Frankreich – Deutschland 1:2

  • Erstes Länderspiel des Jahres
  • Gündogan top
  • Löw ist doch kein „romantischer Verlierer“

Kurzanalyse Alors, was für ein unterhaltsamer Fußballabend! Die deutsche Mannschaft gewinnt mal wieder und Joachim Löw kann durchpusten, kein 4:4 weit und breit. Die Franzosen taten den Deutschen den Gefallen und griffen fröhlich an, das bot Raum für die Umschaltspezialisten Gündogan, Müller und Özil, die allesamt einen großen Tag erwischten. Vor allem an dem so unwirklich ballsicheren Gündogan wird Löw in Zukunft nicht mehr vorbeikommen. Mängel gab es vor allem in der Defensive. Mats Hummels gab ab und an den Bruder Leichtfuß, Philipp Lahm erfuhr auch einmal, wie es ist, gegen Franck Ribéry spielen zu müssen. Das Highlight des deutschen Spiels: Der Pass von Mesut Özil vor dem 2:1 auf Khedira. Ein Kunstwerk, ab in den Louvre damit!

"Le Tor, c'est moi" Foto: Andreas Gebert/dpa
„Le Tor, c’est moi“ Foto: Andreas Gebert/dpa

C’est fini. Deutschland gewinnt in einem tollen Spiel 2:1 in Paris.

90. Minute: Özil auch zu fortgeschrittener Stunde noch leichtfüßig wie eh und je. Hat nachher noch einen Autritt im Moulin Rouge.

Bei unser Kommentatorin Frau Ke hat diese Woche sichtbare Spuren hinterlassen: „Wer schaut noch diese Sportart? Korrupte Möchtegernjungmillionäre hoppeln lustlos übers satte Grün und wussten wahrscheinlich heute Morgen beim Nutellabrot schon den Endstand.“

84. Minute: Die deutsche Elf lässt Ball und Gegner laufen. Die Franzosen traben müde hinterher, halten es wohl schon mit Sartre: „Les jeux sons faits“

74. Minute: 1:2, Tooor für Deutschland. Olé statt oh la, la. Ein Zauberpässchen von Mesut Özil auf seinen madrilenischen Vereinskollegen Sami Khedira. Der hält nur noch den Außenrist hin. Zum Niederknien! Traumhaft! Tolles Tor!

71. Minute: Joachim Löw hackt auf dem eingewechselten Toni Kroos rum. Der wirkt heute, wie auch sonst manchmal, seltsam apathisch. Fast leidend. So wie er hier.

"Bitte gebt mir heute nicht den Ball", picture alliance/dpa
„Bitte gebt mir heute nicht den Ball“, picture alliance/dpa

66. Minute: Aus gegebenem Anlass zwei Tweets über Mats Hummels.

57. Minute: Toni Kroos kommt für Gomez. Ein Wechsel, der für Schnappatmung bei vielen Taktikfreaks sorgen wird. Deutschland jetzt wieder ohne Stürmer, mit falscher Neun, echtem Hasen, original verpackt. Jetzt sind die kognitiven Fähigkeiten der französischen Innenverteidigung gefragt.

51. Minute: 1:1, Tooor für Deutschland. Die Passmaschine Gündogan erobert den Ball und legt quer auf Müller. Der schießt an Lloris Kopf vorbei. Angela Merkel ballt die Fäuste, selbst Hollande klatscht.

Merkel und Hollande sind auch da.

REUTERS/Charles Platiau
„Und der da macht die besten Crêpes des Landes“ REUTERS/Charles Platiau

Jens Lehmann gibt derweil Rätsel auf. Er twittert, scheint aber doch kein Internet zu haben.

Halbzeit Für einen Testkick ein ziemlich flottes Fußballspiel mit leichten Vorteilen für die deutsche Mannschaft. Wir halten es mit Godard und sind alle noch etwas „Außer Atem“. Beim Gegentor träumt Mats Hummels vor sich hin. Ansonsten noch auffällig: Per Mertesacker, der mit seinen langen Gaken alles wegputzt. Was heißt „big fucking german“ auf französisch?

44. Minute: 1:0, Tooor für Frankreich. Benzema nagelt einen Ball an die Latte. Hummels geht nicht zum Kopfball und ein Mann namens Valbuena, kaum größer als Philipp Lahm, köpft ein.

42. Minute: Unser Mann im Stadion hat eine Fachfrage:

37. Minute: Nächste unglückliche Aktion von Höwedes. Daher: Liebe Leser, wenn Sie jemanden kennen, der schon mal mit jemanden gesprochen hat, dessen Schwager mal was von einem guten Linksverteidiger gehört hat; schreiben Sie an: Deutscher Fußball-Bund, Stichwort: Lahm II, Otto-Fleck-Schneise 6, 60528 Frankfurt/Main. Die Fußball-Nation wird es Ihnen danken.

33. Minute: Im Gegensatz zu Özil und Gündogan wirkt dieser Khedira im Mittelfeld so beweglich wie der Eiffelturm.

27. Minute: Benzema läuft auf Adler zu, Adler hält gut. Dass Benzema zwei Meter im Abseits stand, sah der Linienrichter nicht. Wo ist Europol, wenn man es braucht!?

25. Minute: Den Franzosen scheinen in den direkten Duellen etwas schwach auf der Brust. Kein Wunder, wenn sie ihren besten Zweikämpfer an Putin verscherbeln.

Römer?
Römer? Wo? Foto: Concorde Film

20. Minute: Sehr schönes Fußballspiel bis hierhin. Die Franzosen tun der deutschen Elf den Gefallen, sehr aktiv am Spiel teilzunehmen. Das gibt Platz und Zeit für das deutsche Umschaltspiel. Könnte ein netter Abend werden. Bon!

12. Minute: Podolski zeigt, was er in England gelernt hat. Huscht durchs Mittelfeld und legt dann raus auf Höwedes. Der zeigt, was er auf Schalke gelernt hat. Flankt in Richtung Sacre Coeur.

Oliver Fritsch im Stadion schwelgt noch immer in Erinnerungen.

6. Minute: Erste Torchance für die Deutschen. Özil zeigt, dass er in der Kniescheibe mehr Gefühl als andere im ganzen Körper, nimmt den Ball mit eben dieser mit, Frankreichs Torwart Lloris aber bekommt den Fuß an die Kugel.

21.00 Uhr: Le coup d’envoi (sagt Leo)

20.57 Uhr: Allons enfants…es läuft die Marseillaise. Die inoffizielle französische Hymne trauen sie sich nicht. Nichts für enfants.

20.45 Uhr: Wir sich noch ein wenig einlesen möchte: Die Süddeutsche Zeitung hat sich um Franck Ribéry gekümmert. Bei der FAZ gibt es ein Video-Interview mit René Adler. Und bei den 11 Freunden gibt es ein Interview mit Willy Sagnol, dem ehemaligen Halbfeld-Flankengott des FC Bayern und aktuellem Sportdirektor des französischen Verbandes.

20.35 Uhr: Oliver Fritsch ist unser Mann in Paris. Allerdings ist er eine knappe halbe Stunde vor Anpfiff noch besorgniserregend fußballfern unterwegs. Muss an der Stadt liegen.

 

20.30 Uhr: Lobenswerte Geste des DFB. Daniel Nivel, der bei der WM 1998 von deutschen Hooligans ins Koma geprügelt wurde, ist heute DFB-Ehrengast.

20.25 Uhr: Kommentator Thomas gefällt es bei uns, allerdings behauptet er, Löw seien bei der Frage nach den „romantischen Verlierern“ mitnichten die Gesichtszüge entglitten wie in unseren Vorbemerkungen beschrieben. Wir haben das Video dazu noch mal rausgesucht. Urteilen Sie selbst! (ab etwa -4:20)

20.10 Uhr: Die Füchse von spox kennen mittlerweile die komplette deutsche Aufstellung.

20.05 Uhr: Sky-Uli weiß Bescheid. Hoffentlich müssen die Vier nicht alleine spielen.

 

20.01 Uhr: Ein paar Worte zum Gegner: Die Franzosen sind in den vergangenen Jahren eher durch präpubertäre Plänkeleien als durch sportliche Heldentaten aufgefallen. 2010 meuterten sie gegen ihren Trainer Domenech. Auch Laurent Blanc hatte seine Truppe zwei Jahre später nur bedingt um Griff. Es kam zu kleinen und größeren Meinungsverschiedenheiten im Team, Samir Nasri flippte nach der bedeutungslosen Vorrundenniederlage gegen Schweden aus und forderte einen Journalisten auf, sexuelle Handlungen an seiner Mutter zu vollziehen. Ein Spiel später, im Viertelfinale gegen Spanien, war Endstation.

Nasri ist nun nicht mehr dabei, dafür hat Didier Deschamps gesorgt. Der neue Trainer, den nur ein Schnurrbart vom perfekten Asterix-Double trennt, räumte auf und hatte bisher Erfolg. Er schaffte zwei Achtungserfolge, ausgerechnet gegen den Deutschland-Schreck Spanien (ein 1:1 in Madrid) und den Deutschland-Schreck Italien (2:1).

Vorbemerkungen:

 

Paris! Die Stadt der Liebe, des Existenzialismus, das Fest fürs Leben. Sehnsuchtsort aller Romantiker, Kunstliebhaber und japanischer Blitztouristen. Sehnsuchtsort eigentlich aller. Nur ein paar deutsche Fußballer scheinen der Metropole nichts abgewinnen zu können. Die Kleingeister bleiben lieber im öden München (Schweinsteiger), bröckeligen Rom (Klose) oder, oh weh, in Dortmund (Götze, Reus, Schmelzer). Dabei würde besonders den Jungspunden aus dem Pott ein wenig Hochkultur guttun.

Natürlich ist die Länderspiel-Absenz des Quintetts durch mehr oder weniger hartnäckige Verletzungen zu erklären. Vielleicht aber hat auch ein Blick in den Fußballkalender eine Rolle gespielt. Es startet ja nur das Nationalelf-Jahr 2013. Ein Jahr, in dem die DFB-Männer mal wieder keinen Titel gewinnen werden, einfach weil es keinen zu gewinnen gibt. Keine WM, keine EM, nur ein wenig Testgekicke und ein paar Qualispiele.

Der Bundestrainer Joachim Löw hat 2013 daher als „Jahr der Weiterentwicklung und Konzentration“ ausgerufen. Dabei wird in den kommenden Monaten am Spannendsten sein wie er selbst mit dem meist doch arg populistisch daherkommenden Argwohn ihm und seinem System gegenüber umgeht, mit dem er sich seit dem EM-Aus gegen Italien herumschlagen muss. Löw wirkte Ende des Jahres etwas angefasst, das groteske 4:4 gegen Schweden im Oktober half nicht gerade, die Debatte zu versachlichen. Ein französischer Journalist erdreistete sich am Dienstag sogar, den deutschen Team den Titel „romantische Verlierer“ zu verpassen. Löw entglitten kurzzeitig die Gesichtszüge.

Einer der sich auf das Nationalelf-Jahr 2013 freut wie die fabelhafte Amélie auf ihr nächstes Crème brûlée ist René Adler. Unser Kolumnist wird in Paris erstmals seit 2010 wieder im deutschen Tor stehen. Sein Konkurrent Manuel Neuer aus München gab sich prompt beleidigt und stichelte in Richtung des HSV-Torwarts („Ich habe seine Entwicklung nicht verfolgt, weil ich bei Bayern München spiele“). René Adler aber hat in den vergangenen drei Jahren zuviel erlebt, um sich auf solche Kindereien einzulassen. Er blieb cool und will einfach nur Frankreichs Bälle halten. Zudem hat er ja seit kurzem auch eine fesche, neue Brille und interessiert sich für Kunst. Ein Leipziger Bohemien, der perfekt nach Paris passt.

 

Deutschland – Schweden 4:4

Toni Kroos gegen Andreas Granqvist Foto: Boris Streubel/Getty Images
Toni Kroos gegen Andreas Granqvist Foto: Boris Streubel/Getty Images

Fazit

So, durchatmen, nachdenken, und mal ganz langsam. Spieler und Trainer waren nach diesem Spiel völlig ratlos. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, war am Häufigsten zu hören. Das trifft es. An dieses Spiel wird man sich noch lange erinnern, steht es doch für die zwei Seiten der derzeitigen Nationalelf. Für großartigen Fußball und für Kopflosigkeit, Verzagtheit. Nach 60 Minuten führte die DFB-Elf mit 4:0, spielte besser als je zuvor in diesem Jahr, berauschte, kombinierte, doppelpasste – ach, wie war das schön. Dann fiel das erste Gegentor, dann das Zweite und es ging dahin. Die deutsche Mannschaft bekam es mit der Angst zu tun, machte einfache Fehler, gewann keine Zweikämpfe mehr, fing das dritte Tor und in der Nachspielzeit fast folgerichtig den Ausgleich. Viermal schossen die Schweden aufs Tor, viermal trafen sie. Punktetechnisch tut das nicht weh, die Mannschaft wird sich sicher für Brasilien qualifizieren, dafür ist sie einfach zu gut. Aber das 4:4 wird die Charakterdiskussion wieder anheizen, so viel ist sicher.

Selbst der große Gary Lineker fühlt sich genötigt, seinen berühmten Satz zu modifizieren.

Schluss, vorbei, aus 4:0 ein 4:4. Ein Spiel, das in die Geschichtsbücher eingehen wird.

93. Minute Es kommt wie es kommen muss. Tor für Schweden. Rasmus Elm macht das 4:4. Kann völlig frei aus elf Metern abschließen. Und die deutsche Abwehr schaut zu, bevor sie verstört zu Boden sinkt. Ich glaub das nicht, ich kann nicht mehr.

88. Minute So schlimm steht es schon. Philipp Lahm bekommt eine Gelbe Karte wegen eines verzögert ausgeführten Einwurfes. Zittern nach einer 4:0-Führung. Wie absurd.

85. Minute Riesenchance für die Schweden. Neuer bekommt den Ball im Strafraum nicht zu fassen, Sana kommt frei zum Schuss, haut aber übers Tor. Glück.

83. Minute Die deutsche Elf scheint sich wieder zu fangen. Kroos schießt an den Außenpfosten, Özil trifft auf das Tor. Herr Bartels von der ARD weiß, dass eine deutsche Mannschaft noch nie einen Vier-Tore-Vorsprung hergegeben hat. Aber was ist in diesem DFB-Jahr schon normal?

76. Minute: Tor für Schweden, 4:3, kaum zu glauben. Boateng steht schlecht, Mertesacker eskortiert seinen Gegenspieler nur und Johan Elmander macht den Anschlusstreffer. Die werden doch nicht… Ich wollte ihn ja heute echt nicht bringen, aber jetzt geht es nicht anders: Alter Schwede!

71. Minuten Bei schwedischen Ecken geht es im deutschen Strafraum zu wie in der Villa Kunterbunt.

68. Minute Gerade wollte ich die große Eloge auf das deutsche Spiel schreiben, da fällt fast das dritte Gegentor innerhalb von vier Minuten. So etwas wäre einer alten deutschen Mannschaft nicht passiert. Die vier Tore davor allerdings auch nicht. Also alles kein Problem. Noch. Götze kommt.

64. Minute: Wieder Tor für Schweden, 4:2, Lustig, der Rechtsverteidiger. Alles sehr seltsam hier. Der zweite schwedische Torschuss dieser Halbzeit, das zweite Tor. Badstuber unterschützt einen langen Ball. Lustig trifft, Mikael, nicht Peter – Neuer kann gar nicht lachen.

62. Minute: Tor für Schweden, 4:1, natürlich Zlatan Ibrahimovic. Müller verliert den Ball im Mittelfeld, sah es wie ein Foul, und dann geht es schnell. Flanke aus dem Halbfeld, Ibrahimovic, bis dahin abwesend, köpft ihn rein. Das obligatorische Gegentor der deutschen Mannschaft. Reicht dann auch.

56. Minute: Tooor für Deutschland, 4:0, Mesut Özil. Die Schweden sind nun etwas aufgerückt, aber Deutschland kann auch kontern. Müller flankt auf Özil, der im Strafraum Zeit hat, sich den Ball runter zu nehmen, den Torwart zu fragen, in welche Ecke er den Ball haben will, um ihn dann neben den langen Pfosten zu setzen.

50. Minute Es geht dann mal weiter. Wieder beginnt die Hälfte mit einer Müller-Chance. Deutschland also bestimmt die Partie, Schweden sucht noch immer nach der Aufbauanleitung für das eigene Spiel. Und dann haben sie scheinbar auch noch die kleinen Inbusschlüssel aus ihren Möbelhäusern vergessen.

Lukas Podolski macht sich einen Spaß und drischt die Pausenbälle auf den kommentierenden Mehmet Scholl. Mario Gomez ist noch nicht dabei.

Halbzeit Ja, hallo! Die deutsche Elf macht da weiter, wo sie in Dublin vor allem in der zweiten Hälfte aufgehört hat. Sie spielt nach vorne, sie spielt schön, sie trifft. Ein großartiger Marco Reus bereitet Kloses Tore vor, dann trifft auch noch Per Mertesacker. Die Schweden etwa so brav wie Tommy und Annika. Kleiner Schönheitsfehler: Klose scheint vor dem 3:0 den Ball mit dem Arm berührt zu haben. Ausgerechnet heute. Wird ihm der Fair-Play-Preis gleich wieder weggenommen?

39. Minute: Da ist es! Tooor für Deutschland, 3:0, Per Mertesacker, was?, ja, Per Mertesacker! Der lange Ball kommt auf Müller, also Thomas, der legt ab und Mertesacker prügelt den Ball ins Netz. Sein zweites Länderspieltor im 84. Länderspiel. Ja hier ist ja was los! Trifft nachher noch der Busfahrer?

Der Kollege im Stadion ist reif für das nächste Tor.

32. Minute Schweden hat nun erkannt, dass sie so hier keinen Blumenkasten gewinnen, wenn sie so weitermachen. Sie greifen jetzt früh an, und schon muss die deutsche Abwehr den langen Ball auspacken. Nur Ibrahimovic presst nicht mit, kratzt sich lieber am Kopf.

25. Minute Und nun klärt Klose an der eigenen Eckfahne. Als Stürmer! Was passiert als nächstes? Özil grätscht? Badstuber verliert einen Zweikampf? Ballack wird eingewechselt?

23. Minute Die deutsche Mannschaft bislang fast fehlerlos. Sie spielt so gut, dass selbst Boateng sich in die Offensive einschaltet. Schon gegen Irland lungerte er öfters vorne am gegnerischen Strafraum rum. Er will sein ersten Länderspieltor.

15. Minute: Wieder Toooor für Deutschland, 2:0, wieder Miroslav Klose. Und was für eines. Reus-Kroos-Reus-Müller-Reus-Klose. Ein doppelter Doppelpass und dann wieder Reus‘ Rückpass auf Klose. Fußball wie aus dem Lehrbuch. Schweden staunt. Und nur noch ein Tor bis Gerd Müller.

12. Minute Schönes Zusammenspiel von Lahm und Reus da vor dem Tor. Wenn der Hoeneß-Uli das gesehen hat, muss ihm doch das Herz geblutet haben. Und dann trifft auch noch Klose, obwohl es gar nicht gegen Liechtenstein geht.

8. Minute: Tooor für Deutschland, 1:0, Miroslav Klose. Reus kommt völlig blank über links, spielt zum Elfmeterpunkt auf Klose. Der macht sein 66. Länderspieltor. Noch zwei bis Gerd Müller.

2. Minute Gleich einmal eine dicke Chance für das DFB-Team. Müller mit der Hacke an den Torwart, dann noch mal richtig an den Pfosten. Vorarbeit übrigens von Boateng.

Gedenkminute für Helmut Haller.

Unser Mann im Stadion ist Oliver Fritsch, und er scheint in guter Gesellschaft:

20.44 Uhr Gottseidank. Die Hymnen doch heute wieder von der üblichen Militärmusikkapelle. Keine Dudelsäcke, keine Alphörner, keine Schifferklaviere.

20.42 Uhr Nun wird Miroslav Klose geehrt. Er bekommt den Fair-Play-Preis dafür, dass er zugab, ein Tor mit der Hand erzielt zu haben. Was macht eigentlich Thierry Henry gerade?

20.37 Uhr Heute hat Mehmet Scholl Geburtstag. 42 Jahre alt, alles Gute! Aber ihr Löws, Lahms und Schweinsteigers! Falls Mehmet nach dem Spiel wieder etwas zu schlau daherredet, fragt ihn einfach, was da los war vor kurzem gegen den VfL Frohnlach.

20.15 Uhr Wer sich die Zeit bis zum Anpfiff etwas verkürzen will, kann etwas über den Gegner lesen, ein paar Schwedenhappen sozusagen:

Die 11 Freunde versuchen elf wissenwerte Dinge über Schweden zusammentragen, ohne Ikea zu sagen und scheitern schon im Untertitel.

Hier ein Stück aus der Frankfurter Rundschau über Zlatan Ibrahimovic, in dem sogar seine Rektorin zitiert wird: „„Er war der Prototyp eines Jungen, mit dem es böse endet. Er war einer der unruhigsten Schüler, die ich je hatte, einfach ein Krawallbruder.“

Es wird Ibrahimovic egal sein, solange sie weiter Lieder für ihn singen.

Auch ganz nett, wenn auch unschwedisch, das Interview heute mit Philipp Lahm in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online). Er sagt, die Mannschaft muss sich wieder an die Basis, die Spielkontrolle nämlich erinnern. Er sagt, die Stimmung im Team war schon mal besser als bei der EM und räumt aber mit dem Vorurteil auf, Dortmunder und Bayern könnten sich nicht riechen. „Bayern- und Dortmund-Spieler sitzen hier sogar gemeinsam am Katzen Kartentisch.“

Noch ohne Karte? Gibt noch Tickets, twittert der DFB. Wer in Berlin-Charlottenburg wohnt, schafft es auch noch bis zum Anpfiff um 20.45 Uhr.

20.03 Uhr So wollen sie spielen. Deutschland: Neuer – Lahm, Badstuber, Mertesacker, Boateng – Schweinsteiger, Kroos – Reus, Özil, Müller – Klose

Schweden: Isaksson, Lustig, Olsson, Granqvist, Elm, Larsson, Ibrahimovic, Elmander, Wernblom, Safari, Holmen

#19.50 Uhr Kleiner Exkurs in die Welt der Jüngeren: Die U21 hat gerade in der Schweiz 3:1 gewonnen und sich damit für die EM 2013 in Israel qualifiziert. Die Torschützen: Lewis Holtby (8.), Lasse Sobiech (20.) und Sebastian Polter (45.).

Vorbemerkungen:

Zum ersten Mal seit dem Märchensommer 2006, residiert die Nationalelf wieder im Grunewald, Schlosshotel, Brahmsstraße. Damals herrschte im noblen Südwesten Berlins Ausnahmezustand, in diesen Tag verirren sich nur ein paar Fans in die Gegend, wie der Tagesspiegel zu berichten weiß. Es hat sich eben einiges geändert in den vergangenen sechs Jahren. Nicht nur personell, damals war Joachim Löw ja nur zweiter Mann hinter dem Motivatorentrainer Jürgen Klinsmann.

Wunderschönen Fußball hat die Mannschaft in der Zwischenzeit gespielt, blieb in den drei Turnieren unter Löw aber stets ohne Titel. In Brasilien 2014 folgt der nächste Anlauf, vielleicht ja sogar Joachim Löw letzter? Es wurde viel geredet und geschrieben in den vergangenen Wochen über die Nationalelf. Jeder durfte mal, und wenn Beobachter über eine eventuelle Amtsmüdigkeit des Bundestrainers schrieben, dann konnte man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Löw spätestens amtsmüde werden musste, wenn er alle Aussagen und Berichte gelesen hat.

Es wird also Zeit für Fußball. Gegen Irland ging es ja nach den dürftigen Auftritten gegen Färöer und Österreich wieder aufwärts. Auch wenn die Iren spielten wie Guinessglas leer. Nun also geht es gegen Schweden (Anpfiff: 20.45 Uhr), ein Team, dass schon nach der EM-Vorrunde nach Hause fahren musste. Es gibt einen neuen Trainer, Erik Hamren, und die alten fußballerischen Probleme. Die Siege gegen Kasachstan (2:0) und Färöer (2:1) waren ein ziemliches Gewürge. Ihre Hoffnungen ruhen auf der vielleicht letzten Diva des Weltfußballers, dem Hochbegabten Zlatan Ibrahimovic. Laut Süddeutscher Zeitung ähnelt er dem Italiener Mario Balotelli. Was insbesondere für den deutschen Kapitän Philipp Lahm keine gute Nachricht sein dürfte.

 

Claire, die Taxifahrerin, kennt den Weg nicht

Die Engländer, jaja, die haben Humor. Was dieser Russell Square denn sei, eine Straße, ein Platz, ein Gebäude, oder was?, fragte Claire, als ich zu ihr ins Auto steige. Der war echt gut, Claire ist schließlich offizielle Olympia-Chauffeurin, fährt den ganzen Tag Leute durch die Stadt und diesen Russell Square findet jeder Londoner mit verbundenen Augen. Nur Claire nicht, sie hatte keine Ahnung.

Claire ist nett, aber kennt den Weg nicht. Damit ist die freundliche Mittvierzigerin ein typischer Vertreter der 70.000 freiwilligen Helfer dieser Spiele. 250.000 hatten sich beworben, wahrscheinlich ging es nach Freundlichkeit. Die Volunteers lächeln immer und überall. Sie würden wahrscheinlich auch noch lächeln, wenn man ihnen sagen würde, ihre lilafarbenen Volunteer-Shirts seien hässlich (was stimmt) und alle Olympiasieger sowieso gedopt (was hoffentlich nicht stimmt).

Mit der mangelnden Freiwilligen-Kompetenz hat niemand so recht ein Problem. Die Freiwilligen nicht, was sollen sie auch machen? Die Besucher auch nicht, sie werden einfach zum nächsten Freiwilligen geschickt, der, egal wo man sich in dieser Stadt befindet, nie weiter als fünfzig Meter entfernt zu sein scheint. So geht das fröhlich weiter und nach dem Prinzip der Schwarmintelligenz gibt es dann irgendwann doch die Auskunft, die man braucht.

Mittlerweile hat Claire mit meiner Hilfe das Navigationsgerät des Sponsorenwagens, auf dem fesche London-2012-Sticker kleben, bedienen können. Jetzt muss sie nur noch in ihr Funkgerät sprechen und hoffen, dass das Funkgerät zurückspricht und ihr das Okay zur Abfahrt gibt. So etwas kann dauern. „I apologize„, sagt sie, Entschuldigung, das sei erst das zweite Mal, dass sie jemanden fahre.

Dann erfolgte die Startfreigabe, Claire fährt vorsichtig los, die Hände einen Tick zu verkrampft am Lenkrad haltend. Ich versuche, sie abzulenken und stelle Fragen. Claire erzählt, dass sie an insgesamt zehn Tagen dieser Spiele „volunteeren“ dürfe. Am Anfang sollte sie die Autos für die Prominenten fahren. Es stellte sich aber heraus, dass es wesentlich mehr Prominentenfahrer gab als Prominente, weil ja bekanntlich selbst David Cameron neulich mit der U-Bahn zum Olympischen Park fuhr.

Also ließ Claire sich herabstufen und fährt jetzt Journalisten, was gemeiner klingt, als es klingen sollte. Sie kann jetzt etwas entspannter reden, die ersten Kilometer liefen gut. Wenn sie nur nicht auf der falschen Seite fahren würde. Kleiner Scherz meinerseits, der Claire für ein paar Sekunden aus der Fassung bringt.

Vor allem seit der große rote Journalistenbus vor uns fährt, der den gleichen Weg hat, wird Claire ruhiger. Sie braucht nur noch im Windschatten bleiben. Ja, sie habe auch ein nichtolympisches Leben: Lehrerin für Kinder, die nicht zur Schule gehen. Als sie in mein irritiertes Gesicht blickt, erklärt sie, dass sie Jugendliche, die in der Schule gemobbt werden, über das Internet unterrichte.

„Ich möchte Teil dieser Spiele sein“, sagt sie. Und dass die Londoner die Spiele spätestens mit der Eröffnungsfeier lieben gelernt haben. Alles sei ja so „exciting„. Vor allem, dass sie selbst jetzt auf dieser olympischen Spur fahren dürfe, die nur Athleten, Offiziellen, Journalisten und eben Claire vorbehalten sei, mache sie stolz. Den Journalistenbus vor ihr zu überholen, traut sie sich aber doch nicht.

Nach vierzig Minuten haben wir unser Ziel erreicht, Russell Square. „Es ist nett hier“, sagt Claire. Sie müsse jetzt nur noch zurückfahren, sagt sie, dann habe sie Feierabend und fahre nach Hause, anderthalb Stunden dauert das. Mit diesem Auto hier, frage ich? „Nein nein, ich nehme den Zug.“

 

Auf der Suche nach der olympischen Idee

Wer in den Tagen vor der Eröffnung mit offenen Augen durch London geht, sieht ihn manchmal doch aufblitzen, diesen vielzitierten olympischen Geist. Wenn im olympischen Dorf vier Niederländer mit freiem Oberkörper auf ihrem Balkon den Kubanerinnen hinterherpfeifen, die vor ihnen flanieren.

Wenn die Hockeyspielerin Natascha Keller, deren Großvater, Vater und Brüder auch schon bei Olympia dabei waren, bei ihren fünften Spielen die Fahne des deutschen Teams tragen darf, ganz aufgeregt ist und hofft, dass ihre Kollegen sie ihr auch mal abnehmen werden, weil die Fahne doch sonst die ganzen Stunden lang zu schwer werden könnte, wie sie sagt.

Wenn jeder zweite Londoner ein Shirt in Olympiafarben zu tragen scheint und gut gelaunt Auskunft über den schnellsten Weg zur Fechthalle gibt (und die andere Hälfte zumindest milde lächelt anstatt die Nase zu rümpfen, wenn Verirrte ihnen in der U-Bahn vor die Füße laufen).

Und wenn man im Medienzentrum dem Delegationsleiter von Sao Tomé und Principe mit Händen und Füßen erklären darf, dass die Toiletten am Ende des Ganges, dann links, sind.

Dann ist das alles Olympia, etwas Besonderes, vielleicht eine der letzten Utopien, die wir haben. Die ganze Erde in einer Nussschale, ein Modell für eine bessere Welt – in diesen Zeiten gefragter denn je.

Deshalb werden am Freitagabend etwa eine Milliarde TV-Zuschauer dabei sein, wenn bei der Eröffnungsfeier das Olympische Feuer entzündet wird, und das ist noch vorsichtig geschätzt. Einige reden von bis zu vier Milliarden. Weil laut Weltbevölkerungsuhr derzeit etwa sieben Milliarden Menschen auf der Erde leben, schaut also nicht nur sprichwörtlich die halbe Welt zu. Warum eigentlich?

Es ist wohl der Mythos Olympia. Ein ziemlich diffuses Ding, das diese Sportwochen zu etwas Besonderem macht. Nicht zu vergleichen mit Wimbledon, dem Großen Preis von Monaco, der Tour de France, dem Super Bowl, nicht einmal mit den großen Fußballturnieren. Weil es bei Olympia um mehr zu gehen scheint: Um Internationalität, Fairplay, Freiheit. Die Sachen eben, die sich der Baron Pierre de Coubertin damals hatte einfallen lassen.

Doch gibt es diesen Mythos außerhalb der Plakate, Faltblätter und Pressemitteilungen der Veranstalter tatsächlich noch irgendwo? Hat das Internationale Olympische Komitee diesen Geist nicht schon vor etlichen Jahren an Burgerberater und Softdrinkabfüller verkauft?

Wir werden uns in den kommenden Wochen auf die Suche nach der olympischen Idee machen. Unter anderem. Wir werden täglich einen Menschen in unserer Serie „Mein Olympia“ über seine persönlichen Spiele erzählen lassen. Wir werden an dieser Stelle regelmäßig bloggen, Wichtiges und Unterhaltsames. Mein Kollege Christof Siemes und ich werden regelmäßig die spannendsten und interessantesten olympischen Geschichten aus London aufschreiben.

Natürlich wollen und werden wir unsere Notizbücher nicht vor den Übeln verschließen, die diesem Event schon zugesetzt haben. Längst wurden die Spiele von internationalen Großkonzernen vereinnahmt, dessen Produkte bei stetem Konsum ziemlich unolympische Körperwölbungen verursachen.

In London wollte man es nach den Dicke-Hose-Spielen von Peking etwas bescheidener angehen lassen. Aber auch hier wird Olympia den Steuerzahler um etliche Pfund erleichtern. 2,5 Milliarden sollten es werden, offiziell 9,3 Milliarden sind es geworden.

Mehr als 18.000 Soldaten werden für die Sicherheit der Spiele sorgen, weil sich eine private Firma übernommen hat. So viele Uniformen auf einen Fleck sieht man sonst nur in Krisengebieten. Zudem sollen Boden-Luft-Raketen auf Wohnhäusern im Ernstfall ein entführtes Flugzeug abschießen.

Und, klar, gedopt wird auch fleißig. Erst am Mittwoch hat der Leichtathletik-Weltverband noch einmal neun Sportler gesperrt.

Wir werden versuchen, ihnen beide Gesichter dieser Spiele näher zu bringen. Die Faszination Olympia genauso wie die Spiele als Macht- und Wirtschaftsfaktor. Wir werden über naive Freude schreiben und über die düsteren Seiten. Über das Pure und das Verdorbene. Weil beides zu den Spielen gehört.

 

Noch Fragen? Irgendjemand?

  • Tore durch David Silva, Jordi Alba, Fernando Torres und Juan Mata
  • Spanien schreibt Geschichte
  • Ein Blog aus Berlin und dem Finalstadion in Kiew
Die Europameister von 2012 und die Weltmeister 2030 Foto: Claudio Villa/Getty Images

Fazit Noch Fragen? Irgendjemand? Wer auch immer in den vergangenen Tagen an dieser spanischen Mannschaft herumgekrittelt hat (wir auch ein bisschen), muss hundert Mal „Ich darf nicht schlecht über die Größten reden“ auf den Rasen kreiden! Mit diesem überragenden Finale, dem ersten Triple der Fußballhistorie, gesellt sich die spanische Mannschaft zu den Besten der Geschichte. Vielleicht ist sie sogar die Beste. Aber Superlative sind ohnehin nur für die, die es nötig haben.

Man muss dieser Mannschaft einfach nur zuschauen. Sie machte aus dem Finale das beste Spiel des Turniers, was nicht oft vorkommt. Das lag vor allem an den vier Steilpässen, drei von Xavi (2:0, 3:0 und 4:0) und einer von Iniesta (1:0), die dieses Spiel entschieden. Pässe, die mehr sind als einfach nur Balltransporte von A nach B. Sie sind Kunstwerke, zum an die Wand hängen, in den Garten stellen oder was auch immer. Vier Pässe, für die viele Fußballfans auf den Knien nach Kiew pilgern würden.

Dabei machten es die Italiener den Spaniern gar nicht so leicht. Sie kamen in der ersten Halbzeit mit ihrem schnörkellosem Spiel öfter mal vors spanische Tor, wo aber das Glück fehlte, das sie gegen die deutsche Elf noch hatten. Die Entscheidung fiel recht kurios nach gut einer Stunde: Thiago Motta sollte als Einwechsler die Aufholjagd einleiten. Das ging schief. Nach wenigen Minuten holte er sich eine Muskelverletzung, musste wieder raus, Italien konnte nicht mehr wechseln und musste die letzte halbe Stunde zu zehnt weiterspielen. Und das gegen die Spanier, die ja sowieso immer irgendwie einer mehr sind.

So endet diese EM mit dem einzigen Sieger, den sie verdient hat. Die Spanier, und das muss auch Joachim Löw zuhause auf dem Sofa in Freiburg zugeben, spielen derzeit in einer anderen Liga. Und obwohl Quervergleiche ja manchmal nur für Milchmädchen sind: Die Frage, was die Spanier mit Jogis Jungs veranstaltet hätten, bleibt besser unbeantwortet.

Nach dem Spiel Feuerwerk in Kiew, Ehrenrunde der Spanier mit dem Pott. Und mit Kindern. Unser Reporter ist ganz nah dran. Tolles Bild, Steffen!

Das ist die Dings! Torres und Tochter. Foto: Steffen Dobbert

Und er leidet mit den Verlierern.

Armer Balo. Foto: Steffen Dobbert

Iker Casillas reckt den Pokal in die Höhe. Das Bild kennt man irgendwo her. Plädiere für ein Splitscreen-Verfahren mit Live-Schaltung ins Löw´sche Wohnzimmer.

Unser Kollege Oliver Fritsch ist leicht frustriert. Er möchte in seinem Sportreporterleben auch noch mal andere Sieger sehen.

 

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Deutschland – Italien 1:2

  • Deutschland scheitert im EM-Halbfinale an Italien
  • Zwei Tore durch Balotelli
  • Wie weiter?
Kein schöner Schland (Foto: Joern Pollex/Getty Images)

Fazit

Das war’s dann. Die schwarz-rot-goldenen Perücken, Hawaiiketten und Autospiegelflaggen landen wieder auf dem Dachboden, für zwei Jahre zumindest. Die deutsche Nationalelf ist ausgeschieden, wieder Halbfinale, wieder Italien, wieder kein Titel, wieder Tränen.

Und jetzt wieder viel Gerede. Woran lag es? An Löw? Am Rasen? An Waldi? Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl, die dieses Aus erklären mussten, versuchten es in der Nacht schon einmal. Beide waren sich uneinig, und das ist noch harmlos formuliert. Beckmann stellte sofort alles infrage. Ob die Mannschaft zu selbstgefällig sei, ob es mit flachen Hierarchien nie mit dem Titel klappt, solche Sachen. Scholl war davon genervt, wurde richtig pampig. An diesem Tag wurden Fehler gemacht, klar, aber das große Ganze ist schon okay, sagte er sinngemäß. So ähnlich wird in den nächsten Tagen überall diskutiert werden. An den Stammtischen, im Büro, in der Otto-Fleck-Schneise.

Vielleicht muss Joachim Löw dieses Spiel wirklich auf seine Kappe nehmen. Wie im Viertelfinale gegen Griechenland brachte er mit Gomez, Kroos und Podolski überraschend drei Neue. Der Unterschied: Heute spielten alle schlecht. Die Gegentore fielen aber nach individuellen Fehlern. Beim ersten Tor spielte Cassano mit Hummels Brummkreisel, seine Flanke köpfte Balotelli ein. Beim zweiten Tor schätzen Podolski und Lahm einen langen italienischen Ball falsch ein, wieder traf der geschmähte Balotelli.

Löw korrigierte seine Fehler in der Halbzeitpause, zehn, fünfzehn Minuten sah es nach einem Wunder von Warschau aus. Dann wechselte Prandelli, der auch schon mal das ein oder andere Taktikseminar besucht hat. Die Italiener hätten nach Kontern daraufhin das 3:0, 4:0. 5:0, sogar das 6:0 machen können, wären sie nicht ausgerutscht oder hätten den Ball vorbeigestolpert. Es gab dann noch ein Elfmetertor, Özils einziges Turniertor. Aber das war’s.

Eins noch: Gratulation, Italien. Habt einen schönen italienischen Sommer. Aber zieht Euch irgendwann wieder was über.

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Was fällt Ihnen zu diesem Bild ein?

Wieder einmal ist ihre Kreativität gefragt. Während des Viertelfinals gestern zwischen Italien und England wurde uns dieses Bild des italienischen Torwarts Gianluigi Buffon zugespielt. Was macht er da? Was will er uns oder wem auch immer sagen? Kurzum: Was fällt Ihnen zu diesem Bild ein, liebe Leser?

Nimm die Kamera runter! Foto: Laurence Griffiths/Getty Images
Nimm die Kamera runter! Foto: Laurence Griffiths/Getty Images

Schreiben Sie Ihre Antwort unten in die Kommentarspalte! Der Leser mit dem originellsten Beitrag gewinnt ein Fußballbuch aus dem Verlag Die Werkstatt. Einsendeschluss ist Dienstag, 16 Uhr. Dann geben wir hier im Blog den Sieger bekannt, den eine redaktionsinterne Jury wählt – natürlich völlig willkürlich. Den Rechtsweg können Sie sich daher schenken.

 

Deutschland gegen Griechenland 4:2

  • Lahm, Khedira, Klose und Reus treffen
  • Samaras, nicht der Ministerpräsident, glich zwischenzeitlich aus
  • Ein Blog aus Berlin, Danzig und Kiew
Halbfinal-Jubel Foto: Michael Steel/Getty Images
Halbfinal-Jubel Foto: Michael Steel/Getty Images

Fazit Dieses Spiel hat Joachim Löw gewonnen. Nicht ganz alleine, klar, aber fast. Scheinbar ohne Not warf der Bundestrainer drei neue Spieler in den Ring. „Es war der Tag der Veränderungen“, erklärte Löw hinterher und erwies sich dabei als das Orakel von Danzig. Weil es eben vor allem die Neuen waren, von denen die griechischen Abwehrspieler noch in ein paar Wochen albträumen werden.

Marco Reus etwa, der Mann mit dem toten Tier auf dem Kopf, wirbelte durch die griechische Abwehr wie beim Training in Mönchengladbach. Er machte das letzte deutsche Tor, das zwischenzeitliche 4:1. Es gab Reus heute.

André Schürrle, der derzeit bessere Podolski, der immer wieder nach innen zog und immer wieder schoss, und nur nicht traf, weil die Griechen dann doch noch einen Fuß dazwischen bekamen.

Und Miroslav Klose, der nicht wund lag, sondern sich wund lief. Schon nach zehn Minuten war sein Trikot so dreckig, wie es das von Mario Gomez in diesem Turnier noch nie war. Er köpfte das 3:1.

Wer vier Tore gegen die angeblich so unüberwindbare griechische Abwehrmauer schießt, muss es aushalten, nun zum großen EM-Favoriten erklärt zu werden. Auch weil viele Spieler sich noch einmal steigern konnten. Philipp Lahm etwa, der ein Costa-Rica-Tor schoss oder Sami Khedira, der seine starke Leistung mit seinem Schienbeinvolley krönte.

Löws größte Herausforderung wird es nun sein, den Kader bei Laune zu halten. Die Gomez’, Müllers und Podolskis werden sich wohl nur schwer mit der Reservistenrolle anfreunden können. Schon gegen den nächsten Gegner, Italien oder England könnten sie mit ihrer ballsicheren Spielweise wieder gebraucht werden. Das muss Löw ihnen erklären. Schafft er das, kann er sagen, ein ganzes Turnier gewonnen zu haben. Nicht nur ein Spiel.

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Merkels klebrige Finger

Wir haben um Kreativität gebeten, und sie bekommen. Wir wollten wissen, was Ihnen zu diesem nicht photogeshopten Angela-Merkel-Jubelbild einfällt.

Angela Merkel beim Hessenfest der CDU (Foto: Eventpress Hermann)

471 Vorschläge sind bei uns eingetrudelt, die unseren Redaktionsbetrieb lahm legten. Eine fachkundige Jury musste stundenlang sichten, sortieren, grübeln. Hier einen Gewinner zu küren, ist ähnlich undankbar wie die Entscheidung zwischen Klose und Gomez, Linkslahm oder Rechtslahm, Müller-Hohenstein oder Kahn. Aber hilft ja nix, es muss. Laut gelacht haben wir vor allem über die Kommentare, die dieses Bild schon einmal irgendwo gesehen zu haben glaubten. Zum Beispiel Corinna Zipprich, die bei der Frau Bundeskanzlerin eine Ähnlichkeit mit Wickie festgestellt hat. Oder Joe, der sich ans Finchen erinnert fühlte. Ein Fleißbienchen geht an Fred Binsenschneider für seine unzähligen, aufwändigen Vorschläge.

Aber kommen wir zur Preisverleihung. Der Textilexperte bms166, der eine Übertragung aus Afghanistan vermutet, landet auf dem dritten Platz: „Karzai, live aus Kabul: ‚Ihr bekommt auch alle einen Teppich‘.“

Ebenfalls großartig ist die Einordnung von Max Stadtbäumer: „Juhu, Gomez trifft! Das bedeutet, die integration junger Menschen spanischer Abstammung in den deutschen Arbeitsmarkt funktioniert!“ Dafür gibt es Silber.

Da der Fußball, wie wir ja seit Platini alle wissen, aber bei diesem Turnier ganz und gar unpolitisch ist, gewinnt bei uns der Kommentar von Stillmann: „Endlich, endlich kleben meine Finger nicht mehr zusammen!!!! Juhuuuuuuu!!!“

Wir bitten den Gewinner um Zusendung der Adresse an online-sport (at) zeit.de. Er bekommt ein Fußballbuch aus dem Verlag Die Werkstatt. An alle anderen: Es sind noch genug Bücher da.