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Zucker in den Ohren

 

Das Projekt Nouvelle Vague verzauberte vor zwei Jahren den Sommer mit Bossa-Nova-Versionen von Klassikern der Achtziger. Aus einer schönen Idee ist auf ihrem zweiten Album „Bande À Part“ Routine geworden

Nouvelle Vague

Der Moment war unvergleichlich. Der Strand von Saint-Malo im August 2004, hohe Wellen und Wind, Sonne und Meer. Und: Nouvelle Vague, ein Projekt, das die achtziger Jahre musikalisch nach Rio entführt. Dort im Sand geben Marc Collin, Olivier Libaux mit zwei Sängerinnen halbakustisch eines ihrer ersten Konzerte. Love Will Tear Us Apart spielen sie, Mongoloid von Devo und In A Manner Of Speaking von Tuxedomoon. Zärtlich gehauchte Weisen wechseln sich ab mit Punk- und Wave-Klassikern im Bossa Nova-Gewand. Wellen rauschen im Hintergrund, Kindergeschrei ist zu hören und der Geruch von Sonnencreme liegt in der Luft.

Eine der Sängerinnen, Camille, wird wenig später in Frankreich ein Star werden: als Erneuerin des Chansons. In Saint-Malo tanzt sie den Nachmittag über am Strand, singt eine lebensbejahende Version von Too Drunk To Fuck von den Dead Kennedys. Zwischendurch springt sie in die Fluten, um mit Algen behangen zurück ans Mikrofon zu eilen. Die Sonne brennt. Es ist ein merkwürdiger Nachmittag in der Bretagne und Nouvelle Vague liefern den perfekten Soundtrack dazu.

Damals in Saint-Malo und später auf ihrem ersten Album funktionierte die Kombination von New Wave-Liedern und Bossa Nova prächtig. Wer sich darauf einließ, hörte Sommermusik, die den Ahnen der achtziger Jahre fröhlich einen Sonnenbrand ins bleich geschminkte Gesicht zauberte. Zum Bossa wurde aufgespielt, Punk verzärtelte sich zu einem lasziven Versprechen.

So sehr dieses Spiel mit Erwartungshaltungen, mit Provokationen und lüstern-unschuldigen Blicken auf der Bühne zu Beginn funktionierte, so kalkuliert wirkte es später. Die Magie des ersten Mals ist verloren gegangen, auf halbem Weg zwischen Saint-Malo in den Lounge- und Kaffeehäusern der europäischen Metropolen. Auf ihrem zweiten Album Bande À Part verkommt eine an sich gesehen gute Idee zur Masche, zur Routine. Das liegt nicht einmal an der Auswahl der Stücke. Libaux und Collin beweisen einmal mehr genug Spürsinn, auch Abwegigeres aus ihrer musikalischen Sozialisation neben die erwartbaren Klassiker der ausgehenden Postpunk/Wave-Ära zu stellen. Echo & the Bunnnymen (Killing Moon) sind dabei und die Lords Of The New Church (Dance With Me), Visage (Fade To Grey) und Bauhaus (Bela Lugosi’s Dead).

Was auf dem Debüt allerdings Frische und Naivität versprühte, wirkt nun aufgesetzt. Camille hat die Band verlassen. Die beiden neuen Sängerinnen fügen sich in das bereits bestehende Konzept weitaus lieblicher ein. Natürlich macht auch Band À Part an der ein oder anderen Stelle Spaß: Ever Fall In Love von den Buzzcocks ist auch in der Bossa-Version ein guter Song, das vom Pomp befreite Dance With Me bringt einen zum lächeln. Anderes ist überflüssig: Yazoos Don’t Go ebenso wie die schwache Neudeutung von New Orders Blue Monday. Am Ende klebt Zucker in den Ohren.

„Bande À Parte“ von Nouvelle Vague ist als CD und LP erschienen bei PIAS

Hören Sie hier „Don’t Go“

Sehen Sie hier Bilder des Konzerts von Nouvelle Vague in Hamburg

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2 Kommentare

  1.   alina

    ich würde gerne mal wissen woher der titel ‚Bande A Part‘ stammt?

  2.   Markus Zinsmaier

    Liebe Alina,
    der Titel „Bande à part“ bezieht sich auf einen Film von Jean-Luc Godard aus dem Jahre 1964. Godard zählte zusammen mit Regisseuren wie François Truffaut und Claude Chabrol zu den Aushängeschildern der „Nouvelle Vague“, einer Filmbewegung im Frankreich der späten fünfziger, frühen sechziger Jahre. „Bande à part“ lief in Deutschland unter dem Synchrontitel „Die Außenseiterbande“.

 

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