Google: Verlage müssen experimentieren!

Hal Varian, seines Zeichens Chefökonom von Google, hat gestern der Federal Trade Commission seine Vision von der „Zukunft des Journalismus“ erläutert. Die US-Behörde hält derzeit Anhörungen zur Zukunft des Journalismus ab und führt hierzu auch ein Projekt durch. Spannend ist die Google-Präsentation, weil Verleger dem Suchmaschinenriesen vorwerfen, ihr Geschäftsmodell zu torpedieren. Hier Varians Präsentation:

Eine Lösung für den Medienwandel hat Varian nicht parat – aber eine Losung: „Experimentieren, experimentieren, experimentieren.“ Außerdem sollten die Verlage die Daten und Informationen, die Nutzer auf ihren Websites hinterlassen, konsequenter auswerten. Crossmediale Potenziale sieht er in Lesegeräten wie dem Kindle oder dem iPad. Das Nieman Journalism Lab hat das komplette Transkript des Vortrags veröffentlicht.

 

Nachrichten brauchen keine Marke mehr

Wie Nachrichten zu den Menschen kommen, hat eine neue Studie des „Pew Research Center’s Internet & American Life“ und das „Project for Excellence in Journalism“ zu untersuchen versucht. Und dabei zunächst festgestellt, dass mehr als 90 Prozent aller Amerikaner mehrere Plattformen nutzen, um sich ihre tägliche News-Dosis zu holen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie bestimmten Marken mehr vertrauen als anderen. Nachrichten sind heute ein „soziales Experiment“, sie werden gescannt und bei Gefallen weitergereicht und empfohlen.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass Online-Medien die Printredaktionen in der Popularität inzwischen abgehängt haben. Sie rangieren nun gleich hinter lokalen und nationalen Fernsehprogrammen. Der Internetnutzer springt dabei von Plattform zu Plattform und problemlos von Online zu Offline und wieder zurück.

Noch eine Zahl spiegelt ein verändertes Nachrichten-Verhalten wider. Es lässt sich unter den Begriff „Partizipation“ fassen: Über ein Drittel, nämlich 37 Prozent, haben schon einmal selbst in der einen oder anderen Form an der Nachrichtenherstellung oder ihrer Verbreitung mitgewirkt. Und sei es nur mit einem Kommentar unter einer News-Seite oder mit dem twittern einer interessanten Meldung an Freunde. Die Empfänger wollen Sender werden.

 

Bezahlbutton

Der folgende Eintrag braucht nicht viele Worte. Als Erklärung: Die Zitate stammen von dem freien Sportjournalisten Jens Weinreich, der für sich versucht, einen Ausweg aus dem Dilemma der Branche zu finden: Qualität liefern und trotzdem davon leben können.

„Journalismus kostet Zeit. Journalismus kostet Kraft. Journalismus tut weh. Journalismus macht Spaß. Journalismus ermüdet. Journalismus kostet Geld.“

„Auf das fundamentale Problem der Branche finden Verlage kaum Antworten (sofern sie sich wirklich für die Antwort auf genau diese Frage interessieren), was ist da schon von einem freien Journalisten zu erwarten. Die Frage lautet: Wie lässt sich Qualitätsjournalismus finanzieren? Antworten darauf muss jeder selber finden.“

„Ich bin Dienstleister. (…) Meine Dienstleistung nennt sich Journalismus, in allen möglichen Medien. Für diese Dienstleistung können meine Leser und Diskussionspartner eine Online-Gebühr entrichten. Dafür setze ich künftig Bezahlbuttons in Artikel.“

Mehr zu seinem Versuch hier.

 

Island: Der Datenfreihafen wird realer

Ende Dezember hat das Transparenz-Projekt Wikileaks auf dem 26. Chaos Communication Congress eine Idee verkündet, die man gemeinsam mit Aktivisten und Politikern aus Island entwickelt hatte: Island zum Datenfreihafen machen. Die Idee nimmt nun konkrete Züge an.

Eine „Icelandic Modern Media Initiative“ wurde gegründet und 51 Abgeordnete wollen am 16. Februar einen Gesetzesentwurf ins Parlament einbringen. Ziel der Initiative ist es, die weltweit besten Gesetze für Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit zu vereinen. Der Zeitpunkt ist optimal, wie der britische Guardian von einem isländischen Abgeordneten erfahren hat:

„It is a good project for political change,“ said Róbert Marshall, a member of the ruling Social Democratic Alliance party. „We have been through a difficult period and this is an initiative that can unite the whole political scene.“

Die BBC zitiert Wikileaks-Gründer Julian Assange, der hoffnungsvoll ist, was die Chancen durch die isländische Gesetzgebung angeht:

„If it then has these additional media and publishing law protections then it is likely to encourage the international press and internet start-ups to locate their services here,“ Mr Assange said.

Der Zeitplan der Icelandic Modern Media Initiative sieht vor, dass das Gesetz im Optimalfall eine Woche später beschlossen sein kann. Da kann man nur Glück wünschen und auf die Entscheidung warten.

 

Neuer BBC-Chef führt Social Media-Pflicht ein

BBC Journalisten sollen Social Media als primäre Informationsquelle nutzen, sagt Peter Horrocks. In der Hauszeitung Ariel lässt sich der neue BBC-Direktor mit den Worten zitieren: „Das ist nicht irgendeine Marotte von einem Technik-Enthusiasten. Ich fürchte, man kann den Job nicht mehr machen, wenn man sich damit nicht auskennt.“ Das wäre nicht „discretionary“, fügt er hinzu,  läge also nicht im eigenen Ermessen der Journalisten. Für einen Briten relativ starke Worte.

Früher hieß es immer: Ein Schüler ohne Bleistift, ist kein Schüler. Heute ließe sich sagen, ein Journalist ohne RSS-Feed, ist kein Journalist mehr. Fest steht zumindest, dass sich der Blick von Journalisten auf Informationen, die sie aus Quellen wie Twitter, Blogs oder Sozialen Netzwerken erreichen, grundlegend gewandelt hat. Anstatt aus Angst vor unsicheren Quellen die Finger davon zu lassen, versuchen sie Regeln zu entwickeln, um deren Mehrwert für sich nutzen zu können.

Der Medienblog Mashable verweist in seinem Artikel zum Thema auch auf Medienunternehmen wie Sky News, die ihren Newsroom bereits stark auf Twitter umgestellt hätten. Und der Guardian schreibt, dass für den Nachrichtensender CNN die Integration von Social Media ein wichtiger Schritt gewesen sei, um die eigenen Reportagen zu verbessern und näher an die Quellen zu kommen, wie man bei der jüngsten Berichterstattung aus Haiti gesehen habe.

 

Online-Medien sind die Tütensuppe

Das NiemanJournalismLab der Havard Universität berichtet über die Studie einer texanischen Medienökonomin namens Iris Chyi, die eine interessante Feststellung gemacht hat: Während die Menschen immer mehr Online-Medien konsumieren, bewerten sie diese neuen Medien dennoch weiterhin als schlechter als etwa gedruckte Zeitungen oder das Fernsehen. Obwohl sie also ihren Medienkonsum de facto immer mehr ins Netz verlagern, heißt das noch lange nicht, ziehen sie die traditionellen Formate eigentlich noch immer vor.

Chyi erklärt das mit dem ökonomischen Prinzip minderwertiger Güter („inferior goods“): Wenn die Einkommen wachsen, kaufen die Konsumenten viele normale Waren, also zum Beispiel Steaks, und weniger minderwertige Waren, also zum Beispiel Tütensuppen. Sinkt das Einkommen, verlagert sich ihre Präferenz. Das ist die Chance für die Tütensuppe. Die Nachfrage nach günstiger Nahrung steigt, obwohl das Steak den Menschen immer noch besser schmeckt.

Man kann sich fragen, warum Onlinejournalismus als minderwertig, also als Tütensuppe wahrgenommen wird. Eine von Chyis Thesen lautet, dass das Lesen auf dem Bildschirm weniger angenehm ist als das Blättern in einer Zeitung. Eine weitere besagt, dass die Online-Medien noch optische Probleme haben, etwa mit hässlichen, billig anmutenden Werbeanzeigen. Die dritte These wäre Wasser auf die Mühlen der Bezahl-Dienst-Verfechter: Kostenlose Güter werden automatisch als minderwertig wahrgenommen. Das wäre dann sozusagen ein Teufelskreis.

Chyi kommt aber zu dem Schluss, dass es zu diesem Thema noch kaum aussagekräftige Studien gibt. Auch das NiemansLab schließt sich hier an: Es bestünde aktuell Forschungsbedarf auf diesem Gebiet.

Der Test in der Praxis ist ja bereits im vollen Gange. Immer mehr Zeitungen stellen derzeit auf Bezahlinhalte um. Die spannende Frage lautet also, ob die Leser die Inhalte danach tatsächlich höher bewerten als zuvor. Oder ob die Erkenntnis, dass es im Netz wie am Kiosk Steak UND Tütensuppe gibt, nur einfach noch eine Weile braucht, um zu reifen.

 

Frontbericht aus Blogistan

Und zur Nacht noch etwas Schönes: Wolfgang Michal berichtet auf carta.info live von der Front in „Blogistan“ und wie die Truppen des Imperiums der Verlage versuchen, mit neuer Strategie die Herzen der Ungebildeten der Leser zu gewinnen:

„Nach acht Jahren des vergeblichen Kampfes setzt sich vielerorts die Einsicht durch, dass die Verlage nicht immer mehr Soldaten Aufbauhelfer aus ihren Redaktionen ins Netz schicken können, um Blogistan zu befrieden und den Einfluss der Webkommunisten zurückzudrängen. Dies würde, so ein Verlagssprecher, den Kostenrahmen sprengen und wäre der Bevölkerung nicht vermittelbar. Umfragen zeigten, dass eine große Mehrheit der Deutschen ein aggressiveres Vorgehen der Verlage im Internet ablehnt. Auch der Ruf nach einer konkreten „Abzugsperspektive“ für den Interneteinsatz wird lauter.“

Wunderbare Satire. Aber dass carta Kai Diekmann gleich zum Generalmajor befördern musste… Der hat es doch nur bis zum Gefreiten gebracht.