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Anstand von vorgestern

 
Der Rapper Everlast spricht häufig von Ehre und Identität. Vor lauter Klagen über die bösen Kollegen ist sein neues Album „Love, War And The Ghost Of Whitey Ford“ so richtig in die Hose gegangen

Everlast ist ein Mann der großen Worte. Sätze wie „Wenn du keine Ehre hast, besitzt du gar nichts mehr“, kommen ihm ganz selbstverständlich über die Lippen. Und Everlast ist unzufrieden mit dem Stand der Dinge im HipHop. Es mangele den Rappern an Ehre, Anstand, dem Genre an Identität, sagte er vor einiger Zeit. Ob er es besser kann als all die anderen? Sein neues Album Love, War And The Ghost Of Whitey Ford gibt Aufschluss darüber.

Aus Neros brennendem Rom schallen schmissige Fanfaren herüber, ein Knall, dann geht es richtig los. Erik Schrody alias Everlast meldet sich kehlig zu Wort und rappt über einen Beat, der beinahe so alt klingt wie die Tröten zuvor. Welches Jahr tönt hier? 1990? 1991? Oder 1992? Uralt jedenfalls. Der Beat scheint aus einer Zeit zu stammen, als es im HipHop noch um Anstand und Untergrund ging und nicht um Goldkettchen, Mädchen und Diamanten. Auf diesen züchtigen Rhythmus reimt Everlast eine Lyrik, die ebenfalls historisch anmutet. Er beschimpft – disst – die New York Times und CNN, das mufft nach Hardcore-HipHop alter Tage.

In der Folge entfaltet sich das bislang größte Rap-Desaster des Jahres 2008. Schon im nächsten Stück versucht sich Everlast an Johnny Cashs Folson Prison Blues, dem er das alte Quietsch-Sample seiner früheren Band House Of Pain implantiert. Außer jenem Selbstzitat und überfetteten Beats weiß er nichts hinzuzufügen. Auch der Rest des Albums ist eine Enttäuschung: Stone In My Hand verschwurbelt Westernrock mit The Clash und Pathos – hier wird deutlich, wie wenig Strahlkraft Everlasts Stimme hat.

Wie schon früher singt Everlast aus der Sicht eines gewissen Whitey Ford. „Whitey Ford ist eine Beschreibung, eine Farbe einer Kreide, eine Person, durch die ich sprechen kann. Sie erlaubt mir, Dinge über mich zu sagen, die ich sonst vielleicht nicht sagen würde“, beschreibt er die Figur. Genau da liegt das Problem: Auf seinem neuerlichen Parforceritt durch die Stile, durch Soul, Elektrofunk, Blues, HipHop, Folk, Orientalismen, Western und Rock bleibt der Künstler auf der Strecke.

Einigermaßen erträglich sind immerhin jene Stücke, in denen Everlast sich zurückhält. Friend etwa ist ein solches Lied. Aus ein paar Klampfenakkorden formt er etwas, das viel stärker klingt als die überladenen Klangkaskaden anderer Stücke. Nichts als Dunkelheit habe er im Herzen, singt er. Und das Bedröppelte steht ihm besser als die Wut. Dem traurigen Lagerfeuer-Gitarristen Everlast hört man gern zu, der wütende HipHopper Everlast hingegen klingt nach Vorgestern. Da mag er noch so viel Anstand und Ehre in sich tragen.

„Love, War And The Ghost Of Whitey Ford“ von Everlast ist bei PIAS/Rough Trade erschienen.

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4 Kommentare

  1.   JAn

    So ein Mist was der Herr hier schreibt. Das Album ist klasse !!!


  2. Und so eine Kritik von Jemandem der Darlo hört?

    Ich würde mal sagen, dass sind Beats aus Abraham Lincolns Zeiten!

    Ansonsten hat das Album nur wenige Schwächen und gerade ‚Stone in my Hand‘ „rockt“ (um die obligatorische Musik-Kritik-Terminologie zu verwenden).

    Gruß

  3.   Baha

    album rock, das sample bei folsom prison blues erinnert mich eher an cypress hill (was mit dem anfangstext zusammenpasst) soviel zur kompetenz des authors…

  4.   Just a Stranger

    Diese Kritik ließt sich, als wäre da jemand besser bei der Boulevard-Presse aufgehoben als bei der Zeit. So etwas beschähmt in meinen Augen ihr Format, liebe Redaktion. Ich hätte nicht gedacht sowas hier mal lesen zu müssen…

    Der alte Mann (Everlast) hat nach Jahrelangen Party- und Alcohol-Excessen und einem daraus resultierenden Herzinfarkt angefangen sich neu auszurichten und probiert seit dem mit Elementen aus unterschiedlichen Stilen, um etwas neues zu schaffen, das ihm entspricht.
    Die vorliegende Platte ist bei weitem keine Rap-Scheibe. Er selbst sieht sich schon seit Jahren mehr in der „Songwriter-Ecke“. Das seine Platten immernoch Raplastig sind, mag daran liegen, dass Everlast eben ursprünglich Rapper war.

    Einige Lieder dieses Albums sind vielleicht wirklich ein wenig überladen oder einfach nichts für jeden Tag, aber misslungen ist es bei weitem nicht.

    Zu seiner Entlarvung trägt der Autor aber selbst genug bei „Vor lauter Klagen über die bösen Kollegen ist sein neues Album…“
    In dem Album richtet sich kein EINZIGES Lied an seine „Kollegen“. Soviel zur Recherche, ersten drei Lieder gehört, schlecht gefunden, Meinung gebildet und Album nicht zuende gehört.
    Everlast ist meines Wissens auch nicht der Mensch der andauernd in Interviews auftaucht um sich wiederholt über seine „Kollegen“ zu beschweren.

    Hier bisher garnicht erwähnt ist „Letters home from the garden of stone“ Der Versuch einzufangen welche Gedanken einen Soldaten im Auslandseinsatz begeleiten. Dessen Hook:

    „cause I won’t know the man that kills me – I don’t knew these man I kill / But we all wind up on the same side – cause ain’t none of us are doing gods will“

    formt trotz der nicht unbedingt größten poetischen Tiefe einen runden Eindruck zu diesem Album.
    Die Gratwanderung zwischen Gesellschaftskritik und Selbstreflektion ist vielleicht nicht immer gelungen, zeugen aber von einem Künstler der scheinbar mehr Zeit mit Denken verbringt, als der Autor dieses Artikels. Entschuldigen sie die Polemik – Offence intended!

    P.s.: Der Sample in „Folsom Prison Blues“ ist wirklich von Cypress Hill „Insane in the Brain“ wo es am Anfang heißt „Who tryin‘ to get crazy with ese/Don’t you know I’m loco“ – was Everlast um der Herkunft des Grundbeats respekt zu zollen, nur minimal abwandelt. Die Ähnlichkeit mit „Jump Around“ ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, doch da Everlast und die Gruppe CH sich schon seit der „House of Pain“-Zeit kennen und deren DJ ihr erstes Album produzierte, ist das eigentlich ein CH Beat, den die selbigen in ihrem 2ten Album auch nochmal benutzt haben – wieder nicht gut recherchiert…