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Urwüchsig amerikanisch

 
Blitzen Trapper ziehen dem Folk-Rock das Fell über die Ohren: Auf ihrem neuen Album Furr singt die Band knorrige Loblieder auf das Leben in der Wildnis

Auf dem Autorücksitz liegt eine alte Decke, sie liegt da schon lange. Über die Jahre ist sie ausgeblichen, sie hat Brandflecken und ist am Saum eingerissen. Die Decke verströmt den Geruch von Feuerholz und trockenem Meersalz – und den eines nassen Hundes. Das erinnert an Urlaub, an lange Sommertage und Nächte unter freiem Himmel. Heute würde man sich nur noch im Notfall in diese Decke hüllen, um sich warm zu halten. Aber wegwerfen? Nie im Leben.

Die Musik der Band Blitzen Trapper aus Portland ist ein bisschen wie so eine alte Decke auf dem Rücksitz: Sie erinnert an etwas Schönes, das längst vergangen ist. Auf ihrem neuen Album Furr singt die Band ein knorriges Loblied auf das Leben in der Wildnis. Ähnlich wie die bärtigen Kollegen von den Fleet Foxes zelebrieren Blitzen Trapper die rückwärts gewandte Kauzigkeit, die schon im Bandnamen mitschwingt. Sie sind noch verschrobener als die ätherischen Fleet Foxes, sie musizieren wie eine Rockband, die zwischen Blockhütte und Garage hängen geblieben ist.

Klang ihr letztes Album Wild Mountain Nation noch wie ein Mixtape, haben Blitzen Trapper nun viel Zeit auf die Gestaltung eines kohärenten Klangs verwendet: Die Band ist gereift. Aufgenommen wurde Furr im bandeigenen Tonstudio, einer ehemaligen Telegrafenstation am Willamette River. So viel uriges Amerika schlägt sich auch in den Liedern nieder: Stellenweise klingen Blitzen Trapper, als kühlte auf dem Fensterbrett noch der Apfelkuchen aus, bevor es zur Rentierjagd ginge. Denn Furr ist eine durch und durch amerikanische Angelegenheit. Aus der Nachbarhütte tönen Neil Young, The Band, die Grateful Dead und ein spätsommerlicher Bob Dylan durch das offene Fenster herein. Von Pavement haben sich Blitzen Trapper das Talent für unvorhersehbare Melodien geliehen.

Und die Band wagt mehr, als es zunächst den Anschein hat. Da ist zum einen das Instrumentarium des gestandenen Folk-Rock: Steelguitar, Mundharmonika und Akustikgitarren. Das Schlagzeug scheppert wie dreckiges Geschirr im Spülbecken. Aber dann schleichen sich billige Keyboards und psychedelische Ausbrüche ein. Und das wahnwitzige Medley Echo / Always On / EZ Con endet in einem funkensprühenden Disco-Groove. Eine Spannung durchweht das Album, Blitzen Trapper ziehen dem Folk-Rock das Fell über die Ohren.

Die Bilder, die sie in ihren Texten entwerfen, sind dabei so pastoral wie ein Gemälde der Hudson River School. Es sind vor allem Lagerfeuer-Anekdoten und Hinterwäldler-Schnurren, die der Sänger Eric Earley erzählt. Er singt von mordenden Cowboys und gestohlenen Pferden (Black River Killer) und vom einsamen Umherstreifen in Wald und Flur (Stolen Shoe & A Rifle). Im Titelstück nimmt die ländliche Romantik märchenhafte Züge an: Earley besingt die Geschichte eines Jungen, der von Wölfen erzogen wird. Seine große Liebe findet er unter den Menschen und kehrt dennoch in die Wildnis zurück. Zu sanftem Folk-Rock erklingen Naturgeräusche und Wolfsheulen.

Solche bewegenden Momente bewahren Furr davor, zu einem nostalgischen Jux zu verkommen. Bei all der guten Laune und dem urwüchsigen Charme hat die Band eben auch die kritische Menge zerbrechlicher Töne getroffen. Dazu gehören vor allem Lady On The Water und das umwerfende Not Your Lover, akustische Lieder in denen plötzlich dieser vertraute Geruch herüberweht. Ach, ja, die alte Decke auf dem Rücksitz. Die könnte auch mal gewaschen werden. Aber wenn sie doch so gut riecht!

„Furr“ von Blitzen Trapper ist auf CD und LP bei Sub Pop/Cargo erschienen.

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