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Hinter der Fassade der Identitären

 

Die rechtsextreme Identitäre Bewegung unterhält ein eigenes Haus im sachsen-anhaltischen Halle – als Knotenpunkt für die Szene von der Neuen Rechten bis zur AfD. Doch von ihren großen Plänen ist nicht mehr viel übrig.

Von Henrik Merker

Das Haus der Identitären in Halle © Henrik Merker

An der Universität im sachsen-anhaltischen Halle steht ein altes Haus, von oben bis unten mit Farbe besprüht. Eine Kamera auf halber Höhe hat den Fußweg im Blick. Die Fenster verrammelt, sieht es beinahe verwaist aus. Doch an der Klingel steht ein Name: Dorian Schubert – einer der Gründer des Flamberg e.V., der seit Sommer 2018 das Erdgeschoss betreibt.

Hinter dem Verein stehen Aktivisten der rechtsextremen Identitären Bewegung. Das Haus ist ihr Projekt. Als es vor rund zwei Jahren bekannt wurde, galt es als große Hoffnung der Szene, als Modellprojekt der mannigfaltigen Neuen Rechten. Die sich dort tummeln, lassen erkennen, dass es keine Grenzen mehr gibt zwischen AfD, Neuer Rechter und der Identitären Bewegung. Doch mittlerweile bröckelt die Unterstützung für das Gemeinschaftswerk. Obwohl noch zahlreiche Organisationen unter der Adresse gemeldet sind, ist eine deutliche Ernüchterung eingetreten.

Viele Projekte sind schon wieder Geschichte

Sechs Akteure der extremen Rechten waren im Mai 2018 zur Gründung des Flamberg e.V . zusammengekommen. Unter ihnen neben dem damals als Vorsitzenden aufgeführten Mario A. Müller: Melanie Schmitz, die damalige Frontfrau der Identitären Bewegung. Bis ins Jahr 2018 nahm sie Videos unter dem Namen „Varieté Identitaire“ auf, spielte dabei Musik oder sang.

Kurz nach der Gründung stellte Schmitz ihre Präsenz für die Identitären weitgehend ein. Mittlerweile ist sie wieder im Ruhrgebiet für die Szene aktiv. Auf sie folgte die Flamberg-Mitgründerin Hannah-Tabea Rößler. Sie ist die Verbindung der extremen Rechten zur AfD, für die sie bei der vergangenen Kommunalwahl antrat. Laut Halles AfD-Chef Alexander Raue sind alle Kandidaten auch Parteimitglieder. Für die parteinahe Campus Alternative sitzt Rößler im Studierendenparlament der Martin-Luther-Universität.

Vieles, was von dem abgeschotteten Haus in Halle ausging, ist bereits Geschichte. Dazu gehört das Varieté Identitaire, aber auch der Versuch eines Mode-Labels unter dem Namen radical éstethique. Dessen Initiator Franz Reißner ist kaum noch präsent. Die Identitären in Halle arbeiten ähnlich wie ein Start-Up, nach dem Verfahren „trial and error“.

Vernetzung „nicht geglückt“

Viele ehemalige Unterstützer haben sich mittlerweile verabschiedet – darunter auch der AfD-Politiker Andreas Lichert, Chef der von ihm gegründeten Titurel-Stiftung. Seine Firmenmarke Mosaik Kommunikation sitzt mittlerweile nur noch im hessischen Bad Nauheim – nachdem sie zuvor an der Adresse des Hauses in Halle gemeldet war. Lichert geht sogar noch weiter. Gegenüber dem Hessischen Rundfunk sagte er im April: „Insofern ist eben genau das, was ursprünglich intendiert war, nämlich einen Kontaktpunkt auch für Leute außerhalb unserer Kernklientel zu schaffen, nicht geglückt.“ Dazu dürften nicht nur Aktionen wie der Angriff der Identitären auf zwei Zivilpolizisten im November 2017 beigetragen haben, sondern auch die dauerhaften und massiven Proteste vor Ort.

Nach dem Abzug von Licherts Agentur stellten die Identitären im Dezember 2018 mit Okzident Media eine eigene Agentur im IB-Haus vor, um sich erneut einen Platz in der Öffentlichkeit zu erspielen. Okzident Media wurde 2019 sogar als offizieller Gast zur AfD-Medienkonferenz in den Bundestag geladen. Die Verstrickungen der Partei mit den extrem Rechten sind ungebrochen. Identitären-Delegationen nehmen auch regelmäßig an AfD-Kundgebungen in Halle teil.

Noch bis Ende 2018 besuchten AfD-Abgeordnete oft Veranstaltungen des neu-rechten Chefideologen Götz Kubitschek und seines Verlags Antaios im Haus der Identitären. Antaios hat dort einen Zweitsitz, glaubt man den Angaben auf der Website des Hauses. Im Herbst 2018 kamen Hans-Thomas Tillschneider von der AfD Sachsen-Anhalt und der Nordrhein-Westfale Roger Beckamp, der dort für die Partei im Landtag sitzt. Sie diskutierten vor einem identitären Publikum über die Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz.

Kaum noch Gäste

Auch die international vernetzte Szene besucht die Identitären in Halle. 2017 gab die tschechische Gruppe pro-vlast via Instagram ihre Teilnahme an einer Veranstaltung bekannt. Im Juli 2018 besuchte ein Aktivist der schwedischen Nordisk Ungdom, einer militanten antisemitischen Gruppe, das Haus. Nordisk Ungdom hat Verbindungen zum neofaschistischen Asow-Regiment aus der Ukraine, dessen Propagandistin Olena Semenyaka am 8. Juni 2018 im IB-Haus einen Vortrag hielt. Semenyaka trat im selben Jahr auch für Neonazi-Parteien auf, wie etwa die NPD oder Der III. Weg.

Aktivisten der Identitären Bewegung bei einer Demonstration im Juli © Henrik Merker

Zu Veranstaltungen in dem elitären Club Flamberg kamen bisher nie viel mehr als dreißig, oft kaum mehr als zehn Gäste. Aufgrund der bisher geringen Resonanz und sinkender medialer Präsenz hatten die Identitären ihr diesjähriges Großprojekt in Halle geplant: Im Juli sollte es eine Großdemonstration mit anschließendem Hoffest geben. Mit Bussen sollten Hunderte Kader gesammelt anreisen, um, wie in Berlin 2017, eine Massenbewegung zu simulieren.

Die Aktion scheiterte am Protest der Halleschen Zivilgesellschaft und deren Menschenblockaden, die alle Straßen um das Haus verstopften. Ein „Kontaktpunkt“, wie es sich Mitgründer Lichtert gewünscht hatte, ist das Projekt nicht geworden. Hinter der besprühten Fassade steckt nur noch wenig vom rechtsextremen Kampfgeist der Identitären Bewegung.

Der Text erschien zuerst in der Ausgabe #179 des Recherche-Magazins Der Rechte Rand, wir veröffentlichen ihn in gestraffter Form.

22 Kommentare

  1.   FCKNZS7

    Danke, dass Sie den Text des sehr guten Magazins „Der rechte Rand“ übernommen haben.

    Die rechtsextremistische, mittlerweile ja endlich auch vom Verfassungsschutz korrekt eingestufte Identitäre Bewegung war immer ein ‚Scheinriese‘. Deren tumber, schlecht bemäntelter Rassismus verfing außerhalb rechtsextremer, AfD-naher Filterblasen noch nie. Und so wird’s auch bleiben.

    PS: Danke an die Hallenser Zivilgesellschaft, die diesem Spuk Grenzen setzt.

  2.   marzipan_für_alle

    Vielen Dank an die Hallesche Zivilgesellschaft und an alle, die sich, egal wo in Deutschland, unermüdlich, teilweise unter Androhung von Gewalt, gegen Rechtsextremismus und damit für unsere Demokratie einsetzen.

  3.   Andox

    Ich habe immer noch viel Angst vor der Identitären Bewegung. Begegnungen und „Gespräche“ mit einigen Mitgliedern der Gruppierung verdeutlichten die Gefahr, die von der Identitären Bewegung ausgeht.

  4.   Peter69

    Wer hat die Fassade so „aufgehübscht“?

  5.   Kai Ne-Ahnung

    Irgendwann bemerkt man halt das man immer der fiese braune Bodensatz bleiben wird. Da wächst im Großen und Ganzen nix, die 10-20% sind heutzutage nur lauter, Dank Facebook und Co aber auch Massenmedien.

    So kommt es einem vor als würden die Rechten sich rasant vermehren. Dabei sind sie einfach nur dreister geworden und schreien lauter herum als vorher, sind eben eher hör- wie sichtbar als vorher. Da gewesen sind die schon immer, leider.

  6.   Eiverbibbsch

    „Die Aktion scheiterte am Protest der Halleschen Zivilgesellschaft“

    Sehr sanfte Umschreibung für teils ebenso extreme Linke, bei denen offensichtlich wie auch bei den Rechten Vandalismus, Sachbeschädigung, Einschüchterung und Gewaltandrohung zum guten Ton gehören. Zweimal beinahe derselbe Shit, nur einer davon rot angestrichen. Nicht alle Demonstranten sind friedliche Studenten und Rentner.

  7.   Axcoatl

    @Kei-ne Ahnung: Ja, sehe ich auch so … wer im mittleren Alter ist, der kann sich an viele solcher ‚Bewegungen‘ erinnern, die am Ende eines geeint hat: dass sich die Mitglieder selber zerfleddern und zerstreiten.

    Der ‚braune Bodensatz‘ ist daher keine neue Erscheinung, sondern taucht immer dann auf, wenn die Zufriedenheit der Bürger mit der Politik zurückgeht, oder wenn es mal ein Thema gibt, mit dem der braune Rand Wählerstimmen fischen gehen kann – am Ende sind dann 2/3 Protestwähler, oder temporär von ihrer ‚Stammpartei‘ Enttäuschte, und eben das 1/3 braun-überzeugter Fanatiker.

    Auch bei der AfD wird es eine solche Zerfleischung geben. Darauf würde ich sogar wetten.

    PS: Als Anti-Euro-Partei gestartet, wurde sie von Deutschnationalen gekapert, und wurde nun vom braunen Rand unterwandert. Am Ende werden auch die Protestwähler merken, was für kruden Personen sie ihre Stimme gegeben haben. Und dann lieber wieder zu Nichtwählern mutieren, die dem ‚Establishment‘ ihren Unmut durch Wahlenthaltung zeigen – na ja, so sind sie eben.

  8.   Ieldra

    Sehr schön. Extremisten haben ja immer das Problem, dass mit steigender Intoleranz die Größe der ansprechbaren Zielgruppe abnimmt. Der Versuch der Maskerade scheitert dann an demselben Problem. Wenn dann auch noch Demonstrationen kommen und zeigen, dass Extremismus eben nicht salonfähig ist, ist es sehr schnell vorbei mit so manchem neuen Netzwerk.

    Ganz los werden wir alles trotzdem nicht, aber es zeigt sehr schön, dass es keiner extremistischen Rhetorik vom anderen Ende des politischen Spektrums bedarf, um dagegenzuhalten. Ich sage, alle diejenigen, die mit Maß und Verstand Politik machen wollen, das sind die wahren Antifaschisten, egal ob sie eher rechts oder links stehen.

  9.   p-touch

    Ja und? Die IB war halt schon immer ein Scheinriese und befindest sich offenbar auf dem absteigenten Ast, damit ist die Gefahr nicht gebannt. Sobald eine rechte Gruppe in den Focus der Öffentlichkeit und Justiz gerät springen viele Mitglieder wieder ab um sich wo anderst neu zu formieren. Neue Tischedecke, aber der selbe Tisch darunter.

  10.   Dombaumeister

    Vielleicht sollten die Rechtsextremen lieber bei ihren Kernkompetenzen bleiben: Gewalt gegen Nicht-Deutsche, Gewalt gegen Demokraten und Gewalt generell gegen jeden, der ihnen nicht in den geistig beschränkten Kram passt. Alles andere wirkt irgendwie so aufgesetzt …

 

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