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Die bayerische Neonaziszene verliert einen führenden Kopf

 
Neonazi Matthias Fischer im Mai 2012 bei einem rechten Aufmarsch  ©Timo Müller
Neonazi Matthias Fischer im Mai 2012 bei einem rechten Aufmarsch © Jonas Miller

Die bayerische Neonaziszene gehört zu den aktivsten und militantesten Neonaziszenen Deutschlands. Bundesweit bekannt vor allem für ihre Anti-Antifa Tätigkeiten. Nun verliert die Szene einen ihrer wichtigsten Köpfe: Der führende Aktivist Matthias Fischer verlässt Bayern und kehrt zurück nach Brandenburg.

Wenn der Name Matthias Fischer auftaucht, sind rechte Aktivitäten nicht weit. Seit den 1990er Jahren betätigt  sich der geborene Brandenburger in der bayerischen Neonaziszene. Schon Anfang der 2000er Jahre zählte Fischer zu den richtungsweisenden Aktivisten in der Nazigruppe „Nationalisten Nürnberg“. Als kurze Zeit später die „Fränkische Aktionsfront“ (FAF) gegründet wurde, war er in deren Führungsriege aktiv und trat als Verantwortlicher für die eigene Publikation „ Landser“ auf. Nach dem Verbot der FAF fungierte er als Kreisvorsitzender der Fürther NPD und war Beisitzer im Vorstand der bayerischen NPD. Auch in der Kommunalpolitik versuchte Fischer Fuß zu fassen. Als Spitzenkandidat der NPD und der „Bürgerinitiative Soziales Fürth“ (BiSF) wollte er 2008 und 2014 ein Stadtratsmandat ergattern, scheiterte aber an dem breiten Widerstand der Fürther Antifaschisten. Nach internen Streitereien gründete er zusammen mit anderen FAF- Kadern das „Freie Netz Süd“ (FNS), welches Anfang des Jahres in der Nazipartei „Der dritte Weg“ (DIIIW) aufging.

Bedeutung für die Szene

Der mehrfach vorbestrafte Matthias Fischer gehörte zu den wichtigsten Akteuren in der bayerischen Naziszene. Bei rechten Aufmärschen war er als Anmelder und Ordner aktiv, bei etlichen bundesweiten Demonstrationen fungierte er als Redner. Bei Kameradschaftsabenden und Schulungen trat der Familienvater als Leiter auf, infiltrierte die jungen Neonazis mit rechter Propaganda. Das Wohnhaus von ihm und seiner Frau Tanja in Fürth-Stadeln diente immer wieder als Knotenpunkt für die regionale Szene. Lieder- und Kameradschaftsabende wurden abgehalten, rechte Partys gefeiert. Im Hinterhaus des Anwesens zogen junge Neonazis in Wohngemeinschaften zusammen, ganz im Sinne von Fischers propagierten „National befreiten Zonen“.

Fischer (rechts) neben Thomas Wulff in Wunsiedel ©TM (Archiv)
Fischer (rechts) neben Thomas Wulff in Wunsiedel © Miller (Archiv)

Auch für die sogenannten „Anti- Antifa“-Strukturen war der gelernte Maler von Bedeutung. Fischer trat bei rechten Aufmärschen als Filmer von Gegendemonstranten auf. Die Fotos, die von Anti-Antifa-Aktivisten aufgenommen wurden, sind später  auf rechten Internetseiten hochgestellt worden, meist mit einer diffamierenden Hetze gegen die Betroffenen. Besonders in Fürth und Nürnberg kam es nach Veröffentlichung der Betroffenen zu körperlichen Übergriffen und Anschlägen. Seit 2007 wurden Häuser und Wohnungen von Antifaschisten systematisch mit rechten Parolen beschmiert, die Scheiben von Gewerkschaftseinrichtungen eingeschmissen, Autos zerstört und angezündet. Ende November 2011 häuften sich die Anschläge wieder, kurz zuvor war Fischer aus der Haft entlassen worden. Der 27-jährige war auch maßgeblich an den Aufmärschen in Gräfenberg beteiligt. In der oberfränkischen Gemeinde versuchten die Neonazis jahrelang ein revisionistisches „Heldengedenken“ am dortigen „Kriegerdenkmal“ abzuhalten, scheiterten aber an dem entschlossenen Widerstand der lokalen Antifaschisten.

Die Kontaktliste von Uwe Mundlos

Ungeklärt bleibt nach wie vor noch die Verbindung Fischers zur rechten Terrororganisation »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU), welche in Deutschland neun Menschen aus rassistischen Motiven tötete. Fischer war als Kontakt für Nürnberg im Telefon­buch des NSU-Terroristen Uwe Mundlos angegeben. Experten gehen davon aus, dass der NSU auf ein großes Netzwerk von Unterstützern zählen konnte. Dass in Nürnberg gleich drei der zehn Morde verübt wurden, lässt auf ein größeres Unterstützungsnetzwerk schließen. Am 4.November 2011 starben Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos in ihrem Wohnmobil in Eisenach. Wenige Tage später wurde eine Bekenner-DVD des NSU in den Briefkasten der Nürnberger Nachrichten geworfen. Laut dem damaligen Politik-Redakteur Herbert Fuehr war diese nicht frankiert. Sie muss also von einem „Helfer vor Ort“ eingeworfen worden sein.

Eine weitere Verbindung von Fischer zum NSU ist Mandy S., eine ehemalige Neonazistin.
Die als NSU-Unterstützerin verdächtigte Friseurin S. wohnte Mitte der neunziger Jahre und Anfang der 2000er Jahre in der Nähe von Nürnberg. Sie hatte Kontakt zu Fischer und seiner „Fränkischer Aktionsfront“ aufgenommen und nahm bei deren Schulungen teil. Im Jahr 1998 lernte S. die flüchtigen NSU-Terroristen Mundlos, Bönhardt und Zschäpe kennen und besorgte ihnen einen Unterschlupf. Im „Untergrund“ benutzte Zschäpe mehrere Tarnnamen, auch der von Mandy S. ist dabei gewesen.  Zschäpe nutzte auch einen fingierten Ausweis eines Tennisclubs mit Mandy S.‘ Daten. Der Club war nicht weit von Fischers damaligem Wohnhaus entfernt.

Norman Kempken (links) und Matthias Fischer (rechts) ©TM
Norman Kempken (links) und Matthias Fischer (rechts) © Miller

Die rechte Szene in Bayern ist trotzdem nicht kopflos

Nach Informationen, die dem Störungsmelder vorliegen, zieht Fischer nun samt Familie zurück nach Brandenburg, in die Nähe seiner Geburtsstadt Templin. Die bayerische Neonaziszene verliert nun einen ihrer wichtigsten Kader. Fischer war nicht nur führender Aktivist in sämtlichen Nazigruppen und Funktionär in rechten Parteien, sondern ist seit kurzem auch Geschäftsführer eines rechten Textilunternehmens.
Die rechte Szene in Bayern ist aber trotz Fischers Wegzug nicht kopflos. Neben Fischer zählt der Nürnberger Neonazi Norman Kempken zu den wichtigsten Aktivisten in Bayern. Er gilt als Anti-Antifa Hardliner und Chef im „Freien Netz Süd“ (FNS), welches nach einem drohenden Verbot mittlerweile in der Kleinstpartei „Der dritte Weg“ (DIIIW) aufgegangen ist. Auch der Oberfranke Tony Gentsch, der mit Fischer den Versandhandel „Final Resistance“ betreibt, gehört zu den einflussreichsten Akteuren im neonazistischen Spektrum.

In Brandenburg wird sich die Familie Fischer  jedenfalls wohl fühlen. Die neonazistische Szene gilt in der Mark als großes Problem.

Der Artikel wurde am 13.07.2014 um 16:41 Uhr aktualisiert.

4 Kommentare


  1. […] via störungsmelder: Die bayerische Neonaziszene verliert einen führenden Kopf […]


  2. […] Netzes Süd”  und der Neonazi-Partei “Der III. Weg” (DIIIW). Laut Störungsmelder zieht Fischer nun mit seiner Familie in die Nähe seiner Geburtstadt Templin […]


  3. […] Kreis betroffen, wird die Szene damit leben können, zumal Fischer Mittelfranken verlässt und nach Informationen des Blogs „Störungsmelder“ nach Brandenburg zieht. Belangt man dagegen die zweite Führungsebene und maßgebliche Aktivisten, also auch den […]


  4. […] beziehungsweise der FNS-nahe Rechtsterrorist Martin Wiese Reden hielten. Und der demnächst nach Brandenburg ziehende Fischer trat ebenso wie Gentsch zuletzt sogar fast ausschließlich als Redner im Namen der neuen […]