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Rechtes Treiben in der Heide

 

Seit 25 Jahren treffen sich Rechtsextreme zum Feiern auf einem Hof im niedersächsischen Eschede. Jetzt hat die NPD das Gelände gekauft. Wird es ihre letzte Bastion oder ein Knotenpunkt für Norddeutschlands Neonazis?

Von Bela Mittelstädt

Eschede: Der Nahtz-Hof in Eschede, fotografiert 2011. © Alexander Körner/dpa
Der Nahtz-Hof in Eschede, fotografiert 2011 © Alexander Körner/dpa

Die Sonne brennt. Demonstranten haben an der Zufahrt zum anderthalb Kilometer entfernten Hof Nahtz ein Camp aufgebaut, mitten in der Feldmark, ein paar hundert Meter vom Ortsschild mit der Aufschrift Eschede entfernt. Immer wieder biegen Autos ein. Am Steuer und auf der Rückbank sitzen Neonazis – unterwegs zu einem der größten Treffen der Szene in Norddeutschland. Einer von ihnen hält den Mittelfinger aus dem Fenster.

Eschede, eine Gemeinde im Nordosten des Landkreises Celle in der Lüneburger Heide, ist vielen durch das ICE-Unglück von 1998 ein Begriff. Traditionell Mitte Juni, also zum längsten Tag des Jahres, treffen sich hier Rechtsradikale aus ganz Norddeutschland. In diesem Jahr luden NPD, die Nachwuchsorganisation Junge Nationalisten (JN) und die Frauengruppe Düütsche Deerns zu einer Veranstaltung namens Fest der Volksmusik ein – ohne Zusammenhang zur gleichnamigen ARD-Musiksendung.

Baut die NPD ein neues Zentrum auf?

Treffpunkt der Feier zur Sonnenwende ist der Hof Nahtz. In einer Übersicht des Bundesinnenministeriums wird das Grundstück als Immobilie der extremen Rechten in Niedersachsen gelistet. Der 84-jährige Besitzer Joachim Nahtz lud in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig dorthin ein, seit über 20 Jahren veranstalten NPD und andere Akteure dort Parteitage, Konzerte und Brauchtumsfeiern.

Das dürfte sich so schnell auch nicht ändern: In der Einladung zur Sonnenwendfeier auf Facebook verlautbarte die NPD, sie habe das Grundstück gekauft. Der Landkreis Celle bestätigte am Freitag gegenüber dem NDR den Verkauf des Hofs. „Wir befürchten jetzt, dass der Verkauf eine Aufwertung des Grundstücks bedeuten könnte“, sagt Klaus Jordan vom Netzwerk Südheide, das seit 2009 Proteste gegen die Veranstaltungen organisiert. Er fühlt sich an das Zentrum „Hetendorf Nummer 13“ erinnert. Der Anwalt Jürgen Rieger hatte hier 20 Kilometer von Eschede entfernt ein Nazi-Schulungszentrum aufgebaut und über zehn Jahre lang bis 2009 genutzt.

Nahtz ist seit 2005 NPD-Mitglied. Schon 1952 war er der Deutschen Reichspartei (DRP) beigetreten, landete zwischenzeitlich bei den Republikanern. Er trat mehrfach als Direktkandidat bei Landtags- und Bundestagswahlen an. Bei der Bundestagswahl 2009 vereinigte er 2.500 Stimmen im Wahlkreis Celle-Uelzen auf sich.

Wo Rechte unter sich sind

Seinen Hof nutzt die NPD allerdings nicht allein. Im Juni 2017 mobilisierte sie gemeinsam mit dem Dritten Weg und der Partei Die Rechte zu einem Fest gut 100 Teilnehmende. Gefeiert wurde damals unter dem Motto „25 Jahre Widerstand im Heide(n)land“. Neben rechtsradikalen Parteien luden immer wieder Kameradschaften zu Konzerten ein. 2010 kamen gar 600 Neonazis aus ganz Deutschland. „Das sind nie nur Konzerte oder die beworbenen Feierlichkeiten“, sagt Jordan. Stattdessen handle es sich um „wichtige Vernetzungstagungen der Norddeutschen Rechten“.

Die Autokennzeichen der Gäste bestätigen den Netzwerkcharakter: Gemeldet sind sie in Lüneburg, Oldenburg, Goslar, Bremen und Hannover. Die meisten kommen jedoch aus Celle und den umliegenden Landkreisen. Einmal fährt auch Joachim Nahtz mit seinem Auto vorbei und kehrt kurz darauf mit einer Ladung Besucher auf der Rückbank vom Bahnhof zurück.

Eschede: Gäste kommen im Auto zur Sonnwendfeier auf dem Hof an. © Bela Mittelstädt
Gäste kommen im Auto zur Sonnenwendfeier auf dem Hof an. © Bela Mittelstädt

Sein Gelände wurde auch für Kinderzeltlager der Heimattreuen Deutschen Jugend genutzt. Die Organisation wurde im März 2009 vom Bundesinnenminister mit der Begründung verboten, in ihren Lagern solle eine „neonazistische Elite“ herangezogen werden. In diesem Jahr waren auch die Düütschen Deerns bei der Sonnenwendfeier dabei. Die völkische Frauengruppe zeigt sich auf Facebook sporadisch in Trachten beim Museumsbesuch in Slowenien oder bei Kranzniederlegungen für gefallene Wehrmachtsoldaten.

Seit Jahren werden die Events von Protesten begleitet. Im Netzwerk Südheide haben sich Gruppen und Initiativen zusammengeschlossen, um Neonaziaktivitäten in Eschede und im Landkreis zu bekämpfen. Gut 200 Gegner demonstrierten am Wochenende gegen das Treffen auf Hof Nahtz.

„Jetzt erst recht“-Stimmung

In Reden fordern die Demonstranten angesichts des Mords an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke mehr Engagement gegen Rechtsextremisten und erinnern an die zahlreichen Todesopfer rechter Gewalt. Einer von ihnen war Peter Deutschmann. Er wurde 1999 in Eschede von zwei Naziskins ermordet.

Trotz der desolaten Lage der NPD ist der Spuk in Eschede in naher Zukunft wohl nicht vorbei. Nach einem verheerenden Brand, bei dem ein Wirtschaftsgebäude auf Hof Nahtz zerstört wurde, setzte sich in der Szene eine „Jetzt erst recht“-Stimmung durch, die in den Verkauf mündete. Bei der letzten größeren Veranstaltung im Dezember 2018 kamen gut 100 Neonazis. Doch dieses Mal sind es weniger. 60 zählte die Polizei am Nachmittag.

Nun drohen die NPD und ihre Anhänger zum Dauergast zu werden, denn anderswo kommen sie kaum noch an Räumlichkeiten für ihre Veranstaltungen. Es scheint, als müssten sich die Gegner der Neonazis auf einen langen Kampf einstellen.

26 Kommentare

  1.   Barbara123

    Das gehört zu den zu entziehenden Grundrechten für erwiesenermaßene Verfassungsfeinde.
    Der Erwerb von Eigentum.

    Wenn man doch mal zusammentragen würde, wieviel Bauernhöfe inzwischen von Rechten aufgekauft wurden, ganze Häuserzeilen in Dortmund, Häuser in Dörfern, wie in Jamel.

  2.   Münsterlandborusse

    Braucht keine Mensch diese Partei.

  3.   M.Schaefer

    „Wird es ihre letzte Bastion oder ein Knotenpunkt für Norddeutschlands Neonazis?“

    Weniger Drama ging wohl nicht, hm? Vielleicht treffen die sich auch weiterhin dort wie in den 25 Jahren zuvor.

  4.   LinuxSchurke

    „Düütsche Deerns“

    Nicht schlecht die Idee der Namensgebung. Hoffentlich werden andere düütsche Deerns die nichts mit Rechts zu tun haben jetzt diskriminiert. Denn gerade in Norddeutschland sind Deerns an jeder Ecke zu finden.

  5.   Coehoorn

    Ich finde es hat auch durchaus seine Vorteile wenn es eine Art Hauptquartier gibt, wo sich die extremen sammeln. Das erleichtert dem Staatsschutz sicherlich die Überwachung (sofern nicht gerade wieder rechts eine Augenklappe getragen wird.)

    Gefährlich ist es dann, wenn es geheime Treffpunkte gibt, die nicht bekannt sind. Aber so einen „öffentlichen“ Ort kann man gut im Auge behalten. Vor allem wenn es um Neuzugänge und kriminelle Aktivitäten gibt.

    Ganz am Rande: Mir gefällt die Ironie des Namens „Nahtz(i)-Hof“ 😀

  6.   Orakel99

    Das Anwesen sieht aus wie aus der Sendung „Schrotthäuser selber renoviert“! Die pfeifen wirklich auf dem letzten Loch.

  7.   Selbstdenkender

    „Wir befürchten jetzt, dass der Verkauf eine Aufwertung des Grundstücks bedeuten könnte“, sagt Klaus Jordan vom Netzwerk Südheide

    Das nenne ich aber eine wirklich unglückliche Formulierung…

    Worin soll die Aufwertung bestehen? Ich werde jedenfalls einen weiten Bogen um Eschede machen.

  8.   Roland Muck

    In einem ähnlichen Fall in Oberfranken, es ging um ein Grundstück mit Gasthof, wo sich die oberfränkischen Neonazis trafen, haben die bayerischen Behörden nicht lange gefackelt und das Anwesen sehr schnell enteignet Seitdem ist Ruhe mit dem braunen Spuk:

    https://www.sueddeutsche.de/bayern/oberprex-enteignung-war-rechtens-1.4007543

  9.   Theobaldrian

    Nun lasset doch die Rechten in Ruhe feiern!

    Nicht mal mehr in Ruhe feiern kann man mehr als Rechter.

  10.   LinuxSchurke

    // Seitdem ist Ruhe mit dem braunen Spuk //

    Da sage nochmal jemand was schlechtes über Bayern

 

Kommentare sind geschlossen.