbot der Versammlungsbehörde umgingen die Identitären, mit freundlicher Unterstützung eines berüchtigten Treffs für rechte Hooligans: Acki’s Sportsbar in der Nähe vom Dynamo-Stadion. Dort wurde eigenes Bier der Rechtsextremen unter dem Namen Pils Identitär ausgeschenkt, das auf deren Website für 45 Euro pro Kasten verkauft wird. Auch Ordner der Identitären schenkten sich ordentlich ein.

Organisierter Angriff auf Journalisten

Wenig später folgte der nächste Angriff, der auch in sozialen Medien für Aufsehen sorgte. Reporter hatten einen Redner fotografiert, woraufhin sie erneut von den Ordnern angegangen wurden. Die drängten mindestens sechs Reporter zusammen, schlugen gegen deren Kameras. „Ihr geht jetzt nach Hause!“, brüllte einer der Rechten. Es kam zum Handgemenge, Identitäre umstellten die Journalisten, fotografierten und filmten deren Gesichter und schubsten weiter. Polizisten drängten sich dazwischen, stellten sich schützend um die Reporter und schoben die 15 Angreifer zurück. Kurz darauf wurden mehrere Ordner und Alexander „Malenki“ Kleine abgeführt. Der Identitären-Youtuber sei am Angriff federführend beteiligt gewesen, berichten Betroffene.

Die Vorfälle passen ins Bild – Identitäre sind sehr viel weniger friedvoll, als sie selbst von sich behaupten. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums haben Identitäre in den vergangenen 16 Monaten insgesamt 114 Straftaten begangen, wie das Ministerium auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei-Abgeordneten Martina Renner mitteilte.

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Völkische PR-Veranstaltung wird zum Desaster

Die Identitären hatten bei ihrer Großveranstaltung mit mehr als 800 Gästen gerechnet, es waren höchstens 500. Die Gruppe hat mit dem Verlust ihrer Social-Media-Profile auch den Großteil ihrer Außenwirkung eingebüßt. Und selbst die Führungspersonen der autoritären Kaderorganisation können sich auf ihre Gefolgsleute nicht mehr verlassen. Trotz interner Anordnung des Veranstalters Daniel Fiß, friedlich zu bleiben, griff ein Teil der Ordner Reporter an.

Bereits bei der Demonstration im vergangenen Jahr in Berlin zeigte sich: Es braucht nicht viel, dass die Völkischen auf ihre Gegner losgehen. Damals kam es nach einer Sitzblockade zur Schlägerei, die Rechten griffen Polizisten und Reporter an, wollten eine Polizeiabsperrung durchbrechen. Auch damals war Alexander Kleine vorn dabei.

2 Kommentare

  1.   Verbaler Spaltpilz

    Bin mal gespannt wann die ersten Relativierer auftauchen und versuchen sich die Gewalt noch schön zu saufen.

    Was die Fotos von Journalisten angeht, das hat ja Tradition bei den Rechten. Die geben gerne mal Steckbriefe heraus von Journalisten, die nicht dem „gesunden Volksempfinden™“ entsprechen.

    https://www.huffingtonpost.de/2016/04/08/afd-politiker-neonazis-pressefotografen-_n_9632194.html

  2.   YMB

    Warum ist die rechtsterroristische IB in Deutschland eigentlich immer noch legal? Bisher dachte ich immer, dass seit 1945 Naziorganisationen verboten seien. Scheint in Ostdeutschland aber wieder OK zu sein. Ich bin froh, nach 6 Jahren in Brandenburg wieder in Westdeutschland zu leben. Hatte auch Angst um meine Familie, bei den ganzen Nazis dort.

 

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