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„Mein Gemüt ist voller Leidenschaft“

 

Cyminology vertonen persische Lyrik in vokalem Kammerjazz. Ihr drittes Album „As Ney“ umspielt den Hörer mit den Mitteln des gepflegten Swingens, der Improvisation und Anklängen an das Kunstlied nach romantischem Vorbild

Cover
 
Cyminology – As Ney
 
Von dem Album: As Ney ECM Records (2009)
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„Hör dem Lied der Schilfrohrflöte zu / Die ihre Verbannung aus der Heimat beweint.“ (Rumi, 1207-1273)

Dari, die alte persische Schriftsprache, muss man nicht verstehen. Auch nicht, wenn man iranische Eltern hat. Schon gar nicht, wenn man in Braunschweig aufgewachsen ist und in Hannover Gesang, Klavier und Schlagzeug studiert hat. Die im Jahr 1976 geborene Cymin Samawatie entdeckte die Lyrik ihrer Ahnen erst, als sie aus dem Niedersächsischen in die Hauptstadt gewechselt war und während ihres Jazzstudiums in Berlin bei iranischen Verwandten wohnte. Die hörten eine Aufnahme mit Gedichten Omar Khayyāms, eines Klassikers der persischen Lyrik aus der Zeit um 1100. Sie hörte mit – und war fasziniert, auch wenn sie nicht viel verstand. Die Musikalität der Sprache habe sie angezogen, sagt sie; sie habe gespürt, dass die alten Texte etwas mit ihr zu tun haben.

Omar „Der Zeltmacher“ Khayyām, der Hofdichter des Schah und gelernte Bäcker Hafiz, der Sufi-Mystiker Rumi: Samawatie entdeckte die Welt der mystischen persischen Lyriker. Sie begann, eigene Gedichte zu schreiben, und gründete vor sieben Jahren das Ensemble Cyminology, das persische Lyrik in vokalem Kammerjazz vertont. Ein West-Östlicher Diwan (kein Sofa, sondern ein persisches Wort für eine Sammlung von Gedichten aus der Feder eines Autors; Khayyām veröffentlichte einen Diwan, und Goethe ließ sich davon inspirieren) mit den Mitteln des gepflegten Swingens, der Improvisation und Anklängen an das Kunstlied nach romantischem Vorbild.

Die Texte des Albums sind im Beiheft ebenso dokumentiert wie Fotos, die Cymin Samawatie auf Konzertreisen aufgenommen hat: Moscheen, alte Männer in Läden, nahöstliche Landschaften. Schade, dass CD-Heftchen nicht so groß sind wie von Schallplatten. Persisches Original und englische Übersetzung stehen beisammen, und so ist zu erfahren, dass As Ney das Lied der Schilfrohrflöte sei, einer Ney also, die Männer und Frauen zu Tränen rühre, weil sie voller Heimweh nach ihrem Sumpf traurige Lieder singe. Die bilderreiche Sprache der mittelalterlichen Dichter hallt in Samawaties eigenen Versen nach, sie findet einen moderneren, schlichteren Zugang, variiert auch mal Descartes („Ich lebe, also bin ich“) und widmet sich weniger mystischen als alltäglichen Themen – der Liebe zumal.

Das Ruhige herrscht vor, sparsam ist die Instrumentierung. Der schnörkellose Gesang steht meist im Vordergrund vor fragilem Melodiefiligran, vor exotisch getaktetem Puls und verdunkelten Mollharmonien, in die plötzliche Dur-Sonnenstrahlen hineinleuchten. Das rhythmische Fundament – mal getupft, mal schattig, mal verraschelt – legt Ketan Bhatti, geboren im Jahr 1981 in Neu-Delhi, aufgewachsen in Bielefeld, als Pianist Jugend-Musiziert-Preisträger, als Schlagzeuger in Reggae und HipHop ebenso versiert wie als Theater-Komponist. Am Kontrabass steht Ralf Schwarz, Jahrgang 1971 und damit der Nestor der jungen Band. Er wuchs in Braunschweig auf, lernte Orgelspielen, studierte Transportwesen, spielte Gitarre in Blues-, Rock- und Alternative-Bands sowie schon in den Neunzigern als Duettpartner von Cymin Samawatie und schloss erst vor wenigen Jahren das Jazzstudium in Bremen an. Pianist und Komponist Benedikt Jahnel, 1980 geboren, hat es umgekehrt gemacht: Nach frühem Klavierunterricht, Gastspielen im Bundesjugendjazzorchester und einem Musikstudium in Berlin beendet er gerade ein Studium der Mathematik. Was ihn wiederum mit Khayyām verbindet, der ebenfalls Mathematiker war.

Weil die melodisch-weichen persischen Worte und Vokalisen, die sanft arabesken Melodien und die zärtlichen Nocturnes der Begleitung beträchtliche Sinnlichkeit verströmen, weil Frau Samawatie noch dazu auf eine Weise gut aussieht, die unter dem Rubrum „orientalisch“ schon seit Jahrhunderten weiße Europäer fasziniert, vergleichen Konzertpromotoren sie gern mit Scheherazade, jener Erzählerin, die 1001 Nacht lang um ihr Leben redete. Das ist zum einen ein Klischee, zum andern ein dickes Kompliment – in den Erzählungen aus Tausendundeine Nacht wird Scheherazade so beschrieben: „Sie hatte die Werke der Dichter studiert und kannte sie auswendig; sie hatte Philosophie studiert und die Wissenschaften, Künste und Fähigkeiten; und sie war angenehm und höflich, weise und witzig, belesen und gut erzogen.“

Komplimente sind Samawatie und die Band gewohnt: Ihr Debüt und auch ihr zweites Album wurden von der Fachpresse hervorgehoben, Kollegen wie Bobby McFerrin – der ein Duett mit Samawatie sang – lobten sie und luden sie zu renommierten Festivals ein, das Goethe-Institut schickte sie als Repräsentanten eines multikulturellen Deutschlands um die Welt. Und dass ihr drittes Album jetzt beim Edel-Label ECM erscheint, ist ja auch irgendwo ein Kompliment.

„Was war das für ein Instrument, auf dem der Musiker im Verborgenen spielte / So, dass das Leben verging und noch immer ist mein Gemüt voll dieser Leidenschaft?“ (Hafiz, ca. 1320-1390)

„As Ney“ von Cyminology ist bei ECM/Universal erschienen.

Derzeit sind Cyminology auf Tour, hier finden Sie die Termine.

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