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Wie würden Sie aus Syrien flüchten?

 

Syrien_BBC_Online-Game

Mehr als neun Millionen Syrer haben ihre Heimat seit dem Beginn des Bürgerkriegs verlassen müssen – Sie und Ihre Familie sind unter ihnen. Sie haben Ihr Haus in Damaskus für 20.000 Dollar verkauft, für einen Bruchteil des tatsächlichen Wertes. Zurzeit befinden Sie sich im Libanon, doch Sie wollen nach Europa, wo Sie sich ein einigermaßen sorgenfreies Leben erhoffen. Auf dem Seeweg über Ägypten oder auf dem Landweg über die Türkei: Wie würden Sie sich nach Europa schmuggeln lassen?

Das ist das Szenario, das die BBC für dieses Online-Strategie-Spiel entworfen hat. Nehmen wir an, Sie haben sich für die Türkei entschieden. Dann haben Sie schon viel Geld für den Flug von Beirut nach Istanbul ausgegeben. Nach einer kostspieligen Woche in der türkischen Metropole treffen Sie einen Mann, der sich Abu Hassan nennt. Der Schmuggler würde Sie für 3.000 Dollar nach Griechenland bringen. Vertrauen Sie ihm, oder was würden Sie sonst tun?

Die BBC bringt uns das für viele sehr abstrakte Leid und die Gefahren für die Bevölkerung mit dem Spiel sehr viel näher – denn plötzlich sehen wir uns gezwungen, risikoreiche Entscheidungen bei der Flucht aus einem Land zu treffen, das seit Jahren von Kämpfen zerrüttet ist. Wie aus einer hoffnungsvollen Revolution ein barbarischer Krieg wurde, hat unsere Nahost-Korrespondentin Andrea Böhm hier aufgeschrieben.

Nachrichtliche Themen spielerisch aufzubereiten, das ist enorm aufwendig. Für diese Art der Gamification gibt es bislang wenige Beispiele, zum Beispiel dieses News-Game von Wired über die Ökonomie der somalischen Piraten und dieses Spiel der New York Times über die Handynutzung am Steuer.

Weitere Teilchen finden Sie hier.

19 Kommentare

  1.   Jared J. Myers

    Schade. Bin nur einen Spielzug weit gekommen, weil die dort gebotene „Alternative“ (Ägypten oder Istanbul per Flugzeug) falsch war. Wenn ich im Libanon festhänge, bleibt mir der Weg per Schiff nach Zypern – oder nach Iskenderun, wo viele syrische Freunde wohnen. Da bleibe ich entweder und suche mir Arbeit (wenn’s sein muss, „sans papiers“, und vielleicht in Antalya oder Alanya statt im Hatay).
    Wenn ich aus irgendeinem Grund nach Istanbul will, reise ich von Iskenderun aus per Fernbus. Ob ich dann überhaupt weiter will in die EU, ist situationsabhängig.
    (viele syrische Freunde und Kollegen sind übrigens gar nicht erst in den Libanon geflohen, sondern gleich nach Gaziantep oder Antakya und haben dort Arbeit gefunden).


  2. Dazu nur eines:

    Wäre in meinem Heimatland Bürgerkrieg, würde ich eine Waffe in die Hand nehmen und für meine Rechte kämpfen anstatt wegzurennen!

    Sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in meinem Staat schlecht? Dann krempel ich die Ärmel hoch und leiste meinen Beitrag dazu, dass es besser wird, und flüchte mich nicht in ein Land, in dem andere bereits die Arbeit geleistet haben, zu der ich zu faul bin!

  3.   Marmay

    @Homer743

    Schade, dass es nicht mehr so (selbst?) gerechte Menschen sie Sie auf der Welt gibt. (…) Die Welt könnte so schön einfach sein…

  4.   Mirdath

    @Homer743

    Da fühle ich mich doch gleich besser, da ich nun weiß, dass es wenigstens noch einen kernigen, hemdsärmeligen Mitbürger gibt, der sich im Extremfall der Entropie entgegenwirft. Ironie off.


  5. Schon die ersten beiden Kommentare zeigen, wie schwer erträglich es für viele Menschen in Deutschland zu sein scheint, sich der humanen Katastrophe in Syrien einfach mal als mitfühlender Mensch zu stellen. Statt Einfühlung kommt Abwehr: da wird irgendetwas konstruiert, um sich nicht in die Lage von Menschen versetzen zu müssen, die in Todesangst unterwegs sind. Wie weit sind wir als Gesellschaft gekommen, dass wir uns so hart machen müssen? Ich wünsche mir mehr christliches Abendland im Sinne der Bergpredigt. Ostern wäre eine Gelegenheit, mal im Neuen Testament nachzublättern. Und sich mal einen Moment lang zu fragen, zu was wir uns als Christen (auch wenn wir nicht an die Kirche glauben) moralisch verpflichtet haben – oder hört das Mitgefühl schon auf, wenn unsere Komfortzonen angekratzt werden?


  6. Na die bei der BBC müssen ja „lange Weile“ haben…

  7.   2A1ZA

    Das Problem ist doch, dass die größte Zahl der Asylbewerber in Deutschland eben keine Flüchtlinge aus Syrien (oder sonstwoher) sind, sondern Kleinkriminelle aus dem Kosovo und Mazedonien, junge Männer mit Hormon-Stau aus Tunesien und Ägypten, Glücksritter aus Nigeria und Ghana usw. … und die prägen eben das Bild, das die Bürger in Deutschland von Asylbewerbern haben.

  8.   Jared J. Myers

    @Homer743: Hätten Sie bspw. 2011 in Homs festgesessen, Sie wären weggerannt, wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten. Glauben Sie mir. Ihre Waffe hätte Ihnen in dem Mörserfeuer etwa so viel genutzt wie ein Zahnstocher.

    @grussausberlin: Voll daneben. Ich habe bis zum Bürgerkrieg in Syrien gelebt. Die gute Absicht beim bbc-Spiel erkenne ich durchaus, aber es isrt einfach schlecht gemacht und nur geeignet, Mitleid mit denen zu bekommen, die sich das ausgedacht haben. Sorry.

  9.   Daniel

    das Spiel regt auf jeden Fall zum Nachdenken und Diskutieren an, damit hat es seinen Zweck schon erfüllt.

  10.   sajuz

    Wow Homer743 aus Beitrag 2.

    Wie gut, dass es Sie gibt.

    Ich bin schon so gespannt, welchen Beitrag Sie zum Wohlstand unserer Nation geleistet haben.
    Sie sind sicherlich ein Spitzenforscher und haben uns mit wichtigen Erkenntnissen vorangebracht, während sie nebenher etliche Studierende unterrichtet und begleitet haben.
    Oder Sie sind ein Künstler, der clevere Werke in Deutscher Sprache hinterlässt, die unser Kultur nachhaltig voranbringen.
    Oder sie sind ein engagierter Diener Ihres Volkes: Vielleicht bekleiden Sie ein Amt, sind die ganze Zeit ehrenamtlich tätig, übernehmen Verantwortung als Funktionär einer Partei oder eines Verbandes?
    Nein, sie sind sicher ein Unternehmer, der ein existenzielles persönliches Risiko in Kauf genommen hat, um seine Idee zu einem erfolgreichen Produkt zu machen. Natürlich werden sie von ihren vielen Mitarbeitern respektiert, weil sie in Kompetenz, Fleiß und Verantwortungsbewusstsein locker in einer Reihe mit unseren größten Kaufleuten und Ingenieuren stehen können.

    Ich bin so gespannt, welchen Beitrag Sie geleistet haben.

    Bitte enttäuschen Sie mich nicht. Sonst muss ich weiterhin glauben:
    Die Leute, die auf andere herab blicken, haben am wenigsten beizutragen.
    Und die Leute, die am lautesten „Deutschland“ krakeelen, haben am wenigsten mit Deutschland zu tun.