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257ers

Das Rap-Trio aus Essen hat stets ein Akk! im Ärmel und dazu mit „Boomshakkalakka“ nun noch ein neues Album in den Startlöchern. Ihr Gig in der Prinzenbar ist ausverkauft.

YOLO, Yalla und wulffen drängten Akk! dann doch in der entscheidenden Juryrunde von den ersten Plätzen zurück. Zuvor hatte der Ausruf, der auf die Essener Hip-Hop-Kombo 257ers zurückgeht, beste Chancen darauf, sich Jugendwort 2012 nennen zu dürfen. Ob das irgendwelche Vorteile für Shneezin, Mike und Keule – wie sich die drei Musiker nennen – zur Folge gehabt hätte oder gar gegenteilig zur völligen Abnutzung des eigentlich für alles gebräuchlichen Ausdrucks geführt hätte, sei mal dahingestellt. Vielleicht wäre es ihnen schlicht Akk! gewesen. Akk! in einer anderen, der unendlich möglichen Bedeutungssphären des Wortes ist es dagegen, dass nach dem 2012 veröffentlichten HRNSHN nun ein neues Album fertig ist und nur noch auf seine Veröffentlichung wartet, die, wie es der Zufall will, am kommenden Freitag ansteht, da wäre es dann Zeit einen ordentlichen Akk! hinzulegen – als Ausdruck der Freude selbstredend.

 

„Summer of Hate“

Hinter der Hippie-Idylle lauert der Todeskult: ein musikalischer Höllentrip mit Charles Manson und seiner „Family“.

Neue Musicals braucht die Stadt! Im Thalia beginnt die neue Spielzeit diesbezüglich vielversprechend. Stefan Pucher lässt auf der Theaterbühne die Musik und den Geist der späten 1960er Jahre aufleben, genau genommen beschwört er das größte Schreckgespenst herauf, das inmitten sonniger Hippiekultur sein Unwesen trieb. Charles Manson: Summer of Hate beschäftigt sich mit dem Werdegang jenes erfolglosen Folksängers, der ein solch dämonisches Charisma besaß, dass er Mitglieder seiner Kommune, der Manson Family, dazu brachte, für ihn zu morden. Die Abgründe, die sehr nahe hinter der blumigen Idylle lauerten, erschrecken noch heute und üben dabei eine zweifelhafte Faszination aus. Wie wird Regisseur Stefan Pucher mit dem schillernden und schwierigen Stoff umgehen? Das Thalia Theater verspricht einen „musikalischen Trip zwischen L. A. und dem Death Valley, Hippie-Idealen und Todeskult, dem Überfluss eines Lebens als Rockstar und der Lebensmittelbeschaffung aus den Müllcontainern der amerikanischen Zivilisation“.

Text: Katharina Manzke

 

GusGus

20 Jahre Dancefloor-Erfahrung: Die Band aus Island trägt ihre tanzbaren Club-Sounds live im Mojo Club vor.

GusGus gehörten mit Björks Sugarcubes zu jener Welle isländischer Bands, die das eisige Vulkanland endgültig auf die popkulturelle Landkarte setzten. Das ist eine Weile her, und das prägnante Orgelriff aus Ladyshave von 1999 klingt mittlerweile so zeitgemäß wie die Idee „Musikfernsehen“. Zum Glück sind GusGus nicht dort stehengeblieben, ihre Musik ist so sehr im Fluss wie das unstete Bandgefüge. Nach wie vor ist die Klammer um GusGus tanzbare Clubmusik, womit früher TripHop, neulich Techno, heute eher Popmusik mit House-Einschlag gemeint ist. Ihr aktuelles Album Mexico ist blitzgescheiter Songwriter-Elektro, der wie ein schlüssiges Fazit aus 20 Jahren Dancefloor-Erfahrung klingt. Nachdem die Band eine Weile eher ins Spezialistenfach abgetaucht sind, sind 2014 wieder alle eingeladen. Diese Bitte sollte man unter keinen Umständen abschlagen.

Text: Michael Weiland

 

„Kaspar Häuser Meer“

Rätselhafte Jugendliche und der Büroalltag im Amt: Felicia Zellers Groteske läuft im Winterhuder Fährhaus.

So kennt man das Theater Kontraste: Das neue Stück im September verspricht wieder bissig, zeitgemäß und auf böse Weise witzig zu werden. Kaspar Häuser Meer von Felicia Zeller beginnt mit der häufigsten psychischen Krankheit unserer heutigen Zeit. Björn liegt mit einem Burn-out im Krankenhaus. Seine Arbeit beim Jugendamt hat ihn niedergestreckt. Anika, Barbara und Silvia, seine ebenfalls schwer gestressten Kolleginnen, müssen nun seinen Job übernehmen: 104 lückenhaft dokumentierte sogenannte Kaspar-Hauser-Fälle, die die Schicksale von meist rettungslosen Kindern beschreiben. Als Zuschauer wird man mit der Überforderung und dem vorprogrammiertem Scheitern der Menschen konfrontiert, denen diese anvertraut wurden. Felicia Zeller sammelte das Material für ihr Stück unmittelbar vor Ort in deutschen Jugendämtern. Im Büroalltag stieß sie auf abgründige und irrwitzige Töne und schuf keineswegs ein Sozialdrama, sondern eine Groteske voll bitterbösem Witz.

Text: Katharina Manzke

 

Treib.gut

Deichschafe streicheln, Kekse futtern, „Gemüseflüsterern“ zuhören – zwei Tage lang ist der alte England-Fährterminal Plattform für Kultur und Kulinarik.

Es gibt recht doofe Trends: die „Apple-Mania“ und Ice Bucket Challenges gehören dazu. Und dann sind da jene Entwicklungstendenzen, denen man sich nicht unbedingt verwehren muss. Gutes Essen aus der Region ist so ein Beispiel. Weil gerade jeder, der etwas auf sich hält, Äpfel aus dem Alten Land oder Bier aus der Kreativbrauerei nebenan kauft, mehren sich die kulinarischen Plattformen in Form von Events und Nachbarschaftsmärkten – möglichst noch mit kultureller Einbindung. Treib.gut ist so eine Veranstaltung, bei der gutes Essen aus Manufakturen auf Musik und Film trifft. Für den Mund gibt es beispielsweise Veganes, Gebäck, Käse, Fleisch, Muttis Suppe in Dosen und Salz aus der Ostsee, für die Ohren unter anderem Klaviermusik von Søren, fürs Gehirn einen Vortrag von „Gemüseflüsterer“ Marko Seibold (Sa, 17 Uhr), für die Augen die Hamburgpremiere des Dokumentarfilms Regional wachsen – Eine Reise durch eine neue Landwirtschaft (Sa, 18 Uhr).

Text: Lena Frommeyer

 

„Je Danse Donc Je Suis“

Die französische Pop-Party-Reihe feiert ihren zehnten Geburtstag im Nachtasyl. Es gratulieren die Bands Stereo Total und Les Frères Checkolade.

Je Danse Donc Je Suis„, sang Brigitte Bardot im Jahre 1964 mit verführerische Stimme – und lieferte damit den Soundtrack für eine Generation, die gegen gesellschaftliche Konventionen antanzte. Tatsächlich schwoft es sich zu der flotten Nummer auch heute noch gut. So gut, dass ein nach dem Stück benannter Clubabend am 27. September sein zehnjähriges Jubiläum im Nachtasyl feiert. Der eigentliche Stargast der Sause sind die Bands des Abends: Stereo Total lassen ihren Pop-Trash mit französischem Akzent durch den Dachbodenclub im Thalia Theater schwirren. Zudem erwachen die frenchy Elektro-Popper von Les Frères Checkolade aus ihrem nunmehr zehn Jahre andauernden Dornröschenschlaf und spielen dem Team ein Ständchen. Anschließend garniert DJ Luc Le Truc den Abend mit musikalischen Sahnehäubchen aus seiner Plattensammlung – da ist doch bestimmt auch etwas von Brigitte Bardot dabei …

Text: Lena Frommeyer

 

Golden Pudel Club

Zwei befreundete DJs aus dem Süden der Republik lassen den Tanzschuppen am Fischmarkt in Deep Underground House versinken.

Wer auf Deep Underground House steht, sollte sich diesen Party-Termin dick und rot im Kalender anstreichen. Im Golden Pudel Club, der sich kürzlich den Titel Mietpreiskönig verliehen hat, legen heute die DJs Simon Ferdinand und Markus Mutzenbacher ihre Platten auf die Teller. Gäste können sich an diesem Abend auf ein eingespieltes Team freuen. „Two brothers, different mothers“, hieß es schon einmal anderswo über dieses Duo. Ferdinand und Mutzenbacher kennen sich seit über 15 Jahren und haben zunächst in Süddeutschland für Furore gesorgt. Dort entstand die Party-Reihe Batterie Pusteblume, die für etwas steht, was auch im Norden immer gut ankommt: geschmackvolle elektronische Musik fernab digitaler DJ-Konfektionsware und direkt vom Plattenteller. Schlecht komprimierte MP3s bleiben heute zu Hause.

 

Neonschwarz

Die Hamburger Hip-Hop-Crew lädt zum Release-Jam ihres kürzlich erschienenen Debüt-Albums „Fliegende Fische“ auf die MS Stubnitz.

Am 19. September ist das Debütalbum Fliegende Fische der Hamburger Rap-Crew Neonschwarz auf Audiolith Records erschienen. Genau eine Woche später lädt das Quartett nun zum Release-Jam auf die MS Stubnitz, um seinen linken Rap mit Rückgrat, Haltung und den richtigen Botschaften auch live auf die Meute loszulassen. Unterstützt werden die Neonschwizzys von Refpolk & Pyro One, die kürzlich ihre Aufstand der Rucksäcke betitelte EP herausgebracht haben, sowie vom Hamburger Rap-Trio Eljot Quent. Letzteres hat nicht nur ihr Buuf (wie die Gruppe ihr kleines, bescheidenes Tonstudio irgendwo im Hammerbrooker Niemandsland nennt) für die Aufnahmen von Fliegende Fische zur Verfügung gestellt, nein, Len Kurios hat das Album auch produziert, gemischt und ein paar Beats beigesteuert.

Text: Jan Kahl

 

„Identitäten dehnen“

Auf der Bühne weiter denken: Monika Gintersdorfers und Knut Klaßens Performance fußt auf den Ideen des französischen Marxisten Alain Badiou.

Ein bisschen anstrengend klingt das ja schon, was der französische Marxist Alain Badiou da fordert: die Dehnung der individuellen Identität ins Unendliche bei Beibehaltung des Egoismus, aber ohne Gier. Wie soll das denn bitte funktionieren? Badiou blickt in seinen Theorien unter anderem auf illegale Migranten, die neue Formen des Widerstandes gegen das bestehende System entwickeln. Badious komplizierte Ideen sind Grundlage einer Performance des Künstlerduos Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen. Identitäten dehnen eröffnet Ende September die neue Spielzeit auf der Kampnagel-Bühne und bietet interessante Aspekte zur aktuellen Debatte um Flüchtlinge in der Stadt, wie sie mit den Schutzbefohlenen auch im Thalia Theater stattfindet. Neben Badious Gedankengängen werden aktuelle europäische Philosophie-Konzepte zum Thema Migration auf den Prüfstand gestellt.

Text: Katharina Manzke

 

John Gabriel Borkman

Leben nach dem Größenwahn: Henrik Ibsens Stück über einen betrügerischen Bankier kommt auf die Bühne des Schauspielhauses.

Als Henrik Ibsen in den 1890er Jahren John Gabriel Borkman schrieb, beschäftigte er sich intensiv mit Friedrich Nietzsches Thesen vom Übermenschen und dem Willen zur Macht – und auch mit deren gefährlicher Kehrseite. Es geht in dem Stück um einen betrügerischen Bankier, der nach einer verbüßten Haftstrafe zurück an die Spitze der Wirtschaft gelangen möchte. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, die ihm nahestehenden Menschen zu instrumentalisieren und entfremdet sich so mehr und mehr von seiner Außenwelt. Ibsen orientierte sich bei der Entwicklung seines Protagonisten an einem realen Fall, der in den 1850er Jahren die norwegische Gesellschaft bewegte: dem gesellschaftlichen Sturz eines namhaften Offiziers aus Kristiania, dem heutigen Oslo. Seitdem sind über 150 Jahre vergangen und viele neue Borkman-Figuren spukten mehr oder weniger unheilvoll durch die Schlagzeilen. Das Stück, das unter Regie von Karin Henkel ab September im Schauspielhaus zu sehen ist, ist somit nach wie vor ein kluger Spiegel der Schattenseite des Größenwahns.

Text: Katharina Manzke