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Vollendete Wiederkehr

 
In den Neunzigern machten 18th Dye beherzten Geräuschrock, nach zwei Alben lösten sie sich auf. Mit „Amorine Queen“ sind sie jetzt wieder da. Sie klingen, als seien sie nie fort gewesen.
18th Dye Amorine Queen

Eine gezupfte Gitarrenmelodie schwingt sehnsüchtig. So könnte eine amerikanische Indie-Folk-Platte beginnen. Dann setzt die Stimme ein, mehr gehaucht als gesungen. Wer das deutsch-dänische Trio 18th Dye kennt, der weiß, dass es dabei nicht bleiben wird. Und wirklich: Sekunden später zerstören verzerrte E-Gitarren die Idylle.

18th Dye haben eine wechselhafte Geschichte. Nur wenige Gruppen haben in den mittleren Neunzigern so beherzten Noise-Rock gemacht. Damals erschienen ihre Platten auf dem einflussreichen New Yorker Label Matador. Steve Albini nahm ihre Lieder auf, John Peel war begeistert. Die Band tourte mit Yo La Tengo und wurde sogar in den USA bejubelt.

Jetzt erscheint ihr drittes Album Amorine Queen. Das ist eine wirkliche Überraschung, denn die Band von Sebastian Büttrich, Piet Breinholm und Heike Marie Rädeker hatte sich 1995 aufgelöst. Seit drei Jahren geben sie gelegentlich Konzerte. Musikalisch hat sich zum Glück wenig verändert, schroffe Rückkoppelungen treffen auf Ziseliertes. Die Bezugspunkte sind offenkundig: Velvet Underground, Spacemen 3 und Guided By Voices sind in Hörweite, vor allem aber die New Yorker Band Sonic Youth, die Könige der entfesselt drängenden Gitarren. Den Strahlen ihres Leuchtturms folgen 18th Dye bis heute.

Das erste Stück Island vs Island klingt wie ein Prototyp. Der Wechsel von laut zu leise, von der Geräuschwand zum einzelnen, befreiten Ton, das Verschmelzen von Fragilem und Brachialem, unvorhergesehene Wendungen, das Süßliche und das Störrische, der verzerrte und der reine Klang – all das kommt hier zusammen. 18th Dye machen aus Heterogenität hohe Kunst. Das mutet klassisch an und klingt zugleich neu. Denn diese ausufernden, flächigen Rückkoppelungen, dieser zweistimmige Gesang, diese Lust am Klang, diese schwelgerischen Streicher – all das ist in der heutigen Popmusik reichlich ungewöhnlich.

Auf der Hülle des Albums ist eine leuchtende Qualle zu sehen, die durch ein Meer oder das All schwebt. Ein schlüssiges Bild für die Band. Unbeeindruckt von den musikalischen Entwicklungen der vergangenen Jahre bewegt sie sich voran, langsam, fließend, selbstgenügsam, erhaben. Dass diese Qualle wirklich berauschende Lieder schreibt, macht Amorine Queen umso besser. Manche Stücke, Soft The Hard Way etwa, kleben sich binnen Sekunden im Gedächtnis fest, beschwipsen geradezu, fordern stummes Lauschen.

So klingt eine vollendete Wiederkehr.

„Amorine Queen“ von 18th Dye ist auf CD und LP erschienen bei Crunchy Frog/Cargo.

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1 Kommentar


  1. […] Zeit.de/tontraeger kann man den Opener “Island vs Island” des neuen Albums schonmal hören. Das klingt als […]

 

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