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Doktor trotz Prüfungsangst

 

Schon die Vorstellung, einen Vortrag zu halten, lässt viele Menschen feuchte Hände bekommen. Das ist auch in Zeiten sozialer Distanz und Zoom-Meetings nicht anders. Ein Doktorand hat seinen Herzschlag vor, während und nach der Verteidigung seiner Doktorarbeit gemessen. Das Ergebnis: Ruhe zu bewahren ist trotz Anspannung möglich – und auch Freude sorgt für Herzrasen.

Dass sein Puls ausschlagen würde, hatte der Reddit-User doctor_who_17, der mit echtem Namen Ryan heißt, erwartet. Schon früh während des Studiums der Chemie musste er immer wieder mit Angstzuständen und Panikattacken kämpfen, berichtet er ZEIT ONLINE. Doch anstatt sich davon aufhalten zu lassen, hat er seine Prüfungsängste zum persönlichen Forschungsinhalt gemacht. In seinem zweiten Jahr an der Michigan State University begann er, bei relevanten Prüfungen seinen Herzschlag zu messen und die Ergebnisse anschließend auszuwerten.

Nach einem wichtigen Examen im Jahr 2018 veröffentlichte er dann zum ersten Mal ein Ergebnis auf Reddit.

Die Daten zeigten ihm, dass nicht unbedingt die Prüfung selbst das Problem ist, sondern die Situation zuvor. Denn sobald die Prüfung begonnen hat, "ist mein Selbstvertrauen gestärkt und ich fange an mich im Fluss des Redens zu beruhigen", berichtet er. So zumindest interpretiere er die gesammelten Daten.

Wie nervös er zwei Jahre später, trotz dieses Wissens, bereits 36 Stunden vor Beginn der Verteidigung war, zeigt ein Beitrag, den er auf der Plattform veröffentlicht hat.

"I am FREAKING OUT" (deutsch: "Ich drehe durch"), schreibt er. Angst vor unfairen Prüfern, schwierigen Fragen, technischen Schwierigkeiten oder einem Blackout beschäftigen Ryan. Ein Star-Wars-Marathon soll Abhilfe gegen die Nervosität schaffen – obwohl er in den vergangenen Jahren so viel über seine Ängste gelernt hatte, gerät er erneut in Panik.

Am Tag der Prüfung setzt er sich mit einer Smart Watch am Arm an den Computer und beantwortet die Fragen der Prüfer. Wie erwartet, schnellt sein Puls zu Beginn der Präsentation auf beinahe 170 hoch. Zum Vergleich: Der Ruhepuls eines gesunden, erwachsenen Menschen liegt bei etwa 70. Ein anderer Reddit-User, der eigenen Angaben zufolge in einer Notaufnahme arbeitet, kommentiert, normalerweise überschreite der Herzschlag auch in einer Panik- oder Stresssituation nicht die 130 bis 140 Schläge pro Minute.

"Das war's", ist in dem Moment sein einziger Gedanke, berichtet er rückblickend. "Mir wurde klar, eine lange Periode meines Lebens geht nun zu Ende. In einer Stunde werde ich Doktor sein."

Das seine Nervosität daraufhin abnimmt, zeigt die Grafik (ganz oben im Text) deutlich – und auch er merkt das. Auch wenn seine Nervosität nie ganz verschwindet, kann er sich immer weiter beruhigen und auf die Prüfung einlassen. Erst beim Champagner zur Feier der bestandenen Prüfung macht sein Herz wieder einen deutlichen Sprung.

In der Zeit nach der Prüfung, als er die Daten auswertet und die Grafik erstellt, hat Ryan aber noch ein weiteres Dokument ins Netz gestellt: ein Bild, aufgenommen in dem Moment, in dem er die Botschaft erhalten hat, den Doktortitel verdient zu haben – und damit seinem Namen doctor_who_17 endlich gerecht zu werden.

Weitere Netzfundstücke finden Sie hier.

 

11 Kommentare

  1. Avatar  Adrian Schleiden

    Die Frage ist, ob Prüfungsangst – gar lähmende – wirklich derart verbreitet ist. Ich kenne eher den Effekt, dass man in Prüfungssituationen zur Hochform aufläuft und Ressourcen und Wissen mobilisiert, von denen man selbst nicht geglaubt hätte, dass man über diese verfügt. Lampenfieber ist übrigens nicht viel anders.

  2. Avatar  Wirtschaftslehrer

    Das große Problem in unserem Bildungssystem ist ja, dass die Lehrenden sehr oft die Inhalte und Anforderungen nicht klar darstellen. Ob das jetzt pädagogische Unfähigkeit oder Bequemlichkeit ist, ist im Einzelfall schwer zu sagen. Stressauslösend ist es auf jeden Fall.

  3. Avatar  Thiswellwillneverrundry

    Habe das in meinem Biologiestudium auch erlebt. Bin dieses Sommersemester mit meinem Master fertig, zum Glück. Es war teilweise die Hölle: Dozenten, die Studenten einfach raus ekeln wollen, Klausuren mit lächerlich hartem Anspruch und völlig absurden Fragen – man lernt leider vieles NUR für die Klausur. Dozenten drehten durch, wenn die Durchfallquote nicht bei 50 % + lag, wie kann das sein? Dass die Studenten das bestehen usw. Es herrschte eine mehr als feindseelige Stimmung, grauenhaft.

    Das Bildungssystem muss dringend reformiert werden.

  4. Avatar  anet2015

    … Profi Schachspieler haben am Brett einen Plus von 150.
    Je nach Alter muss 170 nicht erhöht sein.
    Das Gehirn braucht nun mal am meisten Sauerstoff (damit auch Energie)
    … was soll das

  5. Avatar  Nennt mich Freiheit

    Zu #3:
    Das ist ja nicht nur im Bildungssystem so, diese Art als Prüfender den Prüfling möglichst unter Distress zu setzen und sich daran zu erfreuen, das gibt es fast überall.
    Zumeist sind das Menschen die selber in der Ausbildung nicht die hellste Kerze auf der Torte waren.
    Man muss sich doch als Prüfender überlegen was man mit der Ausbildung will. Was ist notwendiges theoretisches Wissen und was praktisches und dieses muss der Prüfling zumindest ausreichend „drauf“ haben.
    Alles darüber ist „Sadismus“. Ich war selber lange Prüfer und habe gesehen was meine Kollegen so angerichtet haben. Daher auch meine Einschätzung. Vielleicht ist sie ja auch falsch. Aber wenn ich mit anderen rede, dann…
    Aber nicht jeder Stress ist negativ. Gewisser zusätzlicher Stress kann auch zu Leistungen beitragen, die ein „ruhender“ Geist nicht bringen kann.
    Adrenalin kann sehr hilfreich sein.
    Aber der Stress darf nicht so hoch werden, dass er zur Erstarrung führt.
    Ein guter Prüfer kann das steuern.
    Ein erhöhter Herzschlag, aus der Comfortzone gerissen ist sehr oft notwendig.

  6. Avatar  Giseppa17

    Ich habe so einen Enkel, es hilft ihn in die Natur zu schicken vor Klausuren. Er hat seit der 3. Klasse Versagensangst obwohl ihn keiner drängt. Da ihm das Reiten gut tut aber in klassischen Ställen Hektik herrscht, haben wir ihn zu einem Westernreitausbilder geschickt. Jetzt verschwindet er stundenlang aber er steht ohne Bauchweh auf und schreibt gute bis sehr gute Arbeiten. Ich seh ihn noch vor mir beim Weihnachtstheater in der Grundschule, er sang den Text fehlerfrei und toll, nur die Mimik und die Körperhaltung waren reine Flucht. Therapeutisches Reiten hilft jedem in selbstauferlegtem Druck sehr. Bei Reitbeteiligungen hab ich auch feststellen können dass Reiten bei von außen zugefügtem und Druck von (Lehrern/Eltern) oft nicht hilft.

  7. Avatar  Frederik Caloudis

    Da kann ich meiner Vorgängerin nur Beipflichten. Aussagen durch Professoren das Frauen in technischen Fächern nichts zu suchen haben, werden von männlichen Studenten oft zur Seite geschoben um sich die Chancen nicht zu Verbauen.

    Okay reden wir über Schäden die durch fehlgeleitete Bildungsinitiativen entstanden sind, dabei darf nicht vergessen werden, das Bildung im wissenschaftlichen Sinne, erschreckend klar definiert ist. Der Kampfplatz Schule, wird immer mehr zum Stressthema in der Gesellschaft, kaum eine Branche die vergleichbar hohe Zahlen an psychischen Erkrankungen durch
    Überforderung und Burnout vorweisen kann, sowohl auf der Lehrer wie auch der Schülerseite.

    Es hat sich etabliert und durch die Politik legitimiert das ausgerechnet Stress durch Leistungsdruck ein wichtiges Selektionsraster bei weiterführenden Schulen und später im Studium sind. Sachverständnis gerät da schnell ins Abseits, es geht um Quote und Credit-Points.

    Es sind ganz andere Kriterien (gegen Bildungverständniss) die hier die Nadel des Kompass ausrichten, wie, die fehlende Akzeptanz ausländischer Strategien, das politische Instrumentalisieren von Reformen, das Vermeiden von Chancengleichheit, das desaströse Scheitern des Bologna-Prozesses, das Scheitern der Inklusion, die steigende Inakzeptanz der Pisa oder Hatti Studie, die Unfähigkeit Schulbücher in einer angemessenen Qualität zu liefern, die Ablehnung der digitalen Reform, die plötzliche Feststellung das 20000 Lehrer
    fehlen, die realitätsfernen Aussagen des Philologenverbandes, die Unterbindung einer gesellschftlichen Diskussion, die permanent ansteigende Hysterie in der Schulauswahl, die inakzeptable halbherzige Umsetzung von Integration, die Abwanderung von Schülern in Privatschulen, etc…

    Die Probleme sind Multifaktoriell und können nur durch Multiprofessionelle Teams gelöst werden, so wie es andere Länder auch schon erkannt haben. Eines ist sicher, die vom System ausgezeichneten, werden keinen Umsturz des Schulsystems verlangen. Die Friday for Future Initiative muss grundlegend in der Schule etabliert und für wirkliche Bildungsreformen die das ökologische Verhalten spiegeln installiert werden.

  8. Avatar  anet2015

    … PS
    vor Prüfungen T0 – 1 Woche bin ich 10 km pro Tag gelaufen
    … Ruhepuls 50-60 heißt zu 150 Leistungssteigerung + ca. 300%
    vor Prüfungen T0 – 1 Tag kein Fleisch …
    vor Prüfungen T0 -12 Stunden kein Zucker …
    aber:
    bei 75% der Prüfungen bin ich bis morgens in die Kneipe oder in den Club … reichlich Alkohol …
    … dann gibt es mit den Prüfern weniger Stress
    PS2:
    meine Freundin/innen macht/en immer ein paar Fehler. …
    „sonst meinen die ich habe die Fragen gekannt oder sei sowieso zu schlau …“

  9. Avatar  MS

    Die körperliche Angstreaktion lässt sich übrigens ausgezeichnet mit dem Betablocker Propranolol dämpfen. In der Schweiz bei Angststörungen zugelassen.

  10. Avatar  EineandereSicht

    Kann ich mir gut vorstellen. Ein sympathischer Mann. Herzlichen Glückwunsch zum Doktor.
    Vor der Mündlichen Prüfung im 1.Staatsexamen bin ich bald gestorben vor Angst.
    Als die eigentliche Prüfung dann los ging, war es ok. Und die mündliche Prüfung im 2. Examen war bei weitem nicht mehr so schlimm.
    Ich glaube, man macht sich selbst zu sehr verrückt. Ich habe vorher wahre Horrorgeschichten über den Prüfungsvorsitzenden gehört, der sich dann als absolut fair und verträglich erwiesen hat.

 

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