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Pflegekräfte in der Pandemie

„Nichts hätte mich darauf vorbereiten können“

 

Zu Beginn der Corona-Pandemie haben sich in einem Pflegeheim in Hessen mehr als zwei Dutzend Bewohnerinnen, Bewohner und Pflegekräfte mit dem Virus infiziert. Drei Menschen sind an der Erkrankung gestorben. Um das Erlebte zu verarbeiten, hat eine Krankenschwester ein Gedicht geschrieben.

Livia Warch wollte nur aushelfen, als sie zu Beginn der Corona-Pandemie in einem Wohnheim der Lebenshilfe Dillenburg e.V. einsprang. Ein Großteil des Personals des Wohnheims hatte sich in Quarantäne begeben, nachdem sich zehn Bewohner und 16 Pflegekräfte mit dem Coronavirus infiziert hatten.

Was sie in der Zeit erlebt hat, hat sie in dem Gedicht Zwischen uns Welten (und FFP2) zusammengefasst. Zunächst nur für sich selbst. Die ausgebildete Krankenschwester nimmt seit Jahren an Poetry-Slam-Veranstaltungen teil und hat daher Übung im Ausdruck mit Worten. Monate nach der Zeit im Wohnheim wollte sie dadurch ihre Gedanken und Gefühle sortieren, schreibt sie auf Facebook. Freunde ermutigten sie, ein Video aufzunehmen, um das Gedicht einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

"Nichts hätte mich darauf vorbereiten können", schreibt sie auf Facebook zu dem Videobeitrag. Sie meint damit die Einsamkeit und Angst, der sie im Wohnheim begegnete. Denn die Bewohnerinnen und Bewohner lebten teilweise wochenlang nur in ihren Zimmern, um Kontakte zu reduzieren – und weil das Personal knapp war.

Was schon unter gewöhnlichen Umständen eine Herausforderung bedeutet, wurde zu einer psychischen und körperlichen Belastungsprobe für Bewohner und Pflegekräfte. Die Pflege ist für Livia Warch ein sehr intimer Akt. "Im Grunde überschreiten wir dabei die ganze Zeit Grenzen", schreibt sie ZEIT ONLINE. "Die Pflegenden kommen den Menschen so nah wie sonst nur ihre engsten Vertrauten. Körperlich bei der Pflege und emotional beim Gespräch." Das dafür notwendige Vertrauen aufzubauen, dafür war die Zeit knapp. Auch die Hygieneregeln, Maske und nach Möglichkeit Abstand erschwerten die Arbeit.

Trotzdem hat sie dort Beziehungen aufbauen können. Besonders ein Bewohner, der in der Zeit verstorben ist, ließ Livia Warch nicht mehr los. Von ihm handelt ihr Gedicht. Vom Kennenlernen, den erschwerten Bedingungen durch Maske und Mangel an Zeit. Das Gedicht erzählt vom Kampf und der Angst und schließlich vom Tod. Aber es erzählt auch von einem Leben und einer respektvollen Beziehung.

"Es soll Menschen sichtbar und hörbar machen, die in einer ähnlichen Situation waren oder sind wie der Wohnheimbewohner, über den ich geschrieben habe", schreibt sie im Gespräch. "Die auf Schutz angewiesen sind und die meiste Zeit momentan in Isolation verbringen müssen." Aber es soll auch die Menschen sichtbar und hörbar machen, die sich um diese Menschen kümmern.

Tausende haben ihre Worte schon gehört. Auf YouTube schreibt eine Nutzerin: "Wunder wunderschön, rührend und einfach so wertschätzend, gutherzig, traurig. Du hast mich völlig mitgenommen und zu Tränen gerührt. Ich bin baff." Ein anderer Nutzer, nach eigener Aussage selbst im medizinischen Bereich tätig, schreibt: "Das bringt mich zurück an meinen ersten Covid 19 Patienten in der Notaufnahme. Es war mitte Februar 2020, es tut mir leid das wir nicht wussten wie wir mit dir Umgehen sollen, das wir dich nicht retten konnten. Du wolltest doch nur mit deinen großen Kindern schiefahren. RIP"

  • Mehr zum Coronavirus und den aktuellen Entwicklungen finden Sie auf unserer Themenseite.
  • Weitere Netzfundstücke gibt's im Teilchen-Blog.

 

6 Kommentare

  1.   Dillerjohann

    Jeden Tag dieses Erlebnis tausendfach, und es gibt keine wirklichen Antworten darauf ! Streitet um 15 Km, FFP 2 und geschlossene Schulen! Dabei sind diese Themen im Angesicht dieser Erlebnisse nicht im geringsten bewertbar! Das Leid und die persönliche Betroffenheit der Pflegenden, die den Weg bis zum Ende mitgehen kann nicht im Ansatz die Würdigung bekommen wie sie notwendig wäre. Ich finde es mehr als seltsam wie so viele darüber hinweggehen können , wissend selbst Opfer zu werden! Meinen größten Respekt verdienen die Jenigen, die in der Mitte des Feuers der Pandemie stehen! Ihne gilt meine Anteilnehme !

  2.   Against you

    Wenn uns etwas persönlich betrifft ja dann ist es schlimm. Wenn aber jedes Jahr Tausende an Hunger sterben, dass betrifft uns ja nicht.

    So gesehen hat die Pandemie etwas gutes, wir verstehen so langsam die Not der anderen und hinterfragen unseren Egoismus. Jedoch bei diesem Artikel zweifle ich noch dran, das mit dem Verstehen.

  3.   Janosch2

    Am liebsten würde ich kotzen

  4.   jsin65

    Danke, Livia Warch

  5.   Hans-Peter Blume

    Ohne den Text des Gedichtes fehlt dem Artikel die Grundlage. Beschäftigte im Gesundheitswesen machen wohl mehr oder weniger vergleichbare Erfahrungen, zuletzt auf dem Höhepunkt von Aids, als in großem Umfang junge Männer starben.
    Aids hat auch in der Literatur Niederschlag gefunden.

  6.   Percival

    Der Titel „Sie wollte nur helfen“ bedient mal wieder das Narrativ der sich aufopfernden und mitleidenden Krankenschwester, die sich mit einem „Danke“ als Lohn zufrieden gibt.
    Ich möchte kotzen.
    Wir sind auch in der Berichterstattung über Pflegeberufe und Professionalität und Fachexpertise, die mit der Ausübung dieser Berufe einhergeht, keinen Schritt weiter gekommen.

 

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