‹ Alle Einträge

Depeche Mode aus Bietigheim

 
Seit 25 Jahren machen Camouflage eingängigen Elektropop, ihre Stücke gehören auf jede gute Wave-Party. Das Doppelalbum „Archive #1“ versammelt nun Kurioses und Verschollenes, Erfolgreiches – und Unhörbares.
Camouflage Archive

„Ist das von Depeche Mode?“ – Nein, ist es nicht. Im Jahr 1987 machte das Lied The Great Commandment die Band Camouflage auf einen Schlag bekannt, die Einflüsse Depeche Modes und Kraftwerks waren nicht zu überhören. Das melancholische Tanz-Stück bringt seitdem Wave-Partys in Bewegung und rotiert noch heute im Radio. Sein Rhythmus geht in die Beine, die Melodie ins Ohr. Mit Love Is A Shield hatten Camouflage im Jahr 1989 einen zweiten großen Hit und galten nicht länger als bloße Kopie von Depeche Mode. Allmählich erspielten sie sich eine eigene Hörerschaft, erfolgreich waren sie vor allem in den USA. Die nun erschienene Doppel-CD Archive #1 resümiert fünfundzwanzig Jahre Bandgeschichte.

Angefangen hatte alles im Jahr 1983 im schwäbischen Bietigheim-Bissingen. Heiko Maile, Oliver Kreyssig, Marcus Meyn und Martin Kähling probierten, was man mit Synthesizern anstellen kann. Bald nannten sie sich Camouflage, nach einem Stück der japanischen Elektropop-Gruppe Yellow Magic Orchestra. Im Keller von Mailes Elternhaus richteten sie sich ihr Studio ein und tauften es Boys Factory. Wie das damals aussah, verrät ein Foto in der Klapphülle des Albums: Vier Jungs mit zartem Oberlippenflaum und Strickpullovern stehen selbstversunken hinter Synthesizern. Martin Kähling verließ die Band nach einem Jahr.

Auf Archive # 1 tragen Camouflage Remixe, Single-Rückseiten und Raritäten zusammen, Anhänger erfreut das. Der weniger fanatische Hörer wird sich bei einigen der 26 Stücke die Ohren zuhalten müssen. Der Orbit Dub Mix von Love Is A Shield ist grauenhaft, im technoiden Lexy & K-Paul Remix verliert das Stück jegliche Romantik und eignet sich allenfalls für die Morgengymnastik. Mit Kling Klang und der Cover-Version von Computer Liebe verneigt sich die Band gleich zweimal wohlklingend vor Kraftwerk. Manches klingt überraschend: In Every Now And Then hört man tickende Wecker, gregorianische Chöre, der Gesang kommt über das Verzerrer-Mikrofon. Mit They Catch Secrets und Perfect führen Camouflage vor, was ihnen am leichtesten aus den Tasten hüpft: eingängiger Elektro-Pop, dessen Synthetik durch Marcus Meyns nasalen Gesang warm und wehmütig wirkt. Der Höhepunkt des Albums ist das instrumentale Camou Says Abdulu, da piept und scheppert es ganz wunderbar im Klanggewand der Achtziger – das Stück stammt von einer Zweispur-Kassettenaufnahme aus dem Jahre 1985.

Mittlerweile haben die Mitarbeiter der Jungsfabrik die anderen Seiten des Musikgeschäfts kennen gelernt – als Werber und Produktmanager für große Plattenkonzerne und als Musikproduzenten. Auf ihrer Homepage erzählen sie, wie aufreibend die Verhandlungen mit Plattenfirmen sein können. Auf Höhen folgen Tiefen, da kann ein bodenständiger Beruf nicht schaden. Bei aller Liebe zur Musik – da ist sie wieder, die Mischung von Zynismus und Romantik, die sie in Love Is A Shield besingen: Nichts ist für immer.

„Archive #01“ von Camouflage ist als Doppel-CD erschienen bei Polydor/Universal.

Weitere Beiträge aus der Kategorie ELEKTRONIKA
Raz Ohara And The Odd Orchestra: „s/t“ (Get Physical Music/Rough Trade 2008)
Closed Unruh: „Nichts schmeckt – aber alles schmeckt gut“ (E-Klageto 2007)
„A Number Of Small Things“ (Morr Music 2007)
„Ernte25“ (Bar25 Label 2007)
Rhythm King And Her Friends: „The Front Of Luxury“ (Kitty Yo 2007)

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik

2 Kommentare

  1.   Habelmann, Vanessa

    Meine Güte, dass erinnert mich an meine Jugend.
    Schön wieder was von Camouflage zu hören.
    Lang lang ist es her, da fallen einem so viele Erinnerungen ein.
    Es war eine ganz tolle Zeit.


  2. Depeche Mode aus Bietigheim « Elektronika « Tonträger…

    „Ist das von Depeche Mode?“ – Nein, ist es nicht. Im Jahr 1987 machte das Lied The Great Commandment die Band Camouflage auf einen Schlag bekannt, die Einflüsse Depeche Modes und Kraftwerks waren nicht zu überhören. Das melancholische Tanz-Stück bringt…