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Diese DJane ist ein Geschoss

 
Im Club turnt die Französin Missill drahtig hinter den Plattentellern und legt alle paar Sekunden eine neue Platte auf. Für ihr Album „Targets“ musste sie ein bisschen stillhalten, es fiel ihr schwer.
Missill Targets

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Tanzende auf einen Wechsel an den Plattenspielern aufmerksam zu machen. Mancher DJ ändert radikal den Musikstil, mancher gönnt dem Publikum ein paar Sekunden Ruhe. Die Französin Missill eröffnet ihren Auftritt im Hamburger Baalsaal damit, dass sie die Lautstärkeregler bis zum Anschlag öffnet. Ihr Manager gibt ihr verzweifelt Zeichen, sie wischt seinen stummen Einwand mit einer Handbewegung weg. Sie ist aufgedreht und lässt eine Rakete starten, die Ohren ihres Publikums sind ihr gleich.

Missill ist klein und drahtig. Temporeich wirft sie in ihren Sets HipHop, Reggae und Techno zusammen, was immer ihr eben in die Finger kommt. Sie spielt kaum ein Stück bis zum Ende, jeder Klang wird verfremdet. Ist ihr ein Stück zu langsam, spielt sie es auf 45 Umdrehungen. Hier und da gesteht sie den Tanzenden Verschnaufpausen zu, spätestens nach einer halben Minute unterbricht sie den Reggae mit einem knüppelharten Rhythmus. Ihr Markenzeichen ist ein verzerrter elektrischer Klang, der an den Rock-House der Franzosen von Justice und Ed Banger erinnert.

„Man fragt mich häufig, ob ich Koks schnupfe. Gelegentlich rauche ich einen Joint, das hilft mir, mich zu konzentrieren, ansonsten nehme ich gar keine Drogen“, erzählt Missill. Sie freue sich sogar über das Rauchverbot in Clubs. „Ich bin einfach hyperaktiv“, sagt sie. Missill ist auch Graffiti-Künstlerin, nimmt Platten auf und gestaltet die Hüllen selbst – im Manga-Stil.

Hyperaktiv klingt auch die Musik ihres Albums Targets. Es beginnt druckvoll mit einer Mischung aus Reggae und HipHop, MC Dynamite spendiert flinke Raps. Es ist eine wilde Reise: Eine knappe Stunde lang verwurstet Missill von Baile Funk bis Elektro beinahe jede Spielart urbaner Tanzmusik, ständig erhöht sie die Taktzahl. Springt man nach den abschließenden harten Tanzflächenfüllern zu den ersten Stücken der CD zurück, klingen diese sogar ruhig. Missill sagt, es sei ihr im Studio schwergefallen, den jeweiligen Stil eines Stücks beizubehalten, „vier Minuten ohne Wechsel? Aaaah!“ Die Platte sei für die Tanzfläche produziert, in Clubs habe sie die Stücke getestet und anschließend verfeinert.

Auf Dauer ermüden Missills brachiale Klänge. Stücke wie Check Dat erinnern zu sehr an frühere Kreuzungsversuche aus Rock und HipHop. Am Ende der Platte sind die Stücke dermaßen rockig, dass man es kaum anhören mag. So leicht man sich von ihrer Energie und dem Ideenreichtum ihrer Musik beeindruckend lässt, so schnell fühlt man sich zu alt für Targets.

„Targets“ von Missill ist erschienen bei Discograph/Rough Trade.

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