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Die Literatur des Naturalismus (1880-1900)

 
Literatur des Naturalismus
Die Wirklichkeit in all ihrem Elend und in ihrer Hässlichkeit darzustellen war  in der realistischen Kunst Max Liebermanns ein Anspruch, hier am Beispiel der „Gänserupferinnen“ (1872). © Publik Domain/Wikimedia

„Kunst = Natur – x“. Mit dieser einfachen Formel erklärt Arno Holz 1891 in seinem Werk Die Kunst. Ihr Wesen und Ihre Gesetze die Idee vom literarischen Naturalismus. Der Schriftsteller müsse danach streben, den Faktor x so klein wie nur möglich zu halten. Eine möglichst exakte Abbildung der Realität sei nun Aufgabe der Literatur.

Arno Holz trifft diese Überlegung vor dem Hintergrund einer fortgeschrittenen Industrialisierung. Deren Folgen sind weitreichend: technisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich, sozial. Das kleine Handwerk kann mit den industriellen Produktionsweisen nicht mehr mithalten. Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Städte, die auf so viel Zulauf nicht eingerichtet sind. Unter unwürdigen Bedingungen arbeiten sie in Fabriken, bis zu 18 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, und verdienen dabei einen kläglichen Lohn. Frauen und Kinder arbeiten in Bergwerken und werden noch schlechter bezahlt als die männlichen Arbeiter.

Das Elend als Wirklichkeit

Um die hässliche Realität geht es Arno Holz. Anders als der Realismus, der vor allem eine Abgrenzung gegenüber dem Mythos versucht, will der Naturalismus das Hässliche zeigen, es minutiös beschreiben. „Kunst = Natur“, das heißt eben auch, die Lebenswirklichkeit des Proletariats abzubilden. Und weil die Naturwissenschaften Hochkonjunktur haben, heißt es, nur das abzubilden, was beobachtet werden kann: Den Fortschritten in der Wissenschaft versucht der Naturalismus literarisch Rechnung zu tragen. Das betrifft vor allem die Naturwissenschaften, den philosophischen Positivismus und die Evolutionstheorie Charles Darwins. Auch die zu Beginn des 19. Jahrhunderts populär werdende Psychologie inspiriert viele Schriftsteller der Strömung.

Der Mensch ist demnach ein von seinen Trieben beherrschtes Wesen. Er wird als das Produkt der Faktoren Erbe (beziehungsweise Rasse), Milieu und geschichtliche Situation gesehen. Das hat Konsequenzen für die Literatur, deren Aufgabe Arno Holz darin sieht, „vor allem Charaktere zu zeichnen. Die Handlung ist nur Mittel.“ Ihre Werke, so beschreibt es der Schriftsteller Wilhelm Bölsche, sehen die Naturalisten als Versuchsanordnungen, in denen es gilt, die Handlungsweise ihrer Figuren wissenschaftlich zu durchdringen und die ihr zugrunde liegende „soziale Physik“ zu zeigen, bis „Gestalten aufwachsen, die logisch sind wie die Natur“. Zwar hat der Dichter „Menschen vor sich, keine Chemikalien“, aber nach Überzeugung der Naturalisten fallen „auch diese Menschen ins Gebiet der Naturwissenschaft.“

He? Wah det deine Neese?

Wie alles in einer Erzählung zusammenfließt – soziales Milieu, detaillierte, ungeschönte Betrachtung, Verzicht auf Wertungen und die Anlehnung an die Wissenschaft –, liest man eindrucksvoll in Gerhart Hauptmanns novellistischer Studie Bahnwärter Thiel, die 1888 erscheint. Das schlanke, unaffektierte Buch gehört heute zweifellos in den weltliterarischen Kanon.

Hauptmanns Protagonist ist der Archetyp der Literatur des Naturalismus. Thiel ist unterdrückt, sein Leben trostlos. Der seiner Situation passiv ergebene Bahnwärter geht an seiner eigenen Triebhaftigkeit zugrunde. Ebenfalls typisch für den Naturalismus sind die authentischen Dialoge im Text, die den Anspruch der Erzählung, die bürgerliche Wirklichkeit abzubilden, stilistisch hervorheben: Die Protagonisten stammeln und stottern in grammatisch oft falscher Umgangssprache.

„Du – hörst du – bleib doch – du – hör doch – bleib – gib ihn wieder – er ist braun und blau geschlagen – ja ja – gut – ich will sie wieder braun und blau schlagen – hörst du? bleib doch – gib ihn mir wieder.“

Ähnlich plastisch lesen sich in anderen Texten des Naturalismus im sogenannten Sekundenstil verfasste Passagen. Der Sekundenstil zeichnet kleinste Bewegungen, Gesten, Geräusche und Nuancierungen penibel auf. In Dramentexten kann das so weit gehen, dass Dialoge ständig durch entsprechende Regieanweisungen unterbrochen werden. Das folgende Beispiel aus dem Dramentext Die Familie Selicke von Arno Holz und Johannes Schlaf illustriert, wie das aussehen kann:

„KOPELKE zu Albert. Sachteken, werter junger Herr, sachteken … Zu Frau Selicke. Immer in Jiete, Mutter! Det ville Jehaue un det ville Jeschumpfe nutzt zu janischt, zu reen janischt! … Ibrijens … Er hat sich mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach allen Seiten in der Luft rum. … wat ick doch jleich noch sagen wollte … det … det … riecht jo hier so anjenehm nach Kaffee? … Hm! Pf! Brrr! … Nee, dieset Schweinewetter?! Ick bin – wahrhaftijen Jott – janz aus de Puste! Er hat sich seinen großen, dicken Wollschal abgezerrt und schlenkert ihn nun nach allen Seiten um sich rum. Kopp weg! Zu Walter, den er dabei getroffen hat. He? Wah det deine Neese?“

Ein weiteres Beispiel aus der Erzählung Papa Hamlet von Arno Holz:

„Eine Diele knackte, das Öl knisterte, draußen auf die Dachrinne tropfte das Tauwetter.

      Tipp……………………………

      ……………………TIPP ………

      ………..Tipp ………………….

      ……………………… Tipp…..“

Wichtige Autoren und Werke des Realismus

Gerhard Hauptmann: Bahnwärter Thiel; Vor Sonnenaufgang; Das Friedensfest; Die Weber; Die Ratten

Arno Holz: Phantasus; zusammen mit Johannes Schlaf: Die Familie Selicke; Papa Hamlet

Johannes Schlaf: Meister Oelze

Wilhelm Bölsche: Die Poesie der Großstadt; Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie

Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emancipation der Frau; Die Antifeministen; Die Mütter

Ausgewählte Artikel und Materialien zur Literatur des Naturalismus

Die Literatur des Realismus (Lernplattform ZEIT für die Schule)
Der Naturalismus ist eine Strömung der Epoche des Realismus. Unseren Beitrag und die Materialsammlung zur Literatur des Realismus finden Sie hier.

„Die nackte Seele, der nackte Mensch“ – Die Zeit des Naturalismus (BR, radioWissen)
Dieser Radiobeitrag erklärt, was die Literatur des Naturalismus prägte.

Gerhart Hauptmann

Gerhart Hauptmann © Photo by Hulton Archive/Getty Images

Werk und Leben Gerhart Hauptmanns (Museumsverband Gerhart Hauptmann)
Anhand einer Zeitleiste können Sie sich durch Gerhart Hauptmanns Leben klicken und lesen. Eine andere Zeitleiste listet seine Werke auf, zu denen es jeweils eine Erläuterung oder Inhaltsangabe gibt.

Literaturhinweise zu Gerhart Hauptmann (Gerhart Hauptmann Gesellschaft)
Hauptmann war ein sehr produktiver Schriftsteller und Dramatiker. Deswegen gibt es auch viel Sekundärliteratur zu seinen Werken. Auf dieser Seite finden Sie umfassende Literaturangaben.

Gerhart Hauptmann: Die Weber (Deutsches Historisches Museum)
Auf dieser Seite können Schüler nachlesen, worum es in Hauptmanns Drama geht und warum es der wilhelminischen Zensur missfiel.

Gerhart Hauptmanns Einakter (Orbis Linguarum)
Dieser Text beschreibt die Inhalte und Entstehungsgeschichten von Hauptmanns Einaktern Die Finsternisse, Elektra oder Agamemnons Tod.


Hauptmanns erstes, 1889 für die Bühne konzipiertes Stück Vor Sonnenaufgang (hier in der Inszenierung von Anselm Weber) wird von ihm als soziales Drama bezeichnet – eine Formulierung, die sich viele andere Autoren zu eigen machen. (YouTube)

Zum Tod von Gerhart Hauptmann (DIE ZEIT Nr. 17/1946)
Gehrhart Hauptmann starb am 6. Juni 1946. Hier finden Sie den original Nachruf aus der ZEIT von 1946.

„Sein, sein, deutsch sein!!“ (DIE ZEIT Nr. 19/1997)
Gerhart Hauptmanns Tagebücher aus der Zeit des Ersten Weltkriegs führen ein finsteres Gemenge aus politischem Hurrapatriotismus und sentimentalem Ewigkeitsgefasel vor. Sie antizipieren jenen Gerhart Hauptmann, der im Jahre seines 75. Geburtstags ein Gratulationsschreiben von Goebbels entgegennahm und der noch im September 1944 versicherte: „Der Führer kennt meine Achtung vor seiner gewaltigen schicksalhaften Persönlichkeit.“

Dorfschönheit auf dornigen Wegen (Spiegel Online, 3.7.2010)
Gerhart Hauptmann war Nobelpreisträger, sein Stück „Rose Bernd“ jedoch ist eher unbekannt. Zu Unrecht, findet der junge Regisseur Enrico Lübbe. Er inszeniert die Leidensgeschichte einer starken Frau auf der Bühne eines Renommierhauses.

Arno Holz

Biografie: Arno Holz (Oppis World)
Hier finden Sie eine Kurzbiografie zu Arno Holz. Zusätzlich werden Ihnen einige seiner Gedichte vorgestellt.

Arno Holz: Brücke zum Zoo (Hörspiel gelesen von Alexander Khuon, SWR2, 26.10.2009)
In seinen Dramen forderte Arno Holz „konsequenten Naturalismus“. Seine Gedichte dagegen sind von einem besonderen Kunstwollen geprägt: Beobachtungen sollten detailgenau in ausgesuchten sprachlichen Ausdrücken erfasst werden. Reime waren ihm dabei nur hinderlich. „Wozu noch der Reim?“, fragte Holtz provokant in einem seiner literarischen Manifeste. Dennoch: der Rhythmus war ihm durchaus wichtig. 

Arno Holz und Berlin (Klaus M. Radisch, Fulgura Frango)
Am 26. April 1989, dem 126. Geburtstag von Arno Holz, wurde ihm zu Ehren in Berlin-Wedding eine Gedenktafel mit folgender Inschrift enthüllt: »Hier stand das Haus Nr. 5, in dem der Dichter Arno Holz (26.4.1863–26.10.1929) lebte. Seine Dichtung ›Phantasus‹ spiegelt das Milieu wider, in dem der ›Dachstubenpoet‹ im Wedding lebte.« Wie hätte Arno Holz wohl darüber gedacht? Und in welchem Verhältnis standen er und die Stadt zu seinen Lebzeiten?

Ein Erneuerer der deutschen Literatur (Christian Lindner, Deutschlandradio Kultur)
Arno Holz über Arno Holz: „…die stärkste Potenz, die dem deutschen Volk seit Goethe geschenkt wurde.“ Christian Lindner zeichnet ein Portrait des Mitbegründers der Literatur des Naturalismus und zeigt einen eitlen und arroganten Mann, der aber auch nachdenklich werden kann.

Arno Holz: Sekundärliteratur (Tourliteratur)
Eine Liste sekundärer Schriften zu Leben, Wirken und Werk des Schriftstellers Arno Holz.

Ludwig Thoma – Heimat und Welt (BR, radioWissen)
Auch Ludwig Thoma ging es um die realistische Darstellung des Lebens, seine Themen sind aber das Leben der bayerischen Bauern und das spießige Bürgertum. Er gilt aber auch als umstritten, da er antisemitische Äußerungen machte und einer schlagenden Verbindung angehörte. Die Mitglieder dieser Verbindungen stehen in dem Ruf, sich gerne zu schlagen, zu saufen und Frauen nicht sehr respektvoll zu begegnen.  Mehr über den Literaten und sein Werk erfahren Schüler aus diesem Beitrag.

Weitere Materialien

Freie Bühne / Neue Deutsche Rundschau (Christoph Jürgensen, Datenbank europäische Kulturzeitschriften um 1900)
Die Zeitschrift Freie Bühne (Erstausgabe 1890; ab 1894 unter dem Titel Neue Rundschau bekannt) gilt in ihren ersten Jahrgängen als die wichtigste Kampfzeitschrift der Naturlisten. Wilhelm Bölsche wird das Verdienst zugesprochen, der Zeitschrift diesen Rang erarbeitet zu haben. Als kulturpolitische Zeitschrift erscheint die Freie Bühne auch heute noch und dürfte damit die älteste Kulturzeitschrift Europas sein.

Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe Online (LiGo.de)
LiGo ist ein Selbstlernkurs zu literaturwissenschaftlichen Grundbegriffen. Die Analyseformen für Erzähltexte (z.B. Romane) und Lyrik werden im Detail erläutert und die Kunst der Rhetorik erklärt. Was ist ein Akt, was eine Szene? Welche Erzählformen gibt es und was ist die Erzählstimme? Was ist die semantische Ebene eines Gedichts und was die narrative Struktur? Was bedeuten Alliteration, Anapher, Parallelismus und Klimax in Texten?

Sie möchten noch mehr Lesestoff? Hier können Sie das Archiv von ZEIT und ZEIT ONLINE durchsuchen

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2 Kommentare

  1.   Dr. Schlepkow

    Liebe Redaktion.

    Ich habe mich gerade durch Ihre Beiträge zur Literatur gewühlt, mich eingelesen und bin auf interessante Zusammenfassungen und schöne Passagen gestoßen. Dafür ein Lob meinerseits.

    Anschließend habe ich mir die Hinweise / Linkempfehlungen auf der rechten Seite angeschaut und konnte auch dort zahlreiche Informationen und Quellen finden, die ich gern an meine SchülerInnen reiche – jedenfalls dann, wenn die anstehenden Sommerferien ausgeklungen sind.

    Zur Ergänzung möchte ich Ihnen – vor allem im Bereich der Literatur und des Deutschunterrichts – weiterhin Wortwuchs vorschlagen, wo zahlreiche literarische Fachbegriffe erklärt werden und meine SchülerInnen meist eine verständliche Erklärung finden, die nicht ganz so – wie soll man es ausdrücken – „verfachsimpelt“ ist.

    Weiterhin erachte ich die Rezensionen und Inhaltsangaben von Dieter Wunderlich für sehr hilfreich, der in den vergangenen Jahren ein unglaubliches Archiv aufgebaut hat und meines Erachtens durchaus zu empfehlen ist.

    Außerdem wäre vielleicht eine Aufnahme vom Lehrerfreund nicht zu verachten, da sich die Inhalte nicht nur an Lehrer, sondern teils – auch sehr schön aufbereitet – an Schüler richten.

    Vielleicht können Sie mit meinen Empfehlungen etwas anfangen und nehmen die genannten Seiten in Ihren Bereich „Link-Tipps“ auf, da ich denke, dass diese Projekte eine Würdigung verdient hätten und außerdem mit farbenfrohen und werthaltigen Informationen aufwarten können.

    Liebe Grüße und einem literarischen Augenzwinkern
    H. Schlepkow

    ….ach…, ich hoffe, dass dieses Mittel des „Leserbriefes“ in Ordnung ist. Ich ging davon aus, weil sie es anbieten und wollte die Redaktion nicht mit einem richtigen Schreiben „bedrängen“.

  2.   Dr. Schlepkow

    …und kaum habe ich die Nachricht gesendet, werfe ich erneut einen Blick auf Ihrer Empfehlungen und sehe, dass der Lehrerfreund schon dort steht. Nun, dann bleibt es bei den zwei Tipps und ich schaue einmal, ob mir im Laufe des Tages noch weitere Hinweise, die vor allem für Schüler relevant sind, in meinem Gedächtnis auftauchen.

    Erneut: liebe Grüße.

 

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