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Ein Herz zum Bluten

 

Die Kanadierin Martha Wainwright ist der jüngste Spross einer überaus musikalischen Familie. Auf ihrem zweiten Album präsentiert sie rockigen Folk mit bissigen Texten und ihrer erstaunlichen Stimme

Martha Wainwright I Know You're Married But I've Got Feelings Too

Martha Wainwright ist die kleine Schwester von Rufus Wainwright und die Tochter der Folk-Sänger Loudon Wainwright III und Kate McGarrigle. Über die Dramen, die sich in so einem Musikerhaushalt abspielen, wird viel spekuliert. So munkelt man, das Bloody Motherfucking Asshole auf Martha Wainwrights erstem Album sei Martha Wainwrights Vater.

Ihre Platten wären auch ohne die prominente Familie bemerkenswert. Denn die wahren Dramen spielen sich in den Liedern ab. Da ist zunächst ihre enorme Stimme, ein leicht angerauter Sopran, der Höhen erklimmen und düster grummeln kann. Ihr Bruder äußerte sich schon häufig neidisch auf ihren Stimmumfang. Solch eine Stimme braucht keine dramatische Instrumentierung.

So finden sich in Martha Wainwrights Musik auch nicht die große Geste der Oper und das Glitzern des Broadways, von denen die Musik ihres Bruders lebt. Martha Wainwright bevorzugt erdigen Folk-Rock. Den spielt sie lange nicht so traditionell wie ihre Eltern, sondern näher an Jeff Buckleys ozeanischem Rock. Ihre Stimme und die üppige Begleitung verbinden sich auf ihrem neuen Album I Know You’re Married, But I’ve Got Feelings Too zu einem überwältigenden Klangstrom.

Die stärksten Einflüsse liegen außerhalb der Familie. Der Chor in So Many Friends, zusammengeschnitten aus Fetzen der eigenen Stimme, könnte so auch bei Kate Bush erklingen. Wie sie lotet Martha Wainwright die Tiefen der Seele aus, sie entflieht den düsteren Gedanken jedoch nicht in mythische Welten, sondern begegnet ihnen mit beißendem Humor. Der Titel I Know You’re Married, But I’ve Got Feelings Too ist eine Zeile aus dem Eröffnungsstück Bleeding All Over You. Wainwright gibt die Verletzung in einer rhetorischen Wendung zurück, so funktioniert das in den meisten Stücken.

Bleeding All Over You hat einen leichtfüßigen Rhythmus und wehmütige Streichersätze. Die Stimme klingt anfangs zart, im Refrain wird sie rauer: »My heart was made for bleeding all over you / I know you’re married but I’ve got feelings too / and I still love you«. Diese unvermittelten Wechsel vom Zärtlichen zum Rauen, vom Verletzlichen zum Angriffslustigen, erschaffen das Drama in der Musik Martha Wainwrights. Die Ironie ist ihr kein Schutzschild gegen die Zumutungen der Welt, ihr geht es um den Schmerz selbst.

Einfach ist das nicht, Martha Wainwrights Lieder sind durchaus anstrengend. Es dauert ein wenig, bis man sich an das ständige Gegeneinanderlaufen der Emotionen gewöhnt hat. Im Tower Song sind düster dräuende Streicher, ein ächzendes Akkordeon und dramatische Trommelwirbel kunstvoll arrangiert. Ihre Stimme dagegen erhebt sich aus dem Tumult, als hätte sie nichts mit all dem zu tun.

Manches wirkt beim ersten Hören unstrukturiert, setzt sich später aber fest. Das macht die Platte stark. Nur wenn sich wie in Jimi der Widerspruch der Stimmungen in der Instrumentierung findet, klingt es fad. So berechenbar ist I Know You’re Married, But I’ve Got Feelings Too jedoch selten. Meist ist da eine Spannung, da brilliert die Stimme, und die feine Instrumentierung tritt in den Hintergrund.

„I Know You’re Married But I’ve Got Feelings Too“ von Martha Wainwright ist bei Cooperative Music/Universal erschienen.

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