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Sexy Mogelpackung

 

Das vierte Album von Peaches klingt fantastisch: „I Feel Cream“ ist dickbassig produziert, tanz- und liebeslüstern inszeniert und dabei beseelter als die Platten zuvor

Cover
 
Peaches – Talk To Me
 
Von dem Album: I Feel Cream XL Recordings (2009)
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Das ist so eine Sache mit Frauen, Männern und dem Pop. In akademischen Zirkeln mögen die Geschlechterwelten und deren Mechanismen als durchschaut gelten. In der Vermarktung und musikjournalistischen Beschreibung von Popkultur greift weiterhin die hinlänglich bekannte Arbeitsteilung: Der Mann verkauft sein Werk, die Frau ihren Körper.

Was aber verkauft die in Berlin lebende Kanadierin Peaches? In den vergangenen zehn Jahren hat sie – in ihrem Pass steht Merrill Nisker – drei Alben mit Stücken wie Fuck The Pain Away und Lovertits, Shake Yer Dix, Fuck or Kill und Slippery Dick aufgenommen. Ihre Texte sind explizit, über die Bühne turnt sie in Seide, Lack und Leder, ihr Elektrorock hat gehörig Wumms. Und sie scheint selbst über ihren Körper zu verfügen, die Spielregeln des Sex zu bestimmen: Two Guys (For Every Girl) und Suck And Let Go, Unterwäsche, Achselhaare, Empfängnisverhütung, auch davon singt sie.

„Peaches – Und den Männern wird mulmig“, war kürzlich ein Spex-Interview mit der Künstlerin anlässlich ihres neuen Albums I Feel Cream übertitelt. Warum mulmig? Trieb die Dame den Fragesteller etwa unziemlich in die Enge? Haute ihm frivol auf den Po? Drohte gar mit Vergewaltigung? Die Frau, die ihre Sexualität öffentlich thematisiert, gleichzeitig aber die Autonomie ihres Körpers und ihrer Kunst offensiv propagiert, muss ihm eine Bedrohung gewesen sein. Zur Gegenwehr bemühte er das Bild vom männermordenden Monster, es greift ganz simpel und macht ihn zum Opfer. Mehr als aus dem Werk der Künstlerin speist sich dieser Schmus allerdings aus männlichen Projektionen.

Der Autor der Spex weiß also, in welche Schublade Peaches gehört, „abnorm“ steht drauf. Ihre Sexualität, ihre Körperlichkeit überhaupt, schickt sie in ein gesellschaftliches Abseits. Sie lässt sich in kein gängiges Muster von Geschlechtlichkeit pressen, das verwirrt ihn. Die Hülle ihres zweiten Albums Fatherfucker – Peaches posierte mit angeklebtem Vollbart – deutet er als Vorläufer von Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete, in dem „Behaarung und Intimbehaarung als etwas Fremdes, Ekeliges dargestellt“ würden. Doch hier scheint sich vor allem der Autor selbst zu ekeln.

Und so geht es den meisten Kommentatoren. Im Interview versuchen sie Peaches feministische Aussagen zu entlocken, um sie – bei gleichzeitig überschwänglichem Lob ihrer Musik – als verbohrt darstellen zu können. Dass Peaches ihnen diesen Gefallen nicht tut, schert die meisten nicht. Denn in der geschmacklich männlich dominierten Popwelt wird einer Frau wie ihr sogar die Weigerung, regelmäßig ihre Körperbehaarung zu entfernen, als Provokation ausgelegt. So ist Verstören nicht schwer. Peaches wird das alles hoffentlich egal sein.

Die Musik? Aber ja: I Feel Cream ist ein fantastisches Album. Dickbassig produziert wie eh und je, tanz- und sexlüstern inszeniert und dabei beseelter als zuvor. Ungeheuer formenreich fliegen hier die Fetzen: Da ist der wohlbekannte Elektroclash, den sie seit einem Jahrzehnt kultiviert. Und da ist das soulige Bratzeln von Talk To Me – kein flehendes „Sprichdochbittemitmir“, nein, eine Belehrung der Marke Peaches: „He, du da, wenn du die Klappe nicht aufmachst, wird das nix mit uns. Deine Schuld, mir egal!“

Das Wummern von More bringe die Party in Gang, verspricht Peaches. Und der säuselige Refrain des Titelstücks hätte gar Kylie Minogue zur Ehre gereicht. Aber hätte die so detailliert davon gesungen, was eine Zunge anstellen kann? Auf Billionaire – na klar, „Fuck you like a …“ – helfen ihr die beiden wortgewandten Rapperinnen von Yo! Majesty die richtigen Worte zu finden. Und an anderer Stelle proklamiert Peaches: „I never go to bed without a piece of raw meat“, es sei ja schließlich „nothing wrong with a little bit of uh-ah!“ Auch auf I Feel Cream geht es beinahe nur um Sex. Wer hätte anderes erwartet?

Peaches verhökert mit I Feel Cream scheinbar wohlfeil ihren Körper. Erst zuhause merkt man, das sie einem eine Mogelpackung angedreht hat: Ein Abbild ihrer selbst, ein musikalisch ausgefeiltes Werk. Und solange die Gaffer nicht verstehen, wer hier die Hosen anhat, ist eine wie Merrill Nisker wahrlich vonnöten.

„I Feel Cream“ von Peaches ist auf CD und LP erschienen bei XL Recordings/Beggars Banquet/Indigo

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10 Kommentare


  1. Äh. Mit Verlaub, aber die Überschrift des hier diskutierten Spex-Artikels bezieht sich auf einen Stripclub-Besitzer, der seine Mitarbeiterinnen nicht zu Peaches tanzen sehen wollte. Die Psycho-Analyse des Interviewers ist unnötig, das aufmerksame Lesen des Interviews nicht.


  2. Peaches – I Feel Cream…

    Nächsten Dienstag, am 05.05. erscheint “I Feel Cream”, dass neue Album von Peaches. Im Luisterpaal kann man das Album seit ein paar Tagen bereits in voller Länge hören. Und genau das mache ich jetzt.
    In Hamburg und in Berli…


  3. […] ZEIT ONLINE: Peaches: “I Feel Cream” (XL Recordings 2009) […]

  4.   Ludwig

    Hoho, danke für den Tipp mit Luisterpaal! Die Klangqualität ist nicht so gut wie auf Youtube, aber zum durchhören reicht es. „Talk to me“, Verzeihung, rockt wie blöd! Bin gespannt wohin sich diese Frau noch weiterentwickelt. Grüße aus München.

  5.   Jan Kühnemund

    Lieber Oskar Piegsa,

    korrekt, die Überschrift bezieht sich auf die Aussage des Clubbesitzers, so habe ich das auch gelesen.

    Die Überschrift gibt dem Text den Rahmen, sie soll neugierig machen und im besten Fall das Kommende treffend kondensieren. Das Zitat ist in der Überschrift nicht als Zitat kenntlich gemacht, ich muss als Leser also davon ausgehen, dass der Schreiber mit dieser Aussage sympathisiert – zumal seine Deutung des Covers von „Fatherfucker“ ja auch recht eigentümlich ist. Und das kann ich ihm doch vorhalten.

    Oder nicht?

    Herzlichst, jk


  6. Die Stripclub-Anekdote ist ein pointiertes Beispiel für die Peaches-Rezeption und die Art der Sexualität, die Frauen in bestimmten Kontexten immer noch zu- und abgesprochen wird: Ausziehen ist super, aber bitte nicht so, dass dabei hetero-männliche Machtansprüche oder die Subjekt-Objekt-Hierarchie des Stripclubs herausgefordert werden. Vor diesem Hintergrund – und unter Erfüllung aller von Ihnen genannten journalistischen Funktionsansprüchen – finde ich die Überschrift doch ziemlich gelungen.

    Geschmackssache, meinetwegen. Aber dem Autoren, ohne bei ihm vorher mal anzurufen und nachzufragen, aus Stilmitteln oder fehlenden Anführungsstrichen (die, wie Sie wissen, im Zweifelsfall auch von Redaktionen gesetzt oder entfernt werden) einen Strick zu drehen und ihm so engagiert Ressentiments zu unterstellen wie Sie hier, scheint mir unkonstruktiv zu sein, unfair und, ehrlich gesagt, ein bisschen zu billig.

    Aber da müssen wir uns meinetwegen nicht drüber streiten. Hauptsache, das neue Peaches-Album ist gut. Und da vertraue ich ihrem Urteil bis auf Weiteres voll und ganz. Herzliche Grüße auch von mir, OP

  7.   Jan Kühnemund

    Lieber Oskar Piegsa,
    richtig, das ist ein pointiertes Beispiel männlich definierter weiblicher Sexualität in einem bestimmten Kontext. Aber eben wirklich nur in einem BESTIMMTEN Kontext. Hierarchisierte Sexualität im Stripclub? Wow. Da trägt doch einer Eulen nach Athen.
    Wär’s nicht mutiger, interessanter und weniger billig gewesen, pointierte Beispiele hierarchisierter Sexualität im Leben außerhalb des Stripclubs zu benennen? Gibt’s da nämlich gar nicht weniger. Eine Überschrift wie „Peaches – und dem Mann wird mulmig“ stützt solche Hierarchien eher, als ihnen zu schaden. Und schießt sich schließlich doch irgendwie selbst ins Knie.
    Nun, wir sind da jetzt eben einfach unterschiedlicher Meinung
    Herzlichst, jk


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