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ZPS bedankt sich für Hass und Gewaltaufrufe gegen Soko Chemnitz

 
Hass und Gewaltaufrufe gegen Künstler von Soko Chemnitz
ZPS-Büro am Chemnitzer Weihnachtsmarkt: spartanisch auf Advent getrimmt © Henrik Merker

Das Zentrum für Politische Schönheit hat Chemnitz mit einer kontroversen Kunstaktion in Aufruhr versetzt. Nun hagelt es handfeste Drohungen aus der rechten Szene. Genau das wollte das ZPS, die Aktion war ein Trick.

Seit Montag dominiert die Berliner Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) wieder Feuilleton und Kommentarspalten. Auf einer Website namens Soko Chemnitz hat das ZPS einen Pranger für mutmaßliche Rechtsextreme eingerichtet, die Ende August an den gewalttätigen Demonstrationen von Chemnitz teilgenommen haben sollen. Mit Plakaten fahren die Künstler seither durch die Republik, um von ihnen identifizierte Rechtsextreme bei deren Arbeitgebern anzuschwärzen. Nahe dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt öffnete schließlich am Montag auch ein Pop-up-Store – doch ist er wohl lediglich Teil der Performance.

Denn als am Montagmorgen die ersten rechten Demonstranten an dem Laden in der Chemnitzer Innenstadt auftauchten, war der verwaist. Durch das Schaufenster waren Büromöbel, Computer, eine Sitzecke und weihnachtliche Dekoration zu sehen. Doch das einzig Echte im Laden waren die Büropflanzen. Zum Computer führte kein Kabel, Mitarbeiter gab es auch keine. Dank der lamettabehangenen Bürolampe und der dezent geschmückten Heizung wirkte der Raum beinahe komisch. Die Bild-Zeitung auf dem Tisch der Sitzecke war wohl als Anspielung auf deren G20-Pranger von 2017 gedacht.

Eine Täuschung ist vermutlich auch die Ankündigung, jeder, der einen Rechtsextremen auf den Plakaten des Zentrums erkenne und ihn melde, werde 88,88 Euro bar auf die Hand bekommen. Am Nikolaustag könne man in dem Laden das Geld abholen, wenn man seine rechtsextremen Arbeitskollegen verpfeife, hatte das ZPS auch auf der Website angekündigt.

Andere hingegen meinen es ernst mit dem Geld. Als erste Reaktion auf die Aktion des ZPS veröffentlichte die rechtsextreme Kleinstpartei Pro Chemnitz einen Aufruf, Geld für Gerichtsverfahren an sie zu spenden. Man wolle alle vom Outing Betroffenen unterstützen, die eine Rechtsschutzversicherung haben und sich an die Partei wenden. Der Aufruf zur Spendensammlung wurde mehr als 1.400-mal geteilt und rege kommentiert. Am Telefon damit konfrontiert entgegnete ZPS-Sprecher Stefan Pelzer: „Pro Chemnitz versucht, sich schamlos an unserem Kunstwerk zu bereichern!“ Ob die Spenden wirklich in Verfahren fließen, stellte Pelzer infrage. Schließlich springe die Versicherung in solchen Fällen ein – und die ist Bedingung für die Unterstützung durch Pro Chemnitz.

Nicht nur weil sie vom ZPS geoutet wurden, werden sich manche Rechtsextreme bald einen Anwalt nehmen müssen. Einige hatten in den Kommentarspalten von Pro Chemnitz dazu aufgerufen, mit Steinen die Scheiben des Soko-Chemnitz-Ladens einzuwerfen und die Plakate zu stehlen. Andere forderten Farb- und Brandanschläge und drohten, die Künstler zusammenzuschlagen. Die Polizei leitete Ermittlungen ein.

Auch manche Arbeitgeber haben sich öffentlich gemeldet, weil bei ihnen Mitarbeiter angeschwärzt wurden, die an den Ausschreitungen beteiligt gewesen sein sollen. Neben ausführlicher Kritik an der ZPS-Aktion stellte ein Firmenchef klar, wenn der gemeldete Mitarbeiter „entgegen unseren Werten und vielleicht sogar strafbar gehandelt hat“, stoße man „zwangsläufig an die Grenzen des Erträglichen“.

Die Polizei ging allerdings nicht nur gegen einige vermummte Rechtsextreme vor, die sich vor dem Laden versammelt hatten, sondern auch gegen den Laden selbst. Ein Schlüsseldienst brach die Tür auf und wechselte das Schloss aus. Die Beamten beschlagnahmten alle Plakate. Eine Maßnahme im Sinne der Gefahrenabwehr, sagte ein Polizeisprecher. Die Künstler sehen das anders, sie wollen sich gegen den Polizeieinsatz juristisch wehren und die Ladenschlüssel wiederbekommen.

Im Netz eskaliert die Debatte derweil weiter. Auf Social-Media-Seiten rechter Gruppen bezeichnen sich extrem rechte Kommentatoren als „die neuen Juden“, mehr noch: Sie würden schlimmer verfolgt als Juden zu Nazizeiten. Das Zentrum für Politische Schönheit? So schlimm wie Hitler und Stalin zusammen, oder noch schlimmer, sind andere überzeugt. Einer bezeichnet die Aktion Soko Chemnitz als „Verfolgung der deutschen Rasse“.

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Oehme veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite persönliche Daten von ZPS-Initiator Philipp Ruch, dessen Mutter und einigen anderen Künstlern aus der Gruppe. In den Kommentaren zu dem Posting fallen die Worte „entartete Kunst“ und „Bürgerkrieg“. Dem AfD-Abgeordneten gefällt das.

Nachtrag: Die ganze Aktion war ein Trick, um an die Namen von Beteiligten der Demos in Chemnitz zu kommen. Das Zentrum für Politische Schönheit hat auf der Soko-Chemnitz-Website inzwischen bekannt gegeben, dass die Website lediglich ein „honeypot“ war, ein Honigtopf zum Sammeln von Informationen. Teilnehmer der gewalttätigen Demonstrationen sollten dazu verleitet werden, ihren eigenen Namen in der Datenbank zu suchen. Anschließend wurden ihnen andere Rechtsextreme angezeigt, die sie wahrscheinlich kennen. Wer weitere Namen aus dem eigenen Bekanntenkreis auf der Website suchte, wurde mit denen in Verbindung gebracht. Wurden anschließend Namen in die Suche eingegeben, die der Datenbank noch nicht bekannt waren, wurden diese mit einem Wahrscheinlichkeitswert versehen dem Umfeld des Rechtsextremen zugeordnet.

Laut ZPS soll so das Netzwerk rechtsextremer Bürger in Chemnitz analysiert werden – man habe 52.000 Zeilen an Datenmaterial gesammelt. In den kommenden Tagen soll das ausgewertete Material visualisiert und veröffentlicht werden, sagt Fritz Klein vom ZPS. Doch sei die Aktion kein Selbstzweck: „Wir prüfen eine Übergabe an die Verfassungsschutzbehörden.“

147 Kommentare

  1.   Gut-für-Deutschland

    Das einfältige an Rechtsextremisten (wie der AfD-Abgeordnete ja auch demonstrativ zeigt) ist die zarte Besaitung, wenn jemand dasselbe Spiel spielt wie sie selbst. Das können sie nicht ab und geraten in Furia. So auch hier. Bravo, ZPS.

  2.   Der freundliche Waran

    Wieder mal lassen Chemnitzer Nazis die Hosen runter.

  3.   X3

    Aha. Tolle Taktik des ZPS. Das ist wie: erst mit dem MG durch die Gegend ballern und dann rufen: „Leute, war nicht so gemeint, war alles nur Kunst“. Für mich ähnelt das Verhalten des ZPS dem einer Terrorzelle.

  4.   Tjo

    Auch wenn das von dieser Orga. nur ein riesen Hoax war. So sind die vermeintlichen angedeuteten Methoden, nämlich Daten von Demo.Teilnehmern zu leaken, nicht von der Hand zu weisen.
    Die Rechten werden künftig ernst machen, der erste AFD´ler hat ja schon den Namen und Urheber geleakt. Nein gar noch mehr, sogat den Namen seiner Mutter.
    Und zukünftig werden sich die Rechten genau auf diesen Hoax berufen, so nach dem Motto „Die Linken haben das angefangen und das war Kunstfreiheit, also tun wir es halt auch“. Das ZPS damit nur Aufmerksamkeit wollte, den Rechten selbst eine Falle stellen wollte, wird in den zukünftigen Leaks dann untergehen.

  5.   Alles_Für_Alle_Und_Zwar_Umsonst

    Ich finde das Unglaublich.

    Was sollen solche Denunziationsversuche?

    Extremismus ist das und nichts anderes.

    Und auch nicht neues von Links. Schon 2015 hat man sich, ganz in Gauleiter-Manier, in den sozialen netzwerken auf Schnüffeltour begeben, um Rechte bei ihren Arbeitgebern anzuschwärzen.

    Das ist einfach mal kein Stil, den man in der Demokratie gutheissen würde.

    Das ganze ist auf dem selben Niveau, wie Gewerkschafter und Kommunisten bei ihren Arbeitgebern zu melden, damit diese „entsorgt“ werden können. Es gibt da absolut keinen Unterschied.

    Diese Gesinnungschnüffelei hat aufzuhören. Und Punkt.

    Das sind Stasimethoden. Und das ist von jedem, der auch nur ein bisschen vond er Demorkatie hält, abzulehnen. Und zwar egal, wen es trifft.

    Und das Zentrum für Politische Schönheit hat sich ja nun schon selbst als undemokratische versammlung von Extremisten dargestellt. Die missbrauchen die Kunstfreiheit für politischen Aktivismus. Und das ist ebenfalls sehr fragwürdig.

    Da gibts auch nichts zu diskutieren. Wer Denunziantentum fördert, Daten über die politische Gesinnung von Menschen sammelt und an Behörden weiterreicht und Menschen bei ihren Arbeitgebern anschwärzt hat mit Demokratie nix am Hut.

    In dem Sinn erlaube ich mit, das Zentrum für politische Schönheit in die selbe Ecke zu stellen, in der Höcke Fans schon stehen: Extremisten und Demokratiefeinde. Und nein, der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund, vor allem nicht, wenn er auch mein Feind ist. Und das sind Demokratiefeinde allgemein.

    Das Zentrum für politische Schönheit sollte vom Verfassungschutz beobachtet werden. Und zwar genauso zu Recht, wie das auch bei AfD, Pegida und Konsorten der Fall wäre. Ein Demokratischer Staat darf hier keinen Unterschied machen.

  6.   Dogwalker

    Die rechte Szene ist intellektuell eindeutig überfordert mit solchen Aktionen umzugehen.

  7.   Steve45

    Dafür das Linke sich moralisch immer übelegen fühlen, haben die meisten vor allem in Gruppen organisierten genau das moralische Niveau von Rechten, die sich aber nicht als moralisch überlegen geben.
    Man erinnere sich mal an den Aufschrei der Linken nach G20. Eigentum zerstören, aber dann jammern von wegen Polizeistaat etc weil man öffentlichkeisfahndungen gemacht hat.
    Der ZPS arbeitet auch nicht unter Kunstfreiheit. Kunst darf alles nur eben keine Straftat begehen.

  8.   Ariovistus

    Interessante Aktion. Inwieiweit das rechtlich ist, weiß ich nicht. Immerhin haben sie sowas wie Phishing betrieben.
    Dennoch ulkig, wie bloed man sein muß, sich mit seinem echten namen im netz zu bewegen,wenn man weiß,das man am Rande der legalitaet unterwegs ist. Gerade in Zeiten,wo der Arbeitgeber auch die Sozialen Medien nutzt…

  9.   cannelloni

    Sehr schön und sehr kreativ!

  10.   ElectricWizard

    Hach, wundervoll. 🙂

 

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