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Im Schein des Feuerzeugs

 
Auf „The Lighter“ singt Joanne Robertson 13 unfertige Lieder. Ihre schlaftrunkene Stimme, karge Gitarrenklänge und organische Geräusche verleihen dem Album Intimität.
The Lighter Joanne Robertson

Hört man Joanne Robertson singen, kann man sie sich dabei vorstellen. Sie sitzt auf dem Bett in einem spärlich beleuchteten Zimmer. Draußen ist es duster, die Stadt liegt still. Kein Geräusch ist zu hören – bis auf das Anschlagen der Gitarrensaiten. Dann dringt eine Stimme durch das Halbdunkel. „The people in the village / all are sleeping / when nighttime ends / we’ll take it now“, singt Joanne Robertson mit geschlossenen Augen. Ihre Lieder klingen, als seien sie in einem Zustand zwischen Träumen und Wachen aufgenommen worden. In diesen Momenten entstehen Bilder von eigenartiger Kraft, deren Sinn sich niemals ganz erschließt. Die Welt erscheint unwirklich, Worte und Sätze wollen nicht zusammenpassen.

The Lighter heißt ihr Album. Es ist kein in sich geschlossenes Werk, vielmehr eine Sammlung skizzenhafter Stücke. Ihre musikalische Offenheit fasziniert. Keines der 13 Stücke klingt wie eine fertige Komposition. Melodien lassen sich allenfalls erahnen, nur selten kehrt ein erkennbarer Refrain wieder. Es sind kurze, zerbrechliche Lieder voller rätselhafter Bilder. Wie die Flamme eines Feuerzeugs drohen sie zu erlöschen. Robertsons Gitarrenspiel klingt improvisiert, fast karg. Meist kommt sie mit wenigen, gleichwohl wirkungsvollen Griffen aus. Mal ist die Bewegung ihrer Finger auf dem Griffbrett der Gitarre zu hören, mal leise Atemgeräusche. Diese Geräuschkulisse vermittelt Intimität, es ist, als säße man gleich neben ihr.

Diese Wirkung ist nicht auf Zufälligkeit oder charmanten Dilettantismus zurückzuführen. Trotz seiner Grobkörnigkeit ist The Lighter ein wohldurchdachtes Kunstwerk. Joanne Robertson hat in Glasgow Malerei studiert und gehört zu einer überschaubaren Szene junger britischer Künstler. Die Zeichnung auf der Plattenhülle stammt von ihr. Bereits mit ihrer Band I Love Lucy improvisierte sie Texte und sie trat mit dem Künstlerkollektiv Blood ’n Feathers auf. Auf The Lighter singt sie Stücke, die sie bereits in London mit dem Konzeptkünstler Martin Creed aufführte.

Mit dem Weird Folk von Devendra Banhart und Joanna Newsom hat sie nichts zu tun, deren Drang zur prätentiösen Inszenierung teilt sie nicht. Die Person Joanne Robertson bleibt hinter ihren Liedern unsichtbar. Einzig ihre Stimme dringt aus dem Dunkel hervor.

Joanne Robertson singt, als fielen ihr Musik und Text erst in diesem Moment in den Schoß. Sie singt mit schlaftrunkener Stimme, die ganze Textzeilen verschleiert. Weil sich nur vereinzelt Worte und Sätze erahnen lassen, ist schwer zu sagen, wovon die Lieder handeln. Ihr entrückte Gesang verleiht den Worten einen Klang, hinter dem der eigentliche Sinn verschwindet. Stücken wie Marker und Crackling ist die Uneindeutigkeit zuträglich, sie schimmern geheimnisvoll, fast magisch. Die Stimme klingt wie aus weiter Ferne herüber, auf allem liegt Hall. Dem Stück Blow verleiht dieser Effekt etwas Geisterhaftes. Auf Stovepipe doppeln sich Robertsons dissonante Anschläge, um schließlich zitternd zu verhallen.

„Dreaming is a garden“, singt Robertson in Silver. In diesem Garten möchte man sich ein ums andere Mal verlieren.

„The Lighter“ von Joanne Robertson ist als LP und CD bei Textile Records/Cargo erschienen.

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