Existenzängste, Kasernenhöfe und die Stasiakte von Angela Merkel

Der Streit war spektakulär. Daniel Domscheit-Berg, die mutmaßliche Nummer 2 bei WikiLeaks, brach Ende letzten Jahres öffentlich mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange.
Was folgte, war die Ankündigung einer neuen Leakingplattform: OpenLeaks.org. Die Ankündigung ist mittlerweile alt geworden. Aber OpenLeaks.org ist im Netz bisher nicht mehr als eine schlichte digitale Visitenkarte. Ein Interview mit Daniel Domscheit-Berg über die Schwierigkeiten beim Neustart, die Psyche von Julian Assange, persönliche Exitenzängste und die Stasiakte von Angela Merkel.

Leaks-Blog:
Ihr Buch trägt den Untertitel „Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“. Was waren denn die Momente der Angst?

Daniel Domscheit-Berg:
Dieser Untertitel ist eigentlich ein Wortspiel, weil er auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Ist eine offene Frage, die ich stelle. Für wen ist das eigentlich die gefährlichste Website der Welt? Für die, die exponiert werden? Für die die beteiligt sind oder vielleicht auch die, die Materialien dort abgeben?
Ich persönlich hatte nicht viele Momente, in denen ich mich bedroht gefühlt habe. Und die Bedrohung kam dann, wenn überhaupt, aus den eigenen Reihen. Da habe ich mich natürlich schon gefragt, auf was habe ich mich hier eingelassen?

LB:
Wie sah eine solche Bedrohungen aus den eigenen Reihen aus?

DDB:
Die beginnt damit, dass man in dem Moment, in dem man vermeintlich aus der Spur schießt, mit der Polizei bedroht wird. Was natürlich keine besonders vertrauensvolle Grundlage für eine Zusammenarbeit ist.

LB:
Was heißt denn aus der Spur schießen? Gab es bei WikiLeaks etwa ein Kasernenhofreglement, das vorsah, wann wer was wie zu tun hatte?

DDB:
Es gab von Julian Assange aus zumindest eine sehr klar definierte Hackordnung, die sich danach richtet, wer wem überlegen ist. Und er ist da an der Spitze. Weil er erfahrener ist als alle anderen und intelligenter. Und er fühlt sich aus diesen Gründen auch immun gegenüber der Kritik anderer. Ist natürlich keine gute Basis. Das ist dann irgendwas zwischen Kasernenhof und Sekte.

LB:
Wie fällt, in aller Kürze, aus Ihrer Sicht, die Charakterisierung von Julian Assange aus?

DDB:
In aller Kürze: Er ist ein Mensch der Extreme. Extrem positive Eigenschaften. Hochintelligent, einer sehr systemischer Denker. Auf der anderen Seite hat er Extreme Schwächen. Zum Beispiel was das Zwischenmenschliche betrifft.

LB:
Viele werfen Ihnen vor, Sie seien nur neidisch auf den enormen Erfolg von Julian Assange.

DDB:
Ich bin eigentlich froh, wenn ich nicht so oft in den Medien präsent bin. Es lässt sich nicht vermeiden, da das was wir tun, eine Relevanz für die Medien hat. Aber ich kann mit tausend andere Dinge vorstellen, die wichtiger sind.

LB:
WikiLeaks ist zwar noch in allen Medien präsent, aber es passiert ziemlich wenig. Zumindest was neue Leaks angeht. Rechnen Sie mit einem Comeback von WikiLeaks?

DDB:
Tja, das ist eine schwierige Frage. Es scheint momentan ziemlich viel um Ankündigungen zu gehen. Es gibt ja viele Drohungen, die ausgesprochen werden. Gegenüber amerikanischen Banken oder dem Murdoch Empire. Aber es passiert halt nichts. Warum nichts passiert, weiß ich nicht. Ich habe zu niemandem mehr Kontakt. Aber ich glaube, man hat sich mit den letzten Veröffentlichungen etwas übernommen. Die Frage ist, was kann da noch kommen? Nach Weltrekorden und so viel Aufmerksamkeit. Interessiert sich da eigentlich noch jemand für die kleinen Geschichten?

LB:
Jetzt haben Sie ja auch bereits vor Monaten den Start von OpenLeaks in Aussicht gestellt. Zwischenzeitlich wurden ja sogar die Screens ihrer Seite geleakt. Auch da passiert nichts.

DDB:
Ich bin manchmal wohl etwas zu optimistisch und habe Dinge in Aussicht gestellt, die wir so nicht halten konnten. Uns ist es wichtig, die Dinge richtig zu machen. Und gerade wenn man einen neuen Ansatz verfolgt, ist es nicht so einfach die Dinge richtig zu machen. Der neue Ansatz ist nicht ganz so trivial umzusetzen. Das braucht einfach Zeit. Es passiert viel. Vor allem im Hintergrund. Auch wenn man das nicht sieht. Ich hoffe, dass jetzt auch in den nächsten Wochen dazu was sichtbar wird. Wir sind dran!

LB:
OpenLeaks hat kein konventionelles Geschäftsmodell. Die Leaks sollen nicht monetarisiert werden. Da fragt man sich, wie soll sich das tragen? Wie trägt es sich aktuell. Bei so einer langen Entwicklungsphase. Wovon leben Sie?

DDB:
Es ist so, wie es auch jahrelang bei WikiLeaks war. Momentan wird alles aus unseren privaten Taschen finanziert. Es gab über den Spendendienst flattr 600 Euro, es gab 1500 Euro in Form von Geldspenden. Aber das ist natürlich nicht besonders viel Geld.

LB:
Wie groß ist denn das Team von OpenLeaks momentan?

DDB:
Wir sind fünf, sechs Leute, die momentan quasi Vollzeit daran arbeiten. Und insgesamt sind wir 12 oder 13.

LB:
Haben Sie da keine Existenzängste? Da investieren Sie über Monate Arbeit in ein Projekt, das nicht einmal ein Geschäftsmodell hat? Wie machen Sie das? Was sagt denn da eigentlich Ihre Familie?

DDB:
Wir haben ein Geschäftsmodell. Wir haben eine Idee, wie das alles finanziert werden soll. Die Partner werden ja auch dazu angehalten, unsere operativen Kosten zu senken. Damit kommt es zu weniger Kosten, für die ich jetzt ein Risiko eingehen müsste. Uns geht es zum Beispiel um Serverkapazitäten die Sie als Partner bereitstellen müssten, wenn Sie mitmachen wollten.

LB:
Und was ist mit den Existenzängsten?

DDB:
Nein, habe ich eigentlich nicht. Ich habe schon immer ohne große Sicherheiten geplant. Ich habe immer versucht, das zu machen, von dem ich überzeugt war, dass es richtig ist. Auch wenn das immer ein gewisses Risiko mit sich bringt. Und bei dem, was wir momentan aufbauen, habe ich wesentlich weniger Bedenken, als ich bei WikiLeaks hatte. Wir haben einen ganz klaren Plan. Ich bin sicher, dass das funktioniert. Da habe ich keine Existenzängste. Ganz im Gegenteil.

LB:
Ihre Familie macht da auch einfach mit?

DDB:
Auch meine Familie steht voll hinter mir. Meine Frau hat mich lange gestützt. Da habe ich das Glück, dass sie alle voll hinter mir stehen.

LB:
Zum Schluss ein Blick nach vorn. Es kommen immer mehr Leakingportale auf. Ist das für Sie Konkurrenz oder sagen Sie, ja das genau ist es. Es braucht mehr Portale die ins Lokale, Regionale gehen oder sich thematisch spezialisieren?

DDB:
Wir müssen möglichst viele Lösungen entwickeln. Es ist wie so oft, wir brauchen Vielfalt.

LB:
Gibt es eigentlich irgendein Geheimnis, dass Sie unbedingt mal lüften wollen?

DDB:
Da wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte.

LB:
Drei reichen.

DDB:
Es gibt extrem viel. Gerade was die Umweltthemen angeht. Hier bedarf es extremer Transparenz. Gerade was die wirtschaftlichen Zahlen angeht.
Es gibt ganz profane Dinge, wie zum Beispiel die Stasiakte von Frau Merkel. Ich bin davon überzeugt, dass sie öffentlich sein sollte. Das widerspricht sich. Wir schenken dieser Person viel Vertrauen, aber wissen nichts über diesen Teil ihrer Vergangenheit.

 

Guerillakrieg im Netz

Die Hacker-Bewegung Anonymous sorgte bereits mehrfach für Schlagzeilen. Mit diversen Hacker-Attacken wurden die Server von VISA, Mastercard und Amazon im Dezember lahmgelegt. Zuvor hatte die US-Regierung die Dienstleistungsanbieter genötigt, ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks zu beenden. Der anschließende Kniefall der Dienstleistungbranche, der ohne jede rechtliche Notwendigkeit erfolgte, wurde von Anonymous mit massiven DDOS-Angriffen beantwortet.

Jetzt startet die Gruppe anonymer Hacker offenbar ein eigenes Leakingprojekt. AnonLeaks heißt das Ganze und ist seit kurzem online. An AnonLeaks wird sich mit großer Sicherheit erneut eine Diskussion entzünden, die bereits am Wochenende hier geführt wurde, wenn auch in einem völlig anderen Zusammenhang. Wer darf wann was leaken? Denn die ersten Dokumente auf AnonLeaks sind keine klassischen Whistleblowerlieferungen. Anonymous gab bereits vor Tagen den Hack, also den digitalen Einbruch in die Mailserver der amerikanischen IT-Sicherheitsfirma HBGary bekannt. HBGary hatte in Zusammenarbeit mit dem FBI versucht, Akteure der Hacker-Gruppe Anonymous zu identifizieren. Jetzt holte Anonymous offenbar zum Gegenschlag aus. Auf AnonLeaks veröffentlichte die Hacker-Bewegung tausende Mails der Firma.

 

Schlammschlacht wird fortgesetzt

OpenLeaks ging bekanntlich vor einigen Tagen online. Geplant war der Start des neuen Whistleblowingprojekts zwar erst für einen späteren Zeitpunkt, im Netz waren jedoch Screenshots der noch nicht veröffentlichten Seite aufgetaucht. Ein vorgezogener Start schien einem der Initiatoren, dem Wikileaks-Dissidenten Daniel Domscheit-Berg, ganz offenbar die beste Antwort auf die OpenLeaks-Leaks.

Nun sind auch erste Auszüge des noch nicht veröffentlichten Buchs „Inside Wikileaks“ von Daniel Domscheit-Berg auf der Seite www.cryptome.org aufgetaucht, wie Markus Beckedahl auf Netzpolitik.org berichtet. Aus den geleakten Auszügen geht offenbar hervor, dass Domscheit-Berg einige Dokumente, die Wikileaks von Whistleblowern zur Verfügung gestellt worden waren, im Zuge seines Ausstiegs an sich genommen hat. Als Begründung führt Domscheit-Berg laut Beckedahl die unsichere Infrastruktur von Wikileaks an („Kinder sollten nicht mit Waffen spielen“). An eine Veröffentlichung auf OpenLeaks ist aber allem Anschein nach nicht gedacht. Eine Rückgabe der Dokumente soll allerdings erst erfolgen, wenn Wikileaks über eine sichere Technologie verfügt. Aus Sicht der Whistleblower, die die Dokumente bereitgestellt hatten, dürfte dieser Vorgang jedoch eher etwas uncool sein, wie Beckedahl vermutet.

Über die Hintergründe der beiden Leaks ist übrigens bisher nichts bekannt. Dementsprechend gedeihen diverse Spekulationen. Sie reichen von vermuteten Racheakten bis hin zu angenommenen Marketingstrategien.

Domscheit-Bergs Attacke gegen Assange und sein Portal dürfen auch als Werbung in eigener Sachen verstanden werden. Zentraler Baustein des OpenLeaks-Konzepts ist die Bereitstellung einer zuverlässigen und gegen Zugriffe Dritter geschützten Architektur. Diese Sicherheitsstruktur soll einerseits Whistleblower ermutigen ihre brisanten Materialien bereit zu stellen, andererseits vor allem Partner aus den Bereichen Medien, Gewerkschaften oder NGOs garantieren, es mit einem zuverlässigen System zu tun zu haben. Denn OpenLeaks versteht sich nur als Infrastrukturanbieter für Whistleblower ohne jede Ambition erhaltene Dokumente selbst zu veröffentlichen. Diese Aufgabe fällt ausschließlich den zukünftigen Partnern zu.

 

Opfer oder Täter?

Totale Transparenz und ihre Folgen. Julian Assange ist Opfer eines Leakings geworden. Wie das Wired-Blog Threat Level berichtet, wurden Teile der Ermittlungsakten zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange anonym im Netz veröffentlicht. Unter anderem enthalten die Unterlagen Zeugenaussagen und Fotos möglicher Beweisstücke. Die Unterlagen waren dem britischen Guardian bereits im Dezember 2010 zugespielt worden. Der Guardian hatte daraufhin zusammenfassend berichtet, allerdings ohne die Unterlagen zu veröffentlichen. Assange äußerte sich bisher nicht zu der Veröffentlichung.

 

Selbstverteidigung

Der Mann hinter Wikileaks. Das ist der Titel der aktuellen 60 Minutes Ausgabe des amerikanischen TV-Senders CBS. Eine Stunde diskutierte Steve Kroft mit Julian Assange.

Den hatte in der zurückliegenden Woche Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, in einem ausführlichen Portrait massiv kritisiert. Er sei “schwer zu fassen, manipulierend und unberechenbar“. Jetzt hatte Assange Gelegenheit, seine Version dieser und anderer Geschichten zu erzählen.

Update: Und hier noch David Leigh and Luke Harding sowie Alan Rusbridger vom britischen Guardian über ihr Buch Wikileaks – Inside Julian Assange’s War on Secrecy.

 

Einblicke in die Werkstatt der Weltöffentlichkeit

Schwer zu fassen, manipulierend und unberechenbar„. So charmant und warmherzig charakterisiert Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Beschreibungen wie „arrogant, dünnhäutig, verschwörerisch und seltsam leichtgläubig“ folgen. Es klingt nach dem bitterbösen Ende einer kurzen und intensiven Liebesbeziehung. Immerhin gehörte die New York Times über Monate zu den exklusiven Medienpartnern der Whistleblowingplattform. Auch wenn Verweise auf Assanges brilliantes Technikverständnis und seinen beunruhigend scharf arbeitenden Verstand nicht fehlen.

Das Assange-Bild Kellers ist gerade in einem Artikel des Magazins der New York Times erschienen als vorab publiziertes Vorwort eines in Kürze erscheinenden Buchs, das die New York Times zum Thema Wikileaks veröffentlichen wird.  Der Titel „Open Secrets: Wikileaks, War and American Diplomacy“. Ab Montag kann das Buch als eBook bei zahlreichen Onlinebuchhändlern bestellt werden. Es fügt sich damit ein in die Reihe der aktuellen Wikileaks-Bücher (Übersicht hier „Whistleblowing auf Papier„).

Für den Leser des Artikels wird schnell klar, dass die Arbeiten im Maschinenraum der Weltöffentlichkeit alles andere als einfach gewesen sein dürften. Unterschiedliche Interessen, versteckte Agenden der diversen Parteien, komplexe technische Zusammenhänge und vor allem eine ganz offenbar eher kühle Atmosphäre zwischen Assange und Keller scheinen die Kooperation streckenweise massiv belastet zu haben.

Kein Wunder also, dass Wikileaks sich nach den gewaltigen Coups des letzten Jahres von den Medienpartnern aktuell emanzipieren will und angeblich Kooperationen mit über 60 Medien weltweit anstrebt. Was jedoch eine schwer zu organisierende, geschweige denn zu kontrollierende Größe sein dürfte. Allein was die Botschaftsdepeschen betrifft, hat Wikileaks mit Blick auf Aftenposten und Die Welt bereits die Kontrolle verloren. Dort werden seit Wochen Depeschen ohne jede Abstimmung mit Wikileaks veröffentlicht.

Bleibt die Frage, ob die angestrebten neuen Kooperationen individuell verhandelt werden sollen. Oder ob Wikileaks zukünftig ein Akkreditierungsverfahren für Medienpartner installieren wird, wie es OpenLeaks.org plant. Sollte an Kellers Portrait etwas dran sein, dürften individuelle Verhandlungen mit einem Chefunterhändler Assange jedenfalls kompliziert werden. Soviel gibt das Vorwort Kellers schon einmal her, auch wenn es manchmal wirkt, als würde einfach nur böse nachgetreten. Denn immerhin hatte Wikileaks die Absicht, die New York Times beim Depeschen-Projekt aus dem Verbund der Medienpartner zu verabschieden.

Wikileaks reagierte übrigens umgehend über Twitter auf Bill Kellers Assange-Portrait im Magazin der New York Times und sprach von einem schwarzen Tag für die us-amerikanische Presse.

„NYTimes does another self-serving smear. Facts wrong, top to bottom. Dark day for US journalism.”

Nicht gerade das, was man eine Liebeserklärung nennt.

UPDATE: Hier noch ein Video (Wikileaks: The Back Story) der New York Times mit Statements von Bill Keller und anderen (leider nicht embeddbar)

 

Openleaks geleakt

Der Launch des neuen Leakingportals OpenLeaks.org wird seit Wochen erwartet und seit fast genauso vielen Wochen verschoben. Jetzt ist ein Leak von OpenLeaks als PDF mit diversen Frontendansichten auf der Netzseite Cryptome.org aufgetaucht. Auf Netzpolitik.org gibt es mittlerweile auch einen Link zur Netzseitenansicht des Leaks. Da gibt es im Newsbereich zum Beispiel die Meldung aus dem Dezember 2010, die den Start von OpenLeaks feiert.

Auf der offiziellen OpenLeaks-Seite dagegen gibt es bisher nur ein einsames „Coming Soon“ zu sehen.

Der ehemalige Partner von Julian Assange, Daniel Domscheit-Berg, hatte bereits Ende letzten Jahres den Start des neuen Portals angekündigt. Domscheit-Berg war im Streit bei Wikileaks ausgeschieden, da er Assange einen autoritären Führungsstil und falsche Prioritätensetzung vorwarf. Das neue Leakingportal OpenLeaks plant unter anderem ein neues Kooperationsmodell zwischen Whistleblowern und publizierenden Institutionen. So soll der Whistleblower sein Material an bestimmte Institutionen wie Zeitungen oder NGOs zur Veröffentlichung adressieren können.

Bleibt die Frage, wer den Leak aus welchen Gründen der Netzseite Cryptome.org zugespielt hat. Kommunikationsstrategie? Kannibalismus der Leakingportale? Oder einfach nur mangelnde Vorsicht der OpenLeaks-Macher?

UPDATE 21.15 Uhr: OpenLeaks.org ist wieder dicht

 

Nichts bis gar nichts

Bradley Manning ist für viele US-Amerikaner schon jetzt des Hochverrats schuldig. Ganz gleich, ob irgendein ein Gericht der Welt ihm bisher etwas Derartiges nachgewiesen hat oder nicht. Für die US-Regierung aber war der Gefreite Bradley Manning nicht nur ein Verdächtiger, er war auch eine der letzten großen Hoffnungen im juristischen Kampf gegen Wikileaks und Julian Assange. Bis heute. Denn wie Guardian und NBC berichten, müssen die Ermittlungsbehörden mittlerweile einräumen, dass es keine Beweise für eine direkte Verbindung zwischen Manning und Assange gibt.

Diese direkte Verbindung hätte ein juristischer Ansatzpunkt sein können. Hätte Assange Mannings Daten, wenn er denn der vermeintliche Whistleblower sein sollte, persönlich entgegen genommen, hätte sich vielleicht eine Anklage konstruieren lassen, die Assange vorwirft, er habe Manning verleitet, aufgefordert, eventuell sogar genötigt oder gezwungen, die Daten herauszugeben. Bis zur Spionage ist es dann nicht mehr weit. Doch nichts dergleichen lässt sich nachweisen.

Zuletzt hatte die US-Regierung den Druck auf den Obergefreiten Manning in der Untersuchungshaft erhöht. Unter anderem soll er als Insasse derart überwacht worden sein, wie üblicherweise nur Suizid gefährdete Insassen überwacht werden. Die US-Sektion von Amnesty International hatte zwischenzeitlich Protest eingelegt.

In den zurückliegenden Wochen hatte die US-Regierung auch zahlreiche weitere Anstrengungen unternommen, um eine Anklage gegen Assange zu konstruieren beziehungsweise den Druck auf Wikileaks zu verstärken. So hatte sie unter anderem erwogen den Espionage Act, ein Gesetz von 1917, zu nutzen. Sie nötigte diverse Firmen ihre Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks zu kappen. Sie zwang Twitter und vermutlich zahlreiche andere Betreiber von Social Networks und anderen Onlinediensten, persönliche Daten von tatsächlichen oder vermeintlichen Wikileaks-Machern herauszugeben. Das Ergebnis ist gleich null. Anders gesagt, es gibt bis heute keine konkreten Vorwürfe. Keine juristisch verwertbaren Beweise für Spionageaktivitäten. Keine Anklage. Nichts. Genauer: Gar nichts. Aber das Stochern im Nebel wird weitergehen. So viel scheint sicher.

 

Whistleblowing auf Papier

In der zurückliegenden Woche blieben die spektakulären Enthüllungen aus. Der USA-Besucher und chinesische Staatschef Hu Jintao war ein Thema. Ein anderes war Rudolf Elmer, Ex-Banker, der Assange in London Daten von 2000 Bankkunden und mutmaßlichen Steuerhinterziehern übergeben hatte und kurz darauf in der Schweiz verhaftet wurde. Die Haftumstände eines anderen, des US-Gefreiten Bradley Manings, der vermeintlichen Quelle für Depeschen und Kriegsprotokolle, waren ebenfalls ein kontroverses Thema. Vor allem aber dominierte mal wieder Julian Assange die Schlagzeilen. Für ein Biopic, einen Kinofilm, der das Leben des Wikileaks-Gründers inszeniert, sollen die Vorbereitungen laufen.

Umso spektakulärer dürfte es in der gerade startenden Woche werden. Zumindest was die Buchtitel betrifft, deren Erscheinen angekündigt ist. Denn zahlreiche Verlage wollen am Großthema Wikileaks mitverdienen und haben ihre Autoren ins Rennen geschickt oder gleich Wikileaks-Macher als Autoren gewinnen können. Den Buchtiteln zufolge versprechen die Neuerscheinungen die große, die ganz große Story.

Der Suhrkamp Verlag tastet sich mit seinem Sammelband noch ganz vorsichtig heran und betitelte ihn ganz im Stile eines gut abgehangenen Schulfunkjargons: „Wikileaks und die Folgen. Netz – Medien – Politik.“ Der weitgehend unbekannte Scorpio-Verlag ist da schon weniger zimperlich. Hier werden gleich die großen Buchstaben ausgepackt: „Julian Assange, der Mann der die Welt veränderte.

Der abtrünnige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg ließ sich vom Econ-Verlag zu dem Titel „Inside Wikileks – Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ verführen. Was in etwa so verlockend klingt wie „Mein Leben als Rennfahrer im schnellsten Wagen der Formel 1“ oder „Meine Nacht mit Gunter Gabriel an einem der gefährlichsten Tresen der Welt“. Unterdessen hat der Guardian ebenfalls ein Wikileaks-Buch angekündigt. Mit den ganz großen Begriffen wird auch hier hantiert. „Wikileaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“.

Das ungeduldige Publikum in den Bahnhofsbuchhandlungen dagegen haben offensichtlich die Macher eines Spiegel-Buchs im Blick. Unter ihnen Holger Stark, Leiter des Hauptstadtbüros des Spiegel und eine Art Wikileaks-Koordinator beim Nachrichtenmagazin (hier noch der Link zu einem interessanten Werkstattgespräch mit Stark über die konkrete Arbeit mit Assange und Wikileaks). Sie titeln: „Staatsfeind Wikileaks“. Und der Leser erhofft sich natürlich sofort rasend schell geschnittene Szenen wie beim Blockbustermovie Staatsfeind Nummer 1.
Der endgültige Abräumer aber kommt dann im April. Die Autobiografie von Julian Assange. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch kündigt das Buch ganz zurückhaltend mit einem Assange-Zitat an : »I hope this book will become one of the unifying documents of our generation.“

Bescheidenheit ist eine Zier, aber es geht auch ohne ihr. Und die Assangeworte von der befürchtete Exekution in Guantanamo bekommen plötzlich etwas von einem Kinotrailer, der uns einen Showdown im Frühling ankündigt.

Aber – wer weiß. Am Ende haben sie sogar alle Recht, die großspurigen Titel. Denn Wikileaks und Assange könnten tatsächlich so etwas wie die digitalen Protagonisten der neuen Dekade werden. Die Frage bleibt, wie geht es weiter?

UPDATE: Es dürfte in dieser Woche noch ein zweites großes Thema geben. Die Geheimdokumente der Nahost-Friedensverhandlungen.

 

Spionage? Oder nur ein weiteres Kapitel im Infowar?

Es würde perfekt in die Strategie des amerikanischen Justizministeriums passen. Der US-Nachrichtensender Bloomberg berichtet über angebliche Datensuchaktionen von Wikileaks in diversen Peer-to-Peer-Netzen wie Limewire oder Kazaa.

Nachdem es den amerikanischen Behörden bisher nicht gelungen ist, Wikileaks aus dem Netz zu verbannen oder zumindest den Wikileaks-Gründer Julian Assange vor Gericht zu stellen, würde der neue Vorgang weitere Optionen in der juristischen Auseinandersetzung bieten. Erstmals wäre nachgewiesen, dass Wikileaks nicht nur Daten zugespielt bekommt, sondern selbst aktiv nach Daten sucht.

Der Leiter der amerikanischen Sicherheitsfirma Tiversa Inc., behauptet im Bloomberginterview, zahlreiche Suchaktionen von Wikileaks auf den Festplatten Unbeteiligter nachweisen zu können. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Tiversa Inc. bereits für das FBI und andere US-Dienste tätig war. Mark Stephens, Assanges Rechtsanwalt, reagierte umgehend und nannte die Vorwürfe haltlos.

Information und Desinformation. Die Unterscheidung fällt zunehmend schwer.