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Schön, dass wir Strom haben

 
Ein Phänomen aus Hannover ist die Experimental-Band Closedunruh. Seit 30 Jahren macht sie Nischenmusik, die in jeden Sarg passt.
Closedunruh

Als Thomas Tier zu schwitzen beginnt, werden ihm die verspiegelte Pilotenbrille und die Lederjacke lästig. Dann zeigt der Sänger seine Tätowierungen und sein verwaschenes T-Shirt. Während er als Gekreuzigter posiert und sich am Boden krümmt, wahren seine Begleiter an den Tasten die Contenance, in weißen Hemden mit blinkenden Pfeilen und Krawatten. Im Konzert bei Silke Arp bricht in Hannover fühlt sich Closedunruh ganz zu Hause. Manchmal holpert die lässige Darbietung, dann lächeln die Musiker. Mit Thomas Tier spielen der Klangtüftler Yangwelle, Milford T. und Frank Simon. Ihr Auftritt ist ein tanzbares Vergnügen, es stampft, fiept und rappelt. Die achtziger Jahre lassen sie nicht los, erst zum Schluss gibt es einen grässlichen Blues, den niemand so recht hören mag. Das passt zu dem Motto über der Bühne: „Wer sich am kommerziellen Musikgeschmack orientiert, dient der Reaktion.“

Seit dem Jahr 1980 experimentiert Thomas Tier mit Elektronik, montiert Töne und Texte zu düsteren Klanggebilden. Das erinnert mal an DAF, mal an die Einstürzenden Neubauten, auch an Depeche Mode. Allerlei Musiker begleiteten ihn über die Jahre, so veränderte sich der Klang der Band ständig. Nichts schmeckt – doch alles schmeckt gut heißt das neue Album, erschienen ist es bei E-Klageto, dem Plattenfirmchen seiner Partnerin Anke Wolff.

Zurzeit verdient Thomas Tier seinen Lebensunterhalt als Fernfahrer. Seine Aufnahmen macht er mit Radiorekorder, Walkman, und Vierspurtonband. So entstanden zwischen 1980 und 2000 mehr als 50 Musikkassetten und diverses Vinyl. Nebenbei trommelte er bei den Punkbands Blut + Eisen und Cretins. Einen Einblick in die musikalische Vergangenheit von Closedunruh gewährt die dem neuen Album beigefügte Bonus-CD mit Aufnahmen aus den Jahren 1981 bis 1995. Da gibt es enervierende Krachmontagen wie Nirgends hat man seine Ruhe (mit Staubsaugern, Bohrmaschinen und Opernarien) und tanzbare Lieder über die wundersame Elektrizität: Wie schön, dass wir Strom haben!

Thomas Tier liebt die Uneindeutigkeit. Ein Album von Closedunruh hieß Nimm den Zug vom Friedhof, auf dem neuen singt er vom Konfirmationsunterricht und vom Verlust der Zähne. Ganz nebenbei zeigt er seine Rechenkünste: „Fünf und sechs ist elf, ich weiß Bescheid.“ Das Lied Kopfschmerzen im Knie verneigt sich vor DAF, dann würgt und röchelt der Sänger; es passt in jede Gruftie-Disko.

„Nichts schmeckt – doch alles schmeckt gut“ von Closedunruh ist erschienen bei E-Klageto.

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4 Kommentare

  1.   Gordon Mill

    liebe redaktion,
    ich schätze ihre musikauswahl meistens. aber etwas so furchtbares, wie diese songbeispiele hier habe ich noch nicht gehört.
    gruß, GM

  2.   Herr Mars

    Ich find die gar nicht furchtbar. Ist halt kranker Underground. Und es gibt gar nicht so wenige, denen das wirklich gut gefällt. Sehr schön!


  3. Schön geschrieben und schöne Songs!
    Diese Art von Musik/Kunst entsteht, weil die „normale Welt“ nur noch in dieser Nische zu ertragen ist…! Die Frage ist hier: Wer ist krank und furchtbar? In 11 Tagen kommt der Weihnachtsmann…und ICH hör‘ mir CLOSEDUNRUH an.

  4.   Gordon Mill

    Mein Beileid!
    Herzlichen Gruß in die dunkle Nische 😉

 

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