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Moranbong, eine Girlband mit Propaganda-Auftrag

 
Moranbong, die Girlband aus Nordkorea
Die Girlband Moranbong Band bei einem Auftritt in Pjöngjang © Kyodo/dpa

Unheimlicher noch als die Verbrechen totalitärer Staaten ist uns ihre Vorstellung von Kunst: Schon der antike Philosoph Platon hebt in seiner Politeia die Bedeutung der Musik für die Erziehung der verschiedenen Bürgerklassen hervor und legt fest, wer welche Tonarten zu Ohren bekommt. Auch aus dem nationalsozialistischen Deutschland und der früheren Sowjetunion ist das Schema bekannt: Froh und heiter wird die Stärke der Armee besungen, bedenklich dünne junge Frauen jauchzen dem politischen Führer zu. All das hat auch Nordkoreas Girlband Moranbong zu bieten, die Diktator Kim Jong Un nun auf Tournee ins Nachbarland China schickt.

Ab Samstag soll die Gruppe drei Tage lang in Peking auftreten, teilte die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua mit. Die Massen für das politische System zu begeistern, ist die Kernaufgabe der meisten staatlich geförderten Künstler. Doch diese unheimliche Variante des sogenannten K-Pop macht keinen Hehl aus ihrem Auftrag: "Lasst uns unseren Obersten Befehlshaber mit Waffen unterstützen" heißt einer ihrer Titel, ein anderer "Unser geliebter Führer".

Musikalisch sind die Lieder eine Mischung aus Achtziger-Jahre-Pop mit E-Gitarren, Geigen, Keyboards und virtuosem Operngesang. Da wirkt es fast schon harmlos, wenn die Gruppe in Paillettenkleidchen "Lasst uns lernen", die Variation einer Lenin-Parole, oder die Titelmelodie zum Film "Rocky" zum Besten gibt. Dazu stemmen sie kraftvoll die schmalen Arme in die Luft oder machen in Showgirl-Manier ein paar Tanzschritte.

Im Hintergrund rollen häufig Panzer über die Leinwand, die Musikerinnen tragen entweder Kostüme oder Uniformen. Ihr Haar ist kurz geschnitten, die Röcke enden kurz über dem Knie. Fürs nordkoreanische Stilgefühl ist das ganz schön provokant und sexy, wenn man Augenzeugen wie der rumänischen Fotografin Mihaela Noroc glauben darf, die die Mode des kommunistischen Regimes porträtiert hat. Sie versichert: "Man hört überall ihre Lieder und jeder kennt die Songtexte. Ich habe auch eine marschierende Militärtruppe gesehen, wie sie eines ihrer Lieder sang."

Nach Medienberichten wurde Moranbong 2012 von Kim Jong Un gegründet und ist seitdem immer wieder vor dem Diktator aufgetreten. Sonst ist wenig über die Girlband bekannt: Unklar ist etwa, aus wie vielen Mitgliedern die Gruppe eigentlich besteht: Sind auf den meisten Videoaufnahmen vier oder fünf Sängerinnen zu sehen, besteht die Delegation des Freundschaftsbesuchs in China nur aus drei Musikerinnen.

Nachdem die Gruppe einmal sechs Monate lang nicht mehr aufgetreten war, argwöhnten Beobachter schon über ihr Schicksal in dem Terrorstaat, der häufig in Ungnade gefallene Prominente hinrichten lässt. Auch über die Familien und den persönlichen Werdegang der Musikerinnen weiß man wenig (lies: nichts). Wer sich die Videos genau ansieht, mag gar Zweifel daran bekommen, ob auch nur eine der Damen tatsächlich ein Instrument beherrscht:

Falls die Musikerinnen ihre Lieder tatsächlich live und selbst singen, sind ihre stimmlichen Fähigkeiten beeindruckend. Auf der Reise nach China wird Moranbong vom nordkoreanischen Armeechor der Männer begleitet. Sie soll die freundschaftlichen Beziehungen zur Volksrepublik wieder glätten, die Kim Jong Un zuletzt durch Provokationen wie die Abwesenheit von einer Militärparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai (in kommunistischen Staaten als "Siegestag" gefeiert) strapaziert hatte. In den nordkoreanischen Staatsmedien heißt es stets, der Herrscher Kim Jong Un sei ein großer Fan der Gruppe. Kürzlich holte er sich gar musikalische Inspiration ins Land: Im Hochsommer hatte die Konzept-Band Laibach, die in ihren Auftritten mit den Symbolen totalitärer Regimes spielt, in Nordkorea ein Konzert gegeben.

Wem das alles absurd und "bei uns" undenkbar erscheint, der möge sich an dieses Kinderlied für Jungpioniere aus der DDR erinnern. Viele Menschen in der Bundesrepublik Deutschland dürften es heute noch auswendig mitsingen können.

12 Kommentare

  1.   reineke

    geht Generalstabsmässig ab die Show,mit einem Touch von ABBA
    musikalisch durchaus hörenswert

  2.   Roland

    Sg Frau Steinlein, die „Lenin-Parole“ heißt natürlich nicht „Lasst uns lernen“ – sondern der entsprechende Artikel hieß: „“Sei klug und lerne nachzudenken“.
    Zum Auftritt in Peking werden natürlich hochbegabte musikalische Profis geschickt.
    Im September 2014 konnte ich in Pyongyang zwei Musik-Aufführungen beiwohnen, (allerdings nicht Moranbong), und ein bestechendes musikalisches Niveau bewundern.
    ps. Die Band-Leaderin, die nach Pressegerüchten umgebracht worden sein soll, ist in Peking übrigens mit dabei. Das meldet heute sogar die südkoreanische Yonap.

  3.   abhängiger Experte

    Nordkorea wurde von den USA in Trümmer gelegt,die Trümmer wurden dann nochmal zu Staub bombardiert,Millionen Tote,das Land wird seit über 60 Jahren völkerrechtswidrig geteilt,und Frau Steinlein fällt dazu nix besseres ein,als uns mittzuteilen,dass das ein Terrorstaat sei und zu fragen,ob dieser Staat kulturell auch schon bis auf Milli Vanilli Niveau abgewirtschaftet hat.

  4. Eva Steinlein  Eva Steinlein

    Sg Herr Roland, der von der Gruppe gespielte Titel heißt tatsächlich „Lasst uns lernen“. Meine Anspielung bezog sich auf die in der russischsprachigen Welt geläufigen Worte Lenins „Учиться, учиться и учиться“ (siehe http://uaio.ru/vil/04.htm#s269).
    Inzwischen habe ich die missverständliche Formulierung entsprechend angepasst.

  5.   Roland

    Danke Frau Steinlein.
    Von dem Song „Let´s learn“ oder „let´s study“der Moranbong Band gibt es eine youtube-Version mit deutschen Untertiteln.
    Wenn ich mich richtig entsinne, war der Tenor, die Schüler sollten für sich selbst und die Entwicklung ihres Landes lernen.
    ps
    Hoffen wir, dass die aktuellen Verhandlungen in Kaesong zu Ergebnissen führen. Ich hatte den Eindruck in Pyongyang, dass einerseits das Interesse an der Welt „draußen“ riesig, andererseits der Nationalstolz und die Abgrenzung gegen USA/Südkorea mindestens so groß war

  6.   izquierd

    „Fürs nordkoreanische Stilgefühl ist das ganz schön provokant und sexy, wenn man Augenzeugen wie der rumänischen Fotografin Mihaela Noroc glauben darf, die die Mode des kommunistischen Regimes porträtiert hat.“

    Nein, Nordkorea ist kein kommunistischer Staat!!!
    Warum wird das immer geschrieben?! Nordkorea ist nicht einmal dem eigenen Selbstverständnis nach ein kommunistischer Staat, geschweige denn hat es irgendetwas mit Kommunismus zu tun, was da in Nordkorea abläuft. Ein Blick in die Wikipedia hätte hier schon gereicht.
    Propagandistische Tendenzen oder totale Unwissenheit?
    So hartnäckig wie dies auf ZON trotz regelmäßiger korrigierender Anmerkungen in den Leserforen behauptet wird, tippe ich auf mal Propaganda oder aber auf eine komplette ideologische Verblendung der Autoren!

  7.   bossel

    „bedenklich dünne junge Frauen jauchzen dem politischen Führer zu“
    Hmm, kann eigentlich nur jemand geschrieben haben, der nicht viel über Ostasien weiß. Die Mädels dieser Band sind von den Bildern zu schließen jedenfalls nicht sonderlich dünn, sondern für Ostasiatinnen im normalen Bereich, einige scheinen sogar zumindest eher dickliche Beine zu haben. Wenn man natürlich nur die deutschen Massen -äh- Maße gewöhnt ist, …

    @ #6
    „Nordkorea ist kein kommunistischer Staat!!!“
    Sie wissen schon, daß ein Übermaß an Ausrufezeichen auf geistige Umnachtung hindeutet? Sei es, wie es ist, die Juche-Ideologie scheint doch ziemlich deutlich auf dem Kommunismus zu basieren. Da dieser aber auf Korea fokussiert ist, können wir’s wohl auch Nationalkommunismus nennen. Wenn Ihnen das nicht paßt, wie wär’s mit Nationalsozialismus? Einfach nur Diktatur tät’s wahrscheinlich auch.

  8.   Horst

    „Wer sich die Videos genau ansieht, mag gar Zweifel daran bekommen, ob auch nur eine der Damen tatsächlich ein Instrument beherrscht:“

    Das mag ja alles lustig sein und lächerlich wirken, diesen Satz kann ich aber irgendwie nicht nachvollziehen. Bei einer kurzen Stichprobe einiger Videos habe ich tatsächlich das Gefühl, dass die jungen Damen ihre Instrumente beherrschen – mag es sich um Playback handeln oder nicht.

  9.   ithox

    „Wer sich die Videos genau ansieht, mag gar Zweifel daran bekommen, ob auch nur eine der Damen tatsächlich ein Instrument beherrscht“
    Das kann ich auch nicht ganz nachvollziehen.
    Wenn man sich die Geigenspielerinnen anschaut, hat man eher den Eindruck, dass die sehr gut spielen.
    Nord Korea ist eine schrecklich Diktatur, mit Konzentrationslagern, sie hat aber Musik schulen, wo Kinder von kleine an getrimmt werden. Das Betrifft auch die Sportschulen usw.
    Es gibt einige Dokumentarfilme dazu.
    Ich stimme auch dem andren Kommentar zu, die Sängerinnen sind dünn, das ist aber nicht so ungewöhnlich im asiatischem Raum, zumindest in China oder Korea. Das trifft nicht unbedingt auf Frauen aus Indonesien oder Malesien zu.

  10.   Roland

    Wenn unterstellt wird, dass dünne Frauen nur so tun (müssen), als ob sie Instrumente beherrschen, haben wir doch gleich das „liebevoll“ gepflegte Bild von Hunger und „Truman Show“ vor uns.
    Offen gestanden, weiß auch ich nicht, wie Nordkorea wirklich „tickt“ – obwohl ich Pyongyang und den Südwesten des Landes bereist habe.
    Nur eines schwant mir doch:
    Das Medien-Bild hierzulande ist reine „Phantasy“ – ein literarisches Kunstprodukt.