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Revisionismus als Bestandteil der Aufklärung – Prof. Dr. Egon Flaig I

 

Am 30. April 2008 trafen wir uns mit Prof. Flaig in Rostocks Weinwirtschaft, um über zentrale Aspekte hiesiger Erinnerungskultur und Geschichtspolitik zu diskutieren. Im Folgenden veröffentlichen wir den ersten (!) Teil des Gesprächs unter dem Titel „Der Revisionismus gehört zum Kernbestand der Aufklärung“.

ENDSTATION RECHTS.: Herr Prof. Flaig, nun ist es schon einige Monate her, dass über Sie auch in Mecklenburg-Vorpommern heftig diskutiert wurde. Wie beurteilen Sie den Vorgang im Nachhinein?

Prof. Flaig: Zunächst habe ich es ja Ihnen zu verdanken, dass diese Debatte in dieser Form überhaupt in der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Aber ich gestehe: Es hat mich nicht sonderlich berührt und das tut es auch heute noch nicht. Aus meiner Sicht kommt hier eine Debattenunkultur zum Ausdruck, die sich elementaren geistesgeschichtlichen Verschiebungen in der Gegenwart verdanken dürfte.

ENDSTATION RECHTS.: Was genau meinen Sie damit?

Prof. Flaig: Aus meiner Sicht hat sich in den 1990er Jahren in der Geschichtswissenschaft und politischen Öffentlichkeit ein intellektueller Bruch vollzogen, dessen Dimension – wie mir scheint – noch reichlich unverstanden ist. Wir haben es mit einer grotesken Komplementarität von wissenschaftlichem Relativismus im Rahmen des linguistic turn und moralischem Fundamentalismus im Bereich des Öffentlichen zu tun. Beide Monster marschieren im Gleichschritt; und dabei gibt es Opfer.

ENDSTATION RECHTS.: Vielleicht sollten wir kurz inne halten. Unter „linguistic turn“ wird in aller Regel eine von der Philosophie ausgehende Wende im modernen Denken verstanden, die Gedankensysteme als Reflex von Sprache und Kultur versteht. Zugespitzt: Nicht der Mensch befleißigt sich der Sprache als Instrument zur Beschreibung der Welt. Umgekehrt: Die Subjekte und deren Denken sind Elemente und Produkte eines vorgängigen kulturellen Sprachspiels. Ist diese Beschreibung mit Ihrem Verständnis des linguistic turn vereinbar?

Prof. Flaig: Ja.

ENDSTATION RECHTS.: Und was hat das jetzt mit der Erinnerungskultur mit Bezug auf den „Fall Auschwitz“ zu tun?

Prof. Flaig:
Das will ich Ihnen sagen. Mit dem linguistic turn bricht der Relativismus endgültig in die Wissenschaften ein. Während in der Aufklärung Wissenschaft noch der Versuch war, etwas Objektives, Unverrückbares intersubjektiv verständlich zu machen, spielen heute viele Wissenschaftler und Nichtwissenschaftler nur noch „Sprachspiele“. Im Grunde ist es egal, was Sie denken. Jeder Denkstil, jede Denkmode ist in gleicher Weise berechtigt, weil ja immer nur ein je eigener Ausdruck kultureller Identität. Aber mit einer solchen Haltung zerstört man die Basis der Wissenschaft. Wenn es nichts Objektives gibt, worüber sich streiten lässt, wozu dann überhaupt noch diskutieren? Aufgrund der unterschiedlichen, angeblich jedoch stets gleichberechtigten Weisen der Weltaneignung lässt sich mit derselben Berechtigung Woodoo treiben wie Atomphysik studieren. Wissenschaftler könnten demnach sich gegenseitig darüber informieren, was sie aktuell jeweils denken – etwa beim Kaffeekränzchen – ; aber sie fänden keine verbindlichen Kriterien mehr, um eine These mit Gründen für richtiger zu halten als eine andere.Dieser grassierende Wissenschaftsrelativismus trifft jetzt aber auf den „Fall Auschwitz“. Der Holocaust berührt die Fundamente unseres ethischen Selbstverständnisses. Dass nach dem linguistic turn auch die Menschenrechte nur eine Spielerei, ein Sprachspiel sind, wird in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert – zum Glück. Darum soll nun ein moralischer, öffentlich zelebrierter Fundamentalismus die letzten Linien halten. Insofern würde ich auch die Beiträge in der Ostsee-Zeitung Anfang des Jahres gegen mich ganz anders interpretieren. Hier wehrte sich – vielleicht auch unbewusst – eine moralisierte (und insofern entpolitisierte) Öffentlichkeit nicht gegen mich, sondern gegen die Folgen ihrer eigenen, unausgesprochenen Prämissen. Gerade weil der Relativismus allenthalben um sich greift, muss man im Angesicht von Auschwitz um so vehementer dagegen halten, sobald jemand differenziert argumentiert, weil man dahinter letztlich moralischen Relativismus vermutet.

ENDSTATION RECHTS.: Wenn wir Sie richtig verstehen, würden Sie behaupten, dass sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Geschichtswissenschaft keine vorurteilsfreie, offene Debatte über den Holocaust stattfindet?

Prof. Flaig: So ist es. Nach meiner Interpretation hat sich dieser moralische Fundamentalismus, der schrittweise an die Stelle rationaler Argumente getreten ist, in den 1990er Jahren entwickelt. Wir müssen unser Verhältnis zur Shoah klären, das ist selbstverständlich. Aber der Shoah-Diskurs hat inzwischen eine enorme Dominanz erreicht. Der Beginn dieser Entwicklung ist letztlich der Historikerstreit in den 1980er Jahren. Die Intervention von Jürgen Habermas schob eine fachwissenschaftliche Debatte auf die Plattform des öffentlichen Moralisierens. Heute muss ich mir eingestehen: Auch ich selbst habe nicht dagegen protestiert; so gesehen bin ich auch mein eigenes Opfer. Es war grotesk, wie man mit dem Problem des „Revisionismus“ umgegangen ist und Historiker wie Ernst Nolte immer mehr verfemte. Es gehört zum Kernbestand der Aufklärung, dass der Mensch auf der Grundlage rationaler Argumente seine Erkenntnisse über die Welt Schritt für Schritt erweitere. Da wir alle fehlerbehaftete Wesen sind, muss sich Wissenschaft also definitionsgemäß durch einen Fehler nach dem anderen hindurch arbeiten. Wer wirklich vorurteilsfreie und kritische Wissenschaft im Sinne der Aufklärung betreiben will, muss seine Erkenntnisse permanent überprüfen und ggf. auch revidieren. Revisionismus gehört so gesehen zum substanziellen Kernbestand der Aufklärung. Wenn Revision in der Geschichtswissenschaft unter einen Generalverdacht gestellt wird, dann haben nicht nur Wissenschaftler keine Chance mehr, die Argumente nach fachlichen Kriterien abzuwägen, sondern dann verliert der Intellektuelle – jene Idealfigur des glaubwürdigen Suchens nach Wahrheit und nach Gerechtigkeit – seine gesellschaftliche Stelle; in einer Kultur der politisch korrekten Bescheuertheit – wie es Rainer Paris kürzlich formulierte – geht er einfach unter. Warum? In moralisierten Debatten braucht niemand mehr seine Argumente rechtfertigen, sondern jeder Ignorant darf sich gleichberechtigt wähnen, weil nun die Argumente entwertet sind. Das Moralisieren macht alle Argumente gleich gut oder gleich schlecht. Mehr noch: Moralisieren schafft eine neue – radikal antiintellektuelle -Hierarchie: oben sind die Gutmenschen, und Recht hat, wer am lautesten seine moralische Überlegenheit in den öffentlichen Raum hineinschreit.

ENDSTATION RECHTS.: Das heißt, Sie sprechen sich also bspw. gegen den §130 des Strafgesetzbuches aus, der die Leugnung des Holocaust unter Strafe stellt?

Prof. Flaig: Nein, das tue ich eben nicht. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Revisionisten und Revisionisten. Die einen sind durch die Suche nach der Wahrheit motiviert. Dies ist völlig legitim. Zugespitzt: Es muss auch möglich sein, über Zahlen zu reden. Bis Anfang der 1990er Jahre hing in Auschwitz eine Tafel, auf der von vier Millionen Opfern gesprochen wurde. Wissenschaftlicher Forschung hielt diese Behauptung nicht stand. Der jüdische Holocaust-Forscher Raul Hilberg hat bspw. schon in den 1960er Jahren die Zahl auf etwas über eine Million geschätzt. Das hat mit einer moralischen Relativierung der Verbrechen in Auschwitz rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil ist ein solches Forschen notwendig, damit das ungeheuerliche Geschehen als Vorgang erklärbar wird, welcher bedingt war von technischen, logistischen, infrastrukturellen, organisatorischen, politischen, demographischen, ethnischen und ideologischen Voraussetzungen (um nur einige zu nennen). Ohne Erklärung keine Wissenschaft. Die Erklärbarkeit erfordert jedoch, dass alle Details diskutiert werden dürfen, alle ohne Ausnahme. Ansonsten wird ein Bereich des ‚Unerklärlichen‘ geschaffen, und zwar auf ebenso schlimme Weise wie es die Inquisitionen der verschiedensten Religionen taten. Wird der Holocaust etwa weniger bestialisch dadurch, dass in Auschwitz „nur“ eine Million Menschen ums Leben gekommen ist? Wer diese Fragen aber nicht vorurteilsfrei und offen zu diskutieren bereit ist, verabschiedet sich nicht nur von wissenschaftlichen Maßstäben, sondern arbeitet Neonazis direkt in die Hände: Es gibt nichts Fataleres im Rahmen der Erinnerungskultur, als sich rationalen Argumenten zu verweigern und offensichtliche Fehler nicht eigenhändig zu korrigieren. Das macht es Revisionisten zweiter Art vergleichsweise leicht, den Holocaust insgesamt als propagandastisch erzeugtes Phantasma abzutun. Und für diese Revisionisten zweiter Art, denen es nicht um Wahrheit, sondern um die Auslöschung von geschehener Vergangenheit geht, bin ich dankbar für die Existenz des § 130 Strafgesetzbuch. Im Grunde ist er so etwas wie der letzte Aufstand der Gesellschaft gegen die Suspendierung aller Wahrheitskriterien und die Entlegitimierung aller Wahrheitsansprüche. Diese Suspendierung und Entlegitimierung wird von einem Kulturrelativismus gestützt, der sich nicht ohne Grund auf den linguistic turn beruft. Daher habe ich schweren Herzens im Frühjahr letzten Jahres nach weiteren Leugnungs-Gesetzen verlangt – in der Greifswalder Studentenzeitung ‚Moritz‘ -, wobei ich den Völkermord an den Armeniern nannte. Schweren Herzens. Denn auf die Dauer können auch solche Gesetze die Wahrheit nicht retten.

Anmerkung der Redaktion: Bevor sich einige zu früh freuen, immer das ganze Ende abwarten….

michael-schaefer
weitere Informationen: http://www.endstation-rechts.de

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Die Flaig-Debatte in ganzer Pracht:

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