BenachrichtigungPfeil nach linksPfeil nach rechtsMerklisteAufklappenKommentareAbspielenPauseAbspielenWiederholen
 

Der Vater

Das Stück von Florian Zeller als deutschsprachige Erstaufführung unter der Regie von Ulrich Waller – am 30. März im St. Pauli-Theater

Erst sind es nur klitzekleine Erinnerungslücken. Aber aus dem stecknadelgroß empfundenen Loch in seinen Gedanken wird für André bald ein alles verschluckender Schlund. Der Witwer lebt alleine in seiner Pariser Wohnung und merkt die Veränderung, will sie aber nicht wahrhaben. Er hat nicht nur Angst, seine Gedanken zu verlieren, sondern vor allem seine Würde. Der Vater ist ein berührendes Stück über Alzheimer, das Andrés Verfall nicht chronologisch nachzeichnet, sondern episodenhaft zwischen den Zeitpunkten springt – dabei aber seiner eigenen logischen Ordnung folgt. Volker Lechtenbrink spielt die Titelrolle des Vaters, der vor seiner Tochter Anne den Eindruck aufrechterhalten will, alles sei in Ordnung, und sich allmählich selbst auflöst. Das St. Pauli-Theater zeigt das Stück von Florian Zeller als deutschsprachige Erstaufführung unter der Regie von Ulrich Waller.

Text: Thorsten Moor

 

Dark Horses

Die englischen Artrocker machen während ihrer Tournee am 31. März einen Zwischenstopp im Molotow.

Die letzten zwei Jahre waren für die englischen Artrocker Dark Horses von Gewissenhaftigkeit und Hingabe geprägt. Nach ausgiebigen Tourneen in Europa und Australien als handverlesene Gäste für Größen wie Beck, Sigur Ros, Tame Impala und Black Rebel Motorcycle Club machte die Band aus Brighton auch durch einen mittlerweile legendären zügellosen Auftritt beim Hard Rock Calling-Festival im Londoner Queen Elizabeth Olympic Park von sich Reden. Eine persönliche Einladung von Noel Gallagher zur Teilnahme am Teenage Cancer Trust führte zu einem weiteren gigantischen Gig in der Royal Albert Hall. Eine revolutionäre Sammlung von Songs mit unverblümtem Hit-Potenzial. Die übersinnlich-schwebenden Synthie-Teppiche liegen längst unter einer bahnbrechenden Melange aus Siouxie & The Banchees und T-Rex begraben. Wahrhaftig, eingängig und unwiderstehlich. Oder, um es mit einem Vergleich aus dem Booklet von Hail Lucid State zu etikettieren: „Die neue Sachlichkeit“ hat bei Dark Horses längst Einzug gehalten.

 

Made by Maids

Raven gegen den Gendermist: DJane Ena Lind, Resident in Clubs wie dem ://about blank, Tresor oder Weekend, beschallt am 27. März die Prinzenbar.

Dem einen oder anderen könnte der Name Ena Lind von der Kinoleinwand bekannt sein. Dort war die DJane nämlich im vergangenen Jahr im Dokumentarfilm Sounds Queer zu sehen, der sich mit der Frage befasste, inwiefern die Lebenswelt als DJ von Geschlechterrollen und -vorurteilen bestimmt wird. Völlig unabhängig von der Genderfrage lässt sich jedoch vor allem sagen, dass Lind weiß, was guter House an Dramaturgie braucht, um auf die Tanzfläche zu locken. Weshalb sie auch regelmäßig in Clubs wie dem ://about blank, Tresor oder Weekend residiert. Seit 2006 ist Ena Lind fester Teil der Berliner Szene. Voller Persönlichkeit und Energie spielt sie als House-DJane, was Herzen berührt und die Menschen zum Tanzen bringt. Ihr Gefühl für Timing und Publikum, ihre Auswahl von deepen und mitreißenden Tracks und die Dramaturgie ihrer Sets machen die Auftritte zu einer tollen musikalischen Reise durch die Nacht. Wir dürfen gespannt sein. Music has no gender!

 

Pentatones

Die Band aus Leipzig, Berlin und Amsterdam präsentiert die Elektro-Pop-Tracks ihres aktuellen Albums live in der Prinzenbar.

„Die Pentatones machen feinsten, düsteren Elektropop“ (noisey) oder wie De:Bug schrieb: „Popmusik am Rande von Pop“. Nun steht das zweite Pentatones-Album Ouroboros in den Startlöchern. Dessen dramatisches Klangland schaffte aus schwelgerischen Beats geheimnisvolle Klänge und akustische Instrumente bekommen durch die entrückte, fast märchenhafte Stimme von Delhia de France einen narrativen Charakter, der sich aus Sehnsucht und Mystik speist. Delhia lieh ihre Stimme bereits Künstlern wie Steve Bug, Douglas Greed, Robag Whrume oder Singer-Songwriter Clueso. Sie gibt der überbordenden Experimentierfreude der Pentatones Seele und Gesicht. Im Dunstkreis des Jenaer Labels Freude am Tanzen und der Bauhausuniversität fand die Band zusammen. Aufgrund zahlloser Aktivitäten der Bandmitglieder in Theater, Performance, Video und der bildenden Kunst dockt die Musik der Pentatones an mehreren Szenen an und wird dadurch Teil von etwas Größerem. Die Musiker aus Leipzig, Berlin und Amsterdam erzählen von gegensätzlichen Gefühlen wie Einsamkeit und Empathie oder Hingabe und Angst und synthetisieren sie in einer umfassenderen, spirituellen Erfahrung.

 

Hamburg ist Slamburg

MC Pospiech und MC Uebel rufen zur Schlacht auf: Prosa & Poetry, Shock & Awe – am 31. März im Nochtspeicher

Prosa und Poetry, Genie und Wahnsinn, Shock and Awe – die Slamburg bezeichnet sich seit 1997 als „das Paris–Dakar unter den Literaturlesungen“. Begnadete, kühne, unvermutete und andere Poeten und Schriftsteller lesen bei diesem offenen Poetry Slam jeweils für nur fünf Minuten aus ihren Werken und das Publikum findet das toll oder nicht, je nachdem. Die Jury juriert, der Gewinner gewinnt: Ruhm, Ehre und formschöne Preise. Verlierer gibt’s hier nicht. Denn nur wer dabei gewesen ist, darf einmal sagen, er sei dabei gewesen. Eine Anmeldung für Poeten wird dringend empfohlen, da es bisher häufiger mal zu einem großen Andrang kam. Die Hosts des literarischen Slam-Abends heißen – wie immer – Hartmut Pospiech und Tina Uebel.

 

Elastik…

…pres. MDR Records: Roher und kraftvoller Techno lässt das Gemäuer des Bunkerclubs Uebel & Gefährlich erbeben.

Um sich einen Eindruck von dem Sound des Berghain-Residents und Ostgut-Manns Marcel Dettmann zu machen, bietet sich der Klick auf seinen Remix zum Moderat-Track Bad Kingdom an. Denn besonders im direkten Vergleich wird deutlich, was den Berliner ausmacht: roher, derber und kraftvoller Techno, ohne aufgesetzte Schnörkeleien. Eben diese Art von Tanzmusik, die auch Bunkerwände zum Beben bringt. Wie passend also, dass dieser Abend im Uebel & Gefährlich stattfindet. Außer Marcel Dettmann sind in dieser Nacht noch folgende DJs am Start beziehungsweise an den Reglern: Felix Lorusso (Plastik!) und Florian Belmondo (Elastik?). Für ein ausgelassenes Live-Set wurden Answer Code Request (MDR/Ostgut Ton) dazu gebucht.

 

Tabu

Die Südseeballade von Friedrich Wilhelm Murnau läuft am 26. März mit musikalischer Begleitung in der Kulturkirche Altona.

„Eine außergewöhnliche poetische und stimmungsstarke Mischung aus Spielfilm und ethnografischer Studie, einfühlsam und taktvoll,“ urteilt das Lexikon des internationalen Films, während die Zeitschrift Cinema es kurz und knapp ausdrückte: „Faszinierende Südseeballade, ein Stück Filmgeschichte“. F.W. Murnaus Südseefilm Tabu zählt zu den Klassikern des exotisierten Kinos. Die tragische Liebesgeschichte, 1929 auf Tahiti und Bora-Bora gefilmt, verbindet die Darstellung traditionellen Brauchtums mit Bildern einer längst schon kolonial geprägten Wirklichkeit. Diese Widersprüchlichkeit des meisterhaften Stummfilmmelodrams dürfte auch in der Musik zum Ausdruck kommen, die Daniel Stickan (Orgel) und Hans-Christoph Hartmann (Saxofon) zur Vorführung in der Kulturkirche beisteuern werden.

 

„Nerd Nite“

Eine Plattform für Nerds und Nischen macht mit 15-minütigen Kurzvorträgen das Publikum schlauer.

An alle Nerds in Hamburg: Bitte vom Sofa aufstehen, Big Bang Theory ausschalten und auf ins Haus 73! Denn jahrelange Recherchen und Grübeleien können bei der vierten Nerd Nite am 26. März Früchte tragen: Jeder, der möchte und verrückt genug ist, hat 15 Minuten Zeit, ahnungslosen Laien zu vermitteln, wofür er oder sie brennt. Egal was. Jedes noch so eigensinnige Thema und noch so komplizierte Gebiet wird gebührend beachtet und die Spezialisten dürfen mit allen erdenklichen Mitteln ihrer Leidenschaft Respekt zollen. Die Besucher der letzten Nerd Nite konnten mit dem Wissen nach Hause gehen, was Bier mit Sesshaft-Sein gemeinsam hat und wie das mit dem Fliegenfischen funktioniert. Vielleicht schaffen es die Nischenfreaks wieder, das Publikum ein Stück schlauer zu machen.

Text: Adriana Jodlowska

 

Das Leben…

…nach dem Tod am Meer: In seiner Film-Doku porträtiert Martin Rieck verschiedene Bestatter in Husum.

Anna und Philipp sind dreißig und übernehmen ein traditionsreiches Bestattungshaus in Husum. Dafür sind sie aus Hamburg in das beschauliche Küstenstädtchen an der Nordsee gezogen. Er ist gelernter Bestatter, sie hat vorher noch nie einen Leichnam gesehen. Nun sind sie das Bestatterpaar vor Ort und sehen sich den Rollenerwartungen ihres neuen provinziellen Umfeldes ausgesetzt: Makelloses Auftreten, pausenlose Erreichbarkeit rund um die Uhr – und bloß keine Experimente. Tod und Trauer sollen so sein, wie sie immer waren. Der Film taucht über Monate in den Alltag von Anna und Philipp ein, der von Andacht, Respekt, aber auch Humor und nicht wenigen skurrilen Momenten geprägt ist. Bei ihrem täglichen Business mit der Pietät – der Akquise, Aufbereitung und Aufbahrung von Leichen –, und bei ihrem täglichen Überlebenskampf. Denn die beiden müssen sich als Unternehmer erst finden und sich als die Neuen auf einem alten Markt etablieren. Ein Film über das Leben mit dem Leben nach dem Tod und die Fragen: Wie viele Tote braucht ein Bestatter, um über die Runden zu kommen? Und wie viel Tod und Totenstille hält eine Beziehung aus? Martin Rieck wird anwesend sein.

 

Old School

In der „Alten Schule“ treffen Kindergarten- und Schulkinder von heute auf die Schulkinder aus den 1950er Jahren – vom 26. bis zum 29. März auf Kampnagel.

Auch Theatermacher erkunden verstärkt die Ängste, Krisen und Möglichkeiten des Lebens im Alter. Mit dem mittlerweile zweiten Themenschwerpunkt Old School auf Kampnagel wird nicht nur über das Alter gesprochen: Die älteren Damen und Herren stehen als Protagonisten, Erzähler und sogenannte „Alltagsexperten“ selbst auf der Bühne. Der Regiestudent der Theaterakademie Hamburg Ron Zimmering inszeniert King Lear als Demenzkranken und zieht Parallelen zwischen Lear und seiner eigenen Großmutter, die ihre Krankheit in losen Aufzeichnungen dokumentierte. Zimmering und sechs Laiendarsteller des Bergedorfer „Haus im Park“ sezieren in King Lear das Chaos des Vergessens, kämpfen durch Generationenkonflikte und fragen: Was bleibt von der eigenen Persönlichkeit, wenn Erinnerungen und Sprache einem entgleiten? Beim Old School treten die Omas und Opas nicht isoliert auf, sondern immer auch im Verhältnis zu jüngeren Generationen oder anderen Gruppen. So bringt die Künstlergruppe LIGNA Senioren und Menschen mit Behinderung zusammen. In Der Wert meines Lebens fragen sie sich, nach welchen Regeln und Wertvorstellungen sie leben und suchen nach einem körperlichen Ausdruck eigener Wünsche. Mit subversiver Energie geht es in der Performance Verschwende deine Rente zu, einem Senioren-Casino mit Black Jack, Bingo und Bier.

Text: Natalia Sadovnik