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16 kleine Schwarze auf Silber

 
Morr Music lädt ein zur Reise durch die Geschichte des elektronischen Independent. „A Number Of Small Things“ ist Zweitverwertung deluxe.
Ernte25 Bar25

Es ist ein Stich in das Herz eines Sammlers. Das Berliner Label Morr Music veröffentlichte in den vergangenen Jahren eine Serie von Singles, A Number Of Small Things genannt. Dreizehn kleine Vinylscheiben, jeweils auf 1.000 Stück limitiert, bespielt mit je zwei, drei Stücken verdienter Künstler des Labels. Viele sind nicht mehr erhältlich. Nun das: Auf einer Doppel-CD gesammelt erscheinen die bisher 30 Stücke nocheinmal, zusammen mit sechs neuen.

Immerhin, die Zweitverwertung hat auch ihr Gutes: Man hört die beiden CDs anders als die Singles. Das Vinyl legt man ein paar Mal auf, dann wandert es in den Plattenschrank. Die CDs hört man durch. Stück für Stück führen sie einen in die musikalische Vergangenheit des Labels, komprimieren sie auf zwei Stunden. Und machen deutlich, wie wenig homogen die Klänge sind, die bei Morr Music in den letzten sieben Jahren erschienen.

Die Reise beginnt in der Gegenwart. Drei Künstler steuern je zwei neue Stücke bei, Butcher The Bar, Seavault und Seabear. Butcher the Bar ist der 22-jährige Brite Joel Nicholson, er singt zwei sanfte Lieder und begleitet sich selbst mit Akustikgitarre, Banjo und Melodika. Elektronik braucht er kaum. Ganz anders Seavault, das Projekt Antony Ryans – eine Hälfte der britischen Bastler Isan – und Simon Scott – in den frühen Neunzigern Schlagzeuger bei Slowdive. Die beiden mischen Gitarre und Elektronisches zu gleichen Teilen. Sie interpretieren zwei recht unbekannte Stücke von Ultra Vivid Scene und Altered Images neu, melodisch und poppig.

Überhaupt: Immer wieder entstehen für die Singles bemerkenswerte Coverversionen. Seabear machen aus dem Punk-Klassiker Teenage Kicks eine spröde Ballade, Masha Qrella nimmt Roxy Musics Don’t Stop The Dance alles Glitzern, alles Blendwerk. Unter dem Pseudonym John Yoko interpretieren Lali Puna Papa Was A Rodeo von The Magnetic Fields und Morning Paper von Smog. Auch Populous wagen sich an ein Stück von Smog, Blood Red Bird. Jede Version hat ihren Charme, Unaufgeregtheit verbindet die Neuinterpretationen. Oder ist das Traurigkeit?

Die ersten fünf Singles waren 2001 und 2002 erschienen, danach legte die Serie eine zweijährige Pause ein. Die Musik aus dieser ersten Phase findet sich am Ende der zweiten CD, zehn Stücke von Lali Puna, B. Fleischmann, Teamforest, Styrofoam und Other People’s Children erinnern daran, wie stark das Label in seinen Anfangsjahren auf Elektronik ausgerichtet war. Die älteren Stücke sprechen die gleiche Sprache wie neuere Aufnahmen, allein das Vokabular scheint noch nicht so ausgeprägt. Es pliept und klackt wie auf den damals bei Morr Music erschienenen Langspielplatten.

Erst Isan brachen das im sechsten Teil der Serie auf. Sie machten ihre Single zu einem Experiment. Sorgsam erforschten sie die einhundert Jahre alten Gymnopédies des französischen Komponisten Erik Satie und verliehen ihnen ein zeitgemäßes Antlitz. Keine sieben Minuten dauern die drei Stücke zusammen, genau genommen sind es nur leicht variierte Tonfolgen auf dem Xylofon. Dennoch, sie haben etwas ungeheuer Tröstliches. Die Lust zum Experimentellen griffen nachfolgende Künstler auf – Lali Puna, auch Masha Qrella und die bereits erwähnten Populous.

Die sechs neuen Lieder werden als Teile vierzehn, fünfzehn und sechzehn auf Vinyl-Single erscheinen, Plattensammler müssen diese Kompilation also gar nicht erwerben. Allen anderen sei A Number Of Small Things ans Herz gelegt, als eine ausgiebige Reise durch die Geschichte der sogenannten Indietronics.

Die Kompilation „A Number Of Small Things“ ist erschienen bei Morr Music. Die CD ist ebenso wie manche Singles erhältlich im Webshop des Labels.

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