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Tür zu, wir spielen!

 

Leidenschaftlich und konzentriert bot das Keith Jarrett Trio im April 2001 in Tokio einige Jazzstandards dar. Auf „Yesterdays“ ist dieser Auftritt nun nachzuhören

Keith Jarretts Trio feierte, es war kaum zu überhören, im vergangenen Jahr sein 25. Jubiläum. Live-Mitschnitte, DVDs und Wiederveröffentlichungen wurden en masse auf den Markt geworfen. Nun erklingt der Schlussgong der Jubiläumsvorstellung, Yesterdays – ein Album, das dem Namen des Ensembles alle Ehre macht: Standards Trio. Aufgenommen wurde es im April 2001 in Tokio.

Jarrett war lange Zeit der Mann für elegische Langstreckenimprovisationen, glenngouldig summende Selbstvergessenheit und epische Konzertmitschnitte, etwa die Köln Concerts, Vienna Concerts, Paris Concerts, Sun Bear Concerts. Dann wagte er sich an Barockes, spielte Johann Sebastian Bach auf dem Cembalo und hymnisch-sphärische Orgelmusik mit experimentell nur halb aus der Riepp-Orgel in Ottobeuren gezogenen Registern. Kritiker ziehenTür ihn des Eklektizismus und der seichten Selbstgefälligkeit. Aber Jarrett war damals furchtbar erfolgreich: Das Köln Concert aus dem Jahr 1974 ist bis heute die meistverkaufte Platte eines Solisten im Jazz.

Yesterdays zeigt den Pianisten und seine Rhythmusmänner – tausendfach preisgekrönt, ehrfurchtgebietend gesichtsgefältet und tief ergraut – von einer anderen Seite. Das Album führt zurück in jene Tage, als das Trio sich fand. Im Jahr 1983 hatte Jarrett den Bassisten Gary Peacock und den Schlagzeuger Jack DeJohnette nach New York zu einer Session eingeladen, um ein Album mit Standards einzuspielen – es wurden zwei daraus, hinzu kam eines mit weitgehend freien Improvisationen.

Dass der Großmeister stundenlanger Meditationen über Gewächse des eigenen musikalischen Misthaufens und Objets trouvées – wie den Pausengong der Kölner Oper – sich auf populäre Stücke der dreißiger bis fünfziger Jahre besann, erstaunte das Publikum damals. Jarrett, der als Keyboarder in der Band von Miles Davis bekannt geworden war, sagte, er wolle zeigen, dass es „beim Musikmachen nicht um das Ausgangsmaterial geht, sondern darum, was die Instrumentalisten mit dem Material anstellen“. Nicht der Song ist wichtig – erst Keith Jarrett macht ihn wichtig.

Mehrere persönliche Krisen hat Jarrett seit seinen Soloerfolgen hinter sich gebracht, Anfang der Neunziger konnte er wegen eines Burnouts mehrere Jahre lang nicht spielen. Seither ist er vor allem mit seinem Trio zu einem swingenden, beboppenden Improvisator gereift, dem die Musik am Herzen liegt und nicht die instrumentale Selbstbeweihräucherung. Jarrett ist seit Jahren ein Anhänger des Vierten Weges des griechisch-armenischen Okkultisten Georges Gurdjeff. Dieser lehrt, nur stete Arbeit an sich selbst führe zur spirituellen Vollkommenheit. Das scheint Jarrett zu gelingen.

Die Arbeit des Trios im Jahr 2001 trägt hier nicht die erste Frucht: Yesterdays ist bereits der vierte Livemitschnitt aus diesem Jahr. Wie dieser wurde auch Always Let Me Go schon in Tokio aufgenommen. Doch statt der auf jenem Album zaghaft tastenden Seriosität herrscht nun eine spielerische Lockerheit, statt freier Improvisation erklingen Standards. „Wir wissen, wie musikalisch diese Songs sind“, sagte Jarrett der Los Angeles Times, „Jazzmusiker müssen nicht immer Türen aus den Angeln heben: Musik gibt es auch in geschlossenen Räumen.“ Er ist bescheiden geworden.

Sie spielen vor allem den Bebop, Charlie Parkers Scrapple From The Apple, Shaw’nuff von Parker und Dizzy Gillespie, Horace Silvers Strollin‘. Dem Ragtime You Took Advantage Of Me lassen sie wenig Ragtime. Mit den Jazzballaden Yesterdays, Smoke Gets In Your Eyes vom großen Jerome Kern und Harold Arlens A Sleepin‘ Bee lassen sie es dreimal ruhig angehen. Die ersten acht Stücke wurden beim Konzert in der Metropolitan Hall von Tokio aufgezeichnet. Das neunte ist ein ungewöhnliches Bonbon, das beim Soundcheck mitgeschnittene Stella By Starlight. Auch ohne Publikum spielen die Musiker konzentriert und leidenschaftlich. Da drängt sich das blöde Wort vom Vollblutmusiker auf.

Das siegreiche Team nicht zu verändern, rät ein Sprichwort. Dieser Meinung ist auch Jarrett: „Wenn man die beiden perfekten Partner für seine musikalischen Bedürfnisse gefunden hat, warum sollte man sich selbst dann dazu zwingen, um die Ecke zu biegen und sich nach anderen Musikern umzuschauen, mit denen man spielen könnte?“

Peacock wird 74, Jarrett 64, DeJohnette ist 66: Die drei müssen sich und ihrem Publikum nichts mehr beweisen. Die wollen nur spielen.

„Yesterdays“ von Keith Jarrett, Jack DeJohnette und Gary Peacock ist auf CD und LP bei ECM/Universal erschienen.

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