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Alles, nur kein Kugelmensch

 

Dicke Menschen sind faul. Dicke Menschen ernähren sich ungesund. Dicke Menschen können vom Essen kaum ablassen. Und das einzig Inspirierende an dicken Menschen ist, wenn sie etwas an sich ändern, also: abnehmen möchten. All diese Vorurteile hat die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt in ihren neuen Edeka-Werbespot zu pressen vermocht, der am vergangenen Dienstag online ging: In aufwendig produzierten Bildern sehen wir die verschneite Tristesse einer Welt von adipösen, oder vielmehr: mit Fatsuits ausgestatteten Kugelmenschen, die sich tagein, tagaus vom gleichen, grünlich-grauen Einheitsbrei ernähren.

Neidisch betrachtet ein Kugeljunge einen Vogel: Auch er würde gern fliegen können. Kann er aber nicht, er ist zu schwergewichtig für die Luftballons, klar. Also tut er es dem Vogel gleich und tauscht das Breichen durch gesunde Beeren aus – um im Anschluss nicht nur abzunehmen, sondern auch abzuheben. Neidisch blicken die Kugelmenschen von unten hinauf. "Iss wie der, der du sein willst", lautet die Conclusio.

Auf die viralen Kampagnen #supergeil und #heimkommen lässt Edeka nun also #issso folgen. Eatkarus lautet der Name des dazugehörigen Spots, ein zweifelhafter Wortwitz in Anlehnung an den Mythos des Ikarus. Doch in zahlreichen Blogs und Tweets formiert sich nun Widerstand: Sind manche der Meinung, es handle sich lediglich um einen Aufruf zu gesunder Ernährung, werfen viele dem Spot Fatshaming vor, die Diskriminierung übergewichtiger Menschen.

Kritiker des Spots rufen inzwischen gar zu einer kollektiven Beschwerde auf: Via Facebook, Fax und Telefon soll der Unmut an Edeka und Jung von Matt herangetragen werden. Zudem wird zu einer Beschwerde beim Werberat angeregt, der zuletzt zwei Unternehmen aufgrund frauenfeindlicher Werbung öffentlich kritisierte.

Edeka weist die Kritik zurück: Eine Diskriminierung von Übergewichtigen sei nicht beabsichtigt. Mittels einer "gewissen Überzeichnung" sei es das Ziel des Spots, ein "Bewusstsein für gesunde und bewusste Ernährung zu schärfen", schreibt das Unternehmen auf Facebook. Darauf, dass diese Überzeichnung auf Kosten von, kicher kicher, adipösen Menschen geht, die im Spot als irgendetwas zwischen belächelns- und bemitleidenswert charakterisiert sind, geht der Konzern nicht ein:

Was dabei ganz in Vergessenheit gerät: In der griechischen Mythologie stürzt Ikarus letztendlich ab. Er kommt der Sonne so nahe, dass ihre Wärme das Wachs seiner Flügel schmilzt – eine Erzählung, die gemeinhin als Sinnbild für Übermut herangezogen wird. Vielleicht ist auch Edeka dieses Mal, nun ja: zu weit geflogen.

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84 Kommentare

  1.   sibsam

    Als wäre der shitstorm nicht geplant gewesen;
    Jung von Matt haben super Arbeit geleistet

  2.   Dodge this

    Der Suppenkasper soll demnächst aus dem Struwwelpeter verbannt werden. Es gab massive Kritik wegen Slimshamings.

  3.   Andon

    Es ist an der Zeit, dass die Menschheit bewusster isst und vor allem weniger Lebensmittel wegschmeißt.
    Den Werbespot finde ich gut, vielleicht auch deshalb, weil ich mich nicht mit Mac Doof u.Ä. ernähre und seit 35 Jahren das selbe Gewicht habe.
    Man ist was man isst !
    Weiter so EDEKA !

  4.   Lloretta

    Übergewichtige sollen bei Edeka nur noch Beeren kaufen. Das ist die Botschaft. Ich warte auf Parteien- Brot. Edeka soll uns nicht nur sagen, wie wir essen, auch wie wir wählen müssen.

  5.   BlackDread

    Ich habe von dem Spot nur mitbekommen, weil hier ein sich echauffierender Kommentar auf Zeit steht… Die Leute die sich darüber aufregen helfen doch nur, aus einem schlechten Werbespot einen „viralen Spot“ zu machen…

  6.   aadam

    Also, von den adipösen Menschen, die ich kenne oder kannte, und das waren und sind schon einige, trifft dieses „Dicke Menschen ernähren sich ungesund. Dicke Menschen können vom Essen kaum ablassen.“ schon irgendwie zu, auch wenn es peinlich und zum schämen ist.

  7.   Berliner_in_Dresden

    Die Leute im Spot sind nicht dick oder fat – sie sind rund.
    Gibt es auf der Welt nichts mehr, dass nicht sofort überprüft werden müsste, ob es eine Auslegung gibt die nicht PC ist…???
    Das erinnert an die „altrömische Dekadenz“… wir haben eben keine wirklichen Probleme mehr…

  8.   talktome

    Gibt es eigentlich irgend eine Behörde oder so, die Wörter wie „Fatshaming “ erfindet?

    Wie auch immer… mir sagt der Spot nur „Wenn Du einen großen Wunsch hast, und wenn Du dazu noch eine Idee hast, wie Du ihn erfüllen kannst, dann setzt alles dran, dass Du ans Ziel kommst.“

  9.   wenig brutal

    Alle duerfen traeumen, auch dicke Menschen.

    Bestes Marketing, imo,

    ich bin Dick ich fuehl mich wohl und find den spot excellent, unterhaltsam und motiverend gesuender zu essen/sich zu ernaehren.

    Ganz besonders die Szene nicht am Arbeitsplatz sich zwischendurch Muell reinzuschmeissen; eine wirklich elende dick- und krankmachende gesellschaftliche Entwicklung. Ein Arbeit-/Jobgeber schaming wuerde ich mir hier wuenschen.

    Eine Beleidigung unattraktiver, fauler, fetter oder/und bewegungsarmer Menschen kann ich in dieser Werbung nicht erkennen.

  10.   six.022141023

    Mir geht dieses partikularistische Geseiere der Fettaktivisten von der „Diätindustrie“ und die Verquickung von Fettaktivismus mit zum Beispiel Kapitalismuskritik sowas von auf den Keks. Die Diätindustrie ist genau die selbe Lebensmittelindustrie, die uns mit Nährschleim übersättigt und deshalb für die Obesitasepidemie verantwortlich ist. Und diese Lebensmittelindustrie versucht natürlich auch aus der Gegenbewegung, einer Bewegung die eigentlich auf der grundsätzlichen Reduzierung des (Lebensmittel-)Konsums basiert, sekundär Kapital zu schlagen. Wenn nun jedoch die Fettaktivisten über die Diätindustrie jammern, aber nicht zum Konsumverzicht aufrufen und Übergewicht gar für schön erklären, stärken sie nur wieder die primäre Einnahmequelle der Lebensmittelindustrie gegenüber der sekundären.