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Proust-Fragebogen für Blogger (74)

 

Zeit Horstson

(c) Sascha Pietsch

Sascha Pietsch (rechts) suchte lange nach einem Blog, das seine Interessen widerspiegelte. Er fand keinen, also rief Pietsch, der hauptberuflich Behinderte betreut, 2010 den Männermodeblog Horstson ins Leben. Mittlerweile bloggen insgesamt fünf Autoren regelmäßig über Männermode, Möbel und Musik. Der Kaufmann und Designer Peter Kempe (links) ist einer davon. Die beiden stilbewussten Hamburger sind hier im Doppelinterview zu lesen.

Was ist für Sie das vollkommene Blog?

Kempe: Der müsste noch gemacht werden. Er würde von verschiedenen Künstlern und Modeschöpfern gestaltet werden und wäre so eine Art Factory im Netz. Oder es wäre ein Blog, der sich ausschließlich mit einer Dekade der Geschichte befassen würde.

Pietsch: Der vollkommene Blog ist das Magazin, das ich gerne lesen würde. Eine Mischung aus Mode, Lifestyle und Politik. Er soll mich unterhalten und zum Nachdenken anregen. Solange es dieses Magazin nicht gibt, schreibe ich halt Horstson.

Mit welchem Blogger identifizieren Sie sich am meisten?

Kempe: Mit mir selbst. Ich kenne auch kaum Blogger, bewege mich eher in der Print Szene.

Pietsch: Mit keinem anderen Blogger. Warum auch? Ich bin ich.

Was ist online Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Kempe: Die Recherche von Bildern oder Interviews auf Youtube. Der Austausch mit Freunden die nicht gerade um die Ecke wohnen.

Pietsch: Mich von einem Blog zum nächsten zu hangeln und nie zu wissen was mich erwartet. Das ist fast wie eine Wundertüte…

Was ist offline Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Kempe: Mein Beruf, Paris und Lesen von Büchern.

Pietsch: Ich liebe sonntägliche Schaufensterbummel. Macht eigentlich kein Mensch mehr, kann ich aber jedem empfehlen. Wenn man was gesehen hat und am nächsten Tag immer noch dran denkt, muss man es kaufen. Ganz schön oldfashioned.

Bei welcher Gelegenheit schreiben Sie die Unwahrheit?

Kempe: Ich versuche, wenn die Kollektionen meiner Lieblings-Modeschöpfer mal nicht so stark ausfallen, neutral zu bleiben. Ich habe einmal in einem Artikel geschrieben das ich eine Kollektion gut fand, die blöd war. Das haben die Leser sofort gemerkt.

Pietsch: Nie. Dann schreib ich lieber nichts.

Ihr Lieblingsheld im Netz?

Kempe: Die Gleichen wie in Wirklichkeit, da mach ich keine Unterschiede.

Pietsch: Kim Dotcom. Ein widerlicher Kerl. Insofern eher ein Anti-Held. Aber er hat Mut und vor Mut habe ich Respekt.

Ihr Lieblingsheld in der Wirklichkeit?

Kempe: Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent / Axel von Fersen und Christian Bérard.

Pietsch: Menschen mit Zivilcourage.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie im Netz begegnen?

Kempe: Respekt, Offenheit, Humor und dass sie neugierig sind auf das, was ich ihnen anbiete.

Pietsch: Die Fähigkeit, eine virtuelle Persönlichkeit zu kreieren. Manche Menschen existieren in der Form, in der sie sich im Netz darstellen, nur im Netz.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie in der Wirklichkeit begegnen?

Kempe: Freundschaft, Ehrlichkeit, Scharfsinn, Humor und Sex-Appeal.

Pietsch: Die Authentizität – im Netz wimmelt es nur so von tollen Hechten. In Wirklichkeit steckt meist nix dahinter.

Was mögen Sie im Netz am wenigsten?

Kempe: Dass viele Artikel so versinken mit der Zeit. Das mag ich an Print Magazinen: Man kann sich alles aufbewahren. Ich bin halt noch sehr haptisch und nur halb technisiert.

Pietsch: Die Schnelligkeit. Ich plädiere zur Entschleunigung.

Was stört Sie an Bloggern am meisten?

Kempe: Dass sie im Bereich Mode immer nur sich selbst fotografieren und es nicht um das Metier geht, sondern immer um sie selbst. Es musst nicht zwangsläufig etwas blöd sein, nur weil es einem nicht steht. Außerdem vermisse ich die Hochwertigkeit und das Qualitätsempfinden in den meisten Modeblogs.

Pietsch: Das scheinbare Verlangen sich in den Mittelpunkt zu rücken.

Was stört Sie an sich selbst am meisten?

Kempe: Ungeduld und mein technischer Unverstand.

Pietsch: Ich bin sehr ungeduldig…

Ihr glücklichster Moment als Blogger?

Kempe: Als ich meinen Artikel „Paris ist ein Platz und fünf Personen“ über Loulou de la Falaise geschrieben habe. Eine Frau, die ich sehr verehrt habe.

Pietsch: Der erste Kommentar eines richtigen Lesers… Der Kommentar war übrigens negativ.

Was halten Sie für Ihre größte Errungenschaft als Blogger?

Kempe: Unterhaltsam und spielerisch den Menschen Haute Couture als ganz normales Modegenre näher gebracht zu haben und vielen das Handwerk immer wieder zu erklären.

Pietsch: Autoren zu finden, die es schaffen, den Leser zu unterhalten.

Über welches Talent würden Sie gern verfügen?

Kempe: Ich würde gern ein Handwerk beherrschen – zum Beispiel die Tischlerei.

Pietsch: Stepptanz. Ich mochte schon als Kind das Geklacker der Schuhe.

Als welcher Blogger möchten Sie gern wiedergeboren werden?

Kempe: Als Chefredakteur eines Printmagazins, denn ich glaube absolut an die Renaissance des Prints im hochwertigen Bereich.

Pietsch: Gott bewahre – wozu?

Ihre größte Extravaganz?

Kempe: Ihre größte Extravaganz? Meine Sammelleidenschaft und mein Jagdinstinkt für schöne Dinge.

Pietsch: Ich kaufe nie Blumen, die zu einem Strauß gebunden sind. Blumen müssen so aussehen,als ob sie gerade von einer Wiese gepflückt wurden.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Kempe: Angenehm verwirrt inspiriert!

Pietsch: Klar.

Ihr Motto?

Kempe: Alles im Leben hat seine Zeit.

Pietsch: Frei nach Helmut Berger: Wissens, I mag mi. I am what I am. Take me or leave me!

Zuletzt füllten New Yorker Modefotograf Ari Seth Cohen, Fußballtrainer Frank BaadeInés „Kaltmamsell“ Gutiérrez, Antonietta Bonanno von „Vintage Curves„, Taxiblogger Sascha Bors, Fotografin Birgit EngelhardtMode- und Entertainmentbloggerin Niki BlasinaStilpirat Steffen BöttcherStrick-Experte Lutz Staacke und „Texterella“ Susanne Ackstaller unseren Proust-Fragebogen für Blogger aus.

 

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