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Wer kaut, sollte in Deckung gehen

 
© photögraphy.com / photocase.de
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Vor einigen Tagen bereits hatte ich offenbart, dass Hunger mich hangry werden lässt. Vielen Lesern geht es ähnlich: Fehlt es an Nahrung, werden auch sie zu hungrig, um nett zu sein. Deshalb herzlichen Dank für Ihre Offenheit, schönes Gefühl, sich unter Gleich-Gestörten zu wissen.

Nun lege ich noch einen drauf: Misophonie, auch Selective Sound Sensitivity Syndrome genannt. Auf Slate habe ich darüber gelesen und festgestellt: Habe ich ebenfalls. Ich reagiere ziemlich wütend auf Alltagsgeräusche wie Kauen, Lippenschmatzen oder Niesen. Endlich hat auch diese Macke von mir einen Namen.

Die meisten stören die Geräusche nicht sonderlich. Für mich aber sind sie ein Trigger. Das Ergebnis ist blanke Wut. Ich muss beispielsweise während eines romantischen Dinners zu zweit zwingend Musik oder anderes Hintergrundrauschen hören. Regelmäßig nämlich bin ich kurz davor, meinem Freund den Rotwein ins Gesicht zu schleudern. Dabei kann er gar nichts dafür. Er weiß, dass ich intensive Kaugeräusche abartig, abstoßend, widerlich, wahrlich schauderhaft finde. Und doch scheint er jedes Stück extra stark, extra laut und extra lange zu kauen. Und wie er es dann auch noch hinunterschluckt! So als hätten seine Zähne sich die ewig ausdehnenden Minuten zuvor nicht schon wie ein Pflug durch das Rinderfilet gegraben.

Nachahmen als Überlebensstrategie

Es grollt dann in meinem Bauch, kribbelt auf meiner Haut. Ich möchte schreien und atme stattdessen tief durch. Denn ich weiß ja, dass ich völlig überreagiere und konzentriere mich wieder auf die Musik. Wie ich dank Slate-Autorin Megan Cartwright nun weiß, verlassen andere gar den Raum – kam bei mir auch schon vor – tragen Kopfhörer – weit unpassender als Hintergrundmusik – oder erzeugen die verhassten Geräusche selbst, um den Auslöser zu überlagern – habe ich schon versucht, hilft nicht, sondern verdirbt mir bloß den Appetit. Zumindest haben eben diese Dinge der Neurowissenschaftler Vilayanur Ramachandran und seine Kollegen in einer der wenigen Untersuchungen zu Misophonie herausgefunden. Erstmals beschrieben hatte das Phänomen das Neurowissenschaftler-Paar Jastreboff (Jastreboff & Jastreboff, 2003).

Kaum eine der wenigen Studien seit Entdeckung der Misophonie ist allerdings repräsentativ. Ihre Ergebnisse sind nicht zwingend auf die Allgemeinheit übertragbar. Doch sie zeigen: In den untersuchten Gruppen reagierten auffällig viele Leute übertrieben auf bestimmte Geräusche. 2013 schlugen der Psychiater Arjan Schröder und sein Team deshalb gar vor, Misophonie sollte als psychische Störung klassifiziert werden. Andere arbeiten an Therapien, auch weil es Menschen gibt, die wegen ihrer Wut auf Alltagsgeräusche nicht in die Schule oder ins Büro gehen können. Langjährige Beziehungen seien daran schon zerbrochen, berichten Probanden. So schlimm ist es bei uns zu Hause dann zum Glück doch nicht.

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178 Kommentare

  1.   Recep

    “Er weiß, dass ich intensive Kaugeräusche abartig, abstoßend, widerlich, wahrlich schauderhaft finde. Und doch scheint er jedes Stück extra stark, extra laut und extra lange zu kauen”.

    Ganz schlimm, wenn das ganze dann nocht mit (teilweise) geöffnetem Mund passiert. Aber wenn der Freund/Freundin/Frau/Mann isst wie ein Schwein, dann empfehle ich einen neun Partner mit Benehmen.

  2.   Alaric

    Jup, Sie sind nicht alleine. Lautes Essen (Kekse, Äpfel, Chips) in einem ruhigen Raum machen mich auch ziemlich aggressiv. Pfeifen/Summen oder laute Telefongespräche bringen mich auch schnell auf 180, und ich suche einfach die Weite und/oder dreh meine Musik hoch.
    Geheimtipp: Led Zeppelin und White Stripes können ziemlich alle Hintergrundgeräusche überlagern.


  3. Mich nervt ein Geräusch gewaltig, das andere wunderbar finden: Das Knistern von Kaminfeuer. Das kommt mir immer kitschig vor. Gibt es dafür auch einen Fachbegriff?


  4. Das ganze wird eigentlich medizinisch nicht unter Misophonie abgehandelt, sondern unter Hypersensibilität. Man schätzt, dass ca. 10 bis 20% der Bevölkerung gegenüber mindestens einem Sinnesreiz eine Hypersensibilität ausweisen. Teilweise steigert sich das im Alter, teilweise nimmt es mit nachlassender Reizempfindlichkeit auch wieder ab. Ursachen sind noch sehr weitestgehend unklar.

  5.   PseudoChris

    Gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Mich macht es regelrecht wütend, wenn jemand in meiner Umgebung lautstark kaut. Mein Kollege, der mir gegenüber sitzt und jeden Tag drei Äpfel (fr)isst, weiß gar nicht wie dicht am Abgrund er balanciert …

  6.   Nicolas

    Oh Gott!!! Ich bin nicht alleine mit diesem Problem! Ich könnte auch durchdrehen wenn jemand in meiner Hörweite kaut! Egal was, ich werde aggressiv! Kauen ist schon schlimm, Schmatzen geht gar nicht!!!
    Endlich hat das Kind einen Namen und ich weiß, dass ich nicht alleine mit dieser Macke bin! :-)
    Danke!

  7.   sqrt

    Wenn der Arbeitskollege einen jeden Mausklick und Ereignis auf dem eigenen Bildschirm halblaut kommentiert, und auch sonst gerne jede erdenkliche Gelegenheit zu einem Schwätzchen förmlich sucht, es sei denn, er selbst hat zu tun, …. der weiß gar nicht, wie dicht am Abgrund er balanciert …


  8. Besonders scheußlich ist es, wenn jemand etwas isst, das in Papier eingewickelt ist (Döner) oder in Papiertüten steckt (Gebäck) – das dann noch kombiniert mit schnaufendem Kauen, und ich fliehe entweder, bin kurz davor, eine Straftat zu begehen, oder kann meinen Magengeschwüren beim Wachsen zuschauen.

  9.   sqrt

    @ 6, Nicolas

    Und jetzt stellen Sie sich das vor, wenn dazu noch die Nahrung meistens aus deftig riechenden Fleischprodukten besteht, und – nein, noch ist es nicht zu Ende – das Ganze von diversen, teilweise spontanen (…) Verdauungsgeräuschen begleitet wird.

    Leider ist auch das nicht alles, aber den Rest erspare ich Ihnen.


  10. Ich sehe in solchen überempfindlichen Regungen eher einen Auswuchs des uns umgebenden Perfektionswahns, den wir uns leider nur allzu oft zu eigen machen. Je mehr wir aber versuchen, perfekt zu “funktionieren”, desto mehr nerven uns an und für sich harmlose Alltagserscheinungen, die uns zeigen, dass die Welt eben wild und unordentlich ist.

    Achtsamkeistübungen und Meditation können da helfen. Sogar ein Jobwechsel. Was gar nicht hilft: Zu versuchen, den irritierenden Reizen aus dem Weg zu gehen. Da das eigentliche Problem der sich aufbauenden innerpsychische Druck ist, steigt in diesem Fall einfach die Überempfindlichkeit — bis man alleine zu Hause sitzt und nur noch die Wände anstarrt. Das kann aber nicht die Lösung sein.