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Abwaschen mit Adorno

Eine Entdeckung im Internet: der Deutschlandradio-Wissen-Podcast Hörsaal. Nun kann ich beim Abwaschen Adorno hören und mich über das rollende „r“ akademischer Rhetorik der fünfziger Jahre freuen. Die Fenster putzen sich viel leichter, wenn dabei Herbert Marcuse Über Gleichgültigkeit gegen die Kultur philosophiert. Sockensortieren war schon immer eine Qual, doch wenn Ralf Dahrendorf in einem Vortrag von 1959 über Arbeiter im Ruhrgebiet und ihre Zufriedenheit im Bergwerk spricht, wird es zum Vergnügen. Ohne Ähs und andere Füllwörter haben diese Wissenschaftler gestochen scharf und frei gesprochen – besser, als heute manch einer schreiben kann.

Philip Kraut, Berlin

 

Ein Loch in der Mauer

ZEIT-Leser Felix Evers an der Berliner Mauer (l.) und mit seinem Schulfreund Peter Brandt

Im April 1990, vor genau 20 Jahren, fuhren mein Schulfreund Peter Brandt und ich nach Berlin und Rügen. Kurz vor unserem Abitur wollten wir Zeitzeugen der Deutschen Einheit sein. So entstand auch das Foto, das Peter von mir gemacht hat: Mit dem Pickel schlage ich Stücke aus der Berliner Mauer.

Peter Brandt auf dem Weg nach Rügen

Heute, 20 Jahre später, möchte ich Dir, lieber Peter, diesen Gruß schicken. Weißt Du noch, wie wir ununterbrochen The Great Commandment hörten – damals noch auf Musikkassette im VW-Golf? Und zum ersten und letzten Mal einen Trabi fahren durften? Und Briefe aus der DDR nach Schinkel schickten (die ich alleine wegen der Briefmarken heute gern wiedersehen würde …)? Schade, dass ich nicht mehr weiß, wo ich Dich heute erreichen kann. Deshalb dieser Gruß in unserer ZEIT. Gesegnete Ostern!

Pfarrer Felix Evers, Ratzeburg

 

Mit Johnny Cash in der Altherren-WG

Seit meine Freundin sich von mir getrennt hat, lebe ich wie in einer Altherren-WG: Johnny Cash singt für mich, Clint Eastwood erzählt die großen Geschichten, Philip Roth und Cormac McCarthy erklären mir die Welt. Der Glücksfall der letzten Woche: Johnny Cashs postmortales Meisterwerk Ain’t No Grave. Es ist so wunderschön, dass man dem großen alten Mann fast Glauben schenken möchte. Dann fällt mir Philip Roths Verwirrspiel Operation Shylock in den Schoß. Leben und Tod in all seinen Schattierungen – keine schlechte Woche in meiner Altherren-WG.

Dirk Benker, Nürnberg
(Ain’t No Grave ist bei American Recordings erschienen, Operation Shylock im Hanser Verlag)

 

Hilfreiche Katerstimmung

Ich faste jedes Jahr. Obwohl mir die Askese schwerfällt. Nun lese ich zu allem Auszehrungsunglück auch noch das Buch Das bin doch ich von Thomas Glavinic. Da wird auf jeder Seite getrunken. Gut: auf jeder zweiten Seite gesoffen. Ich bin noch unentschieden, ob die Katerstimmung auf jeder vierten Seite meiner Abstinenz zuträglich ist oder nicht. Das Buch jedenfalls bringt mich munter durch die Fastentage.

Susanne Jasper, Wedtlenstedt bei Braunschweig
(Das bin doch ich ist im Hanser Verlag erschienen)

 

Es ist ZEIT für Ihre Texte!

Liebe ZEIT-Leser,

herzlich willkommen auf Ihrem Blog!
Dieses Blog ist Forum für alle kreativen, meinungsstarken, klugen, neugierigen und wütenden ZEIT-Leser. Werden Sie zu Schreibern!

Egal, ob Sie Ihrer Empörung über eine Ungerechtigkeit Luft machen wollen,  eine schöne Erfahrung oder ein eigenes Gedicht mit anderen teilen möchten – ZEIT der Leser ist der richtige Ort.

Die gedruckte ZEIT der Leser erscheint ab heute Woche für Woche als neue Seite der ZEIT. Für die erste Ausgabe sendeten Sie uns so viele gute Artikel, dass wir eine ganze ZEIT hätten damit füllen können!

Auf dem ZEIT-der-LeserBlog können Sie nun ausgewählte Artikel lesen: Die der gedruckten Seite, und weitere, die dort keinen Platz mehr fanden. Es gibt verschiedene Kategorien, diese finden Sie am rechten Rand dieses Blogs – mit einem Klick auf Ihre Lieblingskategorie können Sie sich alle Texte aus dieser anzeigen lassen.

In diesem Blog können Sie nicht nur mehr, sondern auch öfter Neues lesen: Täglich werden wir neue gute Leserartikel veröffentlichen. Und wenn Sie mögen, können Sie auch direkt auf die Artikel der anderen Leser antworten: Unter jedem Text gibt es die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen.

Schicken Sie uns Ihre Texte an leser@zeit.de! Die besten werden wir hier und in der gedruckten ZEIT der Leser veröffentlichen. Welche Kategorien es gibt und worauf Sie achten müssen lesen Sie hier.

Viel Vergnügen beim Lesen und Schreiben!

Wolfgang Lechner
Redakteur ZEIT der Leser

Frida Thurm
Redakteurin ZEIT-der-Leser-Blog

 

Zeitsprung: Wiedenbrücker Kreuztracht

Kreuztracht Wiedenbrück 1927

Wegen dieses Fotos von 1927 war ich an einem Karfreitag, genau 80 Jahre später, zu Besuch bei einer alten Dame. Ich suchte die genaue Perspektive! Aus ihrem Wohnzimmerfenster habe ich die „Wiedenbrücker Kreuztracht“ neu fotografiert. Ein Freiwilliger trägt bei diesem religiösen Brauch das Kreuz über Kopfsteinpflaster und vorbei an Fachwerkfassaden. Auch acht Jahrzehnte später stürzt der Kreuzträger an fast derselben Stelle.

Kreuztracht Wiedenbrück 2007Genau betrachtet, erschließen sich mir aber auch Veränderungen: Früher waren die meisten Menschen im Bild Teil des Ereignisses. Heute bleibt die Mehrheit in der Rolle des Zuschauers. Ich habe versucht, in den Blick des früheren Fotografen einzutauchen.
Durch die Suche nach dem exakten Blickwinkel habe ich mehr über meine Heimatstadt erfahren. Und ich habe die alte Dame kennengelernt, die mich in ihr Wohnzimmer ließ.

Andreas Kirschner, Rheda-Wiedenbrück

 

Ostern

Die Kurse steigen
Der Tod ist überwunden
Das Spiel geht weiter

Thomas Lucchi, Saarlouis

 

Das regt mich auf: Hund klaut Wurstsemmel

© judigrafie / photocase.com

Ich rege mich nie auf. Außer ich habe einen Grund. Letzte Woche zum Beispiel:
Großmutterdienst in der Innenstadt. Ich schiebe den Kinderwagen. Drin thront meine Enkelin Lea, die gerade ihre Wurstsemmel verzehren will. Auf einmal springt ein Riesenhund mit scharfen Zähnen daher und schnappt, genau zwischen Händchen und offenem Mündchen des Kindes, die Wurstsemmel weg.
Schriller, langer, nie enden wollender Aufschrei. Tausend Alarmglocken in meinem Großmutterherzen: Der Hund hat die Hände und die Zunge meiner Enkelin abge-bissen! Nein. Die Hände sind da. Ich zähle die Fingerchen. Zehn. Auch der brüllende Mund ist unversehrt, die Zunge und alle Zähne sind noch drin. Die Alarmglocken werden leiser. Leas markerschütterndes Schreien nicht.
Der Hund und sein Besitzer sind weitergegangen. Ich schreie: „Sie, Ihr Hund hat gerade die Wurstsemmel meiner Enkelin gefressen!“ Der Mann dreht sich um, schmunzelt und sagt beinahe vorwurfsvoll: „Na, Sie müssen schon aufpassen!“ Und zieht von dannen mit seinem Monster.
Der Hundeführerschein, über den bei uns in Österreich gerade diskutiert wird, ist zwar eine gute Idee. Aber ich plädiere für einen viersemestrigen Benimmkursus für Hundebesitzer. Mit obligatem Feingefühlseminar.

Marie-Luce Eröd, Wien

 

Wiedergefunden: Türmerlied

Von meinem Vater habe ich einen Teil seiner zahlreichen Bücher geerbt. Noch habe ich davon nicht alle gelesen.
Aus einem, das ich mir kürzlich vornahm, fiel ein winziger, sparsamer Zettel heraus, auf dem in der engen Handschrift meines Vaters steht:

Ihr glücklichen Augen,
Was ihr je gesehn,
Es sei, wie es wolle,
Es war doch so schön!

Ich habe diese Zeilen wiedererkannt: Es ist die letzte Strophe des Gedichts Türmerlied von Johann Wolfgang von Goethe. Und zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters sind diese Worte eine Botschaft an mich.
Mein Vater, der sein Leben trotz Kämpfen und Leid geliebt hatte, dann aber in Verwirrung und Depression gestorben ist, will mir mit dieser Ermahnung sagen: „Danke auch du für alles – trotz allem!“

Birgit Schicci, Lerici, Italien

 

Leser fragen: Äpfelsaft?

© JockScott / photocase.com

Warum heißt es Karotten- oder Orangensaft und Eiersalat (also: Plural), nicht aber Äpfelsaft und Kartoffelnsalat? Die werden doch auch nicht aus nur einem Apfel oder einer -Kartoffel gemacht!

Nicola Hebler, Hannover