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Propagandaschmiede im Kurort

 

Aus einem Kneippheilbad im Allgäu vertreibt ein Neonazi rechtsradikale Musik und Kleidung in die ganze Welt. Im Ort interessiert sich niemand wirklich dafür.

Von Sebastian Lipp

Neonazi in Bad Grönenbach: Propagandaschmiede im Kurort
Nicht alles an der Marktgemeinde Bad Grönenbach passt zu dem idyllischen Bild, das ihre Marketingabteilung zeichnet (CC BY-SA 4.0 Flodur63).

„Die richtige Balance für Körper, Geist und Seele“: So wirbt die Marktgemeinde Bad Grönenbach im idyllischen Allgäu um Kurgäste. Ein „Urlaubsort mit Weitblick“ will das beschauliche Kneippheilbad mit 5.600 Einwohnerinnen und Einwohnern sein. Doch nicht alles am Ort passt zu dem Bild. Gerade einmal eine Gehminute vom Bahnhof entfernt hat sich ein Unternehmen eingemietet, das als weltweiter Vertrieb für rechtsextreme Propaganda fungiert.

Als im Sommer ein Team aus Journalistinnen und Journalisten recherchiert, stehen zwei schwere Motorräder vor dem Gebäude, daneben drei Männer: schwarze Hoodies, Glatzen, Vollbärte. „Ihr braucht gar nicht näherkommen!“, schreit einer den Reportern entgegen. Es ist Benjamin Einsiedler. Er führt das Geschäft, in das sich die Männer flüchten. Die Tür knallt ins Schloss und wird abgesperrt.

Neonazi in Bad Grönenbach: Propagandaschmiede im Kurort
Die Betriebsräume von Oldschool Records © Norbert Kelpp

Vermeintlich unauffälliges Unternehmen

Kurz darauf spricht ein Mechaniker vom Kfz-Betrieb im gleichen Gebäude die ungebetenen Besucher an. Er wisse, dass Einsiedler für seine Autowerkstatt Shirts und Werbefolien bedrucke, sagt er. Das allerdings ist nur ein Teil – der, den die Bürgerinnen und Bürger in Bad Grönenbach mitbekommen. Die Firma namens Oldschool Records ist zugleich ein Plattenlabel für rechtsextreme Musik und Modevertrieb für Anhänger neonazistischen Gedankenguts. So werden aus Bad Grönenbach etwa Platten und Shirts von Musikern aus dem Umfeld des in Deutschland verbotenen Blood-and-Honour-Netzwerks verschickt. Darunter etwa Skrewdriver oder Eigenproduktionen des Allgäuer Naziurgesteins Faustrecht und sogar solche, in denen die Terrorgruppe NSU besungen wird.

Während des Gesprächs mit dem Mechaniker kommen zwei der Männer aus der Tür von Einsiedlers Unternehmen und besteigen die Motorräder. Ihre Halstücher über die Nase gezogen, knattern sie lautstark davon. Der Zaungast sagt, über die Nachbarn habe man keine Beschwerden. Ihm sei „nicht aufgefallen, dass da offensichtlich irgendwelche rechten Sachen“ passieren, fügt er in breitem Dialekt hinzu.

Neonazi in Bad Grönenbach: Propagandaschmiede im Kurort
Neonaziplattenproduzent Benjamin Einsiedler besucht in Begleitung von Anhängern der Neonazikameradschaft Voice of Anger ein Rechtsrockfestival im Juli 2017. © Exif Recherche

Tatsächlich ist das Unternehmen tief verstrickt in die rechtsextreme Szene des Allgäus – namentlich das Netzwerk Voice of Anger. Die Gruppierung hat ihre Wurzeln in der örtlichen Skinheadszene der Neunzigerjahre. Damals fielen in der Region Skinheads mit brachialen Überfällen auf vermeintliche Ausländer und andere Feindbilder auf. Die Gruppe, die sich damals noch Skinheads Allgäu 88 nannte, wurde verboten. Doch sie verschwand nicht, benannte sich um, formierte sich neu – heute laufen die Fäden bei Voice of Anger zusammen.

Im professionellen Neonaziuntergrund

Das Netzwerk bietet der Neonaziszene im Allgäu seit über 15 Jahren eine professionelle Struktur und verfügt über mehrere Immobilien. Benjamin Einsiedler gilt als Führungsfigur. Mit Oldschool Records betreibt er den kommerziellen Arm der Szene. Bereits vor rund zehn Jahren vertrieb er Tonträger und Textilien. Nach einer Razzia im Skinheadmilieu ermittelte die Staatsanwaltschaft 2009 gegen die Gruppe wegen Volksverhetzung, Geldwäsche und Schwarzarbeit.

Neonazi in Bad Grönenbach: Propagandaschmiede im Kurort
Schlagstöcke und Nazirock – bei der Oldschool-Records-Razzia 2014 sichergestellte Gegenstände © Polizei

2014 kam es zur nächsten groß angelegten Razzia im Allgäu. Die Polizei meldete damals, über 900 Straftaten durch Produktion und internationalen Versand von Tonträgern und Textilien festgestellt zu haben. „Polizei zerschlägt Neonaziversand“, titelte die Lokalzeitung damals. Doch davon kann keine Rede sein: Die Staatsanwaltschaft dampfte das Verfahren ein und Einsiedlers Anwalt führte die Behörde vor, während das Gericht im Urteil mit Thesen von Rechtsradikalen argumentierte – und den Labelbetreiber freisprach. Das Oberlandesgericht München hob den Freispruch später auf und verwies das Verfahren zurück ans Landgericht Memmingen. Unterdessen läuft das braune Geschäft weiter.

„Das ist mir ganz neu“

In Bad Grönenbach scheinen weder Einsiedlers Umtriebe noch die juristischen Folgen große Wellen geschlagen zu haben. Bürgermeister Bernhard Kerler (CSU) sagt, er habe zwar gehört, dass es Gerichtsverfahren gegen das Unternehmen gab, diese aber nicht verfolgt. Unzulässige Aktivitäten seien Sache von Polizei und Staatsanwaltschaft – „wir als Gemeinde sind da sicher nicht zuständig“.

Auch in der Nachbarschaft ist Benjamin Einsiedler ein Begriff. Man kennt ihn, aber wie genau der junge Rechtsrockunternehmer seinen Lebensunterhalt bestreitet, weiß kaum jemand – oder will es nicht wissen. Die Gespräche drängen den Eindruck auf, dass hier einfach weggeschaut wird.

Im Gemeinderat sei Oldschool Records ebenfalls nie ein Thema gewesen, sagt Judith Schön, die Chefin der örtlichen SPD-Fraktion. Sie selbst habe nicht gewusst, dass es das Unternehmen noch gibt: „Die hängen das ja auch nicht raus hier am Ort.“ Schön glaubt, dass die Polizei das Problem im Griff hat.

Unauffälligkeit als Erfolgsrezept

Sich zu tarnen gehört zum Erfolgsrezept der Allgäuer Szene. Ein Szenegänger etwa mimt den netten Landwirt von nebenan, ein anderer betrieb eine hippe Event-Location in einer ehemaligen Kirche und Benjamin Einsiedler verzichtet auf Neonazibanner an seinem Firmensitz. Dafür lässt er sich das braune Geschäft mit Aufträgen aus der Nachbarschaft subventionieren.

„Egal ob Bürgermeister, Gemeinderat oder Anwohnerinnen und Anwohner, man muss ganz klare Kante zeigen und sagen: Wir wollen das nicht haben“, sagt Petra Krebs im Gespräch mit dem Störungsmelder. Die Grünen-Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg kämpft im benachbarten Landkreis Ravensburg mit Voice of Anger, wo die Gruppe zuletzt zwei große Konzerte ausrichtete. Eines davon hatten die bayerischen Behörden eigentlich verboten. Doch dort konnten die Neonazis unbehelligt feiern.

Als Reaktion hat sie ein Bündnis gegründet, mit dem sie in dem Landkreis gegen die Verbreitung von Neonazipropaganda, die Konzerte von Voice of Anger und rechtsradikale Straftaten vorgehen will. Dazu will sie auch Behörden und Kommunen in die Pflicht nehmen. „So etwas bräuchte es auch in Bad Grönenbach“, sagt Krebs.

20 Kommentare

  1.   namevergeben2

    Nach diesem Bericht wird es die Anwohner wohl bald doch kümmern, sei es, dass nun Nazihorden auf Pilgerfahrt gehen oder liberalere Gäste ausbleiben.

  2.   ME 53

    Der richtige Ort, um „Biedermann und die Brandstifter“ aufzufuehren…

  3.   Botbauer

    „Sich zu tarnen gehört zum Erfolgsrezept der Allgäuer Szene.“

    Das gehört mittlerweile fast überall dazu. Rechte und Linke kann man kaum noch auseinanderhalten.

  4.   Nusch1

    Ist es eigentlich erlaubt, solche Privataufnahmen in die Zeitung zu setzen?
    Nur so aus Interesse.

  5.   Thomas Melber

    Das Dach ist aber vorbildlich mit Solarpaneelen bestückt!

  6.   Aventurin

    Davon lese ich nicht zum ersten Mal. Das ist immer noch so?
    Oh man.

  7.   Philandra

    Ein Einsiedler im Allgäu. Stoff für ein Melodram.

  8.   Rot-Grün Gutmensch

    Es ist wie immer, keiner sieht was, keiner weiß was, keiner fühlt sich gestört. Das sind alles Ehrenmänner und im Allgäu anerkannt.

  9.   Miami_Platja

    @ Nusch1

    Interessante Frage, ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass ZON ausreichend Augenmerk auf die Wahrung der Persönlichkeitsrechte von Schlagstöcken und Tonträgern legt.

  10.   initrd

    – Die Staatsanwaltschaft dampfte das Verfahren ein und Einsiedlers Anwalt führte die Behörde vor, während das Gericht im Urteil mit Thesen von Rechtsradikalen argumentierte – und den Labelbetreiber freisprach. –

    Wenn schon die Behörde völlig versagt können es nicht die kleinen Leute vor Ort richten. Es ist immer das gleiche, alles haben es gewußt und keiner hat was gemacht.

 

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