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Das ist jetzt Punk oder was?

 

Ein Statement gegen den verkopften Diskursrock: Kommando Sonne-nmilch bringen mit ihrem Dadapunk endlich Schwung in die Mittelstandsdebatten.

© Major Label

Man mag es kaum noch hören – Diskurs. Alles muss immer Diskurs sein, in irgendwie linksalternativen, sozialanalytischen, irgendwie poptheoretischen Musikzusammenhängen. Im breiten Bereich von Alternative bis Independent gehört es zwingend zum reflektierenden Künstler, die gesellschaftliche Realität zu durchleuchten, stets im Dialog mit den eigenen Idealen und jenen wesensverwandter Idealisten, Nihilisten, Behavioristen, Situationisten. Möglichst kritisch, möglichst politisch, möglichst lyrisch sollte es da zugehen. Ein wenig Humor jenseits des Ulks kann zwar nicht schaden, aber bitte, bitte nicht den Ernst der Sache vergessen.

„Uff uff Schabala grunz rauch“ – da pusten Zeilen wie diese doch den Schwergang aus der dauerdiskursiven Popbirne. „Musi musi ganz taub, bett bett schnarch schnarch traum aus.“ Blödsinn, Tiefgang, Blablabla – herrlich! Dabei geht es im Auftaktstück der großartigen fünften Platte von Kommando Sonne-nmilch durchaus um die Wurst, um Gentrifizierung (natürlich) im weitesten Sinne, es geht ums Ganze.

Man kann diesem alternativen Kunstkollektiv eine Hinwendung zum Diskurs im Foucaultschen Sinn nicht absprechen (von wegen sprachlich generiertes Wirklichkeitsverständnis und so). Schließlich behandelt das Album mit dem schönen Titel Pfingsten auch sonst die klassischen Themen der Diskurspopschule Hamburger und Berliner Provenienz: konturlos sanierte Großstädte oder cocktailschlürfende Neohippies etwa und, soweit man das den bisweilen kryptischen Zeilenkaskaden entnehmen kann, sogar aktuelle Mittelstandsdebatten von Pädophilie bis Klimawandel.

Die fünf Hamburger in ziemlich klassischer Besetzung mit weiblichem Extragesang haben einen dadaistischen Zugang zum Relevanzgehalt deutschsprachigen Punkrocks. Zum verstörend ungemütlichen Gegröle Jens Rachuts, der schon die örtlichen Hardcore-Legenden Dackelblut und Oma Hans bis zur Heiserkeit vokalisiert hat, drischt Kommando Sonne-nmilch die graue Theorie aus allen Diskursen. Da treffen Emocore-Gitarren à la Turbostaat aufs rohe Tempogebolze von Slime, unterlegt mit fast Distelmeyerscher Poesie, die Wort für Wort ins Absurde abdriftet. „Vergesst den roten Faden und fühlt euch endlich frei“, singen sie in Cocktails und zerschießen ihre Bedeutungsfragmente mit Zeilen wie „Ei bedroht die Henne“ oder „Legoland hat’s richtig gut“.

„Das ist jetzt Punk oder was?“, fragt die Sängerin Yvon Jansen am Ende der Platte. „Das ist Scheiße!“ antwortet sie sich selbst immer lauter, immer aggressiver, um anzuschließen: „Okay, komm, lass uns noch mal machen.“ Denn ja, das ist Punk, Poesiepunk, Diskurspunk. Endlich!

„Pfingsten“ von Kommando Sonne-nmilch ist erschienen bei Major Label/Trümmer.

4 Kommentare


  1. Da habt ihr aber nen echt mieses Hörbeispiel rausgesucht. Das Hörbeispiel ist echt nichts, und was man so auf Youtube hört, hört sich ziemlich nach Turbostaat ein bzw. wie der ganze andere Einheitsbrei des neuen deutschen Punks.

  2.   R

    da muss man doch schon ein wenig schmunzeln, wenn eine rachut-band jetzt mit turbostaat verglichen wird. soso, da hat sich die rachutfraktion also was von turbostaat abgeguckt… oder wie war das noch…?

  3.   xaoz

    naja,
    ich würde eher sagen turbostaat hört sich nach rachuts bands an…


  4. Da können die Zeit-Redakteure und Redakteurinnen anscheinend noch ein wenig dazulernen! 🙂 – Und jetzt komm ich mit purer Provokation: Kommando Sonne NMilch hören sich nach Kettcar an… 😉

    Die Platte und alle anderen sind übrigens sehr zu empfehlen. Live ist die Band aber noch viel besser! – Für die Extra-Portion Punk – mjam!

 

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