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Einfach nur M.

 

Der Kalifornier Matt Ward landet immer knapp neben dem Geschmack des großen Publikums. Auf „Hold Time“ sprengen Streicherwolken, Skiffle-Rhythmen und Surferchöre die Grenzen des schlichten Gitarrenliedes

M. Ward
 
Von dem Album: Hold Time 4ad (2009)
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Zurück in die Zukunft, Teil 17: Marty McFly (Matt Ward), ein Thirtysomething aus Portland, Oregon, reist in die späten fünfziger Jahre, um seine Eltern zum Zwecke der eigenen Zeugung zusammenzuführen. Er muss mit Band zum High-School-Tanz aufspielen – die Kids wollen Rock’n’Roll hören. Doch Marty kennt fast nur die Achtziger, so mischt er Festzeltrock à la Status Quo, künstlichen Hall, Händeklatsch und Glockenkling aus der Konserve und auch mal verirrte Synthies aus der Eurodance-Disco in die orbisonselige Turnhallentanzstimmung.

So klingt vieles auf Hold Time, dem neuen Album von M. Ward. Die meisten stecken den paarunddreißigjährigen Kalifornier in die Schublade Alternative Country – wohl auch deshalb, weil sein Debüt Duet For Guitars #2 im Jahr 2000 auf dem Label von Giant Sands Howe Gelb erschien und sie gemeinsam tourten. M. Ward – eigentlich heißt er Matt, kürzt seinen Vornamen aber stets ab – war zuvor schon einige Jahre mit der Band Rodriguez unterwegs, bevor er Gelb ein selbstproduziertes Demo in die Hand drückte.

Wie damals auf der Kassette klingt Ward auch auf Hold Time noch manchmal. In einigen Stücken erklingt kaum mehr als die Gitarre und charaktervoller Gesang à la Neil Young oder Bob Dylan – aufgehübscht allein durch gelegentliche Duette Wards mit sich selbst. Man denkt an die Holzhütte hinter dem Wald, Nebelschwaden in Kiefernwipfeln, ein Schaukelstuhl auf der Veranda, ein zerfleddertes Liederbuch Best of Country Classics auf abgeschabten Dielen. Ward sagt, Amazing Grace sei sein Lieblingslied, jener ebenso schlichte wie ergreifende Kirchenchoral.

M.Ward
M. Ward © Autumn De Wilde

„Warum ist dieser Mann nicht schon viel bekannter?“, stand über einer Rezension seines letzten Albums Post-War. Trotz vieler Auftritte und Alben blieb Ward unauffällig. Zwei seiner Platten aus den Jahren 2001 und 2003 waren so etwas wie Konzeptalben, anspruchsvoll und kopflastig – nicht eben geeignet, ein größeres Publikum zu erschließen. Transistor Radio aus dem Jahr 2005 versuchte es dann mit einem breiten Angebot aus eigenen Stücken und Coverversionen bis hin zu den Beach Boys, eingespielt mit Gastmusikern aus der Americana-Ecke. Das brachte gute Kritiken – nicht den großen Erfolg. Erst Post-War mit seinen Anklängen an den Folk und Blues der Vierziger und Fünfziger machte Ward vor bald drei Jahren immerhin ein bisschen bekannter.

Die schlichten Gitarrenlieder sind auf Hold Time die ungeschliffenen Wildedelsteine zwischen Arrangements, so vielschichtig wie Sushimesserstahl aus japanischen Kunstschmiedewerkstätten. Da ballen sich auch mal Streicherwolken wie Cumulonimbus über den Appalachen, wirbeln Skiffle-Rhythmen, scheint die Strandsonne auf den Chor der Surfer. Und dann wieder raspelt und schottert die Countryrockerin Lucinda Williams mit Ward im Duett Don Gibsons Klassiker Oh Lonesome Me, dass der Dreck der Westerndorfstraße mitsamt den zerdrückten Coladosen und den Zigarettenkippen der zweitklassigen Cowboydarsteller durch die Wüstenluft weht – dorthin, wo die Traurigkeit wohnt.

Und die Texte erst! Düstere Refrains, herzwarm gesungen, betteln zwischen neonbunten Doowadiddy-Chören Zeilen wie „Save me from sailing over the edge“. Ward schreibt auch grandiose Frauenversteherlyrik: „I wrote this song just to remember / The endless, endless summer in your laugh“. Oder: „And finally I found you / Without ever learning how to.“ Das könnte sich an die Schauspielerin und Sängerin Zooey Deschanel richten, mit der Ward das Nebenprojekt She & Him laufen hat; auch auf Hold Time ist sie ein paar mal zu hören, etwa auf dem Cover von Buddy Hollys Rave On.

Ward ist ein hervorragender Klangmaler. Am Ende greift er für eine unaufdringlich melancholische Instrumentalfassung von Frank Sinatras I’m A Fool To Want You in die Saiten – er möchte eben vor allem Gitarrist sein. Und, ach ja, melancholisch: Dieses Wort beschreibt den Grundton wohl am besten, der noch in den fröhlichsten Liedern des Albums mitklingt – selbst dann, wenn Ward/McFly in der Schulsporthalle die Petticoats hüpfen lässt. Mag schon sein, dass er deshalb immer ein wenig neben dem Geschmack des großen Publikums landet, das Tanzmusik lieber ungetrübt genießt. Denn Melancholie verbittert, veredelt die Arrangements wie die obligatorischen anderthalb Zentiliter Wermut den Martini. Nicht geschüttelt. Anrührend.

„Hold Time“ von M. Ward ist auf CD und LP bei 4ad/Indigo erschienen.

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