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Der Wettkampf um die höchsten Töne

 
Der Wettkampf um die hohen Töne
Die Sopranistin Audrey Luna als Leticia Maynar in der Oper "Der Würgeengel" – allerdings nicht in New York, sondern bei den Salzburger Festspielen. © Ernst Wukits/imago

Nicht nur im Sport, nein, auch in der Klassikwelt gibt es eine stille Sehnsucht nach Rekorden. Jüngstes Beispiel ist eine Performance der Sopranistin Audrey Luna an der Metropolitan Opera in New York. Das erste Mal in der Geschichte des Hauses ist es der Amerikanerin gelungen, in einer Arie des Werks "Der Würgeengel" von Thomas Adès das hohe A zu singen.

Die New Yorker Tageszeitungen überschlagen sich seitdem mit Lobeshymnen: So etwas habe es an der Met noch nie gegeben. Hohe Cs: ja. Hohe Ds und Es: alles schon vorgekommen. Auch hohe Fs und Gs haben die New Yorker schon gehört. "Aber ein hohes A, das Ergebnis genetischer Disposition, rigoroser Übung und psychologischer Disziplin? Das ist neu, das ist monumental", schrieb der Journalist Zachary Woolfe in schriller Begeisterung in der New York Times. (Dort können Sie Luna in einem Video auch singen hören.)

Doch wer genau hinschaut, stellt fest, dass es sich nur um einen hausinternen und nicht um einen musikhistorischen Rekord handelt. Mariah Carey beispielsweise ist nicht nur fähig, Songs in einem Spektrum von fünf Oktaven zu singen. Sie hat es auch geschafft, das hohe Fis anzustimmen – also fast eine ganze Oktave über Audrey Lunas Met-Rekord zu liegen. Und das zu mehreren Gelegenheiten.

Ohnehin ist in der Opernwelt der Wirbel um die hohen Töne umstritten. Nicht "dass" sie erreicht werden, ist die entscheidende Frage, sondern das Wie – also die Frage nach ihrer Qualität. Bei den hohen Tönen handelt es sich um Stimmreflexe des Pfeifregisters. Es ist das höchste Register der menschlichen Stimme und betrifft Töne ab dem hohen C, also ab einer Tonfrequenz von 1.046,50 Hertz. Nur sehr wenige Menschen können in diesem Register singen.

Das Phänomen ist wenig erforscht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich bei Pfeifregister-Tönen die Stimmlippen maximal anspannen und bis auf eine kleine Restöffnung geschlossen sind. Die Stimmbänder schwingen kaum, der Ton wird ähnlich wie beim Pfeifen mit dem Mund durch Luftwirbel hervorgerufen. Daher ist es so schwierig, die Töne in hoher Qualität zu produzieren – was begründet, warum etwa die Arie der Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte als höchste Qualitätsprobe einer Sopranistin gilt. Die höchsten Töne in dieser Arie reichen vom hohen C bis zum hohen F. Sie sind schwer erreichbar und eine besondere Herausforderung für jede Sängerin.

Doch auch hier scheiden sich die Geister: Geht es wirklich um Höhe? Oder vielleicht eher um Koloratur und musikalische Farbe? Musik ist am Ende vielleicht ja doch kein Sport, sondern Reflexionsraum des Gefühls, Sprache des inneren Seelenlebens. Wenn man sich das Guinessbuch der Rekorde anschaut, fällt nicht zufällig auf, dass ausgerechnet ein Mann den Rekord im Singen der höchsten Töne hält: Gemeint ist der Australier Adam Lopez. Er kann bis zum fünfgestrichenen Cis singen. Der Ton liegt einen Halbton über dem höchsten Ton eines Klaviers und hat eine Frequenz von 4.435 Hertz.

Der Tenor Adam Lopez beherrscht die hohen Töne wie kein Zweiter. Das macht ihn aber trotzdem zu keinem überragenden Sänger. Eine Tatsache, die irgendwie beruhigend wirkt.

Weitere Netzfundstücke gibt's im Teilchen-Blog.

22 Kommentare

  1.   Treverer

    also für meinen sohn (3,5jahre) bisher kein problem. im gegenteil… :-(

  2.   SchartinMulz

    Eins vorweg: Warum haben eigentlich manche Kommentarseiten keine „Antworten“-Funktion? Das macht es hier ziemlich unübersichtlich.

    Zum Thema:
    Ich möchte mich der Kritik von Sopran zumindest teilweise anschließen . Auch wenn sich der Beitrag an Laien wendet, ist die Bezeichnung als „hohes“ „a“ bzw. „fis“ ziemlich sinnfrei. Selbst der musikalisch nur rudimentär gebildete Leser weiß vielleicht, dass ein „a“ höher ist als ein „fis“, wodurch ein „hohes a“ eigentlich über dem „hohen fis“ liegen müsste.
    Die Bezeichnung aller dieser Töne als „hoch“, egal in welcher Oktave sie sich befinden, sagt dann in deisem Zusammenhang irgendwie gar nichts aus, woran man sich orientieren könnte.

  3.   Occam

    Falsett oder False Friend?
    Im Teilchen Blog werden ja Netzfundstücke vorgestellt, so wie hier der Artikel aus der New York Times. Bei der Übersetzung ging dann wohl was durcheinander, was zur Verwirrung der Nomenklatur führt (was ist ein „high A“). Andererseits wird dann aus dem Text mit den Frequenzangaben für mich als Laien klar, dass mit hohem C das c3 bei 1046,5 Hz gemeint ist. Wenn dann vom Fis, das über dem hohen A liegt, die Rede ist, kann doch wohl nur das fis4 bei 2960Hz gemeint sein.
    Dass die Aussage von Adam Lopez aus dem Video „highest note sung by a man“ interpretiert wurde als höchster von einem Menschen gesungenen Ton im Gegensatz zu höchstem von einem Mann gesungenen Ton verdeutlicht die Probleme, die aus der babylonischen Verwirrung entspringen ebenfalls. Laut Guiness Buch wird der Rekord für den höchsten „gesungenen“ Ton ja anscheinend, wie schon von den Vorpostern erwähnt, von Georgia Brown für ein g10 bei gut 25kHz gehalten.

  4.   Felicite

    Wenn man die Höhe von Menschen produzierter Töne vergleicht (Mariah Carey vs. Opernsängerinnen), macht es einen Unterschied, ob Töne per Mikro verstärkt werden oder ob Töne auf der Bühne ohne elektrotechnische Unterstützung (während auch noch ein Orchester spielt) gesungen werden – Töne, die noch in der hintersten Sitzreihe gut gehört werden sollen. Von Tonschönheit, Tonfärbung und Ausdrucksfähigkeit, wie bereits angesprochen, ganz zu schweigen. Wenn es darum geht, „Fiepstöne“ zu produzieren, die man von der Bühne herab nicht mal in der ersten Reihe hören würde, dann ist das schlichtweg ein vollkommen anderer Maßstab. Wer die zweite Arie der Königin mit ihren f“‘ auf der Bühne singen kann, kann im Rahmen von Stimmübungen natürlich auch höhere Töne singen – und noch sehr viel höhere Töne „fiepsen“.

  5.   ruepel_0815

    … natürlich meinte ich „ein typographisches Problem“, nicht ein „typographes“! Nukular! Nukular! Nukular!

  6.   ruepel_0815

    Tja, der Kommentar von Jazzer sagt viel Wahres, wenn ich mich auch nicht in jedem Punkt mit ihm einverstanden erklären kann. Auch gerade wegen „Jazzer“s Kommentar bin ich der Meinung, dass Sie es sich mit den Vereinfachungen nicht zu einfach machen sollten.
    Mit Ausnahme einer Stelle im Text bezeichnen Sie all diese Spitzentöne als DAS hohe X oder Y, um mal in Ihrem Sinn neutrale Tonnamen zu verwenden. Logisch weitergedacht, läge „das hohe Fis“, wie Sie es bezeichnen, genau zwischen dem hohen G und dem hohen F, die Sie ein paar Zeilen vorher als von den New Yorkern schon gehört, kundtun. Dass aber das fis““ nicht zwischen dem f“‘ und g“‘ liegt, geht durch Ihre nett gemeinte Vereinfachung für unbedarfte Leser zunächst unter und trägt somit nicht zur Klarstellung des eigentlichen Sachverhalts bei. „Hoch“ scheint eben erstmal doch irgendwie gleich „hoch“ zu sein.
    Um „Jazzer“ mit hineinzuziehen: „Schließlich handelt es sich hier um einen Blog-Eintrag und nicht um einen Artikel einer Fachzeitschrift.“ Deshalb gefällt mir der Kommentar von „Jazzer“ nicht: Weshalb sollte ein Blog-Beitrag nicht das gleiche qualitative Niveau haben dürfen, wie ein Artikel einer Fachzeitschrift?
    Ich sehe allerdings ein typographes Problem, das „Sopran“ ebenfalls bemängelte: Hochgestellte Zahlen sind in Blogs vermutlich nur mit Hilfe eines mir unbekannten Tricks zu erzeugen, so dass die sehr unbequeme Lesart cis““‘ dem Leser zwangsweise aufgebürdet werden muss. Der Unterschied zwischen cis““‘ und cis““ ist vielleicht nur mit einer Bildschirmlupe festzustellen, das gebe ich unumwunden zu, aber dennoch bin ich davon überzeugt, dass unbedarfte Leser sehr wohl wissen, welcher der beiden Töne der höhere ist.

    Hier ist der Link zum ultimativen hohen C: https://www.hohesc.de/hoch2

  7. Tomasz Kurianowicz  Tomasz Kurianowicz

    @ruepel_0815 – haben Sie denn auch den Kommentar von „Jazzer“ gelesen? Ich finde, dass ihr Kreisler-Motto ein wenig weit hergeholt ist. Ich sage ja nicht, dass hoch gleich hoch ist… oder?

  8.   ruepel_0815

    Ich halte musikalische Vereinfachungen dann für didaktisch angebracht, wenn sie die Sachverhalte dennoch richtig darstellen. Im Kontext des Artikels könnte aber zunächst der Eindruck entstehen, das Carey’sche fis““ läge irgendwo zwischen den in New York schon einmal gehörten „hohen“ Fs und Gs. Erst im weiteren Text erschließt sich, dass der Autor der Meinung ist, das Carey’sche „hohe fis“ habe eine ganz andere Oktavqualität. Insofern trägt die Struktur des Artikels und seiner nachgeschobenen „Aufklärung“ eher zur Verwirrung der Leser, als zu deren Information bei. Oder ist der Artikel etwa eine Parodie, ganz getreu Kreislers Motto: „Ob Sinfonie oder Ouvertüre, Rock’n’Roll oder die Walküre, Zauberflöte, Verkaufte Braut: Für mich ist das alles nur laut!“: Für mich sind diese Töne alle nur hoch!

  9. Tomasz Kurianowicz  Tomasz Kurianowicz

    Liebe Leserin „Sopran“,

    vielen Dank für Ihre vielen nützlichen Hinweise. Ich weiß, dass ich ein paar Details vereinfacht dargestellt habe, aber mir war es wichtig, dass auch der musikalisch ungebildete Leser versteht, worum es geht. Deswegen habe ich grob vereinfacht. Ihr Kommentar hilft nun auch jenen, die sich mit der Materie vertieft beschäftigen wollen. Vielen Dank dafür! Und herzliche Grüße.

  10.   Der Quotenwagnerianer

    Hab gerade gesehen, dass da ja ein Vidieo mit Mariah Carey eingebunden ist.
    Die kommt ja tatsächlich bis zum fis““

    Ich hatte das für einen Trick mit Autotune gehalten. Erstaunlich.