Sternzeichen Wollmaus

Scout Niblett ist einfach bezaubernd. Mal trägt sie ihre Lieder sanft vor, dann stampft sie mit den Stiefelchen. Auf ihrem neuen Album „This Fool Can Die Now“ hilft ihr der Folksänger Bonnie „Prince“ Billy.

Scout Niblett This Fool Can Die Now

Scout Niblett sieht aus wie eine Figur von Astrid Lindgren. Wären ihre Füße schmutzig, ihre Nase rotzig und ihre Knie aufgeschlagen, man würde sich nicht wundern. Sie ist bezaubernd.

Gerade hat sie ihr viertes Album This Fool Can Die Now veröffentlicht und ist auf Tournee. In Berlin steht die britische Sängerin, die in den USA lebt, mit roten Wollstrumpfhosen auf der Bühne, sie kräuseln sich an den Knien. Sie kratzt sich unbeholfen am Kopf, die rot-weiße Fender-Gitarre sieht riesig an ihr aus. Die ungekämmten Haare fallen schützend um ihr rundes Gesicht. Wenn sie mit den Stiefelbeinchen auf den Boden stampft, streichen sie über das Mikrofon.

Scout Niblett fühlt sich wohl auf der Bühne. Sie redet mit dem Publikum über Sternzeichen und Lieblingsautos, wirft ihren Mantel neben das Schlagzeug und bewegt sich, als liefe sie durch ihre Studentinnen-Bude. Es ist, als läge man unter dem Bett neben Wollmäusen und lauschte, wie die junge Dame sich zwischen zwei Vorlesungen freisingt. Mal säuselt sie vom Paradies, mal schreit sie und freut sich über ihre Kraft. Sie braucht nicht die Gesten eines Popstars und kein elaboriertes Spiel der Instrumente, nur den Mut zu schiefen Tönen. Sie lässt den Hörer ganz nah ran, an ihre Musik.

Die Lieder sind roh. Man hört die Stimme, die mal sehr schön und weich ist, mal schrill und enervierend. Dazu spielen Schlagzeug oder Gitarre, manchmal beides. Alles ist simpel gemacht, manche Zeilen singt sie einfach immer wieder: „I’m sick and tired of being sick and tired“, heißt es in Dinosaur Egg. Ihr abwechslungsreicher Gesang erinnert hier und da an PJ Harvey, nie jedoch klingt sie ganz so verloren und verhungert wie die Kollegin. Scout Niblett singt wie eine, die die Liebe kennt, auf Pressefotos posiert sie auch mal mit Kaninchen im Arm.

Ihr erstes Album nahm die damalige Kunststudentin im Jahr 2001 auf. Seit ihrer zweiten Platte arbeitet sie mit dem Produzenten Steve Albini zusammen, sein Name steht für raue, direkte Aufnahmen. Für This Fool Can Die Now gewann die Sängerin außerdem den Folksänger Bonnie „Prince“ Billy. Er begleitet sie auf vier Stücken, zwei davon sind Interpretationen von Lieder Marilyn Monroes und Van Morrisons. Der Single Kiss verleiht seine Stimme eine väterliche Ruhe, zusammen mit spärlichen Streichern bringt sie etwas Raum zwischen Musiker und Hörer. Man dankt es ihm, schließlich kann man ja nicht ewig unter Scouts staubigem Bett liegen.

„This Fool Can Die Now“ von Scout Niblett ist als CD und LP erschienen bei Too Pure/Beggars Banquet.

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Die Schafwollunterhosen aus

In Schlafzimmern und Pubs nahm der Brite Bill Leader ein Vierteljahrhundert lang kärgste Lieder auf. Die Kompilation „Never the Same“ entreißt sie dem Vergessen und beflügelt die Fantasie des Hörers.

Honest Jon's Never The Same

Schließt man die Augen, kommen die Bilder. Knisternd läuft die Platte an. Schmalzstullen auf dem kargen Holztisch, eine Ziege im matschigen Hof. Der Mann kommt in die Küche: „Schatz, was gibt’s zu essen?“ Die Frau: „Kartoffeln mit Kartoffeln, wie gestern.“ „Und vorgestern“, sagt er. Eine Gruppe Schuljungen stapft durch den Schnee. Auf dem Weg zum Dorfpauker ziehen sie sich noch schnell die Schafwollunterhosen aus. Kratzen so. Da frieren sie lieber.

Die Kompilation Never the Same enthält britische Folkmusik aus den Siebzigern. Und das ist eine sehr trockene Angelegenheit, Musik wie Zwieback. Traurige Lieder, genügsam arrangiert, ein karger Ohrenschmaus. Manchmal klagt sich eine Stimme allein durch zähe vier Minuten. Lebensfreude klingt anders. Lässt man sich aber auf diese Unwirtlichkeit ein, so lernt man sie schnell schätzen. Dann fühlt man die Wärme in den Stimmen – Dick Gaughan, Dave Burland und Tony Rose heißen drei der Sänger. Selbst wenn man ihren Dialekt nicht versteht, ahnt man, wovon sie erzählen. Die Aufnahmen sind unmittelbar und intim, man wähnt sich mit den Musikern in einem Raum. Sie richten sich nicht an ein großes Publikum, hier wird für einen kleinen Kreis von Zuhörern musiziert. Gesänge der Familie, Gesänge im Pub. Bis auf Lal Watersons Beiträge sind es traditionelle Lieder.

Alle Stücke des Albums stammen aus den Archiven des Produzenten Bill Leader. Von den späten Fünfzigern bis in die frühen Achtziger fing er in Großbritannien den Folk ein. Seine Aufnahmetechnik ist für ihre Schlichtheit bekannt, gerne nahm er im Schlafzimmer auf: Der Sänger saß mit seinem Instrument auf dem Bett, sein Gegenüber drückte die Aufnahmetaste. In den Siebzigern betrieb Bill Leader zwei eigene Labels. Leader hieß das eine, es widmete sich „dem Traditionellen, dem Wesentlichen“. Das zweite Label Trailer sollte unterhalten. Es ist kaum zu glauben, die Stücke auf Never The Same stammen alle aus dem Katalog von Trailer. Wie trocken die Veröffentlichungen von Leader Records gewesen sein mussten, kann man nur ahnen. Harte Stulle ohne Schmalz? Musikalische Milchsuppe?

Die kleine Plattenfirma Honest Jon’s aus London hat an der ästhetischen Aufbereitung des alten Materials nicht gespart: Lackdruck, aufwendige Fotorecherche und profunde Texte geben zusammen mit der Musik ein rundes Bild einer Ära ab. Wer Never the Same runterlädt, hat nur den halben kargen Spaß.

Die Kompilation „Never the Same – Leave-Taking From The British Folk Revival 1970-1977“ ist als CD und Doppel-LP erschienen bei Honest Jon’s Records

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Kehle und Seele sind eins

Ein weltreisender junger Amerikaner nennt sich Beirut und findet eine musikalische Heimat auf dem Balkan. Seine zweite Platte ist ein Poesiealbum voller Fernweh und Pirouetten.

Beirut The Flying Club Cup

Manch einer bereitet sich im Hier und Jetzt ein warmes Nest, den Anderen zieht die Sehnsucht in die Welt hinaus. Auch da draußen im Unbekannten kann es schön sein, wartet doch allerorts Musik, die es zu entdecken gilt.

Den jungen Zachary Condon aus Albuquerque, New Mexico trieb es schon als Schüler in die Ferne: New York, Istanbul, Berlin, Amsterdam. Er musste Klänge sammeln in seinem tönenden Herbarium. Dann trug er die Samen ins Elternhaus und schüttete sie in seinem Heimstudio aus. Er sortierte sie 2006 in einem Album, nannte sich Beirut und die Platte Gulag Orkestar.

Beirut brachte fremden Wind in die amerikanische Folk-Tradition. Seine Musik erzählte Geschichten aus der Alten Welt. Er schlug Schellenkranz und Trommel, zog das Akkordeon, zupfte die Ukulele, griff in die Klaviertasten und blies das Flügelhorn. Er sang von Bratislava, Brandenburg und Postcards from Italy – und all seine Lieder schwelgten in den rotweingetränkten Klangfarben des Balkans. Dort hat er eine musikalische Heimat gefunden.

Beiruts Sehnsucht gilt nicht nur anderen Ländern, sondern auch anderen, vergangenen Zeiten. Sein neues Album The Flying Club Cup ist inspiriert von einer gleichnamigen Fotografie, die 1910 in Paris entstand. Sie zeigt eine Gruppe von Heißluftballons am Himmel vor dem Eiffelturm. Im Beiheft zur CD lässt er französische Geschichte wieder aufleben: Die Damen auf den historischen Aufnahmen tragen Charleston-Kleider, Fellstolen und Pagenfrisur. Die Herren geben sich im lockeren Kolonial-Chic, ihre Konversationen über Napoleon, Montmartre, Fuchspelze und – wie könnte es anders sein – Reisefieber und Fernweh sind abgedruckt. Ein widersprüchliches, welkes Frankreich, das hinter einem Sepiaschleier schlummert.

Dies sind also die Bilder, die Beirut in sein zweites Album geklebt hat. Seine Musik klingt noch immer, als würde sie von einer rumänischen Hochzeitskapelle gespielt, jetzt aber vor der Sacré Coeur. Zachary Condon liebt die Chansons von Jacques Brel, Charles Aznavour und Serge Gainsbourg. So ist das Ungestüme von Gulag Orkestar einer ausbalancierten Eindringlichkeit gewichen.

Beiruts Melodien sind elegisch, melancholisch und so einfach, dass die Hochzeitsgesellschaft mitsingen kann. Bei aller Weltläufigkeit schafft er eine intime Atmosphäre. Rührend ist der Charme des Imperfekten: Wenn Condon und sein Gulag Orkestar – seine neunköpfige Begleitband – sich versammeln, geht es nicht um makellose Intonation und exakte Rhythmen, sondern um Spielfreude. Die Bläser und Streicher stimmen verstimmte Chöre an, beschwingte Dreiertakte rasseln dahin. Über dem bunten Gemisch erhebt sich der Gesang Beiruts, inbrünstig und gebrochen wie sein Trompetenspiel. Die Melodiebögen fließen aus ihm heraus und verschnörkeln sich zu kleinen Melismen. Kehle und Seele sind eins.

Es ist nicht leicht, einzelne Höhepunkte auf The Flying Club Cup zu benennen. Das pluckernde A Sunday Smile, das im großen Unisono aufgeht, oder The Penalty in seiner mittelalterlichen Schlichtheit, das tänzelnde Nantes oder das alkoholisierte Forks And Knives (La Fête) … am Ende dreht die Welt Pirouetten im Rausch der Klänge, Melodien und Rhythmen.

Beiruts Musik passt in alle Epochen und an alle Orte, denn sie ist ebenso universell verständlich wie zeitlos – ein warmes Nest im Hier und Jetzt.

„The Flying Club Cup“ von Beirut ist als CD und LP erschienen bei 4AD/Beggars Banquet.

 

So klingt ein Röntgenbild

Mit kratzender Stimme erzählt der amerikanische Folksänger Vic Chesnutt Geschichten voller Menschlichkeit. Sein Album „North Star Deserter“ strahlt eine unheimliche Ruhe aus.

Vic Chesnutt North Star Deserter

Vic Chesnutts Alben stecken voller Geschichten. Er ist ein begnadeter Erzähler alltäglicher Dramen, auch seiner eigenen. North Star Deserter heißt sein elftes Album.

Er wurde in Florida geboren, heute lebt er einen Bundesstaat weiter nördlich, in Georgia. 43 Jahre ist er alt und an den Rollstuhl gefesselt. Im Jahr 1983 hatte er einen Autounfall, seitdem ist seine untere Körperhälfte gelähmt. Er war betrunken von der Straße abgekommen.

Mitte der Neunziger widmete ihm die karitative Organisation Sweet Relief ein Benefiz-Album. Eine illustre Musikerschar sang seine Stücke nach, R.E.M. waren dabei und die Smashing Pumpkins, Madonna, Soul Asylum und Garbage. Da rockten und fiepten seine kargen Lieder plötzlich, das klang nicht immer gut.

Viele Fotos zeigen Vic Chesnutt mit seiner Gitarre auf den Knien. Zynisch kommentiert er seinen Rollstuhl, wenn er auf der Bühne ist. Dann lacht er über sich selbst, keine Spur der Verbitterung. Aus seinen Texten spricht Menschlichkeit. Sie sind direkt, nur selten bemüht er Metaphern. Viele seiner Worte klingen, als dichte er über sich selbst, doch seine Offenheit ist nie aufdringlich.

Warm ist der erste Titel auf seinem neuen Album. Zu den sparsamen Tönen der Gitarre singt er von der Wärme des Körpers, vom Zucken der Muskeln, vom Leben mit einer schlechten Nachricht. „What is the message on those gamma rays that are a’penetrating you? Do they say that the end it is a’coming soon? Or do they say ‚Forget the sun, worship the moon‘? But whatever it is, our pinhole perspective cannot a’translate sufficiently“, dichtet er. Mit der Krankheit macht sich die Angst und das Ungewisse im Alltag breit. „Anyway, A or B, you know, it’s alright with me“, schließt er. Was soll man auch tun?

In der schlicht instrumentierten Strophe von You Are Never Alone erzählt er von Abtreibung, Bypass-Operationen, von den Medikamenten Valtrex, Prilosec und Vioxx. Das sei alles schlimm, aber in Ordnung, schließlich müsse es weitergehen. Das versichert auch ein Chor im schunkeligen Refrain.

Vic Chesnutts nasale Stimme kratzt und ächzt. Sie steht im Mittelpunkt der Stücke und verleiht ihnen eine unheimliche Ruhe. Nur bei Everything I Say und Debriefing bricht die Oberfläche auf, und die Band wird richtig laut.

Welche Band eigentlich? Die meisten seiner bisherigen Alben hat Vic Chesnutt auf seiner Gitarre eingespielt, brüchige Folkstücke ohne Schmalz. Diesmal huschte eine ganze Schar befreundeter Musiker durch das Studio in Montreal. Die zwölfköpfige Truppe setzte sich zusammen aus Mitgliedern von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band, Frankie Sparo, Hangedup und Godspeed You! Black Emperor, allesamt Hausbands des kanadischen Labels Constellation Records. Guy Picciotto von der amerikanischen Punkband Fugazi brachte seine Stimme und sein Gitarrenspiel ein. Auch die Geister des Poeten W. H. Auden, des Malers Philip Guston und der Sängerin Nina Simone seien eingeladen gewesen, schreibt der Produzent des Albums, der Filmemacher Jem Cohen.

Den Geist Nina Simones meint man sogar zu hören. Wenn Chesnutt ihr Stück Fodder On Her Wings interpretiert, klingt ihre tieftraurige Stimme mit. Die Taube, die die Hülle von Chesnutts Albums ziert, ist wohl diesem Lied entflogen. „A bird fell to earth / Reincarnated from her birth / She had fodder in her wings / She had dust inside her brains“, heißt es darin. „She watched the people how they lived / They’d forgotten how to give / They had fodder in their brains / They had dust inside their wings.“ So sind sie eben, die Menschen, würde Chesnutt wohl schließen. Nina Simone sang: „Oh, how sad, how sad“.

„North Star Deserter“ von Vic Chesnutt ist als CD und Doppel-LP bei Constellation Records erschienen


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Tiefgrün und außerweltlich

Céline Schott hat als Colleen ein Album von seltener Schönheit eingespielt. „Les Ondes Silencieuses“ klingt wie ein verschwommener Traum – oder wie moderne Kammermusik.

Colleen Les Ondes Silencieuses

Aus der Zeit gefallen – wie sonst soll man ein zeitgenössisches Album beschreiben, das sich der Alten Musik zuwendet, ohne den Muff parfümierter Perücken heraufzubeschwören? Die Illustration auf dem Cover zeigt die Musikerin versunken im Spiel. Sie sitzt in einem nächtlichen Zauberwald, um sie herum flattern Schmetterlinge und Vögel. Der Vollmond bescheint die märchenhafte Szenerie, spiegelt sich auf der Oberfläche des Meeres. Das verheißt fantastischen Kitsch, doch Céline Schott geht es um etwas Anderes: Indem sie auf unwirkliche Märchen und Sagen verweist, entzieht sich die Künstlerin jeglicher Kategorisierung. Die neun Stücke ihres instrumentalen Albums klingen so außerweltlich, dass sich der Stil kaum benennen lässt.

Ob New Baroque oder Ambient Folk: Es ist die Musikalität, die Colleens Les Ondes Silencieuses (auf deutsch: die stillen Wasser) zu einer großartigen Platte macht. Auf ihrem Debütalbum Everyone Alive Wants Answers (2003) verdichtete sie Loops und Samples zu Liedminiaturen. In ihren Konzerten setzte Céline Schott auch bevorzugt Instrumente aus der Barockzeit ein, der minimalistische Klang hatte es ihr angetan. Jetzt verzichtet sie ganz auf Elektronik und kommt ihrer Vorstellung von moderner Kammermusik näher.

Das Instrumentarium auf Les Ondes Silencieuses ist reduziert: Viola da Gamba, Spinett, klassische Gitarre und Klarinette. Cécile Schott spielt sie expressionistisch und feingliedrig zugleich, ohne sich in ornamentalem Pastiche zu verlieren. Sie zitiert die polyphone Struktur der Barockmusik – der englische Komponist und Lautenist John Dowland hat sie stark beeindruckt.

In sanften Wellenbewegungen breiten sich Melodiebögen aus, um dann wie ferne Echos zu verhallen. Colleen deutet Motive an und lässt sie wie Gespenster vorüber ziehen. Aufschimmernde Dissonanzen erzeugen eine Spannung zwischen Bewegtheit und geheimnisvoller Stille. Über das Album legt sich eine Melancholie, die von maritimen Bildern inspiriert ist. Doch es sind keine weißen Strände, die Cécile Schott in Stücken wie Echoes And Coral oder Sea Of Tranquility aufsucht, sondern verlassene Buchten und tiefgrüne Seen – Les Ondes Silencieuses schillert wie ein Schatz auf dem Grund.

„Les Ondes Silencieuses“ von Colleen ist bei The Leaf Label/Indigo erschienen.


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Wohin der Wind weht

Alle Last der Welt liegt in der Musik der Roma. Zugleich ist sie beschwingt und voller Zuversicht – und hat jetzt einmal mehr Albuquerque, New Mexico, erreicht

A Hawk And A Hacksaw

Ein Rasseln, dann warme Blasinstrumente. Mehrstimmiger Gesang schleppt sich einen Melodieberg hinauf, Trompeten und Geigen begleiten ihn. Oh, wie es ächzt. Innehalten auf dem Weg zum Gipfel. Ein Akkordeon spielt orientalische Zwischentöne, dann kann es kann weitergehen. Schritt. Pause. Schritt. Pause. Schritt. Wie man das von den Trauerzügen in New-Orleans-Filmen kennt.

Jeremy Barnes und Heather Trost sind A Hawk And A Hacksaw. Sie kommen aus Albuquerque, New Mexico, und mischen seit einiger Zeit Folklore in ihren Pop. Zu Anfang noch wenig, über die Jahre mehr und mehr, zuletzt sind sie sogar schon zu Aufnahmen nach Rumänien gefahren, um mit der Roma-Kapelle Fanfare Ciocarlia zu spielen. The Way The Wind Blows heißt das neue Album, welch schicksalsergebener Titel.

Alle Last der Welt scheint in den schweren Melodien und Texten zu liegen. Gleichzeitig sind sie beschwingt, lassen Euphorie und Zuversicht aufblitzen. So, als könne man doch das Licht sehen, das die großen Schatten wirft. Kein Leid ist rein, keine Trauer absolut, die Zeit heilt viele Wunden, und enden die Beerdigungszüge in New-Orleans-Filmen nicht auch in ausgelassenen Feiern?

Wie ein weit geschwungener Fluss ziehen die elf Stücke des Albums vorbei. Manchmal – Opoto – als langsamer, behäbiger Strom, dann wie ein Wildbach, der in kleinen Schnellen über große Steine sprudelt, Gadje Sirba. Wenn niemand singt, singen die Instrumente. Hier und da sind Stimmen zu hören, immer im Chor, immer in großen Bögen.

Kürzlich ist die Musik der Roma durch Beiruts Gulag Orkestar zu einer gewissen Popularität gekommen. Wird sie bald als neue Sau durchs globale Popdorf getrieben? Das kann man jetzt schon mal fragen.

„The Way The Wind Blows“ von A Hawk And A Hacksaw ist erschienen bei The Leaf Label und im Vertrieb von Hausmusik

Hören Sie hier „In The River“

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Zauberhafte Melancholie

Sie können singen, dass einem schummrig wird; ihre Melodien sind sperrig. Auf „Visible Forms“ bringen Audrey aus Schweden den Herbst zum Klingen

Cover Audrey

Zaudernd setzt das Klavier ein, synthetisches Züngeln mischt sich darunter. Das Schlagzeug stapft los, gedämpft wie von frischem Laub. Und diese Stimmen! Klar und voller Wehmut. Sie kommen näher, schleichen sich heran: hereinspaziert in die ersten Klänge von Visible Forms, dem Debüt von Audrey.

Vor vier Jahren gründeten Anna Tomlin, Emelie Molin, Victoria Skoglund und Rebecka Kristiansson die Band in dem kleinen Ort Henån, auf einer Insel bei Göteborg. Sie machen sparsamen Folk mit sperrigen Melodien.

Durch ihre neun Lieder ziehen sich immer wieder lange Instrumentalpassagen. Verträumtes Klavierklimpern ufert jäh aus in Gelärm, der Cellobogen webt dazu warme Töne in den Klangteppich. Ein geordnetes Gefühlschaos. Bedächtig setzen sie Ton an Ton. Nie klingen die Stücke überladen.

Dazu singen die vier, dass einem ganz schummrig wird. Mühelos schweben sie die Oktaven hinauf, hängen über der Musik. Hier vierstimmig gehaucht, gesummt, dort aus vollen Kehlen. Manchmal ein wenig scheu. Und immer so verführerisch.

Dann verdunkelt sich die Stimmung plötzlich. Trompetenstöße tröten einen durchgeknallten Stegreifjazz. Das Cello zirpte eben noch, nun schnarrt es vor Groll. Der Synthesizer knistert. Unheimliches Rascheln legt sich über die Musik. Etwas Dräuendes naht. Und Audrey flüstern ängstlich: „Catch your last breath, it’s coming“, immer wieder. Der Takt von Treacherous Art beschleunigt, treibt den Hörer minutenlang durch düstere Klaviersätze. Dann endlich die Lichtung. Trauer hat sich in die Stimmen gemogelt. Sie klingen, als schluckten sie ein paar Tränen. Fern bläst ein Flügelhorn körnige Fanfaren. Der Tag bricht an. Von hell zu dunkel dauert es bei Audrey nur ein paar Trommelschläge.

Beinahe alle Lieder haben etwas Erhabenes. Nur der Beginn von Six Yields stampft mit donnernden Paukenschlägen voran, man möchte mitwippen, da wird es mal rockig für ein paar Minuten. Wenn man aber genau hinhört, dann hört man ihn schon wieder: diesen Chor vom Verlassenwerden. Melancholie kann so zauberhaft klingen.

„Visible Forms“ von Audrey ist erschienen bei Sinnbus

Hören Sie hier „Mecklenburg“

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Buster Keaton und ein Märchenkönig

Eigentlich ist Markku Peltola ja Schauspieler. Wenn er Musik macht, dann kullern und hüpfen die Melodien und Rhythmen durch eine fantastische Welt, dann torkelt die Posaune und der Tango klingt falsch herum. Mit skandinavischer Volksmusik hat das nur noch wenig zu tun

Cover Peltola

Ein Mond sitzt bei lustiger Musik um Mitternacht in einem Theater und weckt einen Clown in seiner roten Kiste, beide laden zum Spiel ein. In der Eingangsszene erscheint nach dem erfolgreichen Beseitigen von Zeitungsschnipseln ein schwarzer musikalischer Clown. Eine trommelnde Katzenfrau lässt sich zu schmatzenden Küssen und Augenrollen überreden, ihre Barthaare entpuppen sich als Harfe. Die rote Haarpracht eines Löwen erscheint wie Gras, das sich bei Berührung wie im Wind wiegt und zarte sphärische Klänge hören lässt.

Was ist das? Das sind einige Szenenbeschreibungen zum Mitternachtsspiel, einem Computerspiel für Kinder, entworfen nach der Vorlage der tschechischen Bilderbuch-Künstlerin Kveta Pacovská. Die interaktive und wortlose Lernsoftware zum kreativen Musikmachen fasziniert seit über zehn Jahren nicht nur die Kleinen.

Die Musik des Finnen Markku Peltola erinnert an die varieteartigen Dada-Welten dieses Computerspiels. Seine Melodien und Rhythmen kullern und hüpfen genau wie die freundlichen Dali-Figuren in sich stetig, aber leise verändernder Gestalt durch eine Fantasieumgebung in einfachen Grundfarben. Sogar die Zeichnungen auf dem CD-Cover ähneln dem Grafikstil des Mitternachtsspiels, und Peltolas kleine Kammermusiken aus Gitarre, Geige und sanft groovendem Schlagwerk könnten die Fortsetzung der kindlichen Interaktionsversuche ohne großes Thema sein.

Gitarrist Markku Peltola ist eigentlich Schauspieler, er spielte die Hauptrolle in Aki Kaurismäkis Der Mann ohne Vergangenheit. Der Titel seines zweiten Albums ist etwas sperrig: Markku Peltola & Buster Keaton Tarkistaa Lännen Ja Idän, er bedeutet in etwa Markku Peltola und Buster Keaton schauen in verschiedene Himmelsrichtungen. Wie schon vor zwei Jahren zaubert er mit ein paar Mannen Unterstützung eine zeit- und ortlose Folklore. Die Melodieführung übernehmen im Wechsel eine verhuschte Blechbläserstimme und eine Geige. Fast könnte der Eindruck traditioneller skandinavischer Volksmusik aufkommen. Doch da sind elektrische Gitarren und ein paar elektronische Filter, die schüchternen Tangoeinsätze klingen wie rückwärts aufgenommen und die komplizierten Arrangements trudeln mitsamt dem entspannten Offbeatgeplucker in Zeitlupe am Ziel vorbei.

Aus dem Nichts tauchen Parallelen auf, in dem dreizehnminütigen Western-Swing-Dub Juuri Nain! zum Soundtrack des Antonioni-Klassikers Zabriskie Point, in dessen intensivsten Szenen mit minimalistischem Psychedelik-Folk eine Atmosphäre der intimen Verdichtung inmitten der Verlorenheit einer menschenleeren Wüstenlandschaft beschworen wird. Im Schlussstück Lex Plays His Luthor‘s Space wiederum könnte die torkelnd frohlockende Posaune auch einen kleinen Märchenkönig ankündigen, der wie im Mitternachtsspiel aus einer Schachtel hopst, und, während er ins Blech tutet, ein anderer wird.

Der Begriff surreal ist aus der Mode gekommen. Heute ist alles virtuell, was ein stets waches Bewusstsein über künstlich erzeugte Zustände und die Art ihrer digitalen Herkunft impliziert. Nur selten, und dann meist im Zusammenhang mit den besonderen Fähigkeiten kindlichen Erlebens, kommt es noch vor, dass eine so genannte virtuelle Welt sich warm und echt anfühlt, weil der Mensch es sich erlauben kann, sich völlig darin zu verlieren. Weil die verwendete Bildersprache und Klangästhetik, vollkommen jenseits von echt oder virtuell, vielmehr surreal ist.

Auf diese sympathische Art macht Markku Peltola surreale Musik, sie gaukelt einem nichts künstlich Echtes vor, sie erhebt einen lässig und augenzwinkernd ein Stückchen über die Realität. Gerade soviel, dass man nach dem Schweben nicht zu hart landet.

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Hören Sie hier „Lex Plays His Luthor‘s Space“und „Äkisti Toiseen Viistoon!“

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Wenn schon traurig, dann mit Witz

Auf ihrem Album „All Your Things Are Gone“ zeigen Victory At Sea aus Boston: Es gibt ein Lächeln in der Depression

Cover Victory At Sea

Boston ist für andere Dinge bekannt als für Musik. Für Harvard zum Beispiel. Für Baseball. Für Tee-Partys. Boston ist das Athen Amerikas. Sagt man. Und die bekannteste Bostoner Band ist Aerosmith, obwohl die gar nicht aus Boston kommt.

Mona Elliott ist aus Boston. Ihre dreiköpfige Band Victory at Sea kennen bisher wenige. Doch mit dem neuen Album könnte sich das ändern.

Die amerikanische Musikpresse wurde schon beim letzten, Memories Fade, aufmerksam und begann zaghaft, die Gruppe einzuordnen, schüchtern zu loben und Referenzen zu bemühen. Wie The Cure, schrieben die einen. Wie PJ Harvey, die anderen. Was man eben so schreibt. Folk jedenfalls. Das schrieben fast alle.

Die musikalische Bandbreite auf dem nun erschienenen All Your Things Are Gone reicht von langsamen, balladesken Folk-Songs über knapp am Shanty vorbeigeschrammte Refrains bis hin zu furiosem Schlagzeugspiel. Überhört man die eingestreuten Dissonanzen, könnte man auch sagen, die Platte sei poppig.

Die zehn Songs drehen sich um ein Klavier, auf dem schon ein Dutzend leerer Weinflaschen stehen – drum herum überquellende Aschenbecher. Dann und wann durchbricht eine Mundharmonika die Tristesse, ein paar unterzuckerte Streicher, dann Mona Elliotts Stimme, schwingend zwischen lockender Düsternis und einem fröhlich aufgelegten Beerdigungschor. Und so mitreißend Elliotts Stimme sein kann, so schnell bricht sie dann auch wieder weg, das Klavier seufzt dazu, als ginge es jetzt knietief in die Depression.

Keine Frage: Victory at Sea haben zu viel Blues für den Indie-Rock. Glücklicherweise haben sie aber auch zu viel schwarzen Humor, um darüber melodramatisch zu werden: The Understatement Of The Year Award Goes To You, Cause The Last Thing That You Said To Me Was: Hey, I’ll See You Later, heißt es in The Letter.

Trotz aller Melancholie wirkt das Album deshalb um Tonnen leichter als Verwandtes. Beinahe lässig verzweifelt. Statt unter der Trauerweide zu zerfließen, sitzen Victory At Sea in ihren Ästen und lächeln ein wenig.

Mit All Your Things Are Gone haben sie ein Album eingespielt, das wie ein Gespräch ist in einer fremden, verrauchten Bar mit einem fremden Menschen, spät nachts. Eine Begegnung zwischen der Nähe zum anderen und dem Zweifel an sich selbst. Der Weg nach Hause ist dann gar nicht mehr so schlimm.

„All Your Things Are Gone“ von Victory At Sea ist auf CD und LP bei Gern Blandsten erschienen.

Hören Sie hier „To You And Me“