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Bitte ein angemessen mülliges Klangbild!

 

Dave Cloud weigert sich seit vier Jahrzehnten, eine musikalische Könnerschaft zu entwickeln. Früher nannte man das Punk, heute ist er ein Outsider – mit neuem Album.

© Dick Swanson

Nein, wie ein Rockstar sieht Dave Cloud nicht eben aus. Eher wie ein Rentner. Das Gesicht zerfurcht, den Backenbart ungepflegt, der ergraute Haarschopf schief geschnitten, das Sakko unförmig, der Bauchansatz über dem Gürtel und ein Kassengestell aus den achtziger Jahren auf der Nase. Singen kann der 56-Jährige aus Nashville auch nicht wirklich, aber dafür zieht er sich auf der Bühne gern aus.

Einen der berühmt-berüchtigten Auftritte von Dave Cloud and the Gospel of Power dokumentiert nun das Album Live At Gonerfest. So ist zu hören, mit welcher Entschlossenheit Cloud die alten Punk-Ideale weiter tapfer in Ehren hält. Elegant wie ein Traktor rumpelt die Band, bellend angetrieben von ihrem in die Jahre gekommenen Vorsänger, zurück in die Siebziger, als Cloud Punkrock entdeckte und begann sich vor Publikum zu produzieren, obwohl er an Bühnenangst litt und sich noch heute vor jedem Konzert übergeben muss.

Damals glaubte man kurzzeitig fest daran, dass zum Musikersein ein musikalisches Grundwissen vollkommen unnötig ist. Cloud, erklärter Fan von sowohl Black Sabbath als auch Engelbert Humperdinck, hat diesem Glauben niemals abgeschworen: In den Siebzigern gründete er, so erinnerte er sich in einem Interview, erste, „sehr wütende, sehr laute“ Bands, die vollkommen erfolglos blieben.

Aber auch nach vier Jahrzehnten auf der Bühne weigert er sich immer noch erfolgreich, nennenswerte musikalische Könnerschaft zu entwickeln. Mehr Arbeit scheint er in seine legendär ungelenken Kung-Fu-Tritte zu investieren, mit denen er seine Shows aufzulockern pflegt.

Seine Band unterstützt ihn dabei kongenial, hat beständig Probleme, nicht aus dem Takt zu geraten, und spielt zwar bisweilen ein paar Akkorde mehr als die berühmten drei, aber die sind dafür denkbar bösartig hingerotzt. Auch auf den sogenannten Studio-Alben klingen The Gospel of Power kaum besser, denn die werden prinzipiell auf altertümlichen Vierspur-Bandgeräten aufgenommen, um ein angemessen mülliges Klangbild garantieren zu können.

Aber das passt ja gut zu den Texten, von denen Cloud nach eigenen Angaben bereits „Tausende und Tausende“ geschrieben haben will. In denen hat der Gang-of-Four-Gitarrist Andy Gill zwar die Qualitäten der „Beefheartschen Lyrik“ entdeckt, meist aber verarbeitet Cloud ungestört von poetischem Handwerkszeug vor allem Gewaltfantasien, zitiert aus dem letzten Pornofilm, den er gesehen hat, oder setzt Belinda, dem Mädchen vom Escort-Service, ein Denkmal.

In den Siebziger Jahren war Cloud einfach ein Punk. Heute gilt er als Vertreter der Outsider-Musik. Er ist zwar lange nicht so durchgeknallt wie Syd Barrett, bei weitem nicht so verängstigt wie Daniel Johnston und im Gegensatz zu den Residents weitgehend konzeptlos.

Aber er hat lange genug durchgehalten, um sich im heimischen Tennessee zu einer regionalen Kultfigur zu entwickeln, die jeden Dienstag in seiner Stammkneipe einen Karaoke-Abend moderiert. In diesen Nächten wird bewiesen: Jeder, der sich auf eine Bühne traut, kann ein Rockstar sein. Für ein paar Minuten. Dave Cloud weigert sich seit mehr als vierzig Jahren, dass diese paar Minuten zu Ende gehen.

„Live At Gonerfest“ von Dave Cloud and the Gospel of Power ist erschienen bei Fire Records/Cargo.