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Zottelmonster, du mein Augapfel!

 

Über die Jahre (8): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Heute: Mit seinem Album „Music Of My Mind“ bewies Stevie Wonder 1972, dass er sich nicht auf die Rolle der Kitschbacke am E-Piano festlegen lässt. Sein schmeichelnder Soul grunzt und zirpt

Cover Stevie Wonder

Es ist schon ein bisschen her, da brachte man auf Privatpartys noch seine eigenen Platten mit. Einen erklärten DJ gab es nicht, jeder durfte mal abspielen, was er liebte. Heute findet man überall, wo gefeiert wird, ein Laptop oder zwei Plattenspieler. Und dahinter thront der Mitbewohner, Bruder oder Nachbar des Gastgebers als mehr oder weniger umgänglicher Musikdiktator.

Als die musikalische Abendgestaltung noch demokratisch war, bestand mein Partygepäck nicht aus Zigaretten, Puder und Lippenstift, sondern aus Musik. Bereits am Abend vorher hatte ich die Hüllen meiner CDs – ich gebe zu, als Kind des digitalen Zeitalters besitze ich fast kein Vinyl – mit meinem Namen versehen. In der Hoffnung, sie würden nach der Feier wieder zu mir zurückfinden.

Ich brachte immer etwas von Stevie Wonder mit, und die anderen guckten mich ungläubig an: „Häh, wie bist du denn drauf? Das ist doch diese alte Kitschbacke!“ Dann fingen sie an, den Kopf zu wiegen und zu leiern… „I just called to say I love you …“ oder „You are the sunshine of my life“.

Ja, mit You are the sunshine … fing meine – leider einseitige – Beziehung zu Stevie an. Als Zwölfjährige verbrachte ich fünf Tage in einem musikalischen Sommerferienlager, ich spielte im Orchester und sang im Chor. Hundert Kinder übten zusammen eine große Show für die Eltern ein, man nannte es ein „buntes Potpourri“. Wir sangen Stevie Wonders Lied von Sonnenschein und Augapfel, ich war infiziert.

Ein paar Jahre Inkubationszeit, dann legte ich los mit dem Plattenkauf. Über die Greatest Hits näherte ich mich dem Großmeister des Soul. Ich stieß auf Music Of My Mind und war hingerissen: Wie vielgesichtig ist der schwarze Mann mit der Sonnenbrille, wie schlicht sein Kitsch, wie druckvoll sein Funk und wie modern sein Klang!

Bis heute passt Music Of My Mind zu jeder Hörgelegenheit und wird nie langweilig: Es gibt schnelle und langsame Nummern, Herziges und Tanzbares, spannende Arrangements und einen wunderbaren Sänger. Wie Stevie Wonders Stimme sanft durch die Oktaven gleitet, sich hier und da verschnörkelt, in den Höhen strahlt und in den Tiefen wärmt, beeindruckt ganz beiläufig. Humor hat er auch. Vordergründig wirken seine Lieder klar und poppig. Im Hintergrund aber rumpelt und rödelt es, und Stevie verwandelt sich in ein zotteliges Sesamstraßenmonster. Er keucht und zischt, lässt die Orgeln grunzen, die Mundharmonika zirpen. Bis auf wenige Passagen hat er dieses Album ganz allein eingespielt.

Dass er so gerne über das Glück der Liebe und seine Mädchen singt, mag ich ihm nicht verübeln – das ist eben Soul. Wer in ihm dennoch nur die Kitschbacke am E-Piano sieht, hat möglicherweise in den 80ern zu viel Dudelfunk gehört. Mein Stevie jedenfalls ist ein anderer.

„Music Of My Mind“ von Stevie Wonder ist erhältlich bei Motown/Universal

Hören Sie hier Ausschnitte aus „Love Having You Around“ und „Superwoman“

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(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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