So funktioniert Kapitalismus

Alle Banken verstaatlichen?!

Von 28. Dezember 2007 um 15:04 Uhr

Als ich gestern den „persönlichen Jahresrückblick“ geschrieben habe und vorher mir noch ein paar kluge Artikel zur Kreditkrise reingezogen habe, bekam ich Zweifel, ob private Banken überhaupt eine Daseinsberechtigung haben. Ob man sie nicht besser alle verstaatlichen sollte. Starker Tobak, ich weiß. Doch auch heute sind meine Zweifel nicht kleiner geworden.

Worum geht es? Es geht um das herrliche Beispiel Northern Rock und den dämlichen Mervyn King, der mit seiner Sturheit, den Banken nicht unter die Arme zu greifen, den ersten Bankrun in einem westlichen Land seit dem Zweiten Weltkrieg provoziert hat. Heute hat die britische Regierung nicht nur eine staatliche Einlagensicherung eingeführt, sie hat auch Garantien für Northern Rock draußen, die 140 Milliarden Euro fett sind. Zur Erinnerung: Northern Rock ist ne kleine Bank, erst der fünft größte Hypothekenfinanzierer Englands. Das ist nicht Barclays, Abbey and Co. Das “too big to fail”, das ja nix Neues ist, ist durch die jüngste Krise zu einem „no bank is allowed to fail“ mutiert.

Banken dürfen einfach nicht pleite gehen, sonst bricht das System zusammen. Deshalb haben alle Banken, ob öffentlich oder privat eine Art Garantie des Staates. Diese Staatsgarantie bewahrt sie vor dem Untergang, der ja das ganze kapitalistische System mit sich risse. Das hat Northern Rock bewiesen. King ist mit seinem Ansatz grandios gescheitert, Banken wie Unternehmen zu behandeln, nämlich sie mit ihrem selbst angerichteten Schlamassel allein zu lassen – samt der Drohung ihres Unterganges.

Weil Banken diese Garantie besitzen, handelt es sich bei ihnen um keine normalen Unternehmen. Deshalb werden sie ja schon recht kräftig reguliert. Doch die aktuelle Krise zeigt, sie sind viel zu lasch reguliert worden. Solange alles gut geht, beuten die Banken ihre Garantie aus und zocken, was das Zeug hält. Davon legen Eigenkapitalrenditen jenseits der 20 Prozent eindrücklich Zeugnis ab. Reale Renditen von sechs oder sieben Prozent sind die Norm, alles was darüber hinaus geht, kann nur mit enormen Risiko erkauft werden – auch das hat die Krise uns vor Augen geführt.

Was also tun? Zulassen, dass die Banken die Allgemeinheit ausbeuten? Hohe Renditen für ihre Aktionäre erwirtschaften und unappetitliche Gehälter ihren Angestellten zahlen, und wenn’s eng wird die Öffentlichkeit haften lassen? Oder sollte man sie nicht besser verstaatlichen, oder so regulieren, dass sie implizit verstaatlicht sind, weil sie ja auch eine implizite Garantie des Staates besitzen?

Das Schlimme an meinen Zweifeln ist, dass der liberale Martin Wolf genau so argumentiert, dass auch Lucas Zeise in die selbe Kerbe schlägt, also die beiden größten Finanzkolumnisten, die die Insel und Deutschland kennen.

Mit diesen Gedanken zum alten Jahr, wünsche ich allen Lesern, Kritikern und Fans von HERDENTRIEB ein glückliches 2008.

Vielleicht ist ja da draußen irgendwer, der meine Zweifel zerstreuen kann, der ne bessere Idee hat. Nur her damit. Die Debatte um die Verstaatlichung der Banken muss geführt werden.

Kategorien: Wissen und Glauben
Leser-Kommentare
  1. 89.

    @ Goodnight

    Schöner Beitrag :) Nur eines:

    “Nicht das ich Smith wiedersprechen möchte, aber er vergaß leider mitzuteilen, dass immer welche auf der Strecke bleiben…;-)”

    Vergaß er nicht. Er hat es nur in dem Buch geschrieben, das keiner gelesen hat :) Siehe “Himmelhoch jauchzend, …”, Beiträge 13 und 37.

    Grüße

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    • 17. Januar 2008 um 11:53 Uhr
    • Eclair
  2. 90.

    @ Kaspar

    In der Tat, ausgezeichneter Kommentar. Wo die Marktlösung regelmäßig zu katastrophalen Ergebnissen führt (ob man das nun Marktversagen nennen will oder nicht, ich persönlich fand diese Diskussion hier im Blog reichlich müßig), muss man über andere Lösungen nachdenken, auch wenn das Regulierung bedeutet, die man in einer idealen Welt für kontraproduktiv halten würde – eine Second-Best-Lösung eben.

    Das Konzept der narrow banks allerdings wischt Wolf relativ kurz angebunden weg – ich kann nun nicht sagen, dass ich mich ausreichend intensiv mit der Materie auseinandergesetzt habe, aber vom Grundsatz her leuchtete mir das Konzept eigentlich bislang ein. Haben Sie sich mit der Frage näher beschäftigt?

    Grüße

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    • 17. Januar 2008 um 12:08 Uhr
    • Eclair
  3. 91.

    @ herr Lübberding:

    Sie schreiben …
    “Wie schon gesagt: In Zukunft wackelt der Hund Realwirtschaft wieder mit dem Schwanz Finanzindustrie.”

    -> … das werden Sie NICHT mit den von Ihnen genannten regulatorischen Massnahmen erreichen.

    -> … sondern nur mit einem VERBOT keynesianischer Geldpolitik.

    -> … ich hab´s gerade schon im anderen Thread geschrieben: die Bänker waren nur willfährige Erfüllungsgehilfen, die die neokeynesianischen “Wachstumsimpulse” aus der Notenpresse WUNSCHGEMÄSS an das Volk weitergereicht haben …

    -> … Klar haben viele von denen mal ein Buch über Geldpolitik gelesen … klar haben viele von denen gewusst, dass das nicht funktionieren kann und enden wird wie immer …
    -> … aber mal ehrlich: wer soll bei den Vermittlungsprovisionen schon “NEIN!” sagen ?

    -> … wie gross wäre denn das Geschrei der Letzten der Keynesianer gewesen, wenn Wi-Ing-030 Bankdirektor gewesen wäre … und gesagt hätte: NEIN! … ich habe mal ein Buch über Geldpolitik gelesen! … NEIN! … ich bin nicht käuflich! … NEIN! … ich gebe Eure Notenbankkredite (die nicht auf Ersparnissen basieren, sondern aus dem nichts geschöpft wurden) NICHT an´s Volk weiter, weil ich weiss wie´s enden wird ???

    -> … ich weiss was dann los gewesen wäre. Es ware dann die Rede gewesen von ” außer Kontrolle geratenen Bankmanagern”, die die Wirtschaft abwürgen …

    Antworten

    • 17. Januar 2008 um 18:39 Uhr
    • Wi-Ing-030
  4. 92.

    Es gab vor einigen Tagen ein interessantes Gespräch von Evans-Pritchard mit Anna Schwartz, der Co-Autorin von Milton Friedman in ihrem Buch über die Depression.

    http://www.telegraph.co.uk/money/main.jhtml...

    Schwartz fordert dort von Greenspan sich zu seiner Verantwortung für die Kreditkrise zu bekennen. Die Argumente sind ja bekannt, muß ich hier nicht wiederholen.

    Nun hat sich Paul Krugman dazu ebenfalls geäußert.

    krugman.blogs.nytimes.com/2008/01/17/great-depression-blogging/

    Krugman hat zwar durchaus Sympathien für Schwartz – schließlich hat er schon vor langer Zeit bzgl. der Verantwortung von Greenspan ähnlich argumentiert – nur kritisiert er die Analyse von Schwartz bezüglich der Ursachen der Depression in den 1930er Jahren.

    “The trick here is the word “caused”. Everyone agrees that the Fed failed to do what it should have in an effort to prevent the Depression. But saying that it “caused” the Depression is like saying that FEMA, through its inadequate response, caused the devastation of Katrina. The market system did fail; government’s failure was in not doing enough to rescue the system.”

    Und genau hier liegt der wirklich wichtige Hund begraben. Eclair hat die Debatte über das Marktversagen für ziemlich sinnlos gehalten. In Wirklichkeit ist das die eigentliche Debatte. Dort beschreibt man die Ursachen dieser Krise – und zieht die entsprechenden Schlussfolgerungen. Ihre neutrale Geldpolitik – ohne die “Geldpanscherei” – ist in einem kapitalistischen System schlicht unmöglich. Es würde von seinen sozialen und ökonomischen Widersprüchen zerstört werden, genauso wie es Marx schon im 19. Jahrhundert analysiert hat. Sie träumen von einem Gleichgewicht: Nur kann das dieses System aus sich selbst heraus gar nicht erreichen. Es ist chronisch instabil, deshalb ist es aber – ein dialektischer Witz – positiv formuliert enorm anpassungsfähig an veränderte Bedingungen. Aber ohne staatliche Regulierung würde allein schon die strukturell angelegte expandierende Ungleichheit die Legitimation des Systems zerstören; jeder historisch gebildete Zeitgenosse weiß wovon ich rede.

    Im Fall von Nokia-Bochum bekommt man schon einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Konflikte, wenn Globalisierung ohne einen entsprechende Verteilung ihrer sozialen Kosten stattfinden soll. Sie wird dann durch Großraumwirtschaften neuen Typs ersetzt werden, da kann man sicher sein. Mit den entsprechenden politischen Großkonflikten etwa über den Zugang zu knapper werdenen Rohstoffen. Die Wirtschaftsexperten, die etwa im Handelsblatt oder der FTD die Schließung des Werkes allein mit der betriebswirtschaftlichen Logik legitimieren, sind in Wirklichkeit naiver als es selbst kleinen Kinder erlaubt ist. Denn diese Logik wird den Leuten ab einem nie vorhersehbaren Punkt schlichtweg egal sein – sobald sie nämlich das Gefühl haben werden, nichts mehr zu verlieren zu haben. Und das sollte niemand unterschätzen: Dieses Gefühl breitet sich aus.

    Die Kritik, die man an Greenspan formulieren muß, ist sein Mißbrauch der Geldpolitik. Sie galt als ein Instrument, das mit den Machtverhältnissen in den USA der letzten dreißig Jahre kompatibel gewesen ist. Damit ließen sich, so dachte man, die explodierende Ungleichheit und die Verrottung der Infrastruktur der amerikanischen Gesellschaft durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze kompensieren. Blasen waren dann sogar wegen der Scheinblüte steigender Assetpreise gern gesehen. Greenspan hat die Geldpolitik hemmungslos mißbraucht, um seinen Busenfreunden in der Wall Street ein sorgloses Prassen zu ermöglichen. Damit ist es jetzt zwar vorbei, nur werden den Preis für diese Völlerei andere bezahlen müssen als diese Herren.

    Wer nun allerdings vor Keynes zurück will – diesen genialen Retter des Kapitalismus – wird vom Regen in die Traufe kommen. WI-Ing´-030 – Sie sind im Grunde ein Romantiker, der von Harmonie träumt. Das macht Sie mir auch so sympathisch.

    Antworten

    • 17. Januar 2008 um 21:11 Uhr
    • f.lübberding
  5. 93.

    @ f.lübberding

    “Eclair hat die Debatte über das Marktversagen für ziemlich sinnlos gehalten.”

    Nicht die Debatte, sondern die Frage, ob man etwas Marktversagen nennt oder nicht, habe ich für müßig gehalten. Die inhaltlichen Fragen finde ich ebenso wichtig wie sie.

    Grüße

    Antworten

    • 17. Januar 2008 um 21:49 Uhr
    • Eclair
  6. 94.

    [...] es würde nicht nur die Finanzwelt in den USA hart treffen, sondern Auswirkungen auf das gesamte globale Finanzgefüge haben. Es wohl ein Fiasko, weshalb auch offensichtlich ist, wieso die Bankenaufsicht die beiden im [...]

    Antworten

  7. 95.

    Ein etwas ausführlicherer Kommentar:

    kai-van-eikels-zeit-zur-liquidierung-des-geldes

    Antworten

    • 5. Oktober 2008 um 21:07 Uhr
    • allesfliesst
  8. 96.

    Ausweg aus der Krise – Banken verstaalichen

    Der verzweifelte Kampf der Staaten dan Banksystem zu retten ist sehr kostenaufwendig. Wie schwarze Löcher werden Unsummen von Geld verschlungen, die unser Sozialsystem nachhaltig belasten wird, ohne der Realwirtschaft damit zu helfen.

    Viel lieber erhöhen die Banken mit den Geldern ihre Liquidität, bezahlen unglaubliche Managergehälter und investieren sogar weiterhin in das Ostgeschäft.

    Auch die Maßnahmen der anderen Staaten greifen bisher zu wenig. In Österreich ist anzunehmen, dass die Verschrottungsprämie nur einen noch heftigeren Brancheneinbruch im Jahr 2010 bewirkt. Die Konsumbelebung durch die Steuerreform ist auch fraglich, da davon kein echter Umverteilungeffekt ausgeht.

    Weltweit tut man sich schwer die Hauptverantwortlichen der Krise zu nennen und dem Neoliberalismus endlich abzuschwören.

    Immerhin sind die Forderungen der deutschen und der französischen Regierung die Finanzmärkte einer besssern Kontrolle zu unterwerfen wesentlich, um neue Krisen zu verhindern.

    Leider verhindern eben diese Regierungen eine Erhöhung der Geldmenge. Durch die daraus resultierende niedrige Inflationsrate bricht der Export ein, die Löhne werden teuer und die Realwirtschaft wird weiter geschädigt. Daher helfe uns Gott, wenn die finanzpolitischen Interventionen der USA nicht wirken.

    Die Archillesfersen des Weltwirtschaftsystems sind die Banken, die in guten Zeiten unglaublich profitierten und trotz der hohen Gewinne stetig darauf bedacht waren die Personalkosten zu reduzieren.

    Diese Banken sind die Schwachstelle des Systems die verhindern, dass die Güterströme fließen. Fatal und sozial ungerecht ist es in diese Institutionen Unsummen von Steuergeld zu pumpen.

    Die Staaten müssten endlich zur Besinnung kommen und selber als Bank agieren. Dies geht, in dem man eine große Privatbank verstaatlicht oder selber gründet.

    Dadurch übernimmt der Staat die Aufgabe Kredite an überlebensfähige Privatunternehmen zu vergeben. Sind diese Kredite günstig, so kann die Staatsbank im Gegenzug auch Standort- und Arbeitsplatzgarantien einfordern. Auch wenn Kredite ausfallen, so käme dies den Staaten immer noch günstiger als ein Heer von Arbeitslosen.

    Gehen Privatbanken in Konkurs, so kann der Staat die Konkursmasse kaufen und damit sein Netz erweitern.

    Folgen viele Staaten diesem Beispiel, so belebt dies das internationale Finanzgeschäft. Anstatt die großen Deals über Privatbanken abzuwickeln, übernehmen diese Aufgaben die Staatsbanken.

    Dadurch kommt dann auch die Weltwirtschaft wieder in Schwung!

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    • 2. April 2009 um 12:16 Uhr
    • Roland R. Wieser
  9. Kommentar zum Thema

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